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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 43.
mag nun uber die Notwendigkeit dieses heißen Bemühens verschieden denken, das Eine aber muß zugegeben werden: die Tagungen in Bremen haben den Geist der brüderlichen Versöhnlichkeit unter sich gehabt. Sollte derselbe auch bei den unausbleiblichen Aufeinanderprallen der Meinungen bei den künftigen Verhandlungen über die in Bremen geflissentlich ignorierten Probleme standhalten, so hat Bremen allerdings in der Geschichte unserer Kongresse einen nicht geringen Rang zu beanspruchen, wenn der Preis, den es zur Erzielung dieser Wirkung zahlte, auch auf alle Fälle etwas sehr hoch war. Vorderhand aber läßt sich nur sagen: Bremen hat uns eine reiche Erbschaft hinterlassen. Unsere Aufgabe sei es, sie zu klären und zu sichten. Dr. Rob. Michels.
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Wir haben dem Artikel unseres Genossen Michels gerne Aufnahme gewährt, doch müssen wir erklären, daß wir keineswegs mit allen Aus⸗ führungen desselben einverstanden sind. Eine spezielle Jugendorganisa tion halten wir durchaus nicht für eine Lebensfrage der Partei, sind vielmehr der Meinung, daß mit der Aus⸗ breitung unserer Agitation im allgemeinen auch die Kreise der Jugend mit einbezogen werden. Auch bezüglich der antimilitaristischen Agttation
stimmen wir vielmehr den Ansichten, welche auf
dem Parteitage von Vollmar, Schöpflin, R. Fischer und anderen geäußert wurden, zu. Gegen den Kapitalismus, den Grundpfeiler des Militarismus, muß unser Kampfruf lauten! Und es ist noch lange kein Rechnen mit der Furcht vor Strafe, wenn wir bei unserem Kampfe Opfer möglichst zu verhüten suchen.
Die Redaktion.
EEE Albert Schmidt.
Wieder ist uns ein Kämpfer gefallen, den wir seit zwei Jahrzehnten in dem Vordertreffen stehen zu sehen gewohnt waren. Aus Biele⸗ feld kam am Montag die erschütternde Kunde, daß Genosse Albert Schmidt, Reichstogs⸗ abgeordneter für Calbe-⸗Aschersleben, selbst den Tod gesucht und gefunden habe. Samstag Mittag hat er sich von Bielefeld, wo er seit März dieses Jahres als Geschäfts⸗ führer des dortigen Parteiorgans tätig war, entfernt und auf offener Strecke zwischen Brack⸗ wede und Isselhorst sich unter den Köln-Ber⸗ liner Schnellzug geworfen. Erst am Samstag Abend kam die Nachricht von der bedauerlichen Tat nach Bielefeld. Er hat sie im Zustande geistiger Umnachtung begangen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese dreijährige Ge⸗ fängnisstrafe, die er erlitten hat, seinen Geist zerrüttete. Schon lange machten aufmerksame Beobachter diesbezügliche Wahrnehmungen und sagten sich, daß dieses Leben schwerlich ohne eine Katastrophe enden würde, die nun einge⸗ treten ist.
Albert Schmidt wurde am 2. März 1858 in Magdebung geboren. Von Beruf Schrift- setzer, kapitulterte er beim Militär, gab aber diese Laufbahn auf und kehrte zu seinem Ar⸗ beiterberuf zurück. Hier organisterte er sich 1883 im Verbande deutscher Buchdrucker und ein Jahr später trat er in die Reihen der Partei mit dem Erfolg, daß er schon 1886 in die Redaktion des Leipziger Parteiblattes gewählt wurde. Nach Unterdrückung des„Volksblattes“ übernahm er die Redaktion des„Beobachters“ so lange, bis die Glocke des Sozialistengesetzes auch ihm schlug und er aus Leipzig ausge⸗ wiesen wurde.
Nun begann das ruhelose Wandern von Ort zu Ort in Sachsen. Wo immer er sich niederließ, um Arbeit zu suchen, tauchte die Polizei auf und wies den Umstürzler hinaus. Schließlich fand er in einem freisinnigen Blatte in Wurzen Stellung als Druckereileiter unter der Prinzipalschaft unseres Genossen Thiele⸗ Halle, des damaligen Verlegers.
Die Poltzeihetze vermochte Albert Schmidt nicht daran zu hindern, für die Partei in ge⸗ heimer Organisations- und Agitationsarbeit zu tun, was in seinen Kräften stand. Die Ge⸗ nossen des 15. sächstschen Wahlkreises Mitweida⸗ Limbach erkoren den unermüdlichen Kämpfer daher zu ihrem Kandidaten und bei der Februar⸗ abrechnung des Jahres 1890 gelang es ihm, mit wenigen Stimmen Mehrheit in der Stich⸗ wahl den Sieg für die Partei zu erstreiten.
Um diese Zeit übernahm Schmidt die Redaktion des Parteiblattes in Burgstädt in Sachsen, die er bis Jahre 1894 führte, um dann in seiner Vaterstadt Magdeburg die Redaktion der dortigen„Volksstimme“ zu über⸗ nehmen, in welcher Stellung er bis 1899 ver⸗ blieb. Bei dieser Tatigkeit zog er sich den Prozeß wegen angeblicher Majestätsbeleidigung zu, in dem er zu drei Jahren Gefängnis ver⸗ urteilt wurde.
Den Wahlkreis Mitweida behauptete er bei der 93er Wahl für die Partei; 98 gab er ihn ab und nahm die Kandidatur für Calbe⸗Aschers⸗ leben an, er eroberte den Kreis und behauptete ihn auch bei der 98er Wahl. Das Urteil aber, das ihn für 3 Jahre hinter die Gefängnis⸗ mauern schickte, erkannte ihm auch das Reichs⸗ tagsmandat ab und bei der Nachwahl fiel der Kreis an den Nattonalliberalen Placke. 1903 stegte aber unser inzwischen wieder in die„Frei⸗ heit“ zurückgekehrte Genosse wiederum mit 20261 Stimmen im ersten Wahlgange; die Gegner erhielten zusammen 18 986. Es wird also unsererseits aller Anstrengungen bedürfen, das Mandat zu behaupten.
Albert Schmidt hinterläßt eine Witwe und vier Kinder im Alter von 22, 18, 12 und 10 Jahren. Er hinterläßt eine Partei, die ihm nicht vergißt, was er in gesunden, und die auch dessen gedenket, was er in kranken Tagen noch für ste geleistet hat.
Politische Nundschau.
Gießen, den 20. Oktober 1904.
Ein agrarisches Geständnis.
Die Sperrung der Grenzen gegen die ausländische Vieheinfuhr wird von der preußischen Regierung und den Agrariern stets als eine sanitäre Notwendigkeit hingestellt. Tatsächlich bedeuten die Grenzsperren jedoch ein Eingehen auf die unersättlichen Wünsche der Agrarier. Daß dem so ist, hat dieser Tage ein Häuptling der Agrarier, der antisemitisch⸗ agrarische Reichstagsabgeordnete Graf v. Re⸗ ventlow, Provinzialvorsitzender des Bundes der Landwirte in Schleswig-Holstein, in einer Bündlerversammlung in Hadersleben mit er⸗ frischender Deutlichkelt ausgesprochen. Wie die „Leipz. Volkszeitung“ festnagelt, sagte das Gräflein:
„Die noch leidliche Lage der Landwirt⸗ schaft in Schleswig⸗Holstein beruht auf dem Ertrage der Viehzucht. Aber nicht die Vieh⸗ zölle, die allein eine Ueberschwemmung vom Auslande her nicht verhindern können, haben das bewirkt. Vielmehr ist ein Preissturz durch veterinär⸗ und sanitätspoltzeiliche Grenz⸗ maßregeln verhindert worden. Wird das auch in Zukunft möglich sein? Die zukünf⸗ tigen Zollsätze, die auch noch vertragsmäßig heruntergesetzt werden können, genügen nicht. Ein erträglicher Preisstand ist also nur dann zu erwarten, falls obige Matzregeln einigermaßen gegen die ausländische Zufuhr schützen. Der Zoll muß so hoch, die Veterinär⸗ maßregeln müssen so streng sein, daß außer hochedlem Zuchtmaterial möglichst kein ein⸗ ziges Stück Vieh über die Grenze kommt.“
Das Entgegenkommen der Regierung den
Agrariern gegenüber hat bewirkt, daß deren Forderungen immer unverschämter werden.
Ihre Führer geben jetzt selbst schon zu, daß die bisher für die Grenzsperren angeführte Gründe Schwindel gewesen sind.
Ein sauberer Konsumvereins⸗Vernichter. Herr Professor Suchsland in Halle macht
sagen.
sich seit langem schon die Bekaupfung der Ar beitergenossenschaften und Konsumvereine zu. Aufgabe. Mit was für Mitteln er diese Art Mittelstandsrettung betreibt, dafür legte er in einer vertraulichen Besprechung Zeugnis ab, die er in Halle mit Vertretern der Rabatt- sparvereine hatte. In der geheimen Be⸗ sprechung erklärte er,„daß er diese„vertrau⸗ liche Besprechung“ einberufen habe, um münd⸗ lich unter Ausschluß der Oeffentlichkeit das zu sagen, was man durch das geschriebene Wort und im Lichte der Oeffentlichkeit nicht wohl ausdrücken lönne. Wenn man in schriftlicher r u N gar zu deutlich werde, so würde das von den Gegnern ausgeschlachtet. Er bitte daher auch darum, daß über die heu⸗ tigen Verhandlungen strengste Diskretion bewahrt werde und daß nicht etwa Mitteilungen über die geheime Versammlung und deren Er⸗ gebnisse in die Zeitungen kämen.“ Aber dieser Wunsch des Herrn Suchsland wurde nicht er⸗ füllt. Der„Konsumgenossenschaftlichen Rund⸗ schau“ wurde acht Tage nach der„Verschwörungs⸗ Versammlung“ ein förmliches Protokoll über die Ausführungen Suchslands zur Verfuͤgung ge⸗ stellt, so daß der Professor sich damit abfinden muß, daß die Zeitungen seine Herzensgeheim⸗ nisse„ausschlachten“.
Es waren in der Versammlung etwa 60 Vertreter anwesend, denen Suchsland zunächst mit den bekannten Reden von dem Ruin des Kaufmannsstandes durch die Konsumvereine graulich machte. Dann kam er auf die Mittel zur Bekämpfung der Konsumvereine zu reden und empfahl da folgendes:
„Die Bekämpfung der Konsumvereine müsse von einer andern Seite angepackt werden. Es müsse zu⸗ nächst dem großen Publikum der Glaube beigebracht werden, daß die Vorgesetzten der Konsumvereine das in sie gesetzte Vertrauen mißbrauchen und in der schlimmsten Weise die Mitglieder bemogeln. Oeffent⸗ lich dürfe man so etwas allerdings nicht Wie gesagt, beweisen könne man es ja nicht, aber Tatsache sei es, daß von allen Vorstands⸗ mitgliedern gemogelt werde, und nicht nur von den Vorstandsmitgliedern, sondern auch von den Lager- gelte rn.
Einen Beweis für seine elenden Verleum⸗ dungen konnte der biedere Mittelstandsretter natürlich nicht erbringen. Vielmehr fügte er diesen Lügen noch die weitere hinzu:
„Man könne es zwar nicht beweisen, aber
man dürfe auch ohne Beweis an⸗ nehmen, daß die Konsumvereine die Quellen seien, aus denen das Geld für die Partei⸗ kasse fließe. Hunderttausende von Mark würden jährlich von den Konsumvereinen direkt und indirekt der sozialdemokratischen Partei⸗ kasse zugewendet. Das sei es, was man den Regierungen sagen müsse, und dann seien diese auch bereit, gegen die Konsumvereine energisch Front zu machen.“ N n
Man muß sich wirklich über die Kühnheit wundern, mit der ein Mensch, der sich auch noch Professor nennt, derartige freche und gemeine Lügen in die Welt setzt.
Ueber die Ursachen des Herero⸗Aufstandes veröffentlicht in einer in Kapstadt erscheinenden englischen Zeitung Baron v. Nettelbladt einen Artikel. Darin heißt es nach der Uever⸗ setzung des Berliner Tageblattes: Es sei jetzt klar, daß die Unzufriedenheit der Hereros ihre Wurzel hauptsächlich in der willkürlichen Art hatte, mit welcher die dentscheegter⸗ ung die Bestimmungen des dans at den Hererohäuptlingen miß achten. entagsmäßig sei die deutsche Regierung very e Lespesen, die Hereros gegen Ueberfällen Hontentotten zu schützen, sie in ihren en. and Lewohn⸗ heiten nicht zu stören, unn ot allen Dingen keine Steuern aufen Alle
diese Bedingungen s eien ochen worden. Eine Wagen keesteuer sei den Hereros auferlegt n en. gütten⸗ steuer und die Einteilung d Jerero⸗ landes in Distrikte und Ein. servate sei beabsichtigt gewesenn.„„„stand⸗ punkte“, erklärt Baron v. ett“ bortlich,
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