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Seite 6.
Mitteldentsche Sonntags- Zeitung.
Nr. 4.
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7 Unterhaltungs-Ceil. 7 Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr.
17. a(Fortsetzung.)
Ein vierschrötiger Bursch ergriff jetzt das Wort und sagte:„Ich hab' bis jetzt geschwiegen; aber weil der Schneider gar nicht bekennen will, so muß ich doch reden. Gestern in der Früh' bin ich in meinem Garten gewesen und hab' ihn sechs Schritt hinter seinem Vater nach der Wiese gehen sehen. Das Gesicht, das er da gemacht hat, wird mir im Gedächtnis bleiben. Wie soll ich nur gleich sagen? Er hat ausgesehen, als ob ihn die„Wura'moesa“ (Ameisen) auf'm Brachacker'rumg'schleift hätten!“
„Da haben wir's,“ rief Leard.„Also gestern? Dann muß ihm das Unglück am Freitag nachts zugestoßen sein!“— Und vor sich hinsehend, fragte er sich:„Was ist's wohl gewesen?“
Der feine junge Bursch sagte lachend:„Ich glaub', er ist auf'm Geißbock spazieren geritten und der hat ihn'runtergeworfen!“
Leard entgegnete:„Nichts da! Das ist eine alte Sag'! Heutzutag reiten die Schneider nicht mehr auf Geißböcken, sie sind auch aufgeklärter geworden und suchen sich jetzt schon andere Rößlein!“
Heiteres Lachen erscholl um die Tafel, und ein entfernter Schein von Lächeln flog sogar über das verlegene Gesicht des Gehöhnten.
„Das mag sein,“ erwiderte der Feine;„wie ist er dann aber zu dem Gesicht von gestern gekommen?“
„Nun, wie geht's nicht?“ versetzte Leard gemütlich.„Wenn einem ein rechtes Glück an⸗ gestanden ist, dann wirft der Teufel immer Heu runter! Ist's etwa das erstemal, daß einer, der just von seinem Schatze herkommt, tüchtige Prügel kriegt?“ Und den Schneider betrachtend, setzte er hinzu:„Nun, nun, du brauchst dich nicht zu schämen, Tobias. Von seinem Vater kann man am End' noch Schläg' annehmen, und daß dich der Alte gezwungen hat, das nimmt dir kein Mensch übel.“
Der Sch eider saß da mit den peinlichsten Empfindungen. Alles war heraus, alles— so⸗ gar die Art, wie er in die Kammer der Bäbe befördert worden!— Wie konnte man das wissen? Hatte das Mädchen geschwätzt? Hatte man sie im Pfarrhaus gesehen?— Er wußte nicht, was er denken sollte; ratlos sah er auf den Tisch, der Schweiß ging ihm aus.— Wenn er noch einige Hoffnung gehabt hätte, die geheimsten der geringsten Vorgänge könnten doch noch unbekannt sein und er möchte nur falsch geraten haben, so wäre er gleich ent⸗ täuscht worden.
Der Feine richtete seinen Blick auf ihn und sagte:„Freund Tobias, du nimmst dir die Geschichte mehr zu Herzen, als nötig ist. Geh, sei gescheit! Ein Glied hat er dir nicht abge⸗ schlagen, und für so einen Schatz, wie die ist, kann man schon was aushalten!“
„Das mein' ich auch!“ rief Leard.„Das schönste Mädchen im Dorfe— sogar die meine nicht ausgenommen!— Und solch ein Einfall! Gocken!— So gescheit sind sie nur im Kessel⸗ tal— bei uns täte keine draufkommen!“— Und zu der Kellnerin gewendet, rief er:„Nicht war, Mädle?“
„O wahrlich nein,“ entgegnete diese mit einem Gesicht, das vor Vergnügen leuchtete. „Im Ries sind wir nicht so g'studiert!“ Leard ergriff den Maßkrug und rief:„Nun, so stoß an, Schneider! Sie soll leben!“
Tobias versuchte noch auszuweichen und entgegnete noch mit der wankenden Stimme eines schlechten Gewissens:„Aber was willst du denn? Ich weiß ja gar nicht, wen du meinst!“
In das neue Gelächter hinein rief aber Leard:„Nun, wir wissens schon. Komm, stoß' an“
Tobias, gedrängt und in Ermangelung eine bessern Auskunft, nahm den Krug, ließ den andern anstoßen und tat einen großen, weit hinausgedehnten Zug.
Leard, nachdem er ebenfalls keinen schlechten getan, rief:„Bravo! Nun hast du gehandelt wie ein rechter Bursch! Seinen Schatz muß man nicht verleugnen, am wenigsten, wenn man so einen hat wie du!“
Tobias erwiderte hierauf nichts, und auch die andern, die einigermaßen genug zu haben schienen, ließen ihre Zungen in Ruhe. Der Geplagte hoffte es überstanden zu haben.
Diese Hoffnung hätte sich vielleicht erfüllt und die Burschen beliebt, einen andern Gegen⸗ stand vorzunehmen und den Schneider für heut in Ruhe zu lassen. Aber nun fuhr der böse Feind in ihn selber und bewog ihn, sich ein unbefangenes Ansehen gebend, zu fragen: „Giebt's nichts Neues?“
Das Gelächter, das auf diesen schwachen Versuch, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, sich hören ließ, war nicht das schlech⸗ teste, und Leard rief mit angenehmer Ver⸗ wunderung:„Wie, hast du noch nicht genug an dem, was geschehen ist? Kotts Tausend, bei uns kann nicht jeden Tag so was passieren! Seit gestern spricht man von nichts anderem im ganzen Dorfe, und in vier Wochen haben wir noch genug daran!“
Der Feine bemerkte:„Das Neueste, Tobias, mußt du machen! Du bist jetzt inn Schusse— mach vorwärts und sorg dafür, daß wir bald auf die Hochzeit gehen können! Wenn auch der Alte nochmal wild wird und die„Ehlamäß“ (das Ellenmaß) nimmt! Das kommt fetzt auf eins heraus!“
„Ja freilich,“ rief Leard.„Etliche Schläg' mehr oder weniger, das bedeutet nichts; aber seinen Schatz heimführen, das muß ein rechter Kerl, bieg's oder brech's! Wenn ich die Kessel⸗ talerin kriegen könnt', hol' mich der Teufel, ich ließ mir eine Woch' lang jeden Tag auf⸗ messen! So ein Mädchen bekommt man nicht umsonst! Eine„Langrockete“ und rund wie ein Apfel! Ein Kreuz und ein paar Schultern, die noch einen ganz andern tragen könnten als einen Schneider, und die geschicktesten Manieren, und einen Gang, den sich jede im Dorfe zum Muster nehmen könnt'.— Tobias, Tobias, du hast noch den Besten gezogen und lachst uns noch alle aus!“ 6
„Ja, ja,“ rief der Vierschrötige ein,„wenn er sich nicht abschrecken läßt, dann glaub' ich's selber!“
„Abschrecken?“ rief Leard.„Der Tobias? Die Schneider sind von je die bockbeinigsten Kerle gewesen, und das ist natürlich! Der führt die Sache'naus, das werdet ihr sehen!“ Und mit aller Teilnahme, welche die lachende Bosheit aufkommen ließ, fragte er:„Wann wirst du Hochzeit machen, Tobias? Fällt's noch in den nächsten Monat?“
Tobias zitterte vor Verdruß. Er hatte das Gefülll eines angespannten Rosses, das von Bremsen bedeckt und umflogen ist und, trotz alles Schüttelns, des Geplagtwerdens von seiten des blutgierigen Ungeziefers kein Ende sieht. Seine Seele trachtete hinwegzukommen; er nahm seinen Krug, setzte an und leerte den Rest auf einen Zug.
Der Uzer hatte ihn beobachtet; seine Absicht erratend, faßte er schnell den Krug und rief: „Mädle, da ist's leer!“
Der Schneider ergriff deu Krug ebenfalls und schrie:„Nichts da! Ich muß fort!“
„Wie,“ entgegnete Leard,„du willst fort, jetzt, wo wir in der besten Unterhaltung sind? Latz mit dir handeln! Eine Halbe!“— Er lenkte den Krug nach der Kellnerin und rief: „Geschwind, Mädle! Nimm und lauf!“
„Nein,“ rief Tobias ergrimmt, indem er sich mit dieser um den Krug stritt;„ich trink' nichts mehr, Kotts Himmelsakerment!“ Er war aufgestanden, setzte die Pelzkappe fest auf den Kopf und sagte:„Ich bin nicht hergekommen, um mich von euch für'n Narr'n halten zu lassen, das könnt ihr mir glauben!“
„Wir glauben's auch,“ versetzte Leard,„und drum fällt's uns gar nicht ein. Bleib da!“
„Ja, bleib da!“ riefen mehrere Burschen. Das Mädchen, die nun im bestrittenen Be⸗
sitz des Kruges war, fragte:„Wie ist's, soll
hat man angestochen!“
„Nein,“ entgegnete der Schneider energisch, „ich mag nichts“.
„Komm,“ rief Leard, seine Hand fassend, 1 nach! Setz dich wieder! Wir haben dich o gern!“
„Ihr könnt mich auch gern haben!“ rief der Schneider, seine Hand losreißend,„alle miteinander!“— Und unter allgemeinem Ge⸗ lächter schritt er von dannen.
Bevor wir ihn weiter begleiten, müssen wir auf eine Frage antworten, die auch der Leser anfgeworfen haben wird. Daß der nächtliche Besuch im Pfarrhaus und die darauf erfolgte Szene durch jenen Vetter Hans, der die letztere mit angesehen haben konnte, verraten worden sei, wird man sich selbst gesagt haben. Es war auch in der Tat so. Wie konnte aber auch der eigentümliche Liebesdienst bekannt geworden sein, den die Bäbe dem Schneider erwiesen hatte? Dieser, wie sein Staunen gezeigt, hatte ihn keiner Seele mitgeteilt. Außer ihm war aber die Tatsache nur der Bäbe und der Pfarrerin bekannt— der Pfarrerin, welche die Geheimhaltung befohlen, der Bäbe, die ste zugesagt hatte!
Der Autor muß bekennen, daß er eine be⸗ stimmte Erklärung in dieser Frage selbst nicht abzugeben vermag. Er kann nur auf Möglich⸗ keiten hinweisen und bittet den Leser, seine Entscheidung selber zu treffen.
(Fortsetzung folgt.)
Ein Stück Mittelalter.
Haus Nr. 13. 7 Von Wladimir Korolenko. (Schluß). V
Am nächsten Morgen erschien der Schutz⸗ mann Nr. 148. Besorgt um das Schicksal der Juden, rief er ihnen mit lauter Stimme, sich in den Wohnungen zu verstecken und die Straße nicht zu betreten. Die Juden befolgten den Rat. Bald herrschte in der Astatischen Gasse Totenstille. Dieses Bild geschlossener Fenster⸗ läden, leer gewordener Straßen und passiver Erwartung ist ein erschütterndes Merkmal für die Vororte Kischinews am zweiten Schreckens⸗ tage.
9050 sprach einen Juden, der in einer andern. Vorstadt gemartert wurde. Dies ist ein ge⸗ wisser Mater Selmann⸗Weißmann. Vor dem Gemetzel war er einäugig, und während des Tumults fiel es einem Mitmenschen ein, ihn auch des anderen Auges zu berauben. Maier erklärte, er wisse nicht genau, wer das gewesen sei, aber ein Knabe aus der Nachbarschaft habe sich gerühmt, dieses Resultat durch ein eisernes, ben Schnur befestigtes Gewicht erzielt zu haben.
Maier wohnte in der Nähe des Schlacht⸗ hofes, im Vororte Mahala. Gleich den Be⸗ wohnern des Hauses Nr. 13 hatten auch hier die Juden während der Nacht das Eintreffen des bewußten Befehls erhofft, und auch hier erschien am nächsten Morgen ein Schutzmann, der den Juden riet, sich versteckt zu halten. Am folgenden Tage brach das Elend los. Maier flüchtete mit seiner Tochter und rettete sich in eine Seifenstederei, dann aber kamen die Rumänen und begannen zu„schlagen“. ails Maier dann im Krankenhause erwachte, fragte er 5 nach seiner Tochter:„Ita, wo bist du?“ Sie neigte sich zu ihm und wiederholte, sie sei an seiner Seite. Maier fuchtelte mit den Armen in der Luft und klagte, daß er das Mädchen nicht sehe. Er konnte sie aber nicht sehen, weil jener Nachbarsknabe ihm, wahr⸗ scheinlich der Symmetrie haber, sein einziges Auge mit einem Gewicht ausgeschlagen hatte.
. Wie es scheint, begann die Tragödie im
ause Nr. 13 genau so wie die eben geschil⸗ dene Nähe 5 Schlachthofes. Dort
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ich einschenken? Das Bier ist fürnehm, grad
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