Ausgabe 
24.7.1904
 
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Nr. 30.

Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.

Seite.

weisen können? Das muß im Interesse der Wahrheit zu den gerührten Leitartikeln der bürgerlichen Presse gesagt werden!

Wahlreform in Baden.

Nun ist das neue Wahlgesetz in Baden doch noch zu Stande gekommen. Am vorigen Freitag hat die Zweite Kammer die Vorlage nach den Abänderungsbeschlüssen der Ersten Kammer gegen die Stimmen der Sozialdemo⸗ kraten angenommen. Cbenso gelangte die Wahlkreiseinteilung zur Annahme, nach welcher das Land künftig 73 Abgeordnete zu wählen hat. Unsere Parteigenossen stimmten deswegen da⸗ gegen, weil das Gesetz der besitzenden Klasse bedeutende Vorrechte gewährt und somit dem Volke keineswegs ein gerechtes Wahlrecht bringt.

Eine sozialdemokratische Gemeinde.

In dem Orte Grün winkel bei Karlsruhe siegten unsere Genossen bei der Bürgerausschuß⸗ wahl in der dritten und zweiten Klasse. In der ersten Klasse siegte ein Genosse, einige andre müssen losen. Grünwinkel hat eine sozial⸗ demokratische Mehrheit im Bürgerausschuß, im Gemeinderat und dazu noch einen sozial⸗ demokratischen Bürgermeister. Die Tätigkeit des letzteren wird von der Behörde nur lobend anerkannt. Von dem gefürchtetenUmsturz hat man in Grünwinkel noch nichts bemerkt, im Gegenteil, es herrscht eine peinliche Ordnung. 0

Die russische Gewaltherrschaft

ruft immer neue Verzweiflungsausbrüche der unter jochten Völker hervor. Am Sonntag Abend wurde der Vizegouverneur Andrejew des Gouvernements Jelisawetpol in Agd⸗ schakent in Transkaukasien ermordet. Der Attentäter feuerte fünf Schusse auf den Gouver⸗ neur, der sofort tot war. Vermutlich ist der Täter ein Armenier; die armenische Bevölkerung ist wegen der Konfiskation des armenischen Kirchenvermögens von glühendem Haß gegen Rußland erfüllt.

Russisch⸗japanischer Krieg.

Völkerrechtswidrige russische Uebergriffe. Dampfer der russischen Frei⸗ willigenflotte, die sich vor einiger Zeit als un⸗ schuldige Handelsschiffe die Durchfahrt aus dem Schwarzen Meer durch den Bosporus ermög⸗ lichten(Krieg sschiffen darf die türkische Re⸗ gierung die Durchfahrt nicht gestatten) haben sich nachher als Kriegsschiffe entpuppt und im roten Meer Postdampfer anderer Nattonen an⸗ gehalten. So den deutschen Postdampfer Prinz Heinrich, der von dem russischen Hilfs⸗ kreuzerSmolensk angehalten und gezwungen wurde, 31 Säcke Briefpost, 24 Säcke und Kisten Paketpost herauszugeben, die für Japan bestimmt waren. Auch englische Schiffe sind angehalten und durchsucht worden. Gegen diese Verstöße gegen das Völkerrecht hat natürlich die englische Regierung energisch Protest einge⸗ legt und auch Deutschland hat darüber Be⸗ schwerde geführt. Nach russischer Art lautete die Antwort, daß man erst Berichte über diese Vorfälle abwarten müsse!

Vor Port Arthur fanden mehrere Ge⸗ fechte statt, über deren Ausgang die Nachrichten unbestimmt lauten. Am Motten paß kam es am Sonntag zu einem hartnäckischen Kampf, welcher mit einer Niederlage der Russen endete.

Von Nah und Fern.

Hessisches.

Wegen der Kretschmann⸗Kriegs⸗ Briefe soll nun doch noch ein Prozeß gegen dieMainzer Volkszeitung eingeleitet werden. Aus Darmstadt wurde Ende voriger Woche berichtet, daß der Strafantrag gegen das Blatt

nicht zurückgezogen sei, wie es früher hieß,

weil sich die Mehrheit der angeblich Belei⸗

digten dagegen erklärt habe und für alle

Zeiten festgestellt zu sehen wuünschte, daß bie Hessen nicht geplündert hätten. Wir möchten wissen, was für die Antragsteller und den Staat nun bei dem Prozeß herausspringen soll. Wenn festgestellt wird, daß die Plünderer in Sens nicht Hessen waren, sondern anderen deutschen Truppenteilen angehörten, so ist doch gar nicht einzusehen, was damit gewonnen werden soll. Man will uns doch nicht etwa erzählen, daß die Hessen die französtsche Bevöl⸗ kerung mit Blumensträußen und Zuckerplätzchen begrüßten. Wenn man sich die wüste Franzosen⸗ hetze bergegenwärtigt, die damals in Deutsch⸗ land getrieben wurde, so wird man Ausschrei⸗ tungen der Soldaten als ganz begreiflich finden und ihnen daraus keinen allzugroßen Vorwurf machen. Gegen was wir Anklage erheben, ist das Syste m, das derartige Dinge zeitigt. Der Prozeß kann höchstens für die sozialdemo⸗ kratische Presse agitatorisch wirken und insofern beklagen wir ihn nicht.

Gemeindewahlen. Am Montag fand in Bieber bet Offenbach die Gemeinde⸗ ratswahl unter sehr starker Beteiligung statt. Von 697 Wahlberechtigten stimmten 642 ab. Für die Bürgerlichen wurden 251, für unsere

Partei 239 geschlossene Zettel abgegeben; drei

bürgerliche und ein sozialdemokratischer Kandidat wurde gewählt. Im Gemeinderat sitzen gegen⸗ wärtig 5 Sozialdemokraten und 5 Bürgerliche.

Hirschel und Comp. Das frühere Organ der hessischen Antisemiten, jetzt des Bundes der Landwirte(in ein paar Jahren vielleicht der Nationalliberalen und Konserva⸗ tiven) bringt in seiner Nummer vom Samstag einen Artikel von außergewöhnlicher Blödsinnig⸗ keit und das will bei diesem edlen Organ ge⸗ wiß etwas heißen. Aber auch der rückständigste und unwissendste seiner Leser wird herausge⸗ funden haben, daß es sich dabei um nichts weiter als um eine elende Verdächtigung der Sozialdemokraten handelt. Und was hat der Antisemitrich wieder an der Sozialdemokratie auszusetzen? Er wirft der sozialdemokratischen Presse vor, daß sie einen Beleidigungsprozeß, den die Berliner Versicherungs⸗Gesellschaft Viktoria gegen ihren Wiener General⸗

agenten vor einiger Zeit geführt hat und in.

dem festgestellt worden sei, daß der Direktor dieser Gesellschaft jährlich 380000 Mk. Ein⸗ kommen bezieht, während die unteren Beamten mit dem Hungerlohn von 900 Mk. abgespeist werden, geflissentlich verschwiegen habe, weil die Hauptkapitalisten jener Gesellschaft Juden seien! Der Vorwurf ist so blödsinnig verlogen, daß man ihn für ein Produkt des dreschgräflich Pücklerschen Hirnkastens halten könnte. Man muß sich nur über die Unver⸗ frorenheit wundern, daß das Hirschelblatt seine paar Leser mit Dingen anulkt, über die nicht bloß jeder Sozialdemokrat, sondern jeder ver⸗ ständige Mensch, gleichgültig welcher Partei er angehört, herzlich lachen wird. Den besagten Prozeß hat, soviel wir uns erinnern, unser Wiener Parteiorgan, dieArbeiterzeitung sehr eingehend besprochen und auch die deutschen Parteizeitungen haben Auszüge gebracht, in den Ordnungsblättern aber, einschließlich der antisemitischen haben wir nichts gelesen. Was hat denn die antisemitische Presse gehin⸗ dert, den Prozeß gehörig auszuschlachten. Un⸗ seres Wissens hat das Friedberger Antisemiten⸗ blättchen noch kein Sterbenswörtchen davon gebracht! Es war wirklich sehr ungeschickt von ihm, gerade diesen Artikel irgendwo auszu⸗ schneiden! Uebrigens kann man ähnliche Verhältnisse wie bei der Viktoria in Dutzenden anderer Gesellschaften und Banken finden, die unter Leitung frumber antisemitischer Christen stehen. Vielleicht liegen die Lohnberhältnisse in den Versicherungs⸗Gesellschaften, deren In⸗ serate das Hirschelblatt seit Jahren bringt, keinen Deut anders. Wenn es schlechte Arbeits⸗ verhältnisse ans Tageslicht zieht und kritisiert, so wird es dabei stets die Unterstützung der Soztaldemokratie finden, die für die Interessen aller Ausgebeuteten fortgesetzt und unter großen Opfern eingetreten ist, und das schon zu einer Zeit, als an Hirscheln, sein Blatt und seine Partei noch nicht zu denken war. Wir be⸗

nrelfsen ja, daß verschiedene Prozeße der lebten Zeit, in denen Gesinnungsverwande des Bündler⸗ blattes eine unrühmliche Rolle spielten, ihm sehr unangenehm sind, das giebt ihr aber noch lange kein Recht, unsere Partei zu verdächtigen. Schließlich machen uns die Hirschel und Kon⸗ sorten noch für die Sünden antisemitischer Schwindler verantwortlich.

Ein Zlatt aber, das gegen die Riesengewinne der Versicherungsgesellschaften eifert, sollte unter keinen Umständen für Lotterieunternehmungen Reklame machen, denn dabei sind die Gewinne der Unternehmer und ist der Schwindel noch größer als bei ersteren. Das tut aber die antisemitische FriedbergerVolkswacht in derselben Nummer, in der sie ihre schmutzigen Angriffe gegen unsere Partei erhebt. In einer redaktionellen Notiz empfiehlt sie eine Straßburger Lotterie in dringlicher Weise, da⸗ mit diejenigen veser, welche darauf hereinfallen, dem Spielteufel überantwortend. Dagegen nimmt die sozialdemokratische Presse Lotterie⸗ Annoncen überhaupt nicht auf. Ja wir Wilden sind doch bessere Menschen!

Unsere Parteiorganisation

ist in den letzten Wochen wiederholt Gegenstand der Erörterung in der Parteipresse gewesen. Das Breslau er Parteiblatt brachte schon vor längerer Zeit einen Artikel, der auf die Mängel unserer jetzigen Organisation in finan⸗ zieller und agitatorischer Beziehung hinwies und vor kurzem machte es praktische Vorschläge zur Besserung. Diese Vorschläge gehen dahi n: Vom 1. Mai 1906 ab einen sozialdemo⸗ kratischen Zentralverband mit einem

monatlichen Mitgliedsbeitrage von 10 Pfg.

zu schaffen; ferner für die einzelnen Landes⸗

teile Bezirksleiter anzustellen, welche die

Agitation intensiv zu betreiben und die Or⸗

ganisation zu unterstützen hätten.

Seine Vorschläge erläutert und begründet das Blatt folgendermaßen:

Heute gibt es an vielen Orten kein anderes Kennzeichen der Zugehörigkeit zu unserer Par⸗ tei, als das einfache an keine Bedingungen ge⸗ knüpfte Selbstbekenntnis: ig Zukunft soll auf jedem Bau, in jeder Werkstatt der Gleichge⸗ sinnte seine Zugehörigkeit mit dem allerseits bekannten Mitgliedsbuch ausweisen, wie es heute durch das Verbandsbuch der Maurer, Metallarbeiter usw. geschieht. Wir haben mit einem Schlage eine genaue Uebersicht über die Zahl der wirklichen Sozialdemokraten und ihre politische Arbeit an den einzelnen Orten. Ueber den Zeitpunkt der Einführung muß natürlich nach eingehender Beratung Beschluß gefaßt werden, obiges Datum ist rein willkürlich ge⸗ wählt, es läßt sich vielleicht ein längerer Zeit⸗ raum festsetzen, innerhalb dessen die Vereine ihren Anschluß zu vollziehen haben. Und zur Forderung besoldeter Agitatoren wird gesagt:

Diese Forderung ist nicht zum wenigsten darin begründet, das uns die Gewerkschafts⸗ und Genossenschaftsbewegung, die Versicherungs⸗ gesetzgebung und Arbeiterschutz⸗Gesetze immer mehr Kräfte entziehen. Die politische Be⸗ wegung wird heute oft genug schon hintenan gesetzt. Manchmal dachten wir einen neuen fleißigen Arbeiter für politische Propaganda gefunden zu haben, wenn eine Gewerkschaft einen Genossen durch Anstellung unabhängig machte. Das Gegenteil trat ein, die Beteiligung der Betreffenden am polttischen Leben war ge⸗ ringer als vor der Austellung und manchen Gewerkschaftssekretär sehen wir ein halbes oder ein ganzes Jahr nicht im sozialdemokratischen Verein. Wenn uns so die Gewerkschaftsbewe⸗ gung nach und nach die besten Männer wegholt, wird es für die politische Partei die höchste Zeit, zu lernen und sich einen Teil der Kräfte zu sichern. Deshalb unsere Forderung: An⸗ stellung besoldeter Parteisekretäre.

Unsere Organisation ist zwar schon oft, so⸗ gar von den Gegnern als eine must er gültige hingestellt worden und viele von uns haben das auch geglaubt. Bei näherem Zusehen weist sie trotzdem mancherlei Mängel auf, sogar iu Hessen, wo wir eine gewisse Einheitlichkeit er⸗