Ausgabe 
25.9.1904
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sountaos⸗geitung.

Nr. 39

nur einen sehr wenig ausführlichen Bericht bringen. Wir wollen daher der nächsten Nr. eine Beilage beigeben, in der wir wenigstens das Hauptsächlichste der Verhandlungen mitteilen können. Wer sich eingehend darüber unter⸗ richten will, dem müssen wir die Anschaffung des Protokolls empfehlen, das ja für jeden viel des Interessanten bietet. Aus unserem Verbreitungsgebiete das wollen wir bei dieser Gelegenheit erwähnen nehmen die Genossen Beckmann ⸗Gießen, Fauth Wetzlar, Dr. Michels⸗Marburg(für den Wahlkreis Als⸗ feld), Repp⸗Friedberg, Habicht⸗Frankfurt(für den Wahlkreis Limburg) und Vetters, für den III. nass. Wahlkreis teil.

In der Holzarbeiterversamm⸗ lung am Samstag sprach der Gauvorsteher Koll. Buckendahl aus Frankfurt überWas lehren uns die wirtschaftlichen Kämpfe der Gegenwart? Die Versammlung war ziem⸗ lich gut besucht und die Ausführungen des Referenten, der auf die sich immer mehr aus⸗ breitenden, einheitlicher und geschlossener auf⸗ tretenden Unternehmer⸗Organisationen und deren steigende Macht und politischen Einfluß hinwies, dem die Arbeiterschaft stärkere und mächtigere von ihrer Seite entgegenstellen müsse. Im Weiteren wurde dann betont, daß in Gießen im Schreinerberufe trotz langer Arbeitszeit die Löhne geradezu klägliche sind und keinesfalls hinreichen, den erhöhten Ansprüchen zu genügen, die heute an den Arbeiter gestellt werden. In der Diskussion kam mit Entschiedenheit zum Ausdruck, daß man durch Verbesserung der Organisation eine Verbesserung der Lohn⸗ verhältnisse herbeiführen müsse. Viele Holz⸗ arbeiter in Gießen stehen dem Verbande noch fern, mögen sie sich bald ihrer Pflicht bewußt werden!

Reserve hat Ruh. Soklingt es jetzt wieder durch die Straßen. Diejenigen, welche ihre Militärdienstzeit abgeschraubt haben, geben ihrer Freude darüber in mehr oder weniger schönen Liedern Ausdruck. Soweit sie Arbeiter sind, sollten sie sich sofort der gewerk⸗ schaftlichen und politischen Organisation an⸗ schließen, denn wenn sie einigermaßen die Augen aufgemacht haben, so müssen ste die Schäden, welche der Militarismus ihnen selbst und dem ganzen Volke schlägt, erkannt haben und werden den Werbungen der Kriegervereinler, die jetzt wieder eine ganz gewaltige Agitation entfalten, die nötige Absage zuteil werden lassen. Unsere Genossen überall sollen es sich angelegen sein lassen, die heimkehrenden Klassengenossen auf ihre Pflicht als Angehörige der Arbeiterklasse aufmerksam zu machen. Hier muß jeder Agitator sein und jeder kann es. Vor allem müssen die Leute über die arbeiterfeind⸗ liche und überaus rückständige Ten⸗ denz der Kriegervereine aufgeklärt und vor den Beitritt zu denselben gewarnt werden. Pfarrer Naumann hat da neulich bei der Gravelottefeier auf dem hiesigen Friedhofe eine große Pauke gegen die 3 Millionen Vaterlands⸗ feinde gehalten. Die zwei Millionen Krieger soll er, wie uns mitgeteilt wird, gesagt haben schafften mehr Gutes für das Vater⸗ land, als jene 3 Millionen. predigt, wie viele seiner Kollegen. Wäre er Arbeiter, würde er wohl anders reden. Im Uebrigen sollte er sich mal in seinen Gesell⸗ schaftskreisen umsehen, dann findet er vielleicht weniger Veranlassung, einen Stein auf[die Sozialdemokratie zu werfen.

Aus dem Rreise gießen.

Bei der Gemeindewahl in Hausen haben unsere Genossen nur einen Sitz errungen. Nun, es schadet weiter nicht, wenn unsere Liste nicht vollständig zum Siege gelangte; beim nächsten Male wirds besser werden. In einer Zuschrift an uns wird Klage geführt, daß der damit beauftragte Genosse das Wahlergebnis derMitteld. Sonnt. Ztg. nicht rechtzeitig mitgeteilt hat.

Aus dem Rreise Wetzlar.

5 h. Was ein Häkchen werden will. Seit längerer Zeit kamen in der Turnhalle bei den Uebungen

Herr Naumann

Portemonnaies aus den Taschen, Behältern ꝛc. abhanden Es mußte unbedingt ein ziemlich gewandter Spitzbube sein Operationsfeld in die Turnhalle verlegt haben, denn es wollte durchaus nicht gelingen, den Dieb zu er⸗ wischen. Endlich ertappte man ihn doch und zwar in der Person es Söhnchens eines hiesigen preußischen Gendarmen, dessen ungehobeltes Vorgehen gegen das Publikum s. Zt. viele Beschwerden veranlaßte und schließlich zu seiner Pensionierung führte. Es ist sehr erklärlich, daß er auch auf dem Gebiete der Erziehung, wie Figura zeigt, schlechte Resultate aufzuweisen hatte. Hoffentlich trifft man die nötigen Maßregeln, dem Jungen die Langfingerei zu vertreiben.

Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain.

1. Arbeiter⸗GesangvereinEintracht Wie alle unsere früheren Feste, hatte auch das am vergangenen Sonntag im Saale des Schloßgartens stattgefundene 4. Stiftungsfest sich eines überaus guten Besuchs von seiten der Genossen und Freunde unseres Vereins zu erfreuen. Fast schien der große Saal zu klein, um alle Teilnehmer aufnehmen zu können. Einer Einladung folgend, war auch zu unserer Freude unser Bruderverein, Eintracht⸗Gießen, mit 40 Personen(Damen und Herren) erschienen, um mit uns gemeinsam ein paar frohe Stunden zu verleben; ein Zeichen des guten Ein⸗ vernehmens zwischen Gießen und Marburg und wünschen wir, daß es ferner so bleiben möge. Konzert, Gesang, Theater und Tanz wechselte miteinander ab, was die Teilnehmer bis zum frühen Morgen fesselte. Jeder Besucher konnte wohl befriedigt das in allen seinen Teilen schön verlaufene Fest verlassen. Am Sonn⸗ abend den 8. und Sonntag den 9. Oktober findet die Nachfeier verbunden mit Rekrutenabschiedsfeier statt. Sonnabend den 8. Oktober, abends 9 Uhr, im Saale des Rest. Aug. Hildemann(Barfüßertor): Tanzkränzchen. Sonntag den 9. Oktober, nachmittags 3 Uhr, Ausflug nach Gisselberg(Gombert).

Beleidigung per Telephon.

Wütend über allzu arges Läuten am Apparat, schrie in Mainz ein Kaufmann hinein:Seid Ihr denn verrückt! Auf die Frage der Tele⸗ phonistin:Was meinen Sie! erwiderte er nochmals:Sind Sie denn verrückt mit Ihrer Läuterei! Vor dem Schöffengericht bestritt er zwar, daß er es gewesen sei, der die Beleidi⸗ gung ins Telephon gerufen hätte, da er aber über den Täter jede Auskunft verweigerte, wurde er trotzdem als schuldig angesehen und zu 20 Mk. Strafe verurteilt. Am heilsamsten wäre es jedenfalls, wenn diejenigen, die solcher⸗ art mit den Telephonistinnen verfahren, dazu verurteilt werden könnten, nur einmal 24 Stun⸗ den lang mit den Hörern an den Ohren im Telephonamt tätig zu sein, dann würden ste lernen, daß Höflichkeit auch den Telephonistinnen gegenüber am Platze ist.

Odenwälder Bauer

hatte ein Unteroffizier des Feld⸗Art.⸗Regts. Nr. 61 einen Kanonier, der in der Schmiede beschäftigt war, geheißen, wodurch sich der Mann in seiner Ehre gekränkt fühlte. Der Unteroffizier hatte sich daher vor dem Kriegs⸗ gericht Gießen zu verantworten. Er behauptete, er habe mit der Bezeichnung nicht beleidigen, sondern zum Ausdruck bringen wollen, daß der Mann aus dem Odenwald stamme, sich besser zum Bauer als zum Schmied eigne, obgleich er das letztere Handwerk erlernt hat. Das Kriegsgericht erkannte aber wegen Beleidigung auf zwei Tage gelinden Arrest.

Die vielgepriesene ultramontane Toleranz erstrahlte wieder in schönstem Glanze aus An⸗ laß des Begräbnisses des Altbürgermeisters Lebert in Erbes⸗Büdesheim. Unsre Leser kennen den tragischen Lebensabschluß des alten Mannes, der von seinem adligen Schwieger⸗ sohn niedergeknallt wurde, allerdings, wie wohl anzunehmen ist, nicht ohne eigenes Ver⸗ schulden. Doch das Nähere darüber wird die Untersuchung ergeben. Lebert wurde beerdigt, und die Kirche, dietolerante katholische Kirche, versagte dem religiösen Manne die üb⸗ lichen Ehren, was in Erbes⸗Büdesheim allge⸗ meine Entrüstung hervorrief. Nach dem Mainzer Tageblatt hat Lebert über 30 Jahre zur Zufriedenheit und nach bestem Wissen und Gewissen fals Bürgermeister seiner Gemeinde

gedient.

Aus dem Amte ist er erst dieses

Jahr aus Gesundheitsrücksichten freiwillig ge⸗ schieden. Unter diesen Umstän den durfte man wenigstens erwarten, daß die Beerdigung auch in diesem traurigen Falle, wie es Sitte und Gebrauch ist, unter Glockengeläute stattfinden würde. Aber nichts war zu vernehmen! Daß hiernach auch kein Priester den Verstorbenen auf seinem letzten Wege begleitete, war schmerz⸗ lich, aber nicht wunderbar für den, der wußte, daß der Tote, obwohl religiös, nicht der ultramontanen Richtung angehörte.

Ein tragischer Unglücksfall

ereignete sich am Sonntag auf der Station Bensberg. Eine in gesegneten Umständen be⸗ findliche Frau, die sich in Begleitung ihres Mannes und ihrer drei Kinder befand, wollte auf einen bereits in Bewegung gesetzten, nach Köln abgehenden Personenzug taggen kam dabei zu Fall und geriet so unglück

die Räder des Zuges, daß der Kopf vollständig zermalmt wurde. In dem Augenblick, als die Frau starb, gab sie einem Kinde das Leben, das nach dem Kölner Bürgerhospital gebracht wurde und sich wohlauf befindet.

In der Gefangenschaft Ballins.

Der Vorwärts hat Herrn Ballin einen köst⸗ lichen Possen gespielt. Er schickte einen Bericht⸗ erstatter, der jedenfalls etwas russisch ausgesehen hat, auf den Lehrter Bahnhof, um von dort nach Hamburg zu reisen. Alsbald gesellte sich ein Ballin⸗Agent zu dem Berichterstatter und fragte ihn nach woher und wohin. Antwort: Aus Russisch⸗Polen, nach Hamburg. Der Ballin⸗ Agent ließ jetzt nicht mehr locker und setzte es durch, daß der Berichterstatter mit zwei echten Russen nach der Untersuchungsstation Ruheleben gebracht wurde. Dort wurden Ballins Ge⸗ fangene im Auswandererbahnhof eingesperrt und später von der Polizei verhört. Der eine Russe hatte keinen Paß, aber eine Ballinsche Schiffskarte er durfte sofort weiter reisen; der zweite Russe hatte keine Schiffskarte(er wollte in Geschäften nach London), aber einen Paß, er durfte nicht abreisen, man machte ihm klar, daß er nur freigelassen würde, wenn er eine Ballinsche Schiffskarte löse. Schließlich mußte man ihn, da er standhaft blieb, doch laufen lassen. Der dritte(der unechte) Russe, der sich als Deserteur ausgab und weder Paß noch Ballinsche Fahrkarte hatte, wurde bis zum Montag in Ballins Gefangenschaft zurückgehalten. Als man ihm jetzt eröffnete, er werde über die russische Grenze zurückgebracht werden, zeigte er den um ihn versammelten Ballin⸗Agenten, Polizeibeamten und Eisenbahnern folgende Karte:

Herr.. ist von uns beauftragt, als unser Berichterstatter die Zustände im Bahnhof Ruhe⸗ leben zu erforschen.

Redaktion des Vorwärts.

Hierauf großes Tableau! Was wollen Sie denn von uns, frug der Polizist, wissen Sie nicht, daß nur Ausländer nach Ruheleben dürfen? Aber meine Herren, erwiderte der Berichterstatter, ich habe doch mit der größten Entschiedenheit dagegen protestiert, nach Ruhe⸗ leben gebracht zu werden. Da sich der Bericht⸗ erstatter, als vorsichtiger Mann, mit dem Militär⸗ paß versehen hatte und als Reichs deutscher aus⸗ 11 konnte, mußte er natürlich freigelassen werden.

Herr Reichstagspräsident Graf Balle⸗

strem als Arbeitgeber.

Kürzlich brachte das radikal⸗polnische Blatt Gornoslazak(Oberschlesten), gerade zum 70. Geburtstage des Grafen Ballestrem, eine Schilderung der Arbeiterverhältnisse auf den Ballestremschen Gütern. Wir entnehmen dieser Schilderung die Behauptung, daß auf dem Gute Kochczütz des Herrn Grafen die land⸗ wirtschaftlichen männlichen Arbeiter pro Tag 90 Pfennige, die weiblichen 60 Pfennige Lohn erhalten. Die Arbeitszeit dauert von 6 Uhr früh bis 8 Uhr abends. Als die so glänzend gelohntenfreien Arbeiter gleich denEin⸗ liegern ihr Vieh auf die herrschaftlichen Stop⸗ pelfelder getrieben hatten, wurden sie mit je 5 Mark Geldstrafe belegt, was der Kasse des Herrn Grafen Ballestrem bei 18 Bestraften die

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