Ausgabe 
23.10.1904
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountaas⸗Zeitung.

Nr. 43.

Lob eines sozialdemokratischen Künstlers.

Vor kurzem starb in Wien der Arbeiter⸗ dichter und Komponist zahlreicher Arbeiter lieder Josef Scheu. Ueber ihn schreibt r. h. in der Frkftr. Ztg. von dort: Ein Mann wurde in Wien begraben, der selbstlos unter Mühen, von denen man sich nicht leicht einen Begriff machen kann, Tausende für die Kunst erzogen hat: Josef Scheu. Er hat als Mustiker, Lehrer, als Musikkritiker der Arbeiter⸗ zeitung viele, viele Jahre, frei von Vorurteil, allem Kliquenwesen fern, ein seltener Charakter, belehrend, aufklärend, fördernd gewirkt. Ihm ist im Leben außer der Dummheit nie ein Feind erstanden. Als man ihn aber unter ungeheurer Beteiligung der Arbeitergesangvereine und der musikalischen Proletarier Oesterreichs zu Grabe trug, haben die Kreise der sogenannten Intelligenz bewiesen, daß sie die Achtung vor ehrlicher Geistesarbeit nur heucheln. Kein einziger Wiener Schriftstellerverein und, außer dem Wiener Konzertverein, dem seine volks⸗ tümlichen Bestrebungen den rechten Weg wiesen, kein einziger der bürgerlichen Mustkvereine, keine Lehrervereinigung, auch nicht der Wiener Ton⸗ künstlerverein hatte dem Toten die letzte Ehre erwiesen. Von Schriftstellern, die nicht der Partei Josef Scheus angehören, waren nur zwei persönliche Freunde des Verstorbenen gekommen. Der Dirigent des Wiener Konzertvereins war da. Wo blieben aber die geistreichen, witzigen, fixen Kollegen, die Musikreferenten, die Stil⸗ tänzer und Lobdichter? Wo blieben die Jourua⸗ listen, die einmal für die Würde des Standes am Grabe eines schlichten, rechtschaffenen Kri⸗ tikers, den ein streng sachliches, besonnenes, freimütiges Kennerurteil auszeichnete, hätten demonstrieren können? Wo blieben die Künstler alle? Wo blieben dieechten Kunstfreunde, die jedes nichtige Jubiläum, jeden Geburtstag der Reklamebedürftigkeit umschnuppern? Weil Josef Scheu anderen politischen Grund⸗ sätzen huldigte, weil er kein Streber war, sich nicht durch die hohe Gesellschaft schlängelte, sich nicht beiJours herumziehen ließ, hat die vermeintliche Intelligenz kühl und hochmütig über ihn weggesehen. Gewiß, Josef Scheu war kein Weltname, obwohl Hundert⸗ tausende seine Arbeiterlieder singen; man las niemals in den Blättern, die die Welt bedeuten, daß Josef Scheu sich noch Karlsbad begeben habe, von Marienbad abgereist set oder in einem Abbazia⸗Hotel absteige oder unten in Bukarest ein Musikabend veranstalten wolle. Ist es aber gar nichts, die Kunstpflege in den allerbreitesten Schichten der Bevölkerung von unten zu reformieren, Tausenden und Tau senden durch schlichte, solide, gut deutsche Auf sätze und Reden die Liebe zur Kunst ein⸗ zupflanzen? Ist es gar nichts, ein Menschen⸗ leben hindurch als Kritiker öffentlich die Wahr⸗ heit, lauterste Wahrheit zu verkünden? Gewi ß bei dem Leichenbegängnisse Josef Scheus, weil er zur Arbeiterpartei gehörte, war nichts zu holen; man wird in den Chroniken nicht als anwesend verzeichnet, die geistvollen Aufschriften der Kranzschleifen werden nicht vermerkt, man kann sich kaum rühmen, dabeigewesen zu sein. Und so haben die Mitglieder der Wiener Ge⸗ sellschaft, die sich damit beschäffigen, das Banner des Idealismus, der Geisteskultur, der Volks⸗ bildung(wie diese Titel alle lauten)unent⸗ wegt hochzuhalten, beim Tode eines wahren Volksbildners, eines wahrhaft charakter⸗ 55 Schriftstellers wieder ihr Inneres auf gedeckt.

Der dumme Peter. Von Edmund Schröpel.

Nachdruck verboten. Es war ein Freitag im Volksglauben ein Unglückstag als dem neuen Groom zum erstenmale die Pflicht auferlegt wurde, Gräfin Möllenburg, eine launische und höchst reizbare Dame, zu bedienen. Er reichte ihr den Saft⸗ braten über den Kopf und war so unglücklich dabei, mit dem Teller an ihren turmähnlichen Kopfputz zu streifen.

Höchst entrüstet über diese unverzeihliche Ungeschicklichkeit warf die Gräfin ihr künstlich koloriertes Antlitz dem Verbrecher zu, ihre mit Genialität gefärbten Augenbrauen zogen sich mißbilligend zusammen und es war ein gar ungnädiger Blick, der den armen Groom traf. Dieser, ein urwüchsiger Landbursche, stand un⸗ beholfen, die riesigen, weißbehandschuhten Hände zitterten als schüttelte ihn Fieberfrost, auf dem esundheitsstrotzenden Vollmondgesicht perlte der hell Angstschweiß und er blickte mit seinen blauen, ehrlichen Augen mit solcher unsäglichen Hilflosigkeit um sich, daß jeder andere, als die stolze Dame, Mitleid und Verzeihung für den armen Jungen gehabt hätte.

Er ist aber ein Esel! schalt die Gräfin, mit der Hand nach ihrem beleidigten Haar⸗ turme greifend.

Aber Mama, wagte die vierzehnjährige Komtesse Selma, ein hochaufgeschossener Back⸗ fisch, einzuwenden,zürne doch nicht dem Bur⸗ schen; er ist heute zum erstenmale beim Ser⸗ vieren, und dann...

Ein verweisender Blick der erschreckend hageren Erzieherin brachte den vorlauten Mund des Mädchens zum Schweigen.

Wie heißt Er? fragte der Graf, eine nichts weniger als edelmännische Erscheinung, mit einem lauten Gähnen, die wasserblauen, nichtssagenden Augen mit königlicher Herab⸗ lassung auf den immer mehr außer Fassung geratenden Burschen richtend.

Peter Schulze, stammelte der Gefragte.

Welch plebejescher Name! bemerkte ver⸗ ächtlich die zürnende Gräfin, ihr riesiges, echt aristokratisches Riechorgan rümpfend.Wie konnten Sie aber auch einen solchen Lümmel in unser Haus bringen? frug sie den am Ende der Tafel unbeweglich dastehenden Haushof⸗ meister, den alten Friedrich.

Gnädigste Frau Gräfin, er ist mein Mün⸗ bel, beeilte sich dieser in untertänigster Weise zu berichten.Seine Eltern starben ihm rasch nacheinander und der Junge stand verwaist und aller Mittel bar in der großen, harten Welt. Sein Vater, ein zugrundegerichteter Landmann, war ein Jugendfreund von mir und da glaubte ich, es set meine Pflicht, für dessen Sohn zu sorgen. Und da mir der Herr Graf allergnä⸗ digst den Auftrag gab, einen Groom aufzu⸗ Rehnen dd

So beglückten Sie uns mit diesem Tölpel, unterbrach ihn die Gräfin mit ihrer spitzen Zunge.

Gnädigste Frau Gräfin, entgegnete der alte Diener ganz alteriert,wenn Sie befehlen, so werde ich noch heute den Jungen ander weitig unterbringen.

Nun, Madame, suchte der Graf, einen ängstlichen Blick auf seine mißmutige Gemahlin werfend einzuwenden.Ich glaube, der Bursche wird mit der Zeit....

Veredeln läßt sich diese Rasse nicht, Graf! unterbrach ihn die Gräfin, stch erhebend, höchst gereizt. Hierauf rauschte sie mit majestätischer Würde aus dem Speisesalon.

Ein Wink, begleitet von einem durchbohren⸗ den Blicke des Vormundes, riß den armen Peter aus seiner förmlichen Betäubung. Es fiel ihm rechtzeitig ein, daß er bei Abgang seiner Gebieterin deren Schleppe zu tragen habe. Mit einem Riesensatze sprang er auf die fortschwe⸗ bende Schleppe zu und ein Riß, ein mark⸗ erschütternder Wutschrei war im nächsten Momente zu vernehmen.

Es war haarsträubend, was der unglück⸗ selige Junge in seinem Diensteifer angerichtet hatte. Die meterlange Schleppe war arg be⸗ schädigt und die Gräfin lag auf dem persischen Teppich, selbstredend ohnmächtig. Der Graf und der vor Schreck gelähmte Hausmeister stürzten herbet, um der Gräfin Beistand zu leisten.

Und was tat der arme Peter?

In seiner Verzweiflung über das Geschehene rannte er in blinder Hast davon. Fort ging's in wildem Laufe ziellos durch das kleine Städt⸗ chen; er achtete weder auf Weg noch Steg und so geschah es, daß er unglücklich stolperte und einen schweren Armbruch erlitt. Man brachte den Verunglückten in das Haus des Doktors

Krüger, eines gutmütigen und menschenfreund⸗ lichen Arztes. Da das Städtchen über kein Krankenhaus verfügte und Peter um Gottes⸗ willen bat, ihn nicht auf das Schloß zu bringen, so behielt der Doktor den armen Jungen vor- 1 5 in seinem Hause.

o verblieb Peter unter kund iger Behand⸗ lung und sorgsamen Pflege, welch letztere ihm die Frau des Arztes, eine ebenfalls gutherzige Dame, angedeihen ließ, einige Wochen im Hause des Doktors. Weder Peters Vormund, der alte Friedrich, noch der Graf bekümmerten sich um den Patienten.

Peters Arm war geheilt und eines Morgens sagte der Doktor zu seinem Pflegling:

Mein lieber Junge, heute will ich zu Deinem Vormunde gehen und ihn befragen, was mit Dir geschehen soll.

Herr Doktor! bat Peter mit aufgehobenen Händen und reichliche Tränen flossen ihm über die Backen herab.Bringen ste mich nicht auf das Schloß zurück o hätten Sie mich lieber sterben lassen! Man wird mich dort wieder zu einem Diener machen und ich...

Willst Du denn nicht arbeiten, mein Junge? fragte der Doktor ernst.

O ja! Ich will alles tun, alles, aber nur nicht auf dem Schloß! beteuerte Peter und schauerte zusammen.

Der Doktor sagte nichts mehr und ging, aber nicht auf Schloß Möllenburg.

Bei Tisch sagte der Arzt zu seiner Frau:

Liebe Emma, unser Peter fühlt sich bei uns recht heimisch und glücklich und will von einer Trennung nichts wissen. Mich dauert der arme Junge und ich will ihn vorläufig in unserem Hause belassen. Du kannst ihn zu leichteren Hausarbeiten und ich zu Botengängen verwenden. Nicht so, mein Kind?

Frau Doktor nickte zustimmend und Peter, überglücklich über diesen Entschluß, blieb bis auf weiteres.

Zu den häuslichen Verrichtungen, die der Sorge Peters oblagen, gehörte auch die In⸗ standhaltung des Bibliothekzimmers. Peter hatte die zahlreichen Bände und Bücherschränke täglich vom Staube zu reinigen.

Eines Tages trat der Arzt unverhofft in das Bibliothekzimmer. Zu seinem nicht ge⸗ ringen Erstaunen fand er Peter in einer Ecke zusammengekauert und in einem Buche, das er auf den Knieen vor sich hatte, eifrig lesend. Es waren Uhlands Gedichte.

Lese laut, Peter, sagte der Arzt und legte seine Hand auf die Schulter des vertieften Lesers. Erschrocken fuhr dieser auf.

O verzeihen Sie, Herr Doktor! stammelte er ganz verwirrt.

Verstehst Du auch, was Du liest? fragte der Arzt freundlich und betrachtete mit großem Interesse den ungeschlachten Jungen.

Leider nicht alles, Herr Doktor! ent⸗ egnete mit einem tiefschmerzlichen Seufzer

eter.O wie glücklich müssen Sie sein, Herr Doktor, daß Sie die vielen Bücher verstehen hin lesen können, setzte er beinahe neidisch nzu.

Hättest Du Lust zum Lernen, Peter? fragte der Arzt weiter.

Ja, Herr Doktor, ich würde mich 5 preisen, wenn ich Gelegenheit hätte, viel, viel zu lernen; ich würde Tag und Nacht studieren, erwiderte Peter und sah den Doktor mit seinen ehrlichen Augen ernsthaft an.

Lieber Peter, Du machst Dir eine falsche Vorstellung vom Studieren. Was möchtest Du zum Beispiel studieren?

eter drehte das Buch verlegen zwischen den Fingern.

Ich möchte am liebsten so ein gelehrter Herr werden wie Sie, Herr Doktor.

Ach, mein lieber Junge, das denkst Du dir leichter als es ist, sagte der Doktor laͤchelnd.

Glauben Sie, Herr Doktor, daß es bei mir unmöglich ist? fragte Peter beinahe wei⸗ nerlich.

Ich meine ja nicht, daß es gerade un⸗ möglich ist, Dein wunderliches Ziel zu erreichen nichts ist schließlich dem willenskräftigen Menschen unmöglich aber Du hast so gut wie gar keine Schulbildung und dann erfordert

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