Ausgabe 
23.10.1904
 
Einzelbild herunterladen

0

». 43.

Mittel deutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

8 Verhalten derselben bei der letzten Wahl agewiesen, wo sie sich von den Antisemiten

ätten ins Bockshorn jagen lassen. Mit dem in Anspruch nehmen des Kreises Wetzlar werden sich also die Herren Burckhardt und Behrens noch etwas Zeit lassen müssen, trotz⸗ dem letzterer alle paar Wochen im Kreise herum⸗ krebst. Unsere Genossen dürfen aber auch nicht müßig sein, sondern jeder einzelne muß rührig und tüchtig arbeiten, damit wir die uns in diesem Kreise entgegenstehenden Schwierigkeiten überwinden.

* DieLesevereinigung hat vor Kurzem ihren diesjährigen Vortragszyklus mit einem Vortrage des Herrn Professor Sievers⸗ Gießen über den Kriegsschauplatz in Ostasten, eröffnet. Vor zahlreichem Publikum schilderte der Vortragende eingehend die Bodenbeschaffen⸗ heit, Klima, Bevölkerung ꝛc. der Mandschurei. Zum nächsten Vortragsabend, Donnerstag, 27. Oktober, wird der Rezitator Walkotte Gerhard HauptmannsHannele zum Vortrag bringen, den sich anzuhören wir unsern Lesern sehr empfehlen. Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß die Leitung der Lesevereinigung sich nie veranlaßt fühlt, uns von den geplanten Veranstaltungen irgend eine Mitteilung zu machen, obwohl in der Wetzlarer Arbeiterschaft dem Verein jedenfalls größeres Interesse ent⸗ gegengebracht wird, als in andern Kreisen.

h. Ein neuer Bürgermeister ist laut amt⸗ licher Bekanntmachung für die Landbürgermeistereien Atzbach Launsbach(Amtssitz Krofdorf) in der Person des Kreissekretärs Eymael aus Solingen bestellt worden. Herr Lichtenthäler scheint demnach endgültig von seinem Amte enthoben zu sein, obwohl das s. Zt. gegen ihn eingeleitete Verfahren wieder eingestellt wurde.

Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.

r. Mit der Errichtung eines städti⸗ schen Elektrizitäts⸗Werkes beschäftigte sich die am Dienstag stattgefundene Stadtverordneten⸗Sitzung. Man beschloß den Ankauf der Fendtschen sogenannten Herrenmühle nebst dem dazu gehörigen Gelände um den Preis von 150000 Mk. Die Universtät beab⸗ sichtigt aber ebenfalls die Errichtung eines eigenen Elektrizitätswerkes und hält, wie es scheint, an diesem Plane fest, denn bei der Rektor⸗Einführung am Sonn⸗ tag brachte der derzeitige Rektor zur Sprache, daß die Juftitute durch ein von der Universität zu errichtendes Elektrizitätswerk bereits im künftigen Jahre beleuchtet werden würden. Dies fand eingehende Erörterung bei den Stadtverordneten, die beschlossen, sofort die Vor⸗ arbeiten zum städtischen Elektrizitätswerk zu beginnen und die Universität hiervon in Kenntnis zu setzen.

r. Die Parteiversammlung am vorigen Sams⸗ tag war ziemlich gut besucht. Genosse Vetters⸗Gießen erstattete zunächst in einer 17¼ stündigen Rede Bericht vom Parteitag in Bremen. Die Versammlung erklärte sich mit den Beschlüssen des Parteitags einverstanden. Nachdem der Vertrauensmann die Abrechnung verlesen hatte, erfolgte die Neuwahl des Vertrauensmannes und wurde als solcher Genosse Härtling fast einstimmig wiedergewählt. Im weiteren wurden von einigen Rednern verschiedene kommunalpolitische Angelegenheiten erörtert.

r. Der Wahlverein hält nächsten Samstag, den 29. Oktober, seine Generalversammlung ab. Die Mit⸗ glieder wollen dazu zahlreich erscheinen, denn es sind bedeut⸗ same Angelegenheiten zu erledigen. Gäste sind ebenfalls willkommen. Zugleich wird ersucht, etwaige rückständige Beitrage baldigst zu begleichen. Durch den Wechsel in der Kolportage sind einige unltebsame Verzögerungen und Irr⸗ tümer vorgekommen, was die Leser entschuldigen wollen; für Abhilfe ist Sorge getragen.

r. Die Konservativen hielten am Sonntag in Marburg eine Heerschau ab. Das 25. Stiftungsfest des Konservativen Vereins in Marburg sollte gefeiert werden. Zu dieser Feier waren die Größen und Staats⸗ stützen von der konservativen Couleur erschlenen, die von der Reichstagswahl her unsere guten Bekannten sind. Man unterhielt sich über Agitation und Organtsation. Die Roten wurden in der üblichen Weise vernichtet, nur inbe⸗ zug auf Opferwilligleit und Disziplin führte man sie als Muster vor. Den Schluß bildete ein Festessen, das war wohl das Beste und die Hauptsache bei der ganzen Geschichte.

Zentrums wirtschaft.

Das Schwurgericht in Aachen hat den Rendanten der dortigen städtischen Armen⸗ verwaltung, Krueckel, wegen Unterschlagung von 70000 Mk. amtlicher Gelder zu 15 Monaten Gefängnis und fünfjähriger Unfähigkeit zur

Bekleidung eines öffentlichen Amtes verurteilt. Als strafmildernd kam in Betracht die außer⸗ ordentlich schlechte Kontrolle, wie man ste in einer Grosstadt, wie Aachen, niemals für möglich gehalten haben würde. In Aachen hat das fromme Zentrum seit Menschengedenken das Heft in der Hand.

Zweierlei Recht.

In Düssel dorf war ein Arbeiter von einem Handwerksmeister schwer mißhandelt worden. Die Mißhandlung geschah im Juni d. J. und war eine derartige, daß der Verletzte sich noch jetzt in ärztlicher Behandlung befindet und arbeitsunfähig ist. Auf die erfolgte Anzeige bei der Staatsanwaltschaft in Düsseldorf wurde ihm der Bescheid, daß kein öffentliches Interesse vorliege und er auf den Weg der Privatklage verwiesen werden müsse. Sobald dieStreikbrecherehre repariert werden muß, pflegt ein öffentliches Interesse vorzuliegen, ist aber ein organisierter Arbeiter halb tot ge⸗ prügelt worden, wird er auf den Weg der Privatklage verwiesen. Das ist dasgleiche Recht für alle.

Ein Denkmal für Georg Herwegh

wurde am Sonntag in Liestal, einem kleinen Städtchen in der Nähe Basels eingeweiht. Die zirka 3500 Mk. betragenden Kosten für dasselbe wurden fast ausschließlich von Arbeitern auf⸗ gebracht.(Das Gießener Gewerkschaftskartell hat s. Zt. ebenfalls einen Beitrag dazu be⸗ willigt.) Das Denkmal besteht aus drei Gra⸗ nitblocks. Auf dem mittleren Hauptblock erhebt sich in Marmor die Büste Herweghs, umgeben von einem Kranz, unter welchem folgende In⸗ schrift angebracht ist: Georg Herwegh 18171875

Auf beiden Seiten sind Marmortafeln an⸗ gebracht.

Auf der linken Seite ist zu lesen:

Zum Volke standst du, ohne Wanken,

Am Throne gingst du stolz vorbei,

Laß dir es noch im Tode danken,

O freies Herz, nun bist du frei.

Zu den Gestirnen wirst du schweben,

Dein Sängorname lischt nicht aus;

Und der Lebendige wird leben,

Weit über Tod und Grab hinaus! rechts:

Dem Freiheitssaͤnger und ⸗Kämpfer

In Dankbarkeit gewidmet

Von Männern der Arbeit,

Freunden der Freiheit!

Die Festrede hielt unser Genosse Seidel⸗ Zürich. Er schloß dieselbe mit den Worten: Herwegh bleibt uns ein Vorbild in der Treue zur Freiheit und zu den Idealen und in seinem Sinne leben wir, wenn wir für soziale Freiheit kämpfen. Auch der hat sich der Poeste ge⸗ weiht, der alles Volk aus Not befreit. Es sprachen weiter Prof. Fleury aus Clermont⸗ Ferrant, der Zentralpräsident der Grütlivereine, der Präsident Schmidt vom Baseler Arbeiter⸗ bund, Redakteur Amann⸗Stuttgart für die Württemberger Demokraten, ein Vertreter der italienischen Arbeiter in der Schweiz ꝛc. Musik⸗ vorträge und Männergesang schlossen die er⸗ hebende Feier.

Kleine Mitteilungen.

* In Friedberg machte am Montag Abend der 19⸗jährige Sohn einer dortigen achtbaren Familie einen Selbstmordversuch auf offener Straße, indem er sich in den Kopf schoß. Der Schwerverletzte mußte sofort in das Krankenhaus gebracht werden. Was den jungen Menschen zu der Tat veranlaßte, ist nicht bekannt.

. Wegen Blutschande, begangen an seiner 16 jährigen Tachter, wurde der Taglöhner Werth in Vilbel verhaftet.

* Bergarbeiterlos. Der Bergmann Ernst Strauß aus Burgsolms wurde am Dienstag in einer Grube zwischen Braunfels und Tiefenbach durch herabfallendes Gestein erschlagen. Erst vor kurzer Zeit erlitt der Sohn des Verunglückten auf einer Grube im Elsaß ebenfalls durch ein ähnliches Borkommnis den Tod. Auf der Zeche Dahlhausen Tiefbau wurden am Mittwoch zwei Arbeiter durch schlagende Wetter getötet.

* Bei einem Streite in Sinn(Dill) wurde ein Arbeiter durch einen Schuß tötlich verletzt. Man brachte den Verwundeten in die Gießener Klinik, doch wird an seinem Aufkommen gezweifelt.

* In Löhnberg kam die Frau ein Arbeiters mit Drillingen nieder. Mutter und Kinder befinden sich wohl. Von einemfreudigen Ereignis werden indessen die Eltern wohl kaum reden.

* Bei Rehe(Westerwald) wurde von den Arbeitern am Bau der Westerwaldquerbahn eine männliche zum Teil unbekleidete Leiche gefunden.

* Der Gerichtsvollzieher Witzel in Frank⸗ furt wurde wegen Unterschlagung verhaftet. Im Augen⸗ blick seiner Festnahme brachte er sich einige unerhebliche Verletzungen bei.

Par tei-Uachrichten.

Neu erschieneue Partei⸗Literatur. Das Protokoll vom Parteitage in Bremen ist soeben erschienen. Es gibt die Debatten in ausführlicher Weise wieder. Es enthält ferner den Bericht des Parteivor⸗ standes und der Reichstagsfraktion. Als Anhang ist dem Protokoll beigefügt eine ausführliche Wiedergabe der Verhandlungen der dritten Frauenkonferenz, die gleich⸗ falls in Bremen stattfand. Das Protokoll kostet bro⸗ schiert 70 Pfennig. 5

Ferner sind erschienen: Der Arbeiter⸗Notiz⸗ kalender für 1905 mit reichem und interessantem Inhalt. Unter anderem ist ein Aussatz:Wie man ein guter Redner wird zu erwähnen. Weiter enthält der Kalender reiches und notwendiges Adressenmatertal: Ge⸗ werbeinspektoren, Parteivorstand, gewerkschastliche Zentral⸗ vereine, Generalkommission, Landes⸗Zentralen, Inter⸗

nationale Sekretariate und Arbeiter⸗Sekretartate ce. Das

zu empfehlende Nachschlagebuch kostet wie bisher 60 Pfg. Das fünfte Heft derArbeiter⸗Gesundheitsbibliothek handelt vonAlkoholfrage und Arbeiterklasse und hat den Wiener Arzt Dr. Fröhlich zum Ver⸗ fasser. Wie die bisher erschienenen Hefte ist es einzeln käuflich und kostet 20 Pfg. Ferner ist erschienen: Führer für den Militärpflichtigen. Ent⸗ hält in leicht faßlicher Darstellung alles, was für den Militärpflichtigen zu wissen von Nutzen ist. Alle Schriften find von der Expedition unseres Blattes zu be⸗ ziehen. Neue⸗Weltkalender für 1905 sind dort ebenfalls noch zu haben.

Parteigenossen in Altenbuseck, Rödgen, Trohe und Wieseck. Laut Beschluß der Bezirks⸗ konferenz in Trohe veröffentlichen wir folgende Abrech⸗ nung von der Delegation nach Pfungstadt:

Einnahmen: Beiträge der Vereine: Wieseck Mk. 10.80, Trohe Mk. 2., Rödgen Mk. 1.30, Alten⸗Buseck Mk. 5.10; Summa Mk. 19.20.

Ausgaben: An den Delegierten Mk. 20., Porto. 26; Summa Mk. 20.26; bleibt ein Defizit von Mk. 1.06.

Der Vorstand des Volksvereins Alten⸗Buseck.

Wahlkreis Wetzlar⸗Altenkirchen.

Sonntag, den 23. Oktober, nachmittags Uhr, im Lokalezum Ritter in Gießen, Rittergasse 17

Parteiversammlung.

Tagesordnung: 1. Jahres- und Kassenbericht des Kreisvertrauensmannes. 2. Berichterstattung vom Partei⸗ tag. 3. Kreisorganisation. 4. Neuwahl des Kreis⸗ vertrauensmannes. 5. Verschiedenes.

Zahlreiches Erscheinen erwartet der

Vertrauensmann.

Versammlungskalender. Samstag, den 22. Oktober.

Gießen. Die Wahl vereins versammlung fällt aus. Montag, den 31. Oktober.

Lich. Wahlverein. Abends 8 Uhr Versammlung bei Wirt Albach. Berichterstattung über den Parteitag.

ND p ·¶·¶·¶půpůpů

Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeitung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen:

Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg.

Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg.

Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg.

Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Zentralverband deutscher Industrieller. Preis 20 Pfg.

. ˙»ͤ. ̃˙. 8 5 15