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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeilung.
Nr. 21.
lich 3,30 Mk. wöchentlich und mußte dabet noch ver⸗ schiedene Zutaten stellen! Noch trauriger sind die Ver⸗ hältnisse in der Blumen⸗ und Federn fabrikation. Hier führte der Redner haarsträubende Einzelheiten an; es ist gar nichts seltenes, daß ganze Familien 5 und 4 Mk. in 14 Tagen bei angestrengtester Tätigkeit verdienen. Nicht viel besser sieht es iu der Hand⸗ schuhfabrikation aus. Bei einer 13—14stün⸗ diger Arbeitszeit verdient eine geschickte Näherin in Arnoldshain i. Taunus 90 Pfg. bis 1 Mk.— In der Tabakindustrie war die Heimarbeit von jeher stark in Uebung, hat sich aber in der letzten Zeit noch mehr ausgebreitet. Auch hier herrschen die er⸗ bärmlichsten Löhne, schlechteste Wohnungsverhältnisse be⸗ stehen und ziehen Krankheiten nach sich. Hier zeigt sich, daß die Heimarbeiter bei längerer Arbeitszeit weniger verdienen, als die Fabrikarbeiter. Das kommt daher, weil die Heimarbeiter das schlechtere Rohmaterial be⸗ kommen. Kleiderkonfektion wird viel im Taunus und Vogelsberg betrieben. Da wird für 23 und 26 Pfennige die Arbeit gemacht! In Aschaffenburg nehmen die Hausbesitzer keine Schneider mehr in die Wohnungen weil sie die Miete nicht bezahlen können. Das Essen der Konfektionsarbeiter besteht fast nur aus Kartoffeln und Kaffee. Diese Speisekarte erleidet auch in der „guten“ Zeit keine Veränderung, weil da keine Zeit zum Kochen vorhanden ist! Fast den ganzen Tag wäl⸗ zen sich die Kinder im Bette herum, für ihre Wartung und Pflege ist keine Zeit. Das ist das„Familienglück“. Krankheiten aller Art, besonders Tuberkulose sind die unausbleibliche Folge und finden durch die Kleider weiteste Verbreitung. So wurden durch die beiden Referenten und dann auch in der Diskusston die ungeheuerlichsten wirtschaft⸗ lichen und sozialen Mißstände bloßgelegt. Von allen Seiten brachte man riesiges Material bei und betonte die Notwendigkeit gesetzlichen Eingreifens. Der zweite Referent, Prof. Dr. Sommerfel d⸗Berlin beleuchtete die Schäden der Heimarbeit vom ärztlichen Standpunkte und brachte zwingende Beweise für die größere Ver⸗ breitung der ansteckenden Krankheiten durch die Heim⸗ arbeit. Es gelangte schließlich eine Resolution zur Annahme, worin die einzelnen, an die Gesetzgebung zu stellenden Forderungen aufgezählt werden. Mit dem Kongreß war eine reichhaltige Ausstellung von Erzeugnissen der Heimarbeit verbunden, die eine zwar stumme, aber deshalb nicht minder eindringliche und verständliche Sprache von dem Elend der Heimarbeit redete. Diese Ausstellung bildete eine äußerst lehrreiche Ergänzung zu den Verhandlungen des Kongresses, sie zeigt durch sichtbare Tatsachen, wie sehr die Forderung: Schutz den Heimarbeiternl begründet ist. ——————ͤ—„— von Nah und Fern. Hessisches. — Die Aussichten der Wahlrechts⸗ vorlage sind immer ungünstiger geworden, es ist äußerst fraglich, ob sich in der Zweiten Kammer die nötige Zweidrittelmehrheit dafür finden wird, es wird sogar vielfach die Mein⸗ ung ausgesprochen, daß die Wahlreform so gut wie gescheitert sei. Die Wählerschaft im ganzen Lande war und ist einmütig in der Verurteilung des verrotteten indirekten Wahl⸗ systems und die meisten Abgeordneten auch der antisemitischen und nvationalliberalen Partei versprachen in ihren Kandidatenreden, für seine Beseitigung eintreten zu wollen. Jetzt bietet nicht nur der Wormser Lederkönig Heyl alles auf, um die Wahlreform zu vereiteln, sondern auch die Hirschel und Köhler, die sich gerne ein volkstümliches Mäntelchen umhängen, suchen die Vorlage unter allerhand nichtigen Vor⸗ wänden zu Falle zu bringen. Die ländlichen Wähler über das Verhalten dieser„Volksver⸗ treters“ aufzuklären, wird unsere Aufgabe sein. Allerdings haben die indirekten Wahlrechtsfeinde den Entwurf so zurechtgestutzt, daß wir, wenn er abgelehnt wird, nicht viel verlieren, immer⸗ hin bedeutete die Einführung der direkten Wahl einen kleinen Fortschritt.— Die oberhessischen Abgeordneten waren am Dienstag wegen Ein⸗ teilung der Wahlkreise zusammen, konnten sich aber nicht einigen. Köhler verlangte, daß den städtischen Wahlbezirken Gießen und Friedberg noch einige Landgemeinden zugeteilt würden, dem Gutfleisch widersprach.— Dienstag trat der Wahlausschuß zusammen und regelte die Einteilung der oberhessischen Kreise. Gießener Angelegenheiten. — Feiertage! Das Wort löst auch bei dem abgerackerten Arbeitssklaven freudige Gefühle aus, obwohl er nicht in der Lage ist,
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ich viel Genüsse bieten zu können. Wenigstens ist er ein paar Tage frei und kann die herr⸗ liche Natur im prangenden Frühlingsschmuck bewundern und genießen. Darum hinaus ins Freie mit Kind und Kegel! Nicht zu Hause geblieben, weil etwa die Festtags⸗Garderobe zu wünschen übrig läßt. Welche Frende gewährt es den Kindern, wenn ste sich ein paar Stunden im Walde tummeln können!— Von unsern Vereinen und Organisationen sind größere Ver⸗ anstaltungen für die Pfingstfeiertage nicht vor⸗ gesehen, nur die„Freie Turnerschaft“ hat für den zweiten Feiertag nachmittags auf der Pulvermühle eine gemütliche Zusammenkunft vorgesehen. Am gleichen Tage 3 Uhr gehen die Holzarbeiter ab Wiener Hof nach Heuchelheim und treffen sich dort in Wirtschaft Volkmann.— Die Veranstaltungen anläßlich des hier über Pfingsten stattfindenden„nationalen“ Gesangs⸗ Wettstreites dürften von Arbeitern wegen der damit verbundenen großen Kosten weniger frequentiert werden. Uebrigens hat auf viele Arbeiter die ganze Art, wie dieses Sängerfest in die Wege geleitet wurde, unsympathisch ge⸗ wirkt. Nun, wir wünschen allen und besonders unsern Freunden und Genossen gutes Wetter und fröhliche Pfingsten!
— Ueber die„unparteiische“ Presse sagte das„Dresdener Journal“, das amtliche Organ der sächsischen Regierung, kürzlich in einem Leitartikel Folgendes:
„... Darunter gehören in gewisser Be⸗ ziehung auch die unparteiischen, parteilosen oder unpolitischen Zeitungen, denn diese stumpfen das politische Verantwortlichkeits⸗ gefühl weiter Bevölkerungskreise ab und züch⸗ ten die politische Indolenz. Heutzutage aber muß gerade darauf gehalten werden, daß jeder deutsche Staatsbürger sich seiner Bür⸗ gerpflicht bewußt wird und politisch Farbe bekennt.“
Das mögen sich diejenigen Arbeiter merken, die sich und ihre Klassengenossen da⸗ durch schädigen, daß sie die sogenannten unparteiischen, in Wirklichkeit aber arbeiter⸗ feindlichen Blätter durch Abonnement unter⸗ stützen.
— Bäckerprofite. In Marburg haben die Bäcker den Brotpreis um 6 oder gar 8 Pfg. pro 4 Pfundlaib herab gesetzt, um die Konsumbäckerei nieder zu konkurrieren. Da sieht man, was die Bäcker profitieren. Und in Gießen würde die Wiedereinführung des Brotoktrois die Bäcker zu einem Aufschlag veran⸗ lassen und somit noch höhere Profite bringen.
— Lohnbewegung der Maurer. Am Sams⸗ tag fand wiederum eine sehr stark besuchte Maurerver⸗ sammlung im„Wiener Hof“ statt, in der Wilh. Schneider⸗ Vilbel den Stand der Lobnbewegung besprach und das Verhalten der Unternehmer, die sich noch nicht einmal zu einer Antwort auf die eingesandten Forderungen be⸗ quemten, wurde getadelt. Die Anwesenden waren sich darüber klar, daßalles getan werden müsse, um alle in Gießen beschäftigten Maurer zu dem Verbande heranzuziehen.
— Unser Kreisfest findet bekanntlich am 19. Juni, also vier Wochen nach Pfingsten in Steinberg statt. Das Komité ist mit den Vorbereitungen dazu beschäftigt, es wird sich bemühen, das Fest zu einem echten und rechten Arbeiterfest zu gestalten und den Teilnehmern ein paar fröhliche und heitere Stunden zu ver⸗ schaffen. Außer dem bietet das Fest die einzige Gelegenheit im Jahre, wo unsere Parteifreunde aus dem Kreise sich zusammen finden, sich kennen lernen und ihre Meinungen austauschen können. Insosern hat es eine agitatorische Bedeutung und es muß sich mehr und mehr zu einem allgemeinen Rendezvous unsrer Ge⸗ nossen im Kreise entwickeln. Deshalb muß aller⸗ orts für größtmöglichste Beteiligung gesorgt werden, was um so leichter zu erreichen ist, als große Kosten damit nicht verbunden sind. Jumerhin erscheint es angebracht, daß unsere Genossea bei Zeiten ihre Vorbereitungen treffen. — Eine Verlegung des Festes findet nicht statt, sollte schlechtes Wetter eintreten, so ist für Unterkunft genügend gesorgt.
— Amtsblatt⸗Gemeinheit. In außerge⸗ wöhnlich niedriger und gehässiger Weise reißt der An⸗ zeiger die russischen Revolutionäre herunter. Etwa auf Grund irgendwelcher Tat sachen? Nein, er stützt sich auf den— Roman eines Schriftstellers, der früher mal durch die sozialdemokratische Partei gelaufen!
Uns und vielen andern stehen die russischen Revolutionäre die der Anz. mit Schmutz bewirft, moralisch bedeutend höher wie Reptilredakteure.
— Ein diebischer Postbeamter stand am Dienstag in der Person des früheren Postboten Wilh. Spengler beim Gießener Postamte aus Kützellinden vor der hiesigen Strafkammer. Er pflegte die Dur e gangspakete zu plündern, die hier auf dem Bahn hof⸗ umgeladen wurden. Später, als er von der Post ent⸗ lassen war, versuchte er sich in einer andern Spitzbuben⸗ Spezialität, indem er im hiesigen Bahnhofs⸗Wartesaal einem schlafenden Reisenden Uhr und Portemonaie zu entwenden suchte und das noch in Gegenwart zweser Schutzleute! Das Gericht verurteilte den ungetreuen Postjünger zu 3 Jahren Gefängnis und 5 Jahren Ehr⸗ verlust. Der Staatsanwalt hatte 3 Jahre Zuchthaus beantragt.
Aus dem Rreise Friedberg⸗Büdingen.
r. Die Landtags⸗Ersatzwahl für den Abg. Weith findet bereits diesen Freitag(20. Mai) statt. Man darf auf den Ausgang einigermaßen gespannt sein, denn die Bündler arbeiten gewaltig für ihren Ge⸗ nossen Schlenke, während die Nationalliberalen alles daran setzen, um den Advokaten Windecker durchzu⸗ bringen. Dem Ausgang der Wahl, der uns ja ziemlich kalt lassen kann, können wir in dieser Nummer nicht mehr mitteilen.
Aus dem Rreise Wetzlar.
X. Wer hat Lust nach Afrika? Auf die öffentlichen Gesuche Freiwilliger für die südwestafrikanische Expedition gegen die auf⸗ ständischen Negerstämme haben sich, wie wir hören, auch einige Leute aus Wetzlar gemeldet. Darunter befinden sich welche, die törichterweise ihre auskömmlichen Stellen preisgeben, in der Hoffnung, etwas bei dem Kriegszuge heraus⸗ zuschlagen. Sie werden sich sehr täuschen. Wie es dort in Afrika aussieht, geht aus einem Briefe hervor, den der Gefreite Uhde an seine Eltern in Hanno ver gerichtet hat. Es heißt darin:
„Ihr müßt nicht denken, daß die Namen, die Ihr da lest, Dörfer oder Städte sind. Das sind nur Wasser⸗ stellen, tiefe, in irgend einer Senkung eingehauene Wasserlöcher, in welchen sich während der Regenzeit das Wasser ansammelt. Dieses Wasser muß nach Aussage landeskundiger Leute ein halbes Jahr reichen. Was dies für Wasser ist, könnt Ihr Euch gar nicht vorstellen. In Deutschland würde man sich nicht darin waschen. Roh kann man überhaupt kein Wasser trinken von dem, was wir angetroffen haben. Wir sind jetzt auch gerade in der Regenzeit; 14 Tage sind wir gar nicht trocken geworden. Dazu ist es nachts so kalt, wie es am Tage warm ist. Nun haben wir bloß einen Anzug mit, der trocken werden muß, wenn er naß geregnet ist. Wir haben jetzt ein kleines Zelt für fünf Mann, das dem Oberleutnant Eggers, der nun auch erschossen ist, gehörte und das uns der Bursche des Oberleutnauts geschenkt hat. Aber die andern müssen im Regen aushalten. Wir können uns kaum etwas kochen. Kurz und gut, wir werden jetzt von den Farmern, welche meist Chargierte sind, den Ein⸗ geborenen gleichgestellt.“.
Demnach dürfte es mancher Abenleuerlustige bereuen, mit nach Afrika gezogen zu sein.
h. Fallissement des Ordnungs mannes. Ueber das Vermögen des Handschuhfabrikanten und Stadtverordneten Oskar Dtetrich ist laut amt⸗ licher Bekanntmachung das Konkursverfahren eröffnet worden. Derartiges kann nun gewiß auch einem tüch⸗ tigen und gewissenhaften Geschäftsma nn passieren. Dieser Fall ist aber deshalb erwähnenswert, weil der Betroffene mit dem wegen Wechselfälschung verurteilten Herm. Jakob in Verbindung stand und von dessen geschäft⸗ lichen Praktiken jedenfalls schon lange vor der Kata⸗ strophe Kenntnis hatte. Dabel bekleidete Dietrich ein städtisches Ehrenamt! Er war es auch, dessen über⸗ schuldetes Konto im Kreditverein die Krise in demselben mit in erster Linie herbeiführte und möglicherweise ge⸗ hören auch die Mitglieder des Vereins mit zu den Leidtragenden. Ueber die Arbe'tsverhältnisse bei Dietrich führten die Arbeiter oft Klage; fast immer einige Zeit vor den Feiertagen wurde eine Anzahl Arbeiter entlassen.— Der Kreditverein beschloß in der letzten Generalversammlung eine Umwandlung in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung.
h. Die Metzger⸗Innung hat die Wetzlarer Einwohnerschaft mit einem Fleisch-Aufschlag be⸗ glückt und fordert für das Pfund Ochsenfleisch 75 und Rindfleisch 68 Pfennige. Was die Metzger veranlaßt, jetzt trotz mäßiger Viehpreise auf einmal die Fleischpreise in die Höhe zu schrauben, danach fragen sich die Kon⸗ sumenten vergebens, zumal aus Stuttgart, Mainz und
andern Städten Herabsetzung berichtet wird.
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