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Seite 6.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 21
18 Unterhaltungs-Ceil. 1 —ů—
Ein Herz— Ein Geist.
Immer noch brütet die alte Nacht Grauenvoll über den Völkern der Erde,
Aber schon seh ich rotlodernd entfacht Flammen des Geistes auf ewigem Herde. Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit Jubelt die neugeborene Trias!
Freu Dich, mein Herz, denn die goldene Zeit Dämmert und predigen wird der Messias:
Lebt in Frieden und baut Euer Zelt,
Viel, ach, müßt ihr noch lerren und lernen; Ein Herz schlägt durch die ganze Welt:
Ein Geist flutet von Sternen zu Sternen, Ruft drum als Losung von Land zu Land. Eins sei die Menschheit von Zone zu Zone! Erst wenn sie staunend sich selbst erkannt, Dann erst ist sie der Schöpfung Krone!
Arno Holz.
Einst und jetzt.
Zwei Redakteure des„Vorwärts“ haben den 1. Mai im Kerker„gefeiert“. Als sie in die Strafanstalt Tegel abgingen, wurde ihnen beim Abschied von den Parteigenossen der brü⸗ derliche Wunsch mit auf den Weg gegeben, sie möchten„die harte Strafe ohne allzu großen Schaden an ihrer Gesundheit überstehen“.
Dieser Wunsch gibt zu denken und beleuchtet die Entwicklung nach rückwärts, die sich in der Art des Strafvollzugs bei uns geltend gemacht hat.
Es ist deshalb vielleicht nicht uninteressant, einmal darauf zurückzukommen, wie vor 30 Jahren die„Preßverbrecher“ behandelt wurden und was ich speziell im Bezirksgefängnis zu Leipzig damals erfahren habe.
Wegen„Beleidigung des preußischeu Staats⸗ ministeriums“, begangen durch einen aus der „Frankfurter den ud im„Leipziger Volks⸗ staat“ abgedruckten und mit allerdings für die preußischen Minister nicht schmeichelhaften Be⸗ merkungen versehenen Artikel, war ich 1874 in Leipzig zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Gleich darauf wurden der Parteige⸗ nosse Hadlich, der vor einiger Zeit in Nord⸗ amerika verstorben ist, und ich wegen der Re⸗ den angeklagt, die wir in einer Versammlung auf dem Thonberge gehalten hatten. Mir wurden noch 14 Tage Gefängnis zudiktiert, Hadlich ging frei aus. Damals bestand in der ersten Instanz in Sachsen noch der Einzelrich⸗ ter, und der damalige Assessor Dr. Händel sagte, nachdem er mich über meine Rede ver⸗ hört, beim nächsten Termin mit hohem Ernste zu mir:„ich habe Sie zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt.“— Erst wenn man gegen das Ur⸗ teil des Einzelrichters appellierte, gab es eine öffentliche Verhandlung. Ich beruhigte mich aber bei dem Urteil des Einzelrichters, denn ich war froh, daß ich über meine Rede nicht härter bestraft wurde.
Als ich meine Haft im Bezirksgerichtsge⸗ fängnis an der Petersstraße antrat, war ich schwer lungenleidend. Ich hatte einen bösen Husten mit Blutauswurf; die Aerzte, namentlich der dicke alte Bock, hatten mich auf⸗ gegeben, und die Freunde erwarteten meinen Tod alle Tage.„Der klappt wie ein Taschen⸗ messer zusammen“, hatte Liebknecht achselzuckend gesagt, als ich ihn in der Festungshaft auf Hubertusburg besucht hatte. Ich selbst hielt mein Leben auch für abgeschlossen.
Mau wies mir eine kleine Zelle im ersten Stockwerk an, etwa 7 Schritte lang und vier Schritte breit. Das sehr kleine vergitterte Fenster war ganz hoch oben angebracht und außen mit einer Klappe versehen, so daß ich nur ein winziges Streifchen vom Himmel er⸗ blicken konnte. Ich verbrachte eine schreckliche
Nacht auf dem Strohsack. Am andern Morgen wurden die Türen der Zellen aufgesperrt, und ein mephitischer Dunst erfüllte das ganze Ge⸗ bäude. Zwei Wärter gingen mit Waschwasser von einer Zelle zur andern, und man sollte sich mit, dem einzigen Handtuch abtrocknen, das sie mit sich führten und das schon ein Dutzend Sträflinge benutzt hatten. Ein wilder Grimm ob solch unwürdiger Behandluag stieg in mir auf, aber ich bezwang mich und be⸗ schloß, vorsichtig vorzugehen.
Als der Direktor— vielleicht hieß er auch Inspektor, sein Name fing mit D an— bei mir erschien, teilte ich ihm mit, daß ich mich selbst beköstigen wolle. Das war damals den politischen Gefangenen ohne weiteres ver⸗ stattet. Die Speisen bezog man aus der Küche des Direktors oder Inspektors, dem dadurch eine willkommene Einnahme erwuchs. D. war übrigens ein recht wohlwollender Mann, der mich sehr milde behandelte. Als ich eine bessere Zelle verlangte und mich über das gemeinsame Handtuch beschwerte, zog er den Gefängnisarzt Dr. S. hinzu. Dieser schien mir weniger wohl⸗ wollend zu sein. Indessen wurde meinen Wün⸗ schen Folge gegeben, und ich wurde nach einigen Tagen aus der scheußlichen Zelle befreit. In den benesicen Nächten hatte ich das Klopfen, mit dem sich die Gefangenen verständigen, rasch erlernt und hatte mich mit einer neben mir sitzenden Dame, die das Mein und Dein ein wenig verwechselt, gut unterhalten.
Herr D. brachte mich in ein helles geräu⸗ miges Zimmer mit hohen, aber vergitterten Fenstern, aus denen man in den botanischen Garten sehen konnte. Das Bett stand in einem Alkoven. Man teilte mir mit, daß in diesem Zimmer nach einem alten Brauch Ehepaare, die sich scheiden lassen wollten, zusammenge⸗ sperrt worden wären, um so einen letzten Ver⸗ such zu machen, ob sie sich nicht wieder ver⸗ tragen könnten.
Die Beköstigung, die jeder Gefangene er⸗ hielt, war der Volksküche eutnommen und gar nicht schlecht; man konnte sich aber auch vom Direktor Speisemarken entnehmen und bekam dann aus dessen Küche die Gerichte geliefert, die auf seinen eigenen Tisch kamen. Ich be⸗ köstigte mich selbst, verschuähte aber auch häufig die Volksküchenkost nicht. Herr D. kam viel zu mir, und wir hatten allerlei anregende Ge⸗ spräche; namentlich erzählte er viel aus der Repolutionszeit.
Jeden Tag konnte ich mich in dem großen, dem Direktor überwiesenen Garten hinter dem Gefängnis ergehen, was mir, da es Sommer war, sehr gut tat. Mein Gesundheitszustand, der sich in der engen, dumpfen Zelle sofort verschlimmert hatte, schien sich ein wenig zu bessern; die Schmerzen in den Lungenspitzen ließen nach, und der Blutauswurf wurde ge⸗ ringer. Dazu durfte ich jede Woche zwei⸗ mal ausgehen— ja, höret und staunet, liebe Mit, verbrecher“— ich konnte das Ge⸗ fängnis auf einen halben Tag verlassen und hingehen, wohin ich wollte, nur mußte ich zu einer bestimmten Zeit wieder zurück sein. Be⸗ hufs Ausgehens hatte ich mich beim Unter⸗ suchungsrichter Dr. Händel zu melden; dieser gab mir dann einen Gerichts diener in Zivil mit, der mich zu begleiten und zu beaufsichtigen hatte. Man konnte sich dieser Aufsicht unschwer entziehen, doch will ich aus Gründen, die jeder⸗ mann verstehen wird, es unterlassen, hierüber nähere Angaben zu machen.
Auf meinen Ausgängen traf ich oft fröh— liche Gesellschaft, und ich erinnere mich, daß ich als Gefangener in der Gosenschenke von Cajeri an der Promenade mit Freunden, die mir auch meine Schwester mitgebracht hatten, fröhlich gekneipt habe. Mein Schwesterlein vergoß freilich einige Tränen, als ich wieder in den Kerker mußte.
Arbeiten konnte ich, was ich wollte; ich be⸗ kam auch das sozialdemokratische Blatt und andere Blätter. Ich las sehr viel und schrieb zwei Broschüren. Meine Gesundheit hob sich bei diesem ruhigen, soliden und beschaulichen Leben, und ich glaube, daß ich zum Teil dieser Haft meine Genesung verdanke.
Als ich noch etwa 6 Wochen abzumachen 4
hatte, kam Liebknecht aus seiner Festungshaft von Hubertusburg. Er wollte sich noch einige Zeit erholen und kam zu mir mit der Bitte, ich möge im Gefängnis die laufenden Redak⸗ tionsarbeiten für den„Volksstaat“ machen, die⸗ sonst ihm zufielen. Ich übernahm es gern, und Liebknecht kam jeden Tag zu mir. In dem Pack Zeitungen, den er mir mitbrachte, steckten die zu bearbeitenden Manuskripte. Beim nächsten Besuch gab ich Liebknecht die Zeitungen zurück, in welche die bearbeiteten und die von mir ge⸗ lieferten Manuskripte gewickelt waren. So habe ich den größten Teil der Redaktions- arbeiten für den„Volksstaat“ 6 Wo⸗
chen hindurch vom Gefängnis aus be⸗
sorgt.
Als ich das Gefängnis verließ, wurde ich an dessen Pforte von Karl Marx, von dessen Tochter Eleonor und von Liebknecht empfangen, wie ich schon einmal erzählt habe.
Bald nach dieser Zeit bewirkte Bismarck
die bekannten Verschärfungen des Strafvollzugs bei den Regierungen der Einzelstaaten. Die „Preßverbrecher“ sollten ihre Sünden schwerer büßen und es nicht„so bequem“ haben, war seine offen ausgesprochene Absicht dabei.
Daß man in Deutschland noch kein einheit⸗ liches und zeitgemäßes Strafvollzugsgesetz hat zustande bringen können, ist traurig; noch be⸗ dauerlicher aber ist der Rückschritt, der in bezug auf die Behandlung der politischen Ge⸗ fangenen seit dreißig Jahren gemacht worden ist.
Wilhelm Blos in der„Leipz. Volksztg.“.
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Die Todfeinde. Von P. Schl.
Todfeinde! Ein schreckliches Wort! Welch tiefer Haß und Erbitterung muß in zwei Menschen⸗ herzen wohnen, wenn diese Bezeichnung für die gegenseitige Feindschaft angewandt werden kann und welch bedeutendes Ereignis muß da ein⸗ treten, um zwei Todfeinde wieder zu versöhnen!
Es war in meiner Jugendzeit, Anfang der achziger Jahre, als mein Vater, ein Kaufmann mit gutgehendem Geschäft in einem Vorort der Großstadt, mit dem seit langer Zett in intimer Freundschaft lebenden Nachbarn wegen uns Kindern in ein etwas gespanntes Verhältnis geriet, das sich dann immer mehr zuspitzte und das bei Gelegenheit einer baulichen Aenderung auf dem Grundstücke meines Vaters, dem der Nachbar Schwierigkeiten entgegensetzte, durch einen Zivilprozeß zum Ausbruch größter Feind⸗ schaft kam. Damit war auch die Freundschaft zwischen mir und dem gleichalterigen Knaben des Nachbarn zu Ende, obwohl wir Jungens von der ganzen Geschichte nichts verstanden und das Sprichwort zur Wahrheit machte: Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Wir befehdeten uns auf Kinderart, rauften und schlugen uns alle Tage, verklamperten uns gegenseitig beim Lehrer und so wuchsen wir auf. Die Prozesse zwischen unseren Eltern wurden immer wieder von neuem angefangen und die Feindschaft war durch den Konkurs des Hand⸗ werksmeisters, der durch Unterliegen in den jahrelangen, ungeheuer kostspieligen Prozessen auf den Hund gekommen war, zum tödlichen
aß angewachsen und so auch bei uns Jungen.
eine Mutter starb und zur Fortführung des. Geschäfts war mein Vater gezwungen, wieder zu heiraten, hatte aber dabei Unglück und das Ende war ein Ehescheidungsprozeß und bald darauf auch der geschäftliche Ruin.
Wir beide waren nun Proletarierkinder, kamen in die Lehre und blieben— Todfeinde. Die inzwischen Studenten gewordenen früheren Spielkameraden kannten uns nicht mehr, d. h. ste wollten uns nicht mehr kennen und die Erinnerung an unsere schöne Ju zendzeit, wo Papa noch ein großes Portemonaie und ein Haus hatte, entfachte unseren gegenseitigen Haß immer wieder aufs hellste.
Mein Vater starb und mit dem Ränzchen
auf dem Rücken wanderte ich in die Fremde.
Es vergingen Jahre. Von meiner Heimat hörte
ich wenig mehr und ich lernte die moderne
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