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Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung.
Nr. 34.
kratische Blätter dessen offenen Brief an den Reichskanzler, der in der„Volksstimme“ stand, wörtlich nachdruckten. Man mag zu der Sache felbst stehen, wie man will— so weit durfte man nicht gehen, dem„Genossen“ feierlichst Schleppträgerdienste zu leisten.“
Weshalb unsere Partei„Anstrengungen“ um Parteitag machen soll, wird wohl kein . begreifen, das ist das Geheimnis des Jünglings, der die öffentliche Meinung im Amtsblatt macht. Unsere Parteitage sind stets bedeutungsvoll und interessant, dazu bedarf es gar keiner Anstrengung. Nationalliberale Par⸗ teitage hingegen sind bedeutungslos und lang⸗ weilig trotz aller Anstrengung!— Dann will das gute Männlein in der Schulstraße die Sozialdemokratie totschweigen. Das Rezept ist ja sehr oft schon empfohlen und angewandt worden, es har sich aber als eben so untauglich erwiesen als das Totreden.
— Der Konsumverein Gießen und Umgegend hält Sonntag, den 4. September, nachmittags 3 Uhr, im„Gambrinus“ seine dies⸗ jährige Generalversammlung ab. Das Ergeb⸗ nis des verflossenen Geschäftsjahres ist als ein recht günstiges zu bezeichnen. Es wurde ein Reingewinn von 2663 Mk. erzielt, während der des Vorjahres nur 593 Mk. betrug und der vom Jahre 1902, dem ersten Geschäftsjahre, gar nur 53 Mk. Außerdem konnte im letzten Jahre eine Anleihe von 2000 Mk. abgetragen werden. Somit zeigt die Genossenschaft eine ganz erfreuliche Entwickelung. Der Mitglieder⸗ stand beträgt 272.
— Der saarabische Prozeß, der den nationalliberalen Terrorismus im Saargebiet so herrlich offenbarte und deswegen von der Ordnungs- und Amtsblatt⸗Presse mit Schweigen übergangen wurde, ist im Verlage des„Vor⸗ wärts“ als Broschüre erschienen. Die Ver⸗ handlungen sind nach stenographischen Aufzeich⸗ nungen wiedergegeben. Sie zeigen, wie der Staatskapitalismus mit der persönlichen Frei⸗ heit der Arbeiter und ihrem Bürgerrechte um⸗ springt— für jeden Arbeiter lehrreich zu lesen! Die Broschüre kostet 50 Pfg. und ist in unserer Expedition erhältlich.
— Ferienl Mit dieser Woche beginnen für die Kinder der Volksschule die von den Kleinen lange er⸗ sehnten großen Ferien. Es ist eigentlich eine tolle Ein⸗ richtung, daß man die Ferien in die Zeit legt, wo die Tage kürzer, herbstlicher und kühler werden, während in der heißesten Zeit die Kinder in der Schule schwitzen mußten!
— Ueber hohe Marktpreise klagen mit Recht unsere Hausfrauen. Infolge anhaltender Dürre haben Kartoffeln und besonders grüne Gemüse für Minderbemittelte fast unerschwing⸗ liche Preise erreicht. Darunter haben natürlich die Arbeiter schwer zu leiden. Und das Fried⸗ berger Antisemitenblatt leitartikelt über den Wohlstand in Arbeiterkreisen.
— Der Revolver. Einem jedenfalls aus geringfügiger Ursache entstandenen Streite fiel am Sonntag ein Menschenleben zum Opfer. Gegen 4 Uhr kam der Geschäftsreisende Kehrein an den Bahnhof, nachdem er mit einem Freunde mehrere Wirtschaften in der Städt besucht hatte. Im Schalterraum geriet er mit 3 Monteuren aus Köln, die hier gearbeitet hatten und nach Hause reisen wollten, in Wortwechsel, der in Tätlichkeiten überging. Im Verlauf des Streites zog Kehrein seinen Revolver und schoß auf den Arbeiter, der sofort zu Boden stürzte und nach wenigen Minuten starb. Der Getötete heißt Lucht und hinterläßt ebenfalls Familie. Ueber den Streit werden verschiedene Darstellungen gegeben und erst die Gerichtsverhandlung wird klarstellen, wer der Schuldige ist. Wenn aber auch, wie behauptet wird, die Monteure Herrn Kehrein zuerst angegriffen hätten, so ist dessen Tat trotzdem höchst verurteilenswert. Er hat doch wahrhaftig nicht nötig, in der Stadt den Revolver nachzutragen und mit Menschenleben so umzuspringen, wie er es gethan.
Die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Gieß en⸗ Grünberg tagte am Sonntag im Lokale Orbig in Gießen. Sie war von 24 Delegierten besucht, welche 14 Orte vertreten. Gegen 11 Uhr eröffnete der Vorsitzende des Kreiswahlvereins, Beckmann dieselbe und begrüßte die Delegierten. Nach der Wahl des Bureaus,
das aus Beckmanu⸗Gießen und Häuser⸗Steinberg als Vorsitzenden und Diehl⸗Gießen als Schriftführer be⸗ steht, erstattet Beckmann den Bericht des Kreiswahlvereins. In agitatorischer Beziehung konnte im letzten halben Jahre nicht viel getan werden. Doch wurde in Lich ein Wahlverein gegründet, der sich recht gut entwickelt und in andern Orten sind solche im Entstehen begriffen. Das Kreisfest verlief auf das beste. Infolge der ziemlich bedeutenden Ausgaben war das finanzielle Ergebnis kein allzu glänzendes, aber immerhin zufriedenstellend. Es sei uns unser alljährliches Kreisfest immer mehr zum Bedürfnis geworden als ein Rendezvous der Genossen im Kreise und der weiteren Umgebung. Daß es auch von agitatorischer Wirkung ist, konnte man mehrfach wahrnehmen. Die wütenden Angriffe, welche das Antisemitenblatt anläßlich des Festes gegen uns richtete, beweisen ebenfalls, daß wir damit Erfolg hatten. In den Herbst⸗ und Wintermonaten wird mit der Agitation wieder stärker eingesetzt werden. Der vom Kassierer Bock erstattete Kassenbericht für das erste Halbjahr weist eine Einnahme von 610,51 Mk. und eine Ausgabe von 397,56 auf, sodaß ein Bestand von 203,01 Mk. ver⸗ bleibt.— Bei der Sterbekasse blieb in diesem Halb⸗ jahr die Rein⸗Einnahme hinter der Ausgabe zurück, weil nicht weniger als neun Sterbefälle vorkamen, we für 180 Mk. ausbezahlt wurden und außerdem noch einige Rückstände an Beiträgen zu verzeichnen sind. Die Einnahme betrug 155,30 Mk., die Ausgabe 191,25 Mk. Zinstragend angelegt sind 242,25 Mk.— Die Revisoren bestätigen, daß Bücher und Kasse in Ordnung befunden wurden. Es schloß sich an den Bericht eine kurze Dis⸗ kusston, die sich meist um geschäftliche, unsere Organi⸗ sation betreffende Dinge drehte. Häuser⸗Steinberg betonte noch besonders, daß gerade das teilweise Verbot des Festzuges beim Kreisfest für unsere Sache außer⸗ ordentlich agitiert habe.— Die hierauf folgende Vor⸗ standswahl ergab Wiederwahl des bisherigen Vor⸗ standes. Derselbe besteht aus: Beckmann, Orbig, Vorsitzende; Bock, Kassierer; Diehl, Schriftführer, sämtlich in Gießen; ferner Stein müller⸗Heuchelheim, Häuser⸗Steinberg; Becker-Alten⸗Buseck, Beisitzer.— Das vom Vorstand ausgearbeitete Statut für die Kreis⸗ organisation und die Mitgliedschaften wird hierauf dur Beratung gestellt und nach längerer Diskussion mit einigen unwesentlichen Abänderungen angenommen. — Zu Punkt„Parteitag in Bremen“ referiert Beckmann. Er weist auf die Anträge hin, welche von verschiedenen Seiten auf Aenderung des Organisations⸗ statuts für die Gesamtpartei gestellt sind und namentlich die Beitragsleistung und den Ausschluß betreffen. Seine Ausführungen werden durch Genossen Vetters ergänzt, der den Verlauf und die Wirkung des Dresdener Partei⸗ tags bespricht. Es wird beschlossen, wie alljährlich einen Delegierten zu entsenden und als solcher Beckmann gewählt.— Ueber den letzten Punkt:„Kommunal⸗ wahlen“ referiert Genosse Vetters. Er schildert die Mißstände, welche in vielen Gemeindeverwaltungen be⸗ stehen und bespricht kurz die Aufgaben der Gemeinde⸗ vertretung, sowie die Forderungen unseres Kommunal⸗ programms. In der kurzen Diskussion wird besonders die Wahlberechtigung zur Gemeindevertretung besprochen und unser Vorgehen bei Gemeindewahlen erörtert.— Zum letzten Punkt:„Kreisfest“ wird beschlossen, dasselbe im nächsten Jahre in Staufenberg abzu⸗ halten.— Im„Verschiedenen“ wird noch folgender Antrag angenommen:„Von Zeit zu Zeit eine Liste derjenigen Lokale in der Mitteldeutschen Sonntags⸗Ztg. zu veröffentlichen, welche uns zu Versammlungen zur Verfügung stehen und in denen die Parteipresse aufliegt.“ — Gegen ½5 Uhr erfolgte Schluß der Konferenz.
Wer kann zum Gemeinderat wählen?
In vielen Landgemeinden finden dieses Jahr Gemeindewahlen statt. Es erscheint daher geboten, wiederholt auf die Bestim⸗ mungen über die Wahlberechtigung hinzuweisen. Nach Artikel 13 der Land⸗ gemeindeordnung sind stimmberechtigt: 1. alle steuerpflichtigen Orts bürger; 2. alle männlichen Einwohner, welche die Reichsangehörigkeit besitzen und seit minde⸗ stens 2 Jahren den Unterstützungswohnsitz erworben haben, vorausgesetzt, daß sie zur Zeit der Wahl 25 Jahre alt sind und seit dem 1. Januar des vorigen Jahres zur Einkommensteuer herangezogen sind.— Also: Alle Gemeindewähler müssen das 25. Lebensjahr überschritten haben. Die Einwohner, welche nicht Ortsbürger sind, müssen seit vier Jahren in der Gemeinde
wohnen. Nicht stimmberechtigt ist, wer mit der Steuer im Rückstande ist.
Wir machen deshalb unsere Freunde darauf aufmerksam, die Staats⸗ und Ge⸗ meindesteuern zu entrichten. Es muß, wo die Wahl noch vor dem 1. Oktober statt⸗ findet, das erste Ziel, also die Monate April, Mai, Juni bezahlt sein.
Aus dem Nreise gießen.
— Gemeindewahl in Lich. Bei den bisberigen Wahlen zur Gemeindevertretung ging es meistens sehr ruhig zu. Die große Mehrheit der Einwohner, besonders die Minderbemittelten kümmerten sich wenig darum und überließen das Rathaus den Vertrauensleuten der besser Situierten und den Ergebenen des Fürsten. Diesmal kam etwas mehr Leben in die Bude. Der erst kürzlich gegründete sozialdemokratische Wahlverein beteiligte sich und stellte eine Kan⸗ didatenliste auf. Darob große Aufregung. Man war in den Kreisen derjenigen, die sich allein für fähig und befugt halten, die Gemeinde zu lenken und zu leiten, offenbar aufgebracht da⸗ rüber, daß die übrigen Ortseinwohner auch noch etwas in Gemeindeangelegenheiten hinein⸗ reden wollten. Man ging soweit, unsern Freun⸗ den, die für Dienstag abend eine Versammlung einberufen hatten, die Lokale abzutreiben, die uns sonst in Lich jederzeit zur Verfügung standen. Trotzdem fand die Versammlung doch in einer anderen Wirtschaft statt un) Genosse Vetters konnte seinen Vortrag über Kommunal⸗ politik halten, worauf Schöne noch lokale An⸗ gelegenheiten besprach.— Das Ergebnis der Wahl bedeutet für uns einen vollen Erfolg! Einer der von uns aufgestellten Kandidaten— Dietz— wurde gewählt, er erhielt 180 Stimmen. Schöne erhielt 81, Roth 72 Stimmen. Sie blieben um ca. 40 Stimmen hinter den Gegnern zurück. Ein sehr guter Anfang!
— In Leihgestern findet diesen Frei⸗ tag die Gemeinderatswahl statt. Unsere Ge⸗ nossen haben dazu drei Kandidaten aufgestellt und zwar Gg. Eiff, Joh. Mattern und Jak. Schmidt. Donnerstag Abend fand im Adler eine Versammlung statt, in welcher Vetters⸗ Gießen über sozialdemokratische Gemeindepolitik sprach und Gemeinderatsmitglied Faber über seine bisherige Tätigkeit Bericht erstattete. Das Wahlresultat können wir erst in nächste. Nr. mitteilen.
Aus dem Rreise ꝗriedberg⸗Püdingen
— Ueber die Verunreinigung der Usa bei Friedberg hat der Landtagsabge⸗ ordnete Damm eine Interpellation in der Zweiten Kammer eingebracht, warum die Regierung, der doch die jedes Jahr in der Hochsaison wieder⸗ kehrenden, höchst gesundheitsgefährlichen Zustände lange bekannt seien, nicht eingreife? Interpellant sagt in der Begründung seiner Anfrage: Der Zustand der Usa bei Friedberg und Unterhalb der Stadt ist in Folge Einlassens der Abwässer aus dem Bad⸗Nauheimer Klärbecken wieder ein solcher, daß er jeder Beschreibung spottet. Eine dickflüssige, dunkle, schmutzige, weithin die Luft verpestende Brühe bedeckt das Flußbett, aus dem alle Lebewesen, außer Maden und Würmern verschwunden sind. Es ist nur als ein glücklicher Zufall zu bezeichnen, daß Epi⸗ demien noch nicht ausgebrochen sind, die natürlich ebenso verhängnisvoll für Bad⸗Nauheim wie für Friedberg wären.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Auf die Parteiversammtung für den Wahlkreis Wetzlar, die diesen Sonntag im„Wiener Hof“ in Gießen stattfindet, wird nochmals hingewiesen.
h. Steuern für den Dom baul Die letzten Steuerzettel haben in Wetzlar eine größere Aufregung hervorgerufen, als sie sonst zu tun pflegen. Und zwar deswegen, weil man extra Steuern für den Do mbau verlangt. Nach einem Beschlusse der Stadtverordneten soll die evangelische Gemeinde 16 000 Mk. und die katholische 4000 Mk. dazu beitragen, welche Summen in Form von Kirchensteuern eingezogen werden. Es mag ja ganz löblich sein, wenn man das alte Kunst⸗ denkmal zu erhalten sucht. Aber anderseits sollten doch
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