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Seite 6.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 17.
Ueber die Stöcker-Partei,
womit man am zutreffendsten die Schöpfung des Hofprediger Stöcker, di; sogenannte„Christ⸗ lich⸗soziale Partei“ bezeichnet, bringt unser in Elberfeld erscheinendes Parteiblatt„Morgen⸗ roth“ folgende Betrachtung: Als der Antise⸗ mitismus in Deutschland eine selbständige politische Aktion zu entwickeln begann, da wurde ein großes Geschrei gemacht von der neuen Partei. Man sagte, ihr werde die Zu⸗ kunft gehören, denn sie umfasse alle Gesell⸗ schaftsklassen. Das sollte bedeuten, sie war mit einem Tropfen sozialen Oeles ge⸗ gesalbt, um bei den Arbeitern den Stimmen⸗ fang betreiben zu können, aber auch kapitalistisch genug, um sich nicht allzusehr gegen die Reli⸗ gion des Geldsacks zu vergehen. Praktisch konnte also die Sache leicht auf eine„echte und wahre Partei des sogenannten Mittelstandes“ ausgespielt werden.
Dem vernünftigen Politiker, der nicht von heute auf morgen, sondern an der Hand der geschichtlichen Entwicklung urteilt, war die Sache von vornherein zum Lachen, er war sich darüber klar, daß mit einem Ragout von Großkapitalismus, Bourgeois⸗Sozialismus, bür⸗ gerlichem Genossenschaftlertum, Feudalsozialis⸗ mus, einem Quentchen demokratischen Sozia⸗ lismus und über das ganze eine antisemttische Sauce gegossen, nichts heraus kommen konnte.
Es dauerte auch gar nicht lange und die „Große Partei“ der Zukunft katzbalgte sich der⸗ art, daß sie in mehrere kleine Gruppen aus⸗ einander fiel. Der eigentliche Urheber der Be⸗ wegung, der Ex⸗Hofprediger Stöcker, gab seiner Gruppe den Namen„Christlich⸗soztale Partei“. Er hat besonders bet der letzten Reichstags⸗ wahl am Niederrhein und in Westfalen ver⸗ sucht, Terrain zu gewinnen, ohne nennenswerten Erfolg. Trotz seiner 17jährigen Tätigkeit als christlich⸗sozialantisemitischer Apostel ist er bis 1903 der einzige Abgeordnete seiner Partei im Reichstag geblieben und bei den letzten Wahlen erhielt sie nur noch das Dillenburger Mandat von Zentrumsgnaden. Die Scharf— macher wollen nichts von Stöcker wissen, weil sie Vertreter des ungefälschten Kapitalismus gebrauchen. Unter dem Mittelstand kann er keinen nennenswerten Anhang erlangen, weil es ein Mittelstand mit einheitlichen Grundsätzen und Forderungen überhaupt nicht gibt. Dem Handwerk, auf welches er es besonders abge— sehen hatte, ist nun einmal unter der kapita⸗ listischen Aera nicht mehr zu helfen, daher auch keine Erfolge auf diesem Gebiet. Bleiben die Arbeiter, die etwa gutmütig und du m m⸗ gläubig genug sind, gegen ihr eigenes Fleich zu wüten und einem Stöcker nachzulaufen.
In einer Zeit des schroffsten Klassenkampfes, geschürt durch das brutale Unterdrückungssystem der Kapitalisten, konnte begreiflicherweise auch die Anhängerschaar aus der Arbeiterklasse nicht groß werden. Hat man den Antisemitismus als den Sozialismus der dummen Kerle be⸗ zeichnet, so kann man die Bestrebungen der Christlich⸗sozialen als den Sozialismus der dummen Arbeiter erklären.
Man braucht sich nur das unter dem Motto: „Mit Gott für Kaiser und Reich“ erschienene christlich⸗soziale Liederbuch anzusehen, das zugleich auch das Programm dieser Partei ent⸗ hält und im Verlag der Westdeutschen Ver⸗ lagsanstalt in Siegen erschienen ist. Darin finden wir nichts als Choräle und mords⸗ patriotische Lieder, keine Spur von Zielen, die den Arbeitern eine Besserung ihrer Lage versprechen; nichts als Knechtsseligkeit und Er⸗ gebenheit wird da den Arbeitern als höchstes Ideal geschildert.
In Nr. 1 wird die christlich-soziale Partei als„glühende Flamme für das Gottesgnaden⸗ tum“ gepriesen. Nr. 2 ist„Ein feste Burg ist unser Gott“. Nr. 3„Harre meine Seele, harre des Herrn“. Nr. 4„Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren“. Nr. 5„Nun danket alle Gott“. Nr. 6„Vater, kröne du mit Segen unsern König und sein Haus“. Dann folgt als Nr. 7 das berühmte Anti⸗ semitenlied„Deutschland, Deutschland über alles“, und so geht es weiter bis zu Nr. 34.
Natürlich befindet sich darunter auch ein Hym⸗ nus auf Bismarck. f
Das also sind die Programmlieder der Christlich⸗-Sozialen. Die Arbeiter sollen Gott loben, daß er sie„erhält“ so wie es ihnen selber gefällt“, sie sollen Gott loben und preisen, daß er sie aus der Not errettet, daß er„ihren Stand sichtbar gesegnet“.„Lob und Ehr dem Höchsten, der allen Jammer stillt.“„Ein Loblied nach dem andern von dem was Gott an mir getan.“ Nichts von Forderungen, die der Arbeiter zu stellen hat, nichts von Wünschen, nichts von der Erfüllung politischen Rechts. Das bekannte Lied„Freiheit“ die ich meine“, das ohnehin durch seine süßholzraspelnde Töne außerordent⸗ lich abweicht von den sonstigen Freiheitsklängen bürgerlicher Dichter jener Zeit, ist zwar auf⸗ genommen worden, aber nur zum Teil; die⸗ jenigen Verse, die den Arbeiter an Selbständig⸗ keit und freiheitliche Regungen erinnern könnten, hat man unterschlagen.
Natürlich sind diese frommen, demütigen Verse nur den christlichen Arbeitern zur Beachtung gewidmet; die Fabrikanten pfeifen darauf, sie wissen nur zu gut, daß im Kampfe ums Dasein, oder wie es bei ihnen richtiger heißen muß, bei der Profitjägerei, mit frommen Gesangbuchs⸗Versen nichts anzu⸗ fangen ist.
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„ Unterhaltungs-Ceil. 1
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Maienzauber. Eine Geschichte für das Landvolk.
Langsam und bedächtig stieg der Mann die Lehne empor. Aber sein Schritt war noch gleich⸗ mäßig, sein Tritt sicher, trotzdem ihm eisgrau das Haupthaar hervorkroch unterm derben breit— randigen Filzhut und herabfiel zum Antlitz, welches in seiner Farbe und Starrheit dem Eichenholz glich, das ein Menschenalter hindurch Sonnenschein, Sturm und Regen verspürt. Das anhaltende Steigen und die Sonne, deren milder Schein breit über den Fluren lag, hatten dem Wanderer warm gemacht; lose trug er die kurze Joppe über den Schultern, darunter quoll das Hemd in weißen, weiten Bauschen, und das lederne Viergestell des Hosenträgers hob sich scharf ab von seiner Unterlage. An der spitzen Ecke des letzten Ackers vor dem Walde machte der alte Bauer Halt, sah nach dem Weidenreis, das er hier am ersten Ostertag in das Erdreich gepflanzt, nickte befriedigt, als er es noch hervorlugen sah unter den auf⸗ geschossenen Halmen des Roggens, setzte sich auf den Grenzstein und richtete seine Augen nach der Niederung. Vor ihm, zum Greifen deutlich, lag sein Dorf, seine Heimat. Die Häuser und Hütten, Ställe und Scheunen ver⸗ schwanden unter dem Blütenduft der Obstbäume, wie eine weiße Riesenkugel erhob sich die Siede⸗ lung aus dem Kranze der grünenden, schon leise wogenden Saaten. Starr blickte der Alte auf die Maienschöne, die ihm wieder geworden auch mit dem neuen Jahre, die ihm lieb und wert war seit den Tagen der Kindheit, und vor seinen 77 zog vorüber sein ganzes ver⸗ gangenes Leben.
Als wäre es gestern gewesen, erinnerte er sich des Tages, an welchem er mit seinem Vater zum letzten Male hier an dieser Stelle gestanden. Derselbe Tag war es gewesen, wie heute, der erste Mai, und wie er es heute getan, so haften sie auch damals den Mai- oder Saatgang gemacht, die Aecker umschritten und die Saaten betrachtet, ob sie keimten und sproßten. Und hier oben war der Vater er⸗
müdet auf den Stein gesunken und hatte lange und wehmütig nach dem Dorfe hinübergeblickt, als wollten sich seine Augen satttrinken für immer an all den Herrlichkeiten des wieder⸗ Nun lagen fünfzig Jahre Fünfzig
kehrenden Lenzes. zwischen dem Heute und dem Damals.
sie ihm auch den Jüngst en. Spichern,„auf dem Felde der Ehre“, wie der
Jahre! Was hatten sie ihm Alles gebracht! Schon im Herbste darauf hatte er nach des Vaters Tode den kleinen Hof übernommen und zu wirtschaften begonnen, wie er es ge⸗ lernt und wie es schon seine Altvordern ge⸗ wohnt. Dann hatte er geheiratet, und es waren die Kinder gekommen. Als die Frohnden weg⸗
fielen und die Sackzinse abgelöst wurden, da
hatte es wirklich den Anschein, als sollten auch für die Bauern einmal bessere Zeiten kommen. Aber so Mancher hatte sich bei der Ablösung übernommen und wanderte schon nach wenigen Jahren mit dem weißen Stabe ins Elend. Aber es ließe sich im Allgemeinen doch leben. Wenn je einmal ein schlechtes Jahr einfiel mit Mißwachs und Teuerung, das Dorf hatte da⸗— mals noch seinen Gemeindewald. Freilich, lange dauerte die grüne Herrlichkeit nicht mehr. Die großen Bauern drängten und drängten, bald war der Gemeindebesttz aufgeteilt und das Nieder⸗ schlagen und Wüsten begann. Wo sonst hundert⸗ jährige Fichten und Tannen ragten, wucherte jetzt das Heidekraut und der stachlige Wach⸗ holder. Dann kam der erste Krieg und damit das Unglück. Sein Aeltester wurde eingezogen und mußte aufs Schlachtfeld. Schon nach kurzer Zeit schrieben sie ihm in einem Briefe, daß er in Feindesland in einem Spital ge- storben. Es dauerte wieder ein paar Jahre, da ging's gegen die Franzosen. Nun nahmen Er blieb bei
Schullehrer sagte.„Und hat das neue Reich mitgründen helfen.“ Das neue Reich? Was hatte er davon? Steuern und immer wieder Steuern und Schulden. Ja, wenn er noch seine beiden Buben an der Seite gehabt hätte! Aber so ging's immer mehr bergab von Jahr zu Jahr. Das konnte zu keinem guten Ende führen. Jetzt war er alt und sein Weib auch, un) wenn ihm morgen die Hypotheken geküu⸗ digt würden, dann war's vorbei. Mit was hatte er dies verdient? Gerackert hatte er sich sein ganzes Leben lang, gedarbt hatte er und gespart und nicht einmal die alte Tracht hatte er abgelegt, aber vor sich gebracht hatte er nichts, nicht so viel als Schwarzes ist unter dem Nagel.
In den nahen ärchen schrie kreischend ein Häher. Der alte Bauer schrak empor und strich sich über die Augen. An sein Ohr schlug ein Summen und Surren, als unterhielten sich in seiner Nähe eine große Anzahl von Menschen; er erhob sich und schritt den Rain hinauf, dem Walde zu. Als er nach einigen Hundert Schritten aus einer Fichtenschonung heraustrat, bot sich ihm ein eigentümlichen Anblick. Auf der Waldwiese, die sich schier über den ganzen Hang der andern Seite der Höhe hinzog, wogte es über und über von fröhlichen, festlich ge⸗ kleideten Menschen.„Wie kommen denn Die daher?“ dachte der Alte und schüttelte das Haupt. Aber sogleich erwachte in ihm der Bauer, und er brummte:„Wie kommen Die dazu, auf fremdem Grund und Boden herum⸗ zusitzen, herumzuspringen, Bier zu trinken und das Gras zu zertreten?“
Noch zögerte der Alte und überlegte, ob er sich die Geschichte aus der Nähe anschauen sollte oder nicht, da legte sich ihm von rückwärts eine Hand leicht auf die Schulter. Der Bauer a sich und erkannte seinen Nachbar, den
älch.
„Hm!“ meinte der auf einen fragenden Blick hin.„Es sind Arbeiter aus der Stadt. Sie haben ihre Frauen und Kinder mitgebracht und feiern, wie sie sagen, ihr Maifest.“ 15
„Und du bist einverstanden damit und läßt Deine Wiesen ruinieren?“*
„Ich weißt d so wie so nicht viel darauf.'s ist alter Wald⸗ boden. Und dann wollen si⸗'s ja cuch net umsonst... Gehst Du mit'nunter?'s Bier ist was Extrafeines, Reden werden g' halten und g'sungen wird, es seien auch Viele aus 'm Dorf da und'm Pachschuster“ sein' Großen, der in der Stadt Tischler ist, hab' ich auch g sehn.
„Aber es sind Soz.“ 5
„Das schon, das schon... Fürchst Du Dich am End'?“


