c —— 3 8 — —————
— ——ͤ——————
r
—
r—
Seite 4.
FP
Mitteldentsche Sonntaas⸗Zeilung.
Nr. 30.
reicht haben. Wir müssen daher bestrebt sein, sie zu verbessern und den heutigen Bedürfnissen anzupassen. Beispielsweise kann durchaus nicht genügen, was heute an Agitation geleistet wird. Wir haben gewiß auch in den entlegen⸗ sten Gegenden Hessens bei der letzten Wahl an Stimmen erheblich zugenommen; das können wir uns aber getrost eingestehen: unsere Agi⸗ tation in jenen Bezirken hatte diese Fortschritte nicht bewirkt; denn wir sind damit noch nicht hingekommen. Wie wenig wird in der Zeit von einer Wahl zur andern in verschiedenen Wahlkreisen getan! In Alsfeld⸗Lauterbach, Bingen⸗Alzey und dem Odenwald geschieht so gut wie gar nichts. Und deshalb kann weder dem Landeskomitee noch den Genossen der Kreise selbst ein Vorwuf gemacht werden, es reichen eben die vorhandenen Kräfte zur wirk⸗ samen Agitation nicht aus. Die Genossen, welche noch ihrem bürgerlichen Berufe nachgehen müssen, können nicht ihre ganze Kraft in den Parteidienst stellen. Daß diese Mängel beseitigt werden müssen, wird auch die Landeskonferenz anerkennen. Wir wollen keineswegs behaupten, daß durch Anstellung eines Parteisekretärs mit einem Schlage allem abgeholfen wäre, aber sie würde zweifellos einen Fortschritt bedeuten, die Organisation würde gestärkt und die Agitation vertieft werden. Jedenfalls wird die Landes⸗ konferenz Beschlüsse fassen, wie ste im Interesse sind Partei liegen und ste zu fördern geeignet nd.
Gießener Angelegenheiten.
— Im Wahlverein wurde in der Ver⸗ sammlung am Samstag zunächst der Vorstands⸗ bericht erstattet. Die Kasse weist eine Einnahme von 278,63 Mk., eine Ausgabe von 141,31 Mk. auf, so daß ein Bestand von 137,32 Mk. zu verzeichnen ist. Bei der Vorstandswahl wurden die bisherigen Vorstandsmitglieder sämtlich wieder gewählt. Hierauf sprach Stadtverord⸗ neter Krumm in interessanter Weise über kommunale Angelegenheiten. Er kritisierte die hohen Begräbnis⸗Gebühren, welche den weniger Bemittelten besonders schwer treffen. Wenn man die hohen Gebühren mit den Baukosten der Friedhofsanlage begründe, so müsse erwidert werden, daß solche kostspielige Bauten auch nicht nötig waren. Die Kapelle sei der reine Prunkbau. Gegen Wiedereinführung des Oktrois auf Backwaren, wozu Neigung in der Stadt⸗ vertretung vorhanden sei, müßten sich die Ar- beiter energisch wehren. Es sei klar, daß das Oktroi auf Brot seinen Einfluß in der Preis⸗ bildung ausübe und die Minderbemittelten belaste.— Die städtischen Ausgaben steigerten sich auch durch starke, in den Verhältnissen nicht a Vermehrung des Beamten⸗
stabes, es müsse in dieser Beziehung mal eine
Ruhepause eintreten und nicht immer neue Stellen geschaffen werden. Nach unten hin dagegen, bei den Löhnen der Straßenkehrer z. B. sei man außerordentlich sparsam. Für Erhöhung des Schulgeldes für höhere Schulen haben unsere beiden Vertreter gestimmt. Unser Streben müsse darauf gerichtet sein, die Volks⸗ schule auf zeitgemäße Höhe zu bringen, wem diese dann nicht genüge, möge auch dafür bezahlen. Ebenso stimmten unsere Vertreter für die Zuschüsse für das Theater und den Omnibus. Das Theater sei gehalten, Volks⸗ vorstellungen zu geben. Hier hat sich aber gezeigt, daß die Einrichtung wieder nur den „besseren“ Leuten zu Gute kommt, die zeitiger als die Arbeiter ins Theater gehen können und die besten Plätze besetzen. Das Theater- bau⸗Projekt könne für die Stadt noch eine kostspielige Sache werden; Gießen sei für Derartiges zu klein. Redner besprach dann weiter noch eine Reihe städtischer Angelegen⸗ heiten: Polizeiverordnungen, Irrenanstalts⸗ Neubau, Altes Schloß, Wirtschaftskonzessions⸗ Erteilung, Sonntagsruhe und anderes, worauf wir gelegentlich noch zurückkommen. Nach kurzer Diskussion wurde beschlossen, sich mit aller Energie an den Wahlen zu beteiligen, und über die Aufstellung der Kandidaten in einer späteren Versammlung zu beschließen.
— Gegen die Polizeiverordnung, nach welcher Milchkühe auf dem hiestgen
Viehmarkt nur mit entleerten Eutern aufge⸗ trieben werden dürfen, protestierte am Montag eine Versammlung der Viehhändler. Es wurde beschlossen, dem Viehmarkte fernzubleiben, wenn diese Verordnung nicht aufgehoben wird. (Gen. Krumm tadelte die Verordnung und ihre Durchführung in seinem oben kurz wiederge⸗ gebenen Referate ebenfalls.)
— Mißstände und Unfauber⸗ keiten in Bäckereien. Es sind schon beinahe 15 Jahre verflossen, seitdem Bebel seine bekanute Broschüre über die Zustände in den Bäckereien herausgab und die Welt auf die vielfach ekelerregenden Dinge aufmerksam machte, die bei der Herstellung unserer Haupt⸗ nahrungsmittel vorkommen. Es ist ja zweifel⸗ los seit dem Erscheinen der Broschüre etwas besser geworden infolge der behördlichen Maß⸗ nahmen(Bäckereiverordnung) und der polizei⸗ lichen Kontrolle, so mangelhaft die letzere immer⸗ hin noch sein mag. Das Hauptverdienst an der Besserung, wo eine solche zu verzeichnen ist, hat aber stets die Organisation der Bäckereiarbeiter, die in den letzten Jahren er⸗ freuliche Fortschritte aufzuweisen hat. Jetzt hat der Bäckerverband wieder das Ergebnis einer statistischen Aufnahme in einer Broschüre ver⸗ öffentlicht, die dieser Tage unter dem Titel: „Die Lage der Bäckereiarbeiter“ in Hamburg erschienen ist. Die Verhältnisse sind dort auf Grund von Fragebogen geschildert, die vom Verband ausgegeben und bearbeitet wurden. Von Gießen sind Fragebogen von 9 Betrieben eingegangen. Nur in einem dieser Betriebe beträgt die Arbeitszeit 9¼ Stunden, in allen übrigen jedoch 12—15 und außerdem werden noch stets Ueberstunden gemacht. In allen Betrieben wird sieben Tage in der Woche gearbeitet, nur an den hohen Feiertagen sind Freinächte eingeführt. Alle Gehilfen sind in Kost und Logis bei dem Arbeitgeber; bei voller Verpflegung beträgt der Lohn 9,40 Mark, bei halber 13 Mk. In zwei Betrieben wird über die Kost geklagt.„In vier Betrieben fehlt es in den Schlafräumen an Mobiliar, in einer Bäckerei steht direkt unter dem Schlafraumfenster etne Aborttonne, so daß wegen des Gestanks an einen ordentlichen Schlaf nicht zu denken ist. In den Arbeitsräumen finden sich gleich⸗ falls verschiedene Mißstände; von den in allen Betrieben fehlenden Spucknäpfen ganz ab⸗ gesehen, fehlen in zwei Betrieben die Bundes⸗ ratsverordnung und in einem die Kalendertafel, in zwei Betrieben werden die Waschgeschirre auch zu Betriebsarbeiten benutzt und in 2 wird das Kehrmehl gesiebt und wieder verbacken. Aus mehreren Betrieben kommen laute Klagen über Ratten und Mäuse, die im Mehl sitzen und dasselbe verun reinigen.“
Es ist schon mehr als ein Jahr her, seit diese Mißstände festgestellt wurden, doch dauern sie heute noch in einzelnen Bäckereien fort. Be⸗ sonders über die Schlafräume der Gesellen, so⸗ wie über die durch Ratten und Mäuse verur⸗ sachten Unsauberkeiten wird uns oft von den Gesellen Klage geführt. In den zum Brot⸗ streichen benutzten Handkübeln waschen sich die Leute auch die Hände. Wecktücher werden oft ein halbes Jahr lang nicht gewaschen und starren vor Schmutz. Die Gießener Bäcker⸗ meister hätten also alle Veranlassung, für die Sauberkeit und Ordnung in ihren Betrieben zu sorgen, anstatt ihre Nase in die Organisations⸗ verhältnisse der Gesellen zu stecken und diesen darüber Vorschriften zu machen. Andernfalls brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn der Ruf nach verschärfter polizeilicher Kontrolle lauter erhoben wird und das ist ihnen doch auch nicht angenehm.
— Die Aussperrung der Bauarbeiter ist am Montag durch den Mitteldeutschen Arbeitgeber⸗ verband in Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden, Mainz ꝛc. verhängt worden. In Frankfurt kommen etwa 1700 Maurer, 3— 400 Zimmerleute und mehrere Hundert Bauhilfsarbeiter in Betracht. In den übrigen Städten des Maingebietes sind ebenfalls Hunderte Arbeiter aus⸗ gesperrt, jedoch beteiligen sich nicht alle Arbeitgeber an der Maßregel. Soweit wir unterrichtet sind, haben die Gießener Bauunternehmer, die doch auch zu dem be⸗ rühmten Verband gehören, sich der Maßregel noch nicht
angeschlossen. Halten die Arbeiter fest zusammen, was wir hoffen, so werden sie mit Hilfe ihrer guten Orga⸗ n'sationen diesen von den Scharfmachern im Baugewerbe herbeigeführteu brutalen Gewaltakt unwirksam machen.
— Nette Zustände scheinen bei der Firma Jäger und Rumpf, die hier die Kanali⸗ sations⸗Arbeiten ausführt, eingerissen zu sein. In einer Versammlung der Erd- und Bauhilfs⸗ arbeiter, die am Montag stattfand, wurde vor⸗ gebracht, daß einzelne Partieführer den Arbeitern weniger Lohn, als sie von der Firma für sie ausbezahlt erhielten, verabfolgten. Die Firma sollte doch die Sache durch eine gründ⸗ liche Untersuchung klarstellen.
— Infolge der anhaltenden Hitze und Dürre sind viele Unglücksfälle vorgekommen. Von allen Teiten wurden zahlreiche Todesfälle durch Hitzschlag ge⸗ meldet. So wurden am Schmelzofen des Hörder Ver⸗ eins(Essen) sechs Arbeiter vom Hitzschlag betroffen. Welche Qual für die Aermsten, die jetzt am glühenden Schmelz⸗ oder Glasofen sich den ganzen Tag abrackern müssen. Dagegen amüsieren sich die Leute,„die etwas haben“, in Bädern und Sommerfrischen.—
— Vorsicht beim Baden! Recht zahl⸗ reiche Unglücksfälle beim Baden sind in der letzten Zeit vorgekommen; es vergeht fast kein Tag, ohne daß bald in diesem bald in jenem Flusse Badende ertrinken. Am Sonntag Nach⸗ mittag ertrank im hiesigen Freibade in der Lahn der auf der Durchreise befindliche Spengler⸗ geselle Zeitzmann aus Straßburg. Seine Leiche wurde erst am Montag gefunden.— Wer nicht schwimmen kann, gebrauche beim Baden im offenen Flusse die größte Vorsicht. Diese Vor⸗ sicht darf aber nicht soweit gehen, daß man das Baden im freien Wasser überhaupt unter⸗ läßt, das ist vielmehr als gesundheitsförderlich sehr zu empfehlen.
— Die Gießener Freie Turnerschaft nahm am Sonntag an dem Bezirksfeste der Arbeiterturner in Offenbach teil, das sehr zahlreich besucht war und den besten Verlauf nahm. Die ausgeführten Uebungen klappten vorzüglich, einzelne Leistungen dürften schwer zu übertreffen sein. Unsere Arbeiterturner er⸗ hielten die Note gut bis sehr gut.
— Die Biebertalbahn hat im Jahre 1903 39 496 Mk. Ueberschuß gemacht, ca. 2000 Mk. mehr als im Vorjahre.
Aus dem Rreise gießen.
r. Steinberg. In der Mitgliederver⸗ sammlung des soz.⸗dem. Wahlvereins, die am Sonntag stattfand, wurde beschlossen, folgende Anträge an die Landeskonferenz zu stellen: 1. Die Landtagsfraktion zu ersuchen, im Landtage einen Antrag auf Aenderung der hessischen Verwaltungsgesetze einzu⸗ bringen; 2. das Landeskomitee zu beauf⸗ tragen, die Ausgestaltung der„Mainzer Volks- zeitung“ und des„Offenbacher Abendblattes“ zu täglichen Landesorganen und der „Mitteldeutschen Sonntagszeitung“ zum Wochen⸗ Landesorgan anzustreben, mit den beteiligten Genossen darüber zu verhandeln und der nächsten Landeskonferenz Bericht zu erstatten.— Wegen Entsendung eines Delegierten beschloß man, sich mit den Genossen in Hausen und Leihgestern in Verbindung zu setzen.
s. Bürgermeister⸗Launen. Aus Großenlinden schreibt man uns: Ver⸗ gangenen Sonntag wollte der hiesige Gesang⸗ verein„Germania“ eine kleine Nachfeier von seinem am dritten Juli abgehaltenen Stiftungs- feste veranstalten. Dazu erteilte nun merk⸗ würdigerweise der Bürgermeister Leun die Er⸗ laubnis nicht und als der Verein Miene machte, sein Vorhaben dennoch durchzusetzen, erklärte er, das Bürgermeister⸗-Amt niederzulegen, wenn seinem Willen nicht Rechnung getragen werde. Der Gesangverein gab nach. Warum die Kabinetsfrage stellen, einer solchen Bagatelle halber?— In Lützellinden war Kriegerfest, das der Bürgermeister als eifriger Patriot und Kriegervereins⸗Präsident mit seinen Getreuen besuchen wollte und deshalb sollte keiner im Orte durch eine lokale Veranstaltung 1 5 halten werden! Die Affaire hat wirklich einen komischen Anstrich. Herr Leun glaubt doch wohl nicht, daß die Gemeinde zu Grunde geht, wenn er abdankt? Da haben schon viel bedeu⸗ tendere Männer ihr viel wichtigeres Amt ab⸗
—
—
3————— —
— —
des) Ac Sonn in
elne nicht du be wen bert
gefll der Bult Unter legun ihuli
UI can


