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Nr. 39.
Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung.
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Seite 3.
Politische Rundschau.
Gießen, den 22. September 1904. Aus unsern berrlichen Kolonien.
In Berlin ist aus Südwestafrika der Farmer und Händler Grönvel d, der Sohn eines Rittmeisters und Rittergutsbesitzers ist, eingetroffen. Er hat bekanntlich einen Teil der Mißstände in Südwestafrika aufgedeckt und ist dafür von den Behörden boykottiert und ver⸗ folgt worden. Kurz vor seiner Abreise war der Bohkott der Behörden gegen ihn erneuert worden. Grönveld wird in Berlin eine Audienz beim Reichskanzler nachsuchen, um seine Beschwerden und Entschädigun Sansprüche zu begründen. Die Lage in Südwestafrila steht Grönveld außer⸗ ordentlich ernst an. Falls die Regierung wirklich, wie es bestimmt hieß, am 15. September von den eingeborenen Stämmen die Abgabe der Waffen verlangt habe, so sei es sicher, daß auch die Bondelzwarts und andere Stämme losschlagen werden. Das ganze Unheil komme daher, daß die deutsche Verwaltung den Einge⸗ borenen Schießwaffen verkauft habe. Der Mann will also als Unternehmer noch größere Wehrlosigkeit der Eingeborenen.
Unser Genosse Rudolf Kraft berechnet, daß nach den Erfahrungen der ostasiatischen Expedi⸗ tion und des Burenkrieges bei überseeischen Unternehmungen auf den Kopf der aufgebotenen Kräfte täglich 14 Mk. Kosten treffen. Die Ausgaben für Transporte, Lazarette, Munition und Invaliden sind dabei inbegriffen. Momentan stehen ungefähr 9000 Mann in Südwestafrika. Somtt kostet der Tag 9000mal 14 126000 Mark. Dauert der Hererokrieg noch ein halbes Jahr, so kommt er auf weitere 28 Millionen zu stehen.— Also eine teuere Suppe, die wir da auslöffeln müssen.
Die Steuerklage des Kronprinzen ist vom Bezirksausschuß zurückgewiesen worden. Der Herr muß Steuern zahlen. Aller⸗ dings nur die Kreis steuer, zu der er von einem Einkommen von 126 800 Mk., das er aus dem Oelser Lehensgut bezieht, mit einem Betrage von 5000 Mk. herangezogen werden soll. Jetzt steht ihm noch der Weg zum Oberverwaltungs⸗
ericht offen, das sich aber durch seine Ent⸗ cheidung in Sachen des Königs— wonach der König als Souverän von der Kreissteuer be⸗ freit ist— bereits präjudtziert hat. Vielleicht aber beruhigt er sich mit dem Gedanken, daß er, wenn er ein gewöhnlicher Sterblicher wäre, nochmals 5000 k. jährlich von seinem Oelser Einkommen bezahlen müßte, nämlich die staatliche Einkommensteuer, von der er gesetzlich befreit ist.
Aus dem Lande der Leibeigenschaft. Ein drastisches Beispiel junkerlichen Ueber⸗ mutes wird aus dem gelobten Lande Mecklen⸗ burg berichtet. Der preußische Gesandte am bayrischen Hof hat, neben sieben anderen, auch das Gut Schwechow in Mecklenburg im Besitz. Er hat jetzt in einem Rechtsstreit gegen zwei seiner Arbeiter vom zuständigen Amtsgericht das Urteil erzielt, daß ste innerhalb weniger Tage ihre Gutswohnungen zu räumen haben, weil die beiden„Verbrecher“ es unterlassen haben den Administrator des Herrn Gesandten zu grüßen!— So geschehen im 20. Jahrhundert in dem Kulturst a Deutsch⸗ land!
Fürst Herbe Bismarck
ist am Sonntag in Friedrichsruh gestorben. Sein Tod ist nur insofern von politischer Be⸗ deutung, als dadurch das Reichstagsman⸗ dat für den Kreis Jerichow frei wird, das ihm in der Sti hwahl mit 14 665 Stimmen gegen 9742 Stimmen zufiel. Die Freisinnigen gaben, wle das öfters geschieht, für den stock⸗ konservativen Kanzlersohn gegen den Sozial⸗ demokraten den Ausschlag.
Nachträgliches aus der kleinen Garnison. Vorige Woche verhandelte das Frankfurter
den Oberleutnant Witte, der im Forbacher Prozeß und auch in Bilse's Roman eine Rolle spielte. In dem Prozeß soll er einen Meineid geschworen haben und er wurde deshalb am 30. Juli vom 1 wegen Meineids in einem Falle und ißhandlungen Unter⸗ gebener in 14 Fällen zu einem Jahre drei Tagen Zuchthaus, Entfernung aus dem Heere und 2 Jahren Ehrverlust verurteilt. Dagegen verfolgte er Berufung. Diese hatte für ihn einen recht günstigen Erfolg. Er wird von der Anklage des Meineids freigesprochen und nur wegen Mißhandlung in vier Fällen zu 14 Tagen Stubenarrest verurteilt, welche durch die Untersuchungshaft als verbüßt erachtet 279 15— Er kann wirklich von viel Glück agen.
Kapitalismus und Krone.
Der Kaiser hat dem Flügeladjutanten Kapitän zur See von Grumme erlaubt, in die Verwaltung der Hamburg⸗Amerika Gesellschaft einzutreten. Die amtliche Meldung sagt, daß dies auf Bitte des Generaldirektors dieser Ge⸗ sellschaft, Ballin, geschehen sei. Man wird sich billig die Frage vorlegen dürfen, wozu die Verwaltung einer Transport⸗Gesellschaft für Passagiere und Waren einen Seeoffizier in ihrer Mitte braucht. Technische Gutachten für den Bau von Passagier⸗ und Frachtschiffen kann fie sicher auch ohne ihn haben, wenn sie sie bisher ohne ihn bezog, und für ihre kom⸗ merziellen Aufgaben ist ste erst recht nicht auf einen Seesoldaten angewiesen. Da die Acqui⸗ sttion eine ziemlich kostspielige sein dürfte, schreibt Bernsteins Montagsblatt, so wäre es Sache der Aktionäre, um Auskunft über den Zweck der Einstellung des Herrn zu ersuchen. Aber das wird schwerlich geschehen. Je undefinierter die Stellung des Herrn von Grumme, um so mehr werden sich die Statisten des Kapitalismus von ihm versprechen. Und das gerade ist das Bedenklichste an der Sache vom Standpunkt des Monarchismus aus.
Geueralstreik in Italien.
In den letzten Monaten ist das Wort Generalstreik auch innerhalb der deutschen Arbeiterschaft mehr in Anwendung gebracht worden, wie je zuvor. Nachdem Dr. Friedeberg in einer Berliner Versammlung lokalorganisterter Gewerkschaften den Generalstreik gewissermaßen als Allheilmittel empfohlen hat, ist lebhaft über denselben diskutiert worden und wird es noch weiter werden. Der Generalstreik ist zweifellos kein Kinderspiel und es wird auch kein ver⸗ ständiger Mensch behaupten wollen, daß man den Ausbruch desselben für einen bestimmten Tag vorbereiten könnte. Alle bisherige Er⸗ fahrung spricht dafür, daß der Generalstreik sozusagen wie ein elementares Ereignis eintritt. So geschah es vorige Woche in Norditalien, Mailand, Genua und anderen großen und kleinen Städten Italiens. Landarbeiter in Kastelluzzo streikten und gegen ste schickte die Behörde Gendarmen und Militär vor. Infolge⸗
dessen stellten die Arbeiter in Monza, 10000 an der Zahl, die Arbeit ein. Ihnen folgten die Arbeiter in Mailand. Alle Geschäfte Mailands waren geschlossen, der Verkehr stockte, Zeitungen erschienen nicht. Die äußerste Linke der Deputierten⸗Kammer verlangt den Rücktritt des Ministertums Giolittt, weil es Militär gegen die Arbetter vorschickte und dadurch ein Blutbad anrichtete.
Also auch da wieder der Generalstreik wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Man sollte denken, daß angesichts all der Erfahrungen, die bisher inbezug auf den Generalstreik gemacht worden sind, alle verständigen Menschen darin einig sein sollen: den Generalstreik abschwören zu wollen, wäre ein Unsinn: er wird im rich⸗ tigen Augenblick in Auwendung gebracht, eine glänzende Waffe sein. Aber nur dann wird die Waffe mit Erfolg benützt werden können, wenn mächtige Organisattonen vorhanden sind.
weiter fortgesetzt worden zu sein. Ein englisches Blatt berichtete sogar, daß am Sonntag eine Schlacht unweit Mukden gegen die ganze russische Armee begonnen habe. Die Front der Japaner sei 25 Meilen lang und beschreibe einen großen Halbkreis. Kuroki griff auf dem äußersten rechten Flügel an, Okus Armee bilde das Zentrum, Nodzu führe den linken Flügel.
Ueber Port Arthur liegen verschie⸗ dene Meldungen vor. Nach einer Drahtung soll Stössel von Kuropatkin die Nachricht er⸗ halten haben, daß er bis Januar aushalten müsse. Im Januar werde er, Kuropatkin, zu Hilfe kommen können.() Weiter wird ge⸗ meldet, daß die Garnison in Port Arthur auf 8000 Mann zusammengeschmolzen sei. Auch eine ganze Anzahl von Zivilisten in Port Arthur seien bereits gefallen, darunter eine Anzahl Frauen. Es werde daher ein baldiger Sturm auf die Festung erwartet. Die Blockade von Port Arthur sei jetzt eine derartige, daß es den Dschunken nicht mehr möglich sei, in Port Arthur einzulaufen.
Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung.
Der Hamburger Vierboykott, der schon eine Reihe von Wochen andauert, ist jetzt beigelegt. Die Arbeiterschaft hat hierbei einen schweren Kampf mit Energie durchgeführt.
Eutwickelung der Konsumgenossen⸗ schaften. Die Großeinkaufs⸗Gesell⸗ schaft Deutscher Konsum vereine hat in den Monaten Januar bis Juni einschließlich, also im ersten Halbjahr des Jahres 1904, einen Umsatz von 14040 069.69 Mek. zu verzeichnen. Der Umsatz in dem gleichen Zeitraum des Vorjahres betrug 10801 431.98 Mk., die Zu⸗ nahme demnach 3 238 637.71 Mk.= 30 Proz. Der Gesamtumsatz der Großeinkaufs⸗Gesellschaft wird im Jahre 1904 voraussichtlich 34 bis 35 Millionen Mark betragen.
Von Nah und Lern. Hessisches.
— In Offenbach ist der Gemein de⸗ wahlkampf schon lebhaft im Gange, obwohl die Stadtverordnetenwahlen erst am 3. Nobbr. stattfinden. Die Bürgerlichen wühlen kolossal, um ihre Mehrheit im Stadtparlament zu be⸗ haupten und namentlich den Genossen Ulrich, der allein von unserer Partei ausscheidet, her⸗ auszubringen. Außer ihm haben 12 bürgerliche Stadtverordnete auszuscheiden. Unsere Offen⸗ bacher Genossen werden hoffentlich das ihre tun, um den Sieg an die Fahne der Sozial⸗ demokratie zu heften.
— Gemeindewahlen. In Nieder⸗ Ingelheim(Rheinhessen), wo die Gemeinde⸗ ratswahl am vorigen Donnerstag stattfand, wurden sämtliche Kandidaten der So⸗ ztaldemokratte gewählt. Von 278 ab⸗ gegebenen Stimmen vereinigten wir rund 160 auf uns. Die Namen der gewählten fünf Genossen sind: Hilpert, Schweikhardt, Weitzel 4., Menk und Pitz. Die beiden ersteren gehörten dem Gemeinderat bereits an. — Auch in Obererlenbach(Kr. Friedberg) siegte die Liste der Arbeiterpartei. Drei unserer Kandidaten wurden gewählt, der vierte blieb mit nur 5 Stimmen hinter dem gegneri⸗ schen Kandidaten zurück. Hier ziehen zum ersten Mal Arbeitervertreter in den Gemeinderat ein und es können die dortigen Genossen mit dem Erfolge sehr zufrieden sein.
Gießener Angelegenheiten.
— Stadtverordneter Pirr F. Am Mittwoch starb nach langem, schweren Leiden der Stadtverordnete Pirr. Mit ihm ist ein braver, liebenswürdiger, guter Mensch dahin⸗ egangen, der(abgesehen von seiner einseitigen unungsschwärmerei) doch in vielen Fragen ein
Russisch⸗japanischer Krieg.
Der Vormarsch der Japaner gegen
Oberkriegsgericht als Berufungsinstanz gegen
Muk den scheint nach deu vorliegenden Berichten
sozial gerecht denkender Mann war. Und darum: Ehre seinem Andenken.
Vom Parteitage können wir bei den Ruumverhältnissen unseres Blattes leider
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