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Seite 6.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 30„
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Ueber Patriotismus
äußerte sich der russische Dichter Graf Leo Tol⸗ stoi folgendermaßen:
Ich weiß jetzt, daß alle Menschen überall gleich und Brüder sind. Wenn ich nun an all das Böse denke, das ich getan, das ich infolge der Feindschaften der Nationen erfahren und gesehen habe, dann wird es mir klar, daß die Ursache alles dessen jene grobe Täuschung war, die man„Patriotismus“ und„Liebe zum Vaterlande“ nennt. Ein Gefühl der Feindschaft gegen andere Völker empfand ich nie, es wurde mirkünstlich durch eine unvernünftige Er⸗ ziehung eingeimpft.
Was man heutzutage Patriotismus nennt, ist einesteils eine Geistesrichtung, die durch die Schule, die Religion, die abhängige Presse, welche für die Regierung arbeitet, unter den Völkern hervorgerufen und erhalten wird, andern⸗ teils ist es eine zeitweise Erregung, die durch außergewöhnliche Mittel von den herrschenden Klassen unter denjenigen Volksschichten hervor⸗
erufen wird, deren sittliches und geistiges Niveau
sich auf einer niedrigen Stufe befindet, und diese Erregung wird dann als der Ausdruck des Volkswillens bezeichnet.
Der Patriotismus ist in unseren Tagen ein grausames Erbe einer überlebten Zeit; wenn er erhalten wird, so geschieht es durch die Macht des Beharrungsvermögens und auch deshalb, weil die Regierungen und die herr⸗
schenden Klassen, füh lend, daß ihre Macht und
sogar ihre Existenz daran hängt sich bemühen, ihn durch List und durch Gewaltmittel im Be⸗ wußtsein des Volkes zu erhalten. Der gegen⸗ wärtige Patriotismus ist einem Gerüst ähnlich, das dazu gedient hat, einen Bau zu errichten; jetzt hindert es, um hinein zu gelangen, man beseitigt es aber deshalb nicht, weil es einigen Leuten von Nutzen ist.
Der Patriotismus in seiner einfachsten und klarsten Form ist für die Regierungen nichts anderes als eine Waffe, die ihnen ermöglicht, ihre ehrgeizigen und selbstsüchtigen Ziele zu er⸗ reichen; für die Regierten dagegen ist es der Verlust jeglicher menschlicher Würde, jeder Vernunft, jedes Bewußtseins und die knech⸗ tische Unterwerfung unter die Macht⸗ haber. Das ist der Patriotismus überall, wo man ihn predigt. Der Patriotismus ist die Sklaverei!
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Jo du mir, so ich dir. Erzählung von Friedrich Gerstäcker.
Salomo Schönbein war erster Kommis bei Hanke& Blenkert, einer großen Ausschnitt⸗ warenhandlung in Kheim und einen schmuckeren jungen Mann gab es kaum unter den weiteren 13000 Einwohnern der kleinen aber äußerst lebendigen Stadt.
Mit der Hautevolee dabei fortwährend in Verbindung— denn Hanke& Blenkert führten nun einmal die billigsten und besten Waren im Orte— konnte es ihm auch nicht fehlen, daß er sich deren Sitten aneignete, soweit das näm⸗ lich den äußersten Menschen betraf. Er ging stets à quatre épingles gekleidet, trug Sonn⸗ tags wie Alltags den modernsten Frack, die brillanteste Weste, das größte Uhrgehänge, die engsten Beinkleider und das blaueste Halstuch, und die Art, wie er die Haare mitten über der etwas niederen Stirn scheitelte und an beiden Seiten in sorgfältig gebrannten Locken kräuselte, war nicht zu beschreiben.
Kein Wunder, daß es wenige junge Mädchen in heim gab, von denen Salomo Schönbein nicht fest überzeugt gewesen wäre, daß sie für ihn schwärmten, und wenn es seinen Verdiensten
galt, hätte er die Wahl haben können bei Hoch und Niedrig. Aber Salomo Schönbein trug auch ein Herz in der Brust, und mit dem Herzen ist es gar ein wunderlich Ding; das läßt sich auf keine Vernunftsgründe von Stand und Rang ein, das wiegt kein Geld und mißt keinen Grundbesitz, und was es einmal erfaßt, hält es fest— bis es wieder losläßt.
Salomo Schönbein liebte also und zwar— dem Leser nicht länger etwas vorzuenthalten, was er doch erfahren muß— die Tochter seines Wirts, des Schneidermeisters Ehrlich in der Essiggasse Nr. 17 zwei Treppen hoch.
Fanny war auch ein liebes und prächtiges Mädchen, aufgeweckt und heiter, mit regelmäßigen lebendigen Zü zen, und von schlanker reizender Gestalt, jedenfalls ein Mädchen, irgend einen jungen Mann, selbst von den Vorzügen, wie sie Salomo Schönbein besaß, zu fesseln.
Fannys Vater, Herr Ehrlich, war nicht reich, aber er besaß doch ein kleines Häuschen in einem belebten Teile der Stadt, hatte eine vortreffliche Kundschaft, und— sollte auch Vermögen haben, eine Eigenschaft, die Salomo Schönbein fehlte. Der Meister besaß außerdem noch eine gute Portion gesunden Menschenver⸗ stand, und hatte schon mit dem jungen Manne darüber gesprochen, daß er bei seiner Bekannt⸗ schaft gar keine so üble Spekulation sein würde, wenn er sich selber etablierte. Kredit konnte ihm Herr Ehrlich schon verschaffen und manche der Geschäftsfreunde von Hanke& Blenkert , ihn ebenfalls mit Vergnügen unterstützt
aben.
Salomo Schönbein wollte im Anfang nicht recht daran, denn sein gutes Herz sagte ihm, daß er seine früheren Prinzipale, wenn er ihnen Konkurrenz eröffnete, ruinieren würde; aber, lieber Gott, jeder ist sich ja selbst der nächste. Meister Ehrlich erbot sich, ein kleines Kapital vorzuschießen, und die Trauung mit Fanny ward auf den nächsten Monat festgesetzt; vie ganze Sache aber noch vor Hanke& Blenkert geheim gehalten, da es sie dicht vor der Messe nicht verlassen konnte und nicht eher kündigen wollte, bis alles in Or) nung war.
Arme Sterbliche, die wir sind— die wir Pläne für den nächsten Morgen machen, und nicht wissen, ob die Maschine, die wir unseren Körper nennen, noch bis zur Abenddämmerung zusammenhält, oder ob das Schicksal, jenes launische Ding, uns nicht jeden Augenblick ein Bein stellen und uns mit allen unsern Plänen über den Haufen werfen könnte.
Fanny saß daheim und nähte mit dem Fleiße einer Biene an ihrer Ausstattung, und Salomo hatte sich von seinen Prinzipalen einen Tag Urlaub geben lassen, war hinaus vor das Tor in das dort befindliche Lustwäldchen gegangen und lag, die Rechte krampfhaft geballt, mit der Linken in seinen Locken wühlend, unter einem Baume.
Das Unerwartete war geschehen. Salomo Schönbein, der schon seit fünf Jahren in der Lotterie spielte, und noch nie höher als mit seinem Einsatz herausgekommen, hatte ein Achtel vom großen Los gewonnen und in acht Tagen sollte die Trauung mit der Schneiderstochter stattfinden.— Der Kopf schwindelte ihm, die Gedanken jagten ihm wirr durchs Hirn und er folk. nicht, wo er beginnen und wo er enden
ollte.
Aber was war geschehen, das auf einmal eine solche Veränderung in dem sonst doch so treuen Herzen unseres unglücklichen Freundes hervor⸗ gerufen?— Das Unerhörteste! und zwar gleich nach dem Achtel vom großen Los— von dem Hanke& Blenkert jedenfalls Wind bekommen. — Hanke& Blenkert nämlich, das renommierteste Ausschnittwarengeschäft in heim, hatten dem Salomo Schönbein, ihrem ersten Kommis, als er ihnen anzeigte, daß er aus ihrem Geschäfte treten wolle— ihre einzige Tochter mit dem Zusatz angeboten, dem„Hanke& Blenkert“ noch ein„& Ko.“ hinzuzufügen.
Hanke& Blenkerts einzige Tochter konnte sie insoferne sein, als Herr Hanke Junggeselle, Blenkert aber der glückliche Vater, und Rosa⸗ linde gewissermaßen als„die Tochter des Ge⸗ schaͤfts“ betrachtet wurde.
Salomo fühlte jetzt, daß er Rosalinde schon lange im Stillen geliebt, aber selbst er hatte bis dahin noch nicht gewagt, die Augen so hoch zu erheben, und als ihm jetzt mit dem Achtel vom großen Los, das Anerbieten durch Herrn Blenkerts Lippen, der keine Ahnung haben konnte, daß er schon mit einer anderen verlobt sei— selber wie vom Himmel fiel, da brach er in sich moralisch zusammen und daß er da⸗ mals Herrn Blenkert um den Hals gefallen und ihm gesagt hatte: er mache ihn zum Glück⸗ lichsten der Sterblichen, kam ihm jetzt nur noch wie ein Traum vor.
Was sollte er jetzt tun?— dem Schneider sein Wort halten und sein Schwiegersohn werden, während hier ein glänzendes Los seiner harrte? Hätte er denn überhaupt den Männern eine Konkurrenz eröffnen dürfen, die ihn mit offenen Armen in ihr Haus und ihre Familie aufnehmen wollten? ja die gewissermaßen schon seine Zu⸗ sage hatten?
Die Tochter des Geschäfts sollte er heiraten? — er, Salomo Schönbein, der bis jetzt nichts als sein ärmliches Salär und drei Louisdor zu Weihnachten gehabt?— und jetzt— gerade jetzt, wo ihm das geboten wurde und er ein reicher Mann geworden, band ihn sein Ver⸗ sprechen an die Schneiderstochter.
Salomo stand auf, ordnete fast bewußtlos seine zerstörte Frisur wieder, und ging wie in einem Traume den Waldweg entlang, der nach der Stadt zurückführte. Der Kopf wirbelte ihm dabei— er wußte nicht, was er tun— was er nur denken sollte, der Wald— die ganze Welt drehte sich mit ihm, und ehe er eigentlich selber begriff, wie er dahin gekommen, fand er sich in der Essiggasse Nr. 17 in seiner eigenen Stube wieder, in deren Türe Herr Ehrlich in seinem Sonntagsstaate stand.
Der Mann hatte ihm auch schon eine ganz lange Rede gehalten, von der er nicht einmal die Worte gehört, noch viel weniger thren Sinn begriffen. Mit stierem Blick nur sah er in das freundlich zu ihm auflächelnde Gesicht des Schneidermeisters und folgte diesem dann, als er seine Hand ergriff, und ihn wieder die Treppe hinunter führte, rein mechanisch vor die Haus⸗ türe, wo schon ein Wagen, auf sie wartend, stand.
Er stieg mit ein— wohin?— das war ihm ganz gleich. Unter anderen Umständen hätte er sich vielleicht darüber gewundert, daß sich Herr Ehrlich den ganz außergewöhnlichen Kosten eines Wagens zu einer Spazierfahrt nur unterziehen sollte, heute fiel es ihm aber gar nicht ein auch nur mit einer Silbe darüber nachzudenken, oder gar nach der Ursache zu fragen. Das einzige was ihm einfiel, war, die unverhoffte Gelegenheit mit Herrn Ehrlich eine kurze Zeit allein zu sein, auch zu benutzen und mit einer Art von verzweifeltem Mut das Ver⸗ hältnis mit seiner Tochter abzubrechen, aber— der verzweifelte Mut fehlte ihm eben. So oft er das Wort auf den Lippen spürte, blieb es auch zwischen den Zähnen stecken, er brachte es nicht heraus und gab indessen dem Schwieger⸗ vater in spe auf alle seine Fragen und Be⸗ merkungen die verkehrtesten Autworten. Herr Ehrlich wußte wirklich gar nicht, was er heute aus seinem Schwiegersohne in spe machen sollte. Nichtsdestoweniger verdarb das keineswegs dessen heute mehr als rosige Laune. Er lächelte oft still vor sich nieder, rieb sich ein paarmal ver⸗ gnügt die Hände, und wäre Salomo Schönbein
nur ein klein wenig mehr für die Außenwelt
zurechnungsfähig gewesen, so hätte er merken müssen, daß mit Herrn Ehrlich etwas ganz Absonderliches im Werke sei. Wie die Sachen aber standen, merkte er nicht das Geringste, und ehe er selber wußte wie er dahin gekommen, befand er sich auf dem Bahnhofe, sah sich in einem Coupee zwischen einer Menge von anderen fremden Menschen, und hörte, wie die Leute um ihn hersagten, es sei die höchste Zeit, daß sie angekommen seien, sonst hätten sie müssen zu⸗ rückbleiben. 5
Erst das Schütteln des Eisenbahnwagens brachte ihn wieder in etwas zu sich selbst.
„Aber bester Herr Ehrlich,“ sagte er zu dem
neben ihm sitzenden kleinen Manne,„ich begreife gar nicht— wohin fahren wir eigentlich?“
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