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Nr. 43.* Gießen, den 23. Oktober 1904. 11. Jahrgang Redaktion: 2 Wedakttousschluz: Girchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Domunerstag Kachun 4 Uh
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Bremer Erbschaften.
(EKritische Streiflichter.) g
Der Bremenser Parteitag trug den sichtbarsten Stempel der Vorsicht, ja, einer gewissen Aengst⸗ lichkeit. Allen neuen Problemen, die sich dem politischen Leben der deutschen Sozialdemokratie stellen, hat er beide Hände zur Abwehr ent⸗ gegengehalten, als fürchtete er ihnen klar ins Auge zu schauen. Seine Parole lautete: auf⸗ schieben! So ward denn kaum für eine der auf ihm angeregten Fragen eine auch nur halb⸗ wegs endgültige Lösung gefunden. Daß der Fall Schippel nicht beendet, sondern nur ver⸗ längert wurde, soll ihm in Anbetracht der Kompliziertheit der in Frage kommenden Um⸗ stände nicht einmal angerechnet werden. Die vorgeschlagene Lösung zur Frage der Jugend⸗ agitation aber verwarf er mit parlamentaristisch⸗ opportunistischen Motiven(wie sollen wir dem Minister, von dem wir doch verlangen, daß unsere Söhne im Heere gleiche Behandlung mit denen der anderen zu erfahren haben, unter die Angen treten, wenn wir nicht be⸗ ginnen wollten, die Rekruten über ihre wahren Menschen⸗ und Bürger⸗Pflichten aufzuklären?) und mit seltenem Mißverständnis der Sache selbst(man müsse die Einheit des Prinzips wahren und dürfe für die Jugend keine anderen Grundsätze haben, als für die Alten!). Wenn wir aber dem Kriegsminister nur unter der Bedingung unsere Forderungen um gerechte Behandlung unserer Söhne unterbreiten können, daß wir deshalb darauf verzichten, unsere Söhne im Heere zu Sozialdemokraten zu erziehen, dann wäre doch wohl der Schluß richtiger, auf unsere kriegsministeriellen Forderungen, als der, auf die Agitationen unter den jungen Leuten zu ver⸗ zichten! Eine Gründung sozialistischer Jugend⸗ vereine aber bedeutet keine Zweiteilung des Prinzips, sondern eine Zweiteilung nach Alters⸗ klassen zwecks Agitation unter beiden nach den⸗ selben Grundsätzen. Der Parteitag jedoch hat, als er die vorgeschlagene Art der Jugender⸗ ziehung mit fast fanatischem Ingrimm verwarf, nichts an ihre Stelle zu setzen versucht, es sei denn, daß man die ausgesprochene Ansicht, die soztaldemokratischen Eltern erzögen ihre Kinder „von selbst“, für eine solche gelten lassen wolle. Und doch ist eine Organisation der Arbeiler⸗ jugend geradezu eine Lebensfrage für die Partei, nicht wie man annimmt, um einige Monate vor der Einziehung der Rekruten zum Heere die jungen Leute noch schnell mit antimili⸗ tärischen Phrasen zu füttern, die dann unver⸗ daut im Magen herumrumoren und ihnen schwere Beschwerden verursachen könnten, sondern um ihnen jahrelang, etwa vom 16. Jahre ab, jene sozialistische Erziehung zuteil werden zu lassen, die den jungen Menschen erst zur Würde des Kulturmenschen zu erheben vermag. Tiefer und grünblicher noch als es heute bei den Alten der Fall ist, müssen die jungen Leute— die heute durchweg von aller ihrem Alter und ihren Sonderbedürfnissen angepaßten Agitation unbe⸗ rückstchtigt bleiben— in die Grundanschauung des Sozialismus eingeführt, zu zielbewußten, klaren und opferfreudigen Männern erzogen werden. Natürlich müßte die Ueberzeugung von der Kultur⸗ widrigkeit des Militarismus einer der Grund⸗ pfähle dieser Jugenderziehung sein. Das Heer ist ein Grunbpfeiler des Kapitalismus und
bewußt sozialistischer Elemente in dasselbe kann es für seinen Zweck als Klassenunterdrückungs⸗ instrument und Entwicklungshindernis untaug⸗ lich gemacht werden, eine Aufgabe, die in Deutsch⸗ land desto dringlicher ist, als hier in den herr⸗ krophise Kreisen die Vorliebe für eine kata⸗ trophische„Lösung“ der sozialen Frage auf dem Wege der Kanone immer mehr an Boden gewinnt. Dieses Ueberwiegen bewußt sozia⸗ listischer Elemente kommt jedoch nicht von selbst. Dazu bedarf es jahrelanger, praktischer, hin⸗ gebungsvoller Arbeit, und zwar nicht nur, wie jetzt, unter den„Reserveleuten“, sondern unter denen, die erst zu den Fahnen gerufen werden sollen, also das stehende Heer ausmachen. Sollte dabei der eine oder der andere wirklich einmal von der Klassenjustiz schwer getroffen werden, was macht es? Eine Kulturbewegung, die mit der Furcht vor Strafe rechnet, hat auf⸗ gehört, eine solche zu sein. Auch heute bringt uns unsere Ueberzeugung jährlich viele hunderte von Jahren Gefängnis ein, un) oft wahrlich um sehr viel geringfügigere Dinge als wie es unsere Arbeit sein würde, die Militärhypnose zu brechen und auf alle Fälle zu verhindern, daß unsere Söhne auf Kommando, Vater und Mutter niederschießen. Und dann bedenke man eines, wenn es unter uns vielleicht auch befremd⸗ lich klingen mag: Im Heere besteht ein großer Fonds von Aufopferungstreue und eiserner Pflichterfüllung. Daß dieser Fonds nicht zu edlen, sondern, wie es uns scheinen will, zu volks⸗ und kulturfeindlichen Zwecken angewandt wird, kommt hier nicht in Betracht. Worauf es ankommt, ist der zweifellos gute Glaube, der, wenn auch mißleitete, gute Wille, dem Vaterland und seinem Wohlergehen treu, und, wenn es sein muß, auf Kosten der eigenen Person zu dienen. An dieser Tatsache dürfen uns auch die Soldatenmißhandlungen nicht trremachen. Neben dem Leutnant Schwere⸗ nöter, dem Hauptmann Streber und dem Sergeant Menschenschinder steht der Haupt⸗ mann— Menschenfreund und der Sergeant — Herzensgüte. Mißverkennen wir es nicht: Nur durch ein Aufgebot noch gefestigterer Ueberzeugung, noch mannhafteren Eintretens für das gesteckte Ziel und noch gewaltigeren Opfersinns, als sie dem Gegner zu Gebote stehen, können Geistesstege errungen werden.
Nur um einige schwache Schattierungen besser als der Frage der Jugendorganisation erging es in Bremen einer anderen Frage von erster Parteiwichtigkeit, dem Generalstreik. Gerade in einem Lande wie Deutschland, wo das bestehende Reichstagswahlrecht, dieses einzige Fetzchen von Volksfreiheit, das in ihm vor⸗ handen, jeden Tag bedroht wird und jeden Tag beseitigt werden kann, hat eine proletarische Partet die heilige Pflicht sich beizeiten auf das ernsthafteste aller der Mittel zu besinnen, mit welchem ste einer weiteren Verkümmerung ihrer menschlichen Rechte entgegentreten kann. Und es ist eine schwere Unterlassungssünde, daß der Bremenser Parteitag die Frage des General- streiks als politischen Massenstreik so gut wie unerörtert gelassen hat. Allerdings war die überaus große Mehrzahl des Parteitags der Anwendung dieser Waffe im Klassenkampf so ungünstig wie nur möglich gestimmt, ohne daß man freilich den Eindruck gewianen könnte, daß
nur durch das Eindringen und Ueberwiegen
ste sich auch nur einigermaßen eingehend mit dieser Frage beschäftigt hätte. Besonders kraß trat die e Gegnerschaft zum Gene⸗ ralstreik bei Gelegenheit der Glückwunschreso⸗ lution zutage, welche ich mit dem Genossen Kautzky zur Bekräftigung internationaler Soli⸗ darität an die Adresse der italienischen Genossen ob ihres soeben siegreich durchgefochtenen Massen⸗ streikes gesandt haben wollte. Obgleich dieser durch den Generalstreik errungene Sieg eine historische Tatsache und als solche weder abzuleugnen noch auszulöschen ist, wurde die Resolutioa dennoch von verschiedenen Seiten beanstandet, sodaß wir aus Liebe zum Frieden gezwungen waren, die Worte politischer Massenstreik aus der Reso⸗ luttion wieder herauszustreichen. Es ist wirklich beinahe so, als ob es in unseren Reihen als ein parteiwidriges Vergehen angesehen würde, wenn anderswo ein Generalstreik einmal glücklich ausläuft. Als ob proletarische Siege nur mit konzessionierten Mitteln durchgefochten werden dürften!! Die Gegner unserer Resolution in ihrer alten Form meinten, dieselbe liefe auf die Entfesselung einer Debatte über den General⸗ streik heraus. Diese Entschuldigung ihrer Gegner⸗ schaft kommt aber eben der Ansicht gleich, daß man zu stegreichen Generalstreiks fremder Ge⸗ nossen erst dann debattelos gratulieren dürfe, wenn der Generalstreik unter uns seine par⸗ teiofftzielle Anerkennung gefunden habe.
Man hat ja auch behaupten wollen, eine Beratung des Generalstreiks sei schon aus dem Grunde unnötig, weil im Falle der Gefahr die leitenden Stellen unserer Partei schon wissen würden, was zu tun sei. Das klingt ungeheuer stolz und macht auf Leute, die an dem Klang der Worte haften bleiben, großen Eindruck, ver⸗ rät aber nichtsdestoweniger eine Art von reli⸗ giösem Gottvertrauen, welches eine Partei moderner Wissenschaft nicht sich zu eigen machen darf. Nicht durch ein im gegebenen Moment angeblich schon von selbst— auf göttliche Eingebung etwa?— kommendes Entscheidungs⸗ vermögen, sondern um durch eine zwar im Moment angewandte, aber nur durch ein vor⸗ hergegangenes lang s und gründliches Studium des Problems gewonnene Klarheit kann eine Erkenntnis reifen. Daher ist es unumgänglich notwendig, daß über ein so tief eingreifendes und von auswärtigen Genossen bereits in so wirksamer Weise zur Ausführung gebrachtes Mittel, wie es der Generalstreik ist, die Mei⸗ nungen bei Zeiten sich klären. Eine Klärung aber kann nur durch gründliche Diskussion und vorhergegangene alle Seiten ernsthaft erwägende Beschäftigung mit ber Frage erreicht werden. Nicht das soll durch Kongreßbeschluß festgelegt werden, daß der Generalstreik im Falle der Abänderung des Wahlrechts als Normalwaffe anzuwenden sei, sondern die Frage soll, und zwar m. E. in bejahendem Sinne, zu lösen sein, ob, was heute noch vielfach bestritten wird, der Generalstreik überhaupt in die Waffenkammer des politisch organisierten Proletariats hinein⸗ gehöre. Das wichtigste ist, zumal für ein so schwerfälliges Volk, wie wir Deutschen es nun einmal sind, die Befreundung mit dem Gedanken.
Das Ausweichen vor wichtigen Problemen in Bremen, und wir haben deren hier nur einige nennen können, war die Folge des Parteitags von Dresden, die Vernichtung des Dresdener Eindrucks der erste Bremer Daseinszweck. Man


