Ausgabe 
24.1.1904
 
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Männer.

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Nr. 4.

Mitteldentsche Sountgs⸗Zeitung.

Seite 7.

und da ein Schutzmann, derwarnt, der aber zu weiterem Einschreiten keine Befehle hat. Da und dort schlossen sich die christlichen Bewoh⸗ ner des Viertels den heranstürmenden Zerstörern unter den Augen der Behörde an. Um 11 Uhr vormittags erschien die Menge, begleitet von zwei Militärpatrouillen, denen bedauerlicher⸗ weise auch kein Befehl erteilt worden war. Der Haufe bestand aus etwa 50 bis 60 Personen, Und man erzählt, daß sie zuerst in die Schnaps⸗ schenke stürmten.Gieb 30 Rubel, sagten ste zum Wirtsonst töten wir dich! Er gab die 30 Rubel und blieb verschont. Dann begann die Menge ihr Zerstörungswerk. Links vom Haustor, an der Hofecke, wo noch die vertrocknete Blutlache zu sehen ist, be⸗ befanden sich einige kleine Holzverschläge. In dem einen versteckte sich der Glaser Grünspuß mit Frau und Kindern, ferner Itar Paskar mit zwei Kinder und schließlich ein 14jähriges Dienst⸗ mädchen. Von innen war der Verschlag nicht zu sperren. Im Hause befanden sich nur acht Der Schutzmann Nr. 148, der kei⸗ nen Befehl erhalten hatte, saß ruhig auf dem Trottoirpfosten, und die zwei Militärpatrouillen hielten sich beschaulich abseits. Das Zerstörungs⸗ werk begann mit brutaler, immer wachsender Wut. Fenster klirrten, Blätter aus zerrissenen Büchern flogen umher, ein Gestöber von Bett⸗ federn bedeckten die Bäume wie Schnee. In⸗ mitten dieser Wahunstunshölle, dieses wüsten Geschreis, Gelächters und Wehklagens erwachte nun der Blutdurst. Sie hatten es zu weit ge⸗ trieben, um noch Menschen zu bleiben. Jetzt stürzten sie sich zuerst auf den Holzverschlag, in dem der Glaser Grünspuß war. Sein guter Bekannter, ein rumännischer Nachbar, rannte ihm sofort das Messer durch den Hals. Der Unglückliche versuchte zu entkommen, man er⸗ griff ihn aber, schleifte ihn auf der Erde und erschlug ihn mit Knüppeln an der Stelle, wo jetzt die vertrocknete Blutlache zu sehen ist.

Die Witwe des Ermordeten nennt den Na⸗ men des Mörders. Es ist aber freilich noch eine Frage, ob sie sich nichttrre und ob die Bluttat nicht von einem zugelaufenen Räuber, von einem Albaner aus der Türkei vollbracht wurde. Allein die Judenfrau versichert mit tiefer Ueberzeugung:Ich hielt während der Mordtat das Kind auf meinem Arm, wir sollen so leben, daß wir gute Bekannte waren. Der gute Bekannte hatte im Hause Nr. 13 den ersten Messerstich geführt.

Nach dieser Tat wurde die Sachlage klar. Das erste Todesröcheln zeigte den Juden und den Angreifern, was weiter zu erwarten sei. WieMäuse in der Falle begannen die Juden jetzt hin und her zu rasen. Einige von ihnen flüchteten zuf den Dachboden, unter ihnen Machlin, er Hausbesitzer, mit seiner Tochter, hinterbrein die Mörder. Zwei schwarze Oeff⸗ nungen umrahmt von durcheinander geworfenen Ziegeln, steht man noch auf dem Dach des Hauses Nr. 13. Als ich dort war, lag an ei⸗ ner dieser Oeffnungen eine blaue eiserne Wasch⸗ schüssel. Die Verzweiflung der bedrohten Ju⸗ den muß sehr start gewesen sein, sonst hätten ste es nicht vermocht, in wenigen Minuten ohne

Werkzeug zwei solche Breschen durch das Dach zu schlagen. In der Todesangst war es ihnen aber gelungen! Sie wollten unbedingt auf das Dach. Dort sah man das Licht der Sonne, und rings um das Haus herum waren Men⸗ schen versammelt. Der Schutzmann Nr. 148 war da, die Militärpatrouillen... es war doch heller Tag, Sonnenschein Als erste schlüpfte die Tochter aus einer Oeffnung auf das Dach; ihr folgte der Vater, aber ein Mordgeselle ergriff ihn am Bein. Vor den Augen der Menge begann ein verzweifeltes Ringen. Plötzlich ließ das erschöpfte Mädchen von dem Alten ab, 19 955 sich herab und flehte den Angreifer um das Leben ihres Vaters. Der ließ von dem Greise ab. Möge ihm ein Teil seiner Schuld verziehen sein. Drei Verfolgte waren auf dem Dache, sie erblickten abermals die Gotteswelt, den Platz, den blauen Himmel, die Sonne, den Schutzmann Nr. 148, die Milt⸗ tärpatrouillen, die auf Befehle warteten, vielleicht

auch den Geistlichen, der die Masse zu beschwich⸗

tigen suchte. Dieser Geistliche war zufälliger⸗ weise vorübergekommen und von den übrigen Juden angefleht worden, die Verfolgten zu be⸗ schützen. Er war, wie es scheint, ein guter Mensch und wußte nicht, daß es in Rußland Leute giebt, die das Recht haben, Wehrlose zu morden, ohne sich vor dem Lichte der Sonne und des Tages zu schämen. Mit christlichen Worten wandte sich der Priester an die Menze, 1100 die Augreifer bedrohten ihn, und er schlich davon.

Vor den Augen von Hunderten von Zu⸗ schauern wurden nun die drei Opfer ergriffen und vom Dache herabgeschlendert.

Das Mädchen fiel auf einen Haufen Bett⸗ federn und blieb unverletzt. Die andern ver⸗ wundeten sich bei dem Sturze. Sogleich aber fiel die Menge über sie her und ermordete sie alle drei mit eisernen Stangen. Unter wildem Gelächter bedeckten sie die Sterbenden mit Bett⸗ federn. Einige Fässer Wein wurden sogleich über sie ausgegossen, und die Bedauerns werten Machin soll noch einige Stunden gelebt ha⸗ ben erstickten in dieser schmutzigen, mit Straßenstaub, Wein und verfilztem Flaum be⸗ deckten Lache.

Als erster wurde Nissenson ermordet. Er war zuerst mit seiner Frau im Keller versteckt gewesen, flüchtete aber auf die Straße und hätte das gegenüberliegende Haus wohl noch erreichen können. drängnis geriet, machte er kehrt, um ihr beizu⸗ stehen. Vor dem Hause Nr. 7 in der Astatischen Straße wurde er niedergeschlagen. Die Menge stürzte sich auf ihn und zerrte den Schwerver⸗ wundeten in den Regenlachen hin und her. Für eine Weile trat Ruhe ein. Die Juden kamen aus ihren Häusern hervor, um Nissenson beizu⸗ stehen. Sie zogen ihn ans dem Kot, labten ihn und begannen ihn vom Schmutze zu reinigen. Nissenson lebte noch, nur Arme und Beine wa⸗ ren ihm gebrochen. Ein einzelner Exzedent verscheuchte die Juden, stürzte sich auf Nissen⸗ son, versetzte ihm mit einer Brechstange einen Hieb auf den Kopf und befreite ihn von seinen Qualen.

Erst um 5 Uhr nachmittags wurde bekannt, daß der sehnsüchtig erwartetePrikas(Befehl) endlich eingetroffen sei. Nach kaum einer Stunde war die Ruhe ohne Blutvergießen, ohne Gewalt, ohne Schuß vollkommen wiederhergestellt, der Befehl hatte genügt.

Jetzt aber sind ganze Jahre nötig, um die schmachvolle Erinnerung an diesen blutigen Tag wegzuwischen, der als ein Brandmal auf dem Gewissen derer in Kischinew lastet.

VII.

Ich fühle, wie wenig ich in dieser Skizze zu schildern vermochte. Ich wollte aber wenig⸗ stens eine einzelne Episode aus dem entmenschten Chaos, dasPogrom genannt wird, lebendig darstellen. Zu diesem Behufe benutzte ich die lebhaften Eindrücke von Augenzeugen, Eindrücke, die sicher unvergeßlich waren. Allerdings, ich benützte die Zeugenaussagen von Juden, aber es ist wenig Grund vorhanden, ihnen nicht zu glauben, die Leichen beweisen ja die Wahrheit: im Hause Nr. 13 hatte man wehrlose Menschen haufenweise hingemordet, mordete stundenlang inmitten der bevölkerten Stadt. Ist es den Juden nicht gleich, auf welche Weise ihre Väter und Brüder hingeschlachtet wurden? Warum sollten sie Einzelheiten hinzudichten?..

Die Moral davon muß jedem einleuchten, in dem sich noch ein menschliches Gefühl regt. Ist solch ein Gefühl aber wirklich bei vielen lebendig? Diese peinliche Frage taucht unwill⸗ kürlich auf, wenn man steht, was in Kischinew geschah.

Alfred Agster.

Ueber unseren Genossen Agster, von dessen tragischen Ende wir in voriger Nummer be⸗ richteten und dessen Beerdigung Mittwoch vor 8 Tagen unter großer Beteiligung in Deger⸗ loch bei Stuttgart stattfand, schrieb unser Stutt⸗ garter Parteiblatt: Agster war eine Reihe von Jahren hindurch der beliebteste Agitator unserer Partei in Württemberg. Er war ge⸗

Weil aber seine Frau in Be⸗

boren am 12. April 1858 in Ilsfeld bei Besig⸗ heim, hat also ein Alter von nahezu 46 Jahren erreicht, besuchte die Lateinschule in Wildber und Winnenden, lernte dann 1874 bis 187 Apotheker und war bis 1882 Apothekerprovisor. Dann wandte sich Agster nochmals dem Stu⸗ dium zu. Er besuchte das Gymnastum in Tü⸗ bingen und studierte in Jena und Basel Medi⸗ zin. Hierauf ging er wieder zu seinem Apo⸗ thekerberuf zurück, beschäftigte sich nun aber mit sozialpolitischen Fragen und bekannte sich bald zur Sozialdemokratie. Von 1889 ab hielt's ihn nicht mehr in der Apotheke. Er trat offen für die Sozialdemokratie ein, war bald ein vielbegehrter Redner, wurde Mitarbei⸗ ter derSchwäbischen Tagwacht, der er bis in den Sommer 1895 blieb, und erlangte in unserer Partei in Württemberg bald eine große Popularität. Von seinen schriftstellerischen Ar⸗ beiten sei hier besonders die aufsehenerregende anonyme Broschüre in der Simolin⸗Bathory⸗ Sache genannt, die die Stuttgarter Polizei und Staatsanwaltschaft in begreifliche Aufregung versetzte, aber dennoch den großen Erfolg hatte, den Genossen Geiger von der ihm zuerkannten Gefängnisstrafe zu befreien und den Hofmar⸗ schall zum Verschwinden von der Bildfläche zu zwingen. i

Bei Reichs⸗ und Landtagswahlen wurde Agster iu den verschiedensten Kreisen als Kan⸗ didat aufgestellt und überall erzielte er über⸗ raschende Erfolge. Bei der Landtagswahl 1895 blieb er in Aalen bei der Stichwahl hinter seinem ultramontanen Gegner nur um 13 Stim⸗ men zurück. Als im Frühjahr 1897 das Stutt⸗ garter Arbeitersekretariat errichtet wurde, wurde Agster zum Sekretär berufen, in welchem Amte er verblieb, bis ihn die Pforzheimer Parteige⸗ nossen 1898 zu ihrem Reichstagsabg⸗ordneten wählten. Dann stedelte er nach Pforzheim über und gründete dort ein Zigarrengeschäft, das er aber als lediger Mann, der häufig ortsabwesend sein mußte, nicht zu halten vermochte. Schon in jener Zeit machten sich krankhafte Symptome bei ihm geltend. Trotz wiederholter gründ⸗ licher Kuren war der Keim der Krankheit nicht auszutilgen. Es besteht kein Zweifel, daß er im Zustand geistiger Umnachtung Hand an sich gelegt hat.

Die württembergischen und alle deutschen Parteigenossen werden Agster nicht vergessen.

Humoristisches.

Unbegreiflich. Gatte(ur jungen Frau): Das Gulasch, das Du zubereitet hast, ist nicht zu ge⸗ nießen!' Junge Frau:... Und im Kochbuch steht doch, daß es so vorzüglich schmeckt!

Ein harter Schädel... Also ein Auto⸗ mobil ist Dir über den Kopf gegangen, Girgl? Wie lang hat denn die Heilung gedauert? Girgl:No, so a vier Woch'n is itz beim Mechaniker g'standen!

Verdächtig. Mutter:Warum willst du denn zu dem Ausflug mit Deinem Bräutigam nicht deine weiße Bluse anziehen?

Tochter:Ach, da sieht man immer gleich alle Finger drauf!

Protest. Junger Ehemann(lresigniert):Ein handgroßes Loch im Rock.... so geht's, wenn man verheiratet ist!

Frau:Bitte, das war schon drinn, wie du noch

Junggeselle warst! Fl. Bl.

Geschichtskalender.

24. Januar. 1890: Reichstag beschließt mit 166 gegen 111 Stimmen die Ewigkeitsdauer des Soz. Gesetzes.

25. 1890: Sozialisten⸗Gesetz⸗Verlängerung mit 169 gegen 69 Stimmen verworfen.

26. 1895: Wilh. II. fordert Einschreiten gegen die sozialist. Jugendliteratur. 1894: Versöhnung Bismarcks und Wilh. II.

27. 1902: Zapf, sozial. Liederdichter in Wien 7. 1897: Miquel wird geadelt. 1878: 1. Franz. Arbeiter⸗ kongreß nach der Kommune in Lyon.

28. 1898: Achtstundenkampf in England beendet. 1888: Lockspitzeltreiben im Reichstage enthüllt.

29. 1902: Sozialist. Reichstagswahlsieg in Döbeln. 1895: Untergang des DampfersElbe, 374 Tole.

30. 1903: Eisenbahnerstreik in Holland. 1649 König Karl I. von England geköpft. England Republik: