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Nr. 30.

Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.

Seite 5.

gegeben, sie wurden durch andere ersetzt und der Erdball drehte sich noch immer in der gleichen Richtung! Solche Pressionen sollte der Bürger⸗ meister nicht so oft anwenden, sonst lassen's die Großenlindener schließlich einmal darauf an⸗ kommen!

Der Eberstädter Kindesmord im Landtage. Bekanntlich hatte der Abg. Köhl er⸗ Langsdorf s. Zt. wegen der Verhaftung der Minna Görlach eine Interpellation in der Kammer eingebracht. Den Text dieser Anfrage hatte er jedoch in der HungenerLandpost veröffentlicht, bevor sie als Kammerdrucksache erschten und deswegen ist gegen ihn wegen Beleidigung verschiedener Staatsbeamten Straf⸗ verfolgung eingeleitet. Die Anklage gegen Köhler hat nun seinen Parteifreunden zu einer weiteren Interpellation Veranlassung gegeben, in der sie der Staatsbehörde das Recht bestreiten gegen Köhler vorzugehen. Daß Köhler in der Sache im guten Glauben handelte, glauben wir gerne, aber seine Voreiligkeit ließ ihn hereinfallen.

Aus dem Areise Alsfesd⸗Cauterbach

* Unsere Bemerkungen in voriger Nummer zu der Delegation zum intern. Kongreß sind, wie wir zu unserem Bedauern hören, mißdeutet worden. Wir er⸗ klären deshalb ausdrücklich, daß wir mit unsern Be⸗ merkungen nach keiner Seite hin einen Vorwurf erheben wollten. Die Redaktion.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Bei der Gewerbegerichtswahl war von einer nennenswerten Beteiligung nur in Wetzlar zu reden, in den übrigen Bezirken war sie infolge der ungünstig gelegten Wahlzeit eine äußerst schwache. In Wetzlar war von der Berg⸗ und Hüttenverwaltung eine Arbeit⸗ nehmerliste aufgestellt, die es aber nur auf 30 Stimmen brachte, während die Liste der Ge⸗ werkschaften 170 auf sich vereinigte. Auf der Arbeitgeberseite erhielt die vom Hüttenwerk präsentierte Liste die Mehrheit, infolge einer Zersplitterung wurde aber der von der andern Seite aufgestellte Bäckermeister Kyrmse gewählt. In Krofdorf drang die von unseren Genossen aufgestellte Liste sowohl auf der Arbeitgeber⸗ wie auf der Arbeiterseite durch.(Wir haben auf Wunsch einer Anzahl Arbeiter von Rodheim Bieber, Krofdorf ꝛc. bei dem Landratsamt um Verlegung der Wahlstunden auf 4 bis 8 Uhr nachmittags gebeten, dies wurde jedoch abge⸗ lehnt. D. Red.).

h. Mit den Stadtverordnetenwahlen beschäftigte sich neulich ein Einsender im Wetz⸗ larer Anzeiger und weist besonders auf die Notwendigkeit hin, Einsicht in die Wählerlisten zu nehmen, die bis zum 30. Juli aufliegen, eine Mahnung, der wir uns nur anschließen können. Auch die Mahnung nur charakterfeste und tüch⸗ tige Männer in die Stadtvertretung zu ent⸗ senden, halten wir für sehr am Platze, denn gerade in der letzten Zeit erwiesen sich einige, mit dem Ehrenamt betraute Ordnungsstützen als brüchig. Wenn er aber weiter auch vor Leuten warnen zu müssen glaubt, die nach unten schielen, so kann er beruhigt sein, solch Männer gibts in Wetzlar nicht.

Aus dem Rreise Dillenburg⸗Herborn.

Herrn Dr. Georg Burkhardt, durch Zen⸗ trumsgnaden christlich⸗sozialer Reichstagsabge rdneter des V. Nassauischen Wa hlkreises, zurzeit unter der poli⸗ tischen Vormundschaft des Antisemitrichs Liebermann von Sonnenberg stehend sindsdie, Christlich⸗soziale Entstellungen in Nr. 20 dieser Zeitung arg in die Glieder gefahren. Er fühlt fich veranlaßt, dennachdenkenden Lesern seines Organs vorzumachen, daß seine Entstellungen

nicht so, sondern nach berühmten Mustern anders

zu verstehen sind. Freund Burckhardt stellt an seine wenigen verständigen Leser die Zumutung, es als selbst⸗ verständlich hinzunehmen, daß, wenn er in seinem Be⸗ richt schreibt:Die Hausschlachtungen sollen überall ein⸗ geführt werden es heißen müsse:Die Untersuchungen der Hausschlachtungen. Sonderbare Zumutung. Herr Burckhardt schreibt Einführung und die Leser sollen Untersuchungen lesen. Eine solche christlich⸗soziale Aus⸗ legungskunst ist wirklich nicht jedem eigen. Aber ähnlich gewagte Auslegungen macht er in seinen weiteren Ausführungen über das Fleischbeschaugesetz. Er ver⸗ schanzt sich dann, ohne auf das wie und worum des

Gesetzes einzugehen, hinter die angeblichen Wünsche seiner Wähler; vergißt aber anscheinend, daß er auf Seite 15 seines Wahlbüchleins betont, das Fleischbeschaugesetzer⸗ ziele zur Hebung der Rindvieh⸗, Schaaf⸗ und Schweine⸗ zucht gute Wirkung. Was er also in der Wahl⸗ bewegung empfohlen hat, schädigt nach seiner jetzigen Ansicht die kleinen Landwirte. Dieser Widerspruch wird nicht mit dem Hinweise beseitigt, daß es in unserm Kreise keine Junker und Großgrundbesitzer gäbe.

Nach Ansicht Dr. B. ist das Fleischbeschaugesetz für das Land überflüssig. Es wird ihm aber alsviel⸗ erfahrener Rheinländer bekannt sein, daß im Jahre 1899, in Deutschland 162,657 Gehöfte verseucht waren und nach der Schlachtstatistik in Sachsen waren unter 138,015 im Jahre 1890 abgeschlachteten Rindern 5897 Stück tuberkulos; 1898 aber fand man unter 144,018 oeschlachteten Rindern nicht weniger als 31690 Stück tuberkulos. Diese Stastitiken sprechen wahrlich eine deutlichere Sprache als seine Ausführungen. Gerade eine sachgemäße und gründliche Fleischbeschau vermag die Seuchengefahr einzudämmen, wie das durch die amtliche Statistik nachgewiesen werden kann. Es ist grundfalsch, den Rückgang der Seuchen etwa auf die Grenzsperre zurückzuführen. Louis Trott.

(Wir müssen die Fortsetzung der Erklärung Trott's auf nächste Nr. zurückstellen. D. R.)

t. Der Militarismus frißt ganze Dörfer auf. Das 18. Armeekorps will auf dem hohen Westerwald einen Artillerie⸗Schießplatz anlegen und es sind darüber mit den Orten: Liebenscheid, Weißen⸗ berg, Willingen, Bretthausen und Nister⸗ berg Verhandlungen im Gange. Anstatt wüstes Land anzubauen, vernichtet der deutsche Kulturstaat fruchtbare Länderstrecken und macht sie zu Einöden dem Militaris⸗ mus zu Liebe!

Aus dem Rreise Marburg⸗RKirchhain.

r. Eine Stadtverordneten-Sitzung sollte am Freitag stattfinden. Es war eine ziemlich umfangreiche und sehr interessante Tagesordnung vorgesehen, die unter andern auch einige für die arbeitende Bevölkerung wichtige Punkte aufwies. Ob das vielleicht der Grund war, daß nur eine verschwindende Minderheit unserer Stadtväter es für ihre Pflicht gehalten hatte zu erscheinen. Selbst vom Oberbürger⸗ meister und dem Stadtverordneten-Vorsteher wurde die Saumseligkeit gerügt. So vernach⸗ lässigt ein großer Teil der Vertreter der Bürger⸗ schaft ihre Pflicht, deren pünktliche Erfüllung sie bei der Wahl feierlich versprochen haben. Wenn es gilt, für die minderbemittelten Lungen⸗ kranken einzutreten, bleibt man hübsch zu Hause; sind aber Gelder zur Ausschmückung von Straßen bei feierlichen Empfängen zu bewilligen, da sind die Stadtväter mit Hurra dabei und die Summen sind nicht hoch genug. Hieraus sieht man wieder, wie bitter notwendig es ist, daß Arbeit er⸗ Vertreter in das Stadtparlament geschickt werden. Arbeiter, seht Euch die Tätigkeit der Herren ein wenig an!

Eine Parteiversammlung findet diesen Samstag, den 23. Juli abends 9 Uhr im Restaurant Jesberg statt. Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung siehe Inserat wollen die Parteigenossen recht zahlreich erscheinen.

r. Der 8 Uhr⸗Ladenschluß soll in der Bekleidungsbranche eingeführt werden. Der kaufmännische Verein hat unter den Laden⸗ inhabern eine Abstimmung vornehmen lassen, bei welcher dem 8 Uhr⸗Schluß mit allen gegen 16 Stimmen zugestimmt wurde. Es wäre zu wünschen, wenn die andern Geschäfte bald in ähnlicher Weise vorgehen wollten.

Der Gesang vereinEintracht hält diesen Sonntag, den 24. Juli, vormittags 10 Uhr, im Lokale Jesberg seine General⸗Versammlung ab. Auf der Tagesordnung steht: 1. Kassenbericht; 2. Stif⸗ tungsfest; 3. Verschiedenes. Der Vorstand richtet weiter das Ersuchen an die Mitglieder, die rückständigen Bei⸗ träge beim Kassierer Schäfer in der Hofstadt begleichen zu wollen.

Bergmannslos

Eine heftige Dynamitexplosion er⸗ folgte am Dienstag nachmittag in der Eisen⸗ steingrubeAuguststollen bei Oberscheld im Dillkreise. Zwei Leute wurden schwer im Gesicht verletzt. Der eine davon mußte der Gießener Augenklinik zugeführt werden, während der andere bald wieder hergestellt sein dürfte. Ferner wurden infolge eines zu früh los⸗

gegangenen Sprengschusses in dem Bergwerk von Braubach a. Rh., vier Bergleute so lebens⸗ gefährlich verletzt, daß an ihrem Aufkommen gezweifelt wird.

Eiu frommer Gauner. 5 Vor der Strafkammer in Aachen hatte sich der Färbereibesttzer Heinrich Gustab Vogono wegen Urkundenfälschung zu verantworten. Der Angeklagte gehört einer der reichsten Familien im Rheinland an, war intim mit dem höchsten Klerus, trat vielfach im öffentlichen Leben her⸗ vor, z. B. auf dem Krefelder Katholikentag und bekleidete in seinem Wohnort Haaren bei Aachen das Amt eines Bürgermeisterab⸗ geordneten und Kirchenrendanten. Er ver⸗ büßt zur Zeit wegen Unterschlagung eine Ge⸗ fängnisstrafe von drei Jahren. Wie in dem früheren Strafprozeß festgestellt wurde, brauchte der fromme Mann das unterschlagene Geld, um eine von ihm ausgehaltene Prostituierte zu beschenken. Das Gericht erhöhte die drei⸗ jährige Gefängnisstrafe wegen der Fälschung um eine Woche.

Partei-Uachriichten.

Sozialdemokratische Partei Wahlkreis Gießen ⸗Grünberg⸗Nidda.

Sonntag, den 14. August, vormittags 10 Uhr im Lokale Orbig, Rittergasse 17 in Gießen:

Kreiskonferenz. Tagesordnung:

1. Bericht des Vorstandes und Neuwahl desselben.

2. Beratung des Organisations⸗Statuts.

3. Der Parteitag in Bremen.

4. Die Kommunalwahlen.

5. Kreisfest 1905.

Zur Kreiskonferenz kann jeder Ort mit einer Partei⸗ organisation bis zu drei Delegierten entsenden. Orte, in denen kein Parteiverein besteht, können ebenfalls einen Delegierten wählen. Mandatsformulare sind vom Ver⸗ trauensmann August Bock, Gießen, Dammstraße 22 zu beziehen. Anträge zur Tagesordnung sowie Wünsche in bezug auf den Ort des nächsten Kreisfestes wolle man rechtzeitig an den Vorsitzenden Gg. Beckmann Gießen, Grünbergerstr. 44 gelangen lassen.

Der Vorstand des Kreiswahlvereins.

Anträge zur Landeskonferenz.

Die Kreis konferenz Friedberg⸗ Büdingen beantragt:

1. neben der 10 Pf.⸗Marke noch eine 20 Pf.⸗Marke

herauszugeben,

2. bei Beratung über Ausstattung und Inhalt des Landeskalenders sind alle Kreisvertrauensmänner zuzuziehen.

Ferner wird das Landes-Komitee gebeten, auf der Landeskonferenz ein Muster der in Steinbach beschlosse⸗ nen einheitlichen Mitgliederlisten und Kassenbücher vor⸗ zulegen.

Versammlungskalender.

Samstag, den 23. Juli.

Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb(Wiener Hof). Vortrag: Kosten des Lebenshaltung. Ref. Vetters. Metallarbeiter Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.

Gießen. Freie Turnerschaft. Festkomitee, abends 8 Uhr Sitzung bei b.

Sonntag, den 24. Juli.

Gießen. Gewerkschaftskartell. Morgens/ 11 Uhr Sitzung bei Orbig.

Steinberg. Wahl verein. Versammlung nachm. 4 Uhr, Wilhelmshöhe. T.⸗O.: 1. Delegiertenwahl zur Landeskonferenz. 2. Abrechnung vom Kreisfest.

Montag, den 25. Juli.

Gießen. Freie Turnerschaft. Versammlung bei Mißler, abends 8 Uhr. Sehr wichtige Tages⸗ Ordnung.

Marburg. Schneider. Abend 9 Uhr bei Hillberger.

Briefkasten.

Al. ⸗Wizlr. Das muß ein Irrtum sein, wir haben keine Korrespondenz aus Haiger gebracht, in der dar⸗ gestellt war, wie O. zu Vermögen kam. Möglich ist, daß uns eine solche eingeschickt wurde, wir sie aber un⸗ beachtet gelassen baben, weil das Thema weniger von allgemeinem Interesse war. Vor längeret Zeit wurde allerdings bei einer Gelegenheit erwähnt, daß er eine Handschuhfabrik eigentümlich erworben habe. Daß er seinen Wohlstand seiner Intelligenz und seinem Fleiße verdanke, hat noch kein Mensch behauptet. r.⸗Sinbg. Das andere zurückgestellt, die Geschichte war zu lang.