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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 39.

beschreibung und Naturlehre) in Hessen mit drei Stunden auf der Mittelstufe, mit fünf auf der Oberstufe, in Preußen auf beiden Stufen mit je sechs Stunden zu begnügen. Damit aber auch hier der Religionsunterricht nur ja um jeden Preis das Gleichgewicht behält, darf sogar noch eine deutsche Stunde bloß zum Bibellesen verwendet werden! Der mindestens zu lernende Stoff besteht in Preußen aus 20 Kirchenliedern und 170 Bibelsprüchen, in Hessen sogar aus 20 Kirchenliedern und 200 Bibel⸗ sprüchen(250 in mehrklassigen Schulen). Da⸗ mit sollder innere Sinn des Menschen ge⸗ läutert, erhoben und erbaut werden. Und nun laßt uns einmal zurückdenken an unsere eigene Schulzeit! An dieses öde, geistlose Ein⸗

pauken von Sätzen, die abseits von jedem

menschlich warmen Gefühl und menschlich klarer Vernunft gewachsen stind. Diese Kirchenlieder mit ihrer veralteten Sprache, ihren mittelalter⸗ lichen Bildern von Teufel und Seelenbräutigam, ihrem ungesunden Schmachten und Phrasen⸗ drechseln! Diese Sprüche mit ihrem einfach unbegreiflichen toten Glaubensstoff, mit ihren Welterschaffungsmärchen, ihren Erbsünderätseln, ihren Dreieinigkeitsgeheimnissen! Gewiß, es sind unter den Kirchenliedern auch herrliche, von wirklichem Leben erfüllte. Einen Trutzspruch wie Luthers:

Und wenn die Welt voll Teufel wär'

Und wollt' uns gar verschlingen,

So fürchten wir uns nicht so sehr,

Es muß uns doch gelingen! solch ein mutig Manneswort wird auch jeder Sozialdemokrat fröhlich in seinem Sinne nachsprechen können. Und unter den Aussprüchen Christi sind gar viele, die voll der edelsten menschlich begreiflichen Sittenwahrheit stecken. Aber an welche Verse und Sprüche halten sich die Religionslehrer am meisten? Welche geistigen Eiertänze werden aufgeführt, wenn es heißt:Geh hin und verkaufe alles, was du hast oderEin Kameel geht leichter durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel oder Liebe den Mitmenschen wie dich selbst! Wie viel bequemer sind die andern Sprüche als z. B.Gebet dem Kaiser was des Kaisers

ist oderSeid untertan der Obrigkeit! Mit

welcher Liebe und Gefahrlostgkeit kann man sich in ihre Erklärung versenken. Denn da⸗ von braucht man hier ja natürlich nicht zu reden, daß der stumpfe Gehorsam für sich allein noch nie in der Menschengeschichte etwas Großes geleistet hat, daß das Christentum selbst z. B. früh genug mit dem römischen Kaiserstaat in Streit kam, daß Luther sowohl von seiner geist⸗ lichen wie von seiner weltlichen Obrigkeit mit Bann und Acht für seine mutige Empörung bestraft wurde. Statt von diesen Dingen zu reden, ist es besser und für das materielle Fortkommen des Lehrers entschieden empfehlens⸗ werter, bei solchen Sprüchen vor der bösen Sozialdemokratie zu warnen und Kinder sozial⸗ demokratischer Eltern gegen letztere soviel als möglich mißtrauisch zu machen. Denn, so sagt eine Ordre Wilhelms II. von 1889:Die angeblichen Ideale der Sozialisten sind durch deren eigene Erklärung(?) hinreichend gekennzeichnet, um den Gefühlen und dem prak⸗ tischen Sinne auch der Jugend() als ab⸗ schreckend() geschildert werden zu können. So werden die Anschauungen einer Millionen⸗ partei, in deren Dienst hochgebildete Männer ergraut sind, faulen Brocken gleich, unmündigen Kindern zur Verurteilung überliefert! Natürlich im Namen Christi!

Und wenn's nun wenigstens mit den fünf Religionsstunden getan wäre! Aber nein! Nicht genug damit, daß überhaupt dieses rein gefühls⸗ mäßige unlehrbare Stück menschlichen Innen⸗ lebens alsLehrfach behandelt wird, es soll auch noch dem rein verstandesmäßigen Inhalt aller andern Fächer die Richtung geben! Deutsch, Geschichte, Naturlehre, alles muß dazu her⸗ halten, sich in die engen Formen kirchlicher Weltauffassung pressen zu lassen. Es ist ja an sich schon klar, daß der Lehrer, der vom Geistlichen als Kreisschulinspektor abhängig ist, vor allem dessen auf Religions, kenntnisse ge⸗ richteten Ansprüche zu erfüllen suchen wird.

Aber es heißt auch direkt in der(hessischen) Schulordnung:Daß der gesamte Schulunter⸗ richt und die gesamte Schulerziehung bestimmt sind, dem Zweck religiössittlicher Bildung zu dienen. Gewiß wäre dagegen an sich nichts zu sagen, wenn unter Religion und Sittlichkeit wirklich verstanden würde, was es ist, die Ehr⸗ furcht vor der Ewigkeit einerseits und das Mit⸗ gefühl mit dem Mitmenschen andererseits. Wie aber werden im Gesetz nun gleich diese Auf⸗ fassungen eingeengt und gepreßt!Religtös wird in flachster Weise gleichkirchlich gesetzt undhsittlich etwa gleichmonarchisch. Denn man höre nur einmal, was der Naturunter⸗ richt soll: er soll Freude und Lust an Gottes Werken wecken! Und wenn der Lehrer nun vielleicht einmal Schopenhauer gelesen hätte? Wenn er einmal auf den furchtbaren grausamen Kampf um'sDasein hinwiese? Mir fällt gerade das Beispiel von der Schlupfwespe ein, die ihre Eier in die Leiber anderer Insekten legt und diese so qualvoll entsetzlich zu Tode bringt! Wenn der Lehrer hinwiese auf das viele, viele Leid in der Welt, und nicht nur in der Tierwelt, wenn er dadurch zu ernstem Nachdenken überall die ewigen Rätsel anregte, die die Menschheit allzeit beschäftigten? Wäre das alles nicht mehr religiös? Oder fällt dos auch alles unter den Begriff Freude und Lust an Gottes Werken? Im 18. Jahrhundert herrschte eine Philosophenschule, welche die ganze Welt aus den glattesten Zweckmäßigkeitsgründen heraus erklärte und überall selige Harmonie sah. Aus dieser etwas lang vergangenen Zeit scheint die besprochene Verordnung zu stammen. Solche Harmonieduseler aber kann unsere harte und nüchterne Zeit gar nicht gebrauchen. Da sind Männer nötig, die ehrlich und mutig genug sind, auch den Gefahren der Welt und dem ganzen Jammer der Menschheit in's Antlitz zu sehen, die zum Kampf dagegen für sich wie für andere fest und gerüstet sind! Und nur ste werden dann auch zum rechten Vollgenuß des Lebens kommen. Denn der liegt nicht in stumpfer Ergebung oder tatenarmer Bewunde⸗ rung, der liegt in der kräftigen Mitarbeit am Schicksal der Welt und im Sieg über ihren Jammer und über ihren großen Stumpfsinn!

Aber hören wir noch weiter, was da vom Geschichtsunterricht verlangt wird. Auch da sollen die Kinderdas Walten der göttlichen Vorsehung erkennen und verehren. Im ge⸗ wissen Sinn gut. Man muß eben nur zeigen, wie diesesGöttliche in der Welt die Ver⸗ nunft ist, man muß die überall leicht zu be⸗ gründenden Wahrheiten zum roten Faden dieses Unterrichtes machen, wie etwa:Mensch, hilf dir selber, dann hilft dir Gott oderNur dem Mutigen hilft Gott. Und in einem Aus⸗ blick auf die Gegenwart wird es leicht sein, den Kindern zu zeigen, wie einem Volke weder Beten und Bibellesen(Buren) noch Heiligen⸗ bilder und Priestersegen(Russen) etwas helfen. Die Gegenwart besser verstehen lernen. Auch gut, sehr gut sogar. Das könnte selbst mancher Erwachsene in Amt und Würde noch sehr nötig gebrauchen! Insbesondere ein bißchen National⸗ ökonomie!Ihr Vaterland lieben auch gut. Die Heimat, in der wir wurzeln, soll und wird uns ganz naturgemäß heilig und teuer sein. Aber nicht nur ihre Berge und Felder, ihre Pflanzen und Tiere, ihre Bauwerke und dgl., sondern vor allem und ganz besonders auch die Menschen, die da mit uns, neben uns, unter uns leben, schaffen und sorgen, die mit uns die Sehnsucht nach Licht und Luft, nach Freude und Sonnenschein, nach Wissen und Schönheit teilen. Sie verstehen, ihnen empor⸗ helfen, so viel man kann, das ist die schönste und edelste Vaterlandsliebe, die es zu allen Zeiten gegeben hat. In dieser Hinsicht werden sich allerdings vieleausgezeichnete Personen in der Geschichte finden, durch die wir selbst zum sittlichen Handeln ermuntert werden.

Nur eins, nur eine Kleinigkeit macht uns bei dem allen bedenklich. Wie nämlich steht's mit dieser schönen Bestimmung, wenn dieLiebe etwa gar nichtlehrbar wäre? Da heißt es z. B. auch, wir sollenden Herrscher lieben lernen. Nicht als ob ich mir nicht etwa einen

Herrscher denken könnte, der wirklicheLiebe verdiente. Aber wie nun, wenn man eben einen anderen Herrscher hat? Z. B. einen, der nichts so tötlich haßte und verfolgte, als die Partei, der man selbst aus innerster Ueberzeugung an⸗ gehört? Der die bittersten Worte gebrauchte von der Faust, die man liebt? Der die schroffste Ablehnung an den Tag legte für die religtöse Ueberzeugung, die man hat? Einer solchen Herrscherpersönlichkeit gegenüber wird's aller⸗ dings stcher viele geben, denen dieLiebe erst beigebracht werden müßte. Und dann recht zu Herzen gehend! Wenn's aber nicht möglich sein sollte? Doch freilich, das müssen ja die HerrenPädagogen, die sich so viel mit Psychologie, zu deutschSeelenkunde, befassen, besser wissen als ich.

Und nun zum Schluß noch ein paar An⸗ merkungen, die sich allerdings wieder nur auf mein geliebtes Preußen beziehen, die aber trotz⸗ dem von allgemeinem Interesse sein dürften, weil sie zeigen, wohin man fährt, wenn man Parteien wie die Konservativen und National- liberalen die Segel aufsetzen läßt.

An der Spitze der gesamten Unterrichts⸗ verwaltung steht in Preußen der Leiter des Ministeriums der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten. Eine wunderliche Zusammenkoppelung der verschiedensten Betäti⸗ gungen in einen Zaum! Aber noch wunder⸗ licher, freilich umso preußischer, wäre es, wenn wirklich, wie verlautet, diese allerdings zu große Arbeitslast so verteilt werden sollte, daß die höheren Schulen auf die eine, Kirche und Volks⸗ schule zusammen auf die andere Seite gestellt werden sollten. Nur nichts Einfaches und Vernunftgemäßes, nur keine Gerechtigkeitsduselet ist preußischer Grundsatz. Für die oberen Gesellschaftsklassen freie Bildung, ungetrübte Wissenschaft, für die untern aber dieReligion, d. h. natürlich das kirchlich abgestempelte in so und so viel Kirchenliedern und Bibelsprüchen zu verausgabendereligiöse Kleingeld.

Daß ein von solchemGeist durchwehter Unterrichtsbetrieb alltäglich mit Gebet begonnen und beschlossen werden soll, ist nur folgerichtig. Mit welchem Verständnis diese Gebete gesprochen und angehört werden, wie tief da diereligiöse Stimmung trotz der Sorgen vor dem Unter⸗ richt morgens und trotz der Freude des Erlöst⸗ seins mittags geht, das wissen natürlich die in der Psychologie, in der Seelenkunde, so bewan⸗ derten Verfasser der frommen Lehrpläne besser als wir andern simpeln Sterblichen, die wir höchstens aus eigener Erinnerung ein bißchen darüber urteilen können.

Man könnte bitter werden, wenn man so etwas hört. Aber es ist ja noch Zeit zu De⸗ mentis. Warten wir also ab! Um aber die Leser nicht in allzu böser Laune zu verlassen, möchte ich ihnen zum Schluß noch etwas zu lachen geben. Wir haben in den Städten die sogenannten Schuldeputationen. Daß in Preußen den Anhängern sozialdemokratischer Ideendie zur Mitwirkung bei der Erfüllung dieser Auf⸗ gaben erforderlichen Eigenschaften abgehen und sie deshalb nicht zugelassen werden können, ver⸗ steht sich von selbst. Es sind also nurstaats⸗ erhaltende Elemente in diesen Schuldeputa⸗ tionen. Aber auch von ihnen fürchtet offenbar die Behörde, im bequemen Schlendrian u. A. noch gestört zu werden und so sind deren Be⸗ fugnisse in folgendem vom 19. Dezember 1894 datierten Ministerialerlaß festgelegt:Auf dem Gebiete der Verwaltung ist ihre Befugnis in allen äußern Angelegenheiten der Gemeinde⸗ schulen an die Mitwirkung des Magistrats gebunden. In innern Angelegenheiten sollen sie und der Kreisschulinspektor Hand in Hand gehen, bei Meinungsverschiedenheiten finden die Entschließungen der Schuldeputation in innern Angelegenheiten zwar Einhalt gegen⸗ über der abweichenden Auffassung des Schul⸗ inspektors. Andererseits ist die Schuldeputation aber jederzeit in der Lage, durch Vorstel⸗ lungen an die gemeinsame vorgesetzte Behörde ihren Standpunkt zu wahren. t wirklich sogar ihre Meinung äußern 75

Wbr.

Die Schuldeputation darf also

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