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Seite 2.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 34.
preist die Sozialdemotratie als die Partei des Friedens. Auf der nächsten Tribüne sprachen unterdes Katayama und der Russe Luga⸗ no witsch. Beide reichten sich die Hand. Der alte Vaillant⸗Paris feierte die sozialistische Einigkeit.— Mit großer Begeisterung wurde Bebel begrüßt, der entblößten Hauptes unter einer mächtigen roten Fahne sprach. Er be⸗ handelte eingehend die Gefährdung des Reichstagswahlrechts in Deutschland. Eine Verschlechterung des Wahlrechts werde die Sozialdemokratie niemals gestatten. An dem Tage, an dem dieser Streich versucht werde, habe die Arbeiterschaft an dem Fortbestehen des Reiches nicht das geringste Interesse mehr. Nur Pflichten ohne Rechte für die Volksmassen seien in unserer Zeit nicht mehr möglich. *
Die einzelnen Tagesordnungs⸗Gegenstände sind zur Vorberatung an Kommisstonen ver⸗ wiesen, deren sechs eingesetzt sind. Diejenigen für Sozialpolitik und Kolonialpolitik haben bereits ihre Beratungen erledigt und dem Plenum ihre Resolutionen zur Beschlußfassung vorgelegt. Das Hauptinteresse ziehen die Ver⸗ handlungen der Kommission für„Internationale Regeln der sozialistischen Politik“ auf sich, denn dieser Kommission gehören die hervorragendsten Genossen aus allen Ländern an, die Debatten sind naturgemäß hochinteressant und werden von den übrigen Delegierten mit Spannung verfolgt. Bebel und Kautsky verteidigen die vom Dres⸗ dener Parteitage in dieser Frage beschlossene Resolution, während von Vandervelde eine mehr vermittelnde eingebracht wurde. Die Debatten
darüber werden wir in der nächsten Nummer
besprechen.
Vor dem Kongresse und während desselben fanden verschiedene internationale Gewer E ⸗ schafts kongresse statt, von den Holzarbeitern, den Metallarbeitern und Transportarbeitern, bei allen bildete der engere internationale Zu⸗ sammenschluß ihrer Organisationen den Bera⸗ tungsgegenstand.
Politische Rundschau.
Gießen, den 18. August 1904.
Immer mehr Panzerkähne.
Die deutschen Flottenpatrioten haben mit aller Lungenkraft über Deutschlands Ohnmacht zur See geschrieen und in den Kreisen der 1 15 Unternehmer hat ihr Geschrei liebevolles
erständnis gefunden. Die wüste Agitation für wahnsinnige Flottenvermehrungen scheint sich jetzt in den maßgebenden Kreisen zu der For⸗ mulierung einer Vorlage verdichtet zu haben. Mit einer Bestimmtheit, die sichere Information voraussetzen läßt, teilt die Norddeutsche Reichs⸗
korrespondenz mit, daß man eine Novelle zu
erwarten habe, die ein drittes Doppel⸗ geschwader mit den dazu gehörigen Kreuzern 5 55 und den beschleunigten Bau des⸗ elben neben den in den Flottengesetzen vorge⸗ sehenen Schiffsbauten verlangen werde. Eine Verquickung zwischen der neuen Marinevorlage und der verhältnismäßig unbedeutenden Heeres⸗ forderung werde unter keinen Umständen statt⸗ finden. Falsch sei es, wenn behauptet werde, man wolle noch länger zögern und die Erfah⸗ rungen des ostasiatischen Krieges abwarten. Die Erfahrungen habe man bereits im ersten Teile des Krieges gemacht.
Das Portemonnaie des deutschen Steuer⸗ zahlers kann sich also auf eine neue Bescherung gefaßt machen.
Es gibt kein zweites Forbach!
rief der Kriegsminister im Reichstage aus, als der Bilse⸗Prozeß im Reichstage besprochen wurde. Auf diese seine Worte hätte aber schon damals keiner, der die Verhältnisse kennt, schwören mögen, er selbst würde es jetzt auch nicht tun. Gegen den Leutnant Hemman vom 32. Infanterie⸗ Regiment in Meiningen ist nämlich die kriegs⸗ i Untersuchung wegen Beleidigung von
orgesetzten durch Verbreitung von Schriften
eingeleitet worden. Hemman ist geständig, einen Roman„Erfahrungen einer Amerikanerin in einer kleinen preußischen Garnison“ im Verlag von Sattler⸗Braunschweig veröffentlicht zu haben, in dem eine Reihe„erster Familien“ stark kompromittiert erscheint.
Daß sich diese„ersten Familien“ im Spiegel des Romans erkannt haben, ist ja interessant genug. Trotzdem braucht das preußische Offizierkorps ein zweites Forbach nicht mehr zu fürchten, denn nach dem bekannten Erlaß des Kaisers ist es ganz selbstverständlich, daß der Prozeß gegen den Leutnant Hemman hinter verschlossenen Türen verhandelt werden wird.
Die Staatsrettung der Frankfurter Polizei,
welche, wie wir bereits in voriger Nummer berichteten, dem österreichischen Reichsrats⸗ abgeordneten Genossen Pernerstorfer verbot, in einer Versammlung über„Entwickelung der Sozialdemokratie in Oesterreich“ zu reden, hat überall, wo man nicht gerade kosakisch denkt, die größte Heiterkeit hervorgerufen. Perner⸗ storfer selbst richtete in der Frankfurter Volks⸗ stimme einen offenen Brief an den Reichs⸗
kanzler, in dem er erklärt, daß er zwar inter⸗
nationaler Sozialdemokrat sei, aber durchaus 9555 denke und fühle. Er schließt seinen rief:
„Ich wende mich, Herr Reichskanzler, an Sie,.. einzig deswegen, weil mich Ihr Polizei⸗ verbot in meinen nationalen Empfindungen ebenso gröblich wie schmerzlich beleidigt hat, und weil ich als Deutscher öffeutlich Protest einlegen will gegen eine Polizeimaßregel, die ich als eine dem deutschen Namen angetane Beschimpfung fühle. Ich füge meinen Protest den tausend und abertausend Protesten bei, die von den deutschen Arbeitern schon er⸗ hoben worden sind gegen die Herabziehung der deutschen Ehre. Neuerdings ist mir an diesem mich persönlich kränkenden Falle klar geworden, wo Deutschlands Größe und Zukunft liegt: nicht in Deutschlands Reichsregierung, sondern in Deutschlands Volke, in Deutschlands sozial⸗ demokratischer Arbeiterpartei.“
Pernerstorfer wird nun gelegentlich seiner Rückkehr von Amsterdam in Offenbach reden und zwar über dasselbe Thema, das man in Frankfurt so staatsgefährlich fand. Und die Frankfurter Polizei steht vor der ganzen Welt blamiert da!
Antisemitische Weltmachtspolitik.
In Frankfurt hielt am Dienstag Abend der neue Stern des Antisemitismus, der Reichs⸗ tagsabgeordnete Graf Reventlow eine Rede. In seinem Vortrage übte er, wie die„Frankf. Zeitung“ berichtet, scharfe Kritik an der Reichs⸗ regierung, die ihm zu wenig Weltmachts⸗ politik treibt, bedauerte unter Hinweis auf den Hererokrieg, daß man die Eingeborenen in unseren Kolonien mit zu großer Huma⸗ nität behandle!„Ueberall da, wo Deutsche ihren Fuß hingesetzt, müsse die Angliederung an das deutsche Reich in der einen oder andern Form erstrebt werden, ko ste es, was es wolle!“
Solchem Weltmachts-Dilirium sind noch nicht einmal die Nationalsozialen verfallen, als sie noch auf der Höhe ihrer„Bewegung“ standen. Ob der edle Graf mit einer derartigen Politik die„Landwirtschaft heben will? Für seine christliche Gesinnung ist bezeichnend, daß er trotz der zahllosen Kolonialbestialitäten und oft grausamen Unterdrückung der Eingeborenen, die Behandlung derselben noch zu„human“ findet! Ein Weltmachts⸗ und Kolonial⸗Pückler!
Deutscher Sieg über die Hereros.
Aus Südwestafrika telegraphierte der General v. Trotha, daß die bei Waterberg verschanzten und von den Deutschen eingekreisten Schwarzen am 12. August vollständig geschlagen worden seien. Nach den Berichten haben aber auch die Deutschen nicht unbedeutende Verlnste gehabt. Es sind sehr teuere„Siege“, die wir dort erkämpfen und die dem deutschen Volke gar nichts nützen.
Eine neue Mittelstandspartei
zu gründen haben die Vertreter verschiedener Handwerksorganisationen und Mittelstandsver⸗ bindungen in einer vertraulichen Koferenz in
Berlin beschlossen. Man will einem demnächst in Magdeburg stattfindenden allgem. deutschen
Innungstage das diesbezügliche Programm zur
Beratung vorlegen.— Na, mit Mittelstands⸗ e
und Handwerksrettung und⸗Hebung haben doch die Antisemiten, Konservativen und Stöckerleute die Welt schon so vollgeschrien, daß man doch meinen sollte, das Handwerk müßte bis in alle Himmel gehoben sein. Ebensowenig aber, wie die bisherigen patentierten Mtittelstandsretter von antisemitischer ꝛc. Farbe werden die neuen etwas erreichen.
Sittlichkeit in der Kaserne.
Ueber ein sfkandalöses Vorkommnis, wie es bei einer Schöffengerichtsverhandlung in Mainz offenbar wurde, berichtet die Mainzer Volksztg. Danach war das 17 jährtge, leichtsinnig veranlagte Dienstmädchen Eva Käs aus Nier⸗ stein, welches seit zwei Jahren in Mainz in Stellung gewesen, nach kurzem Aufenthalt im Elternhause, wo es mißhandelt worden sei, wieder nach Mainz gekommen. Eines Abends trieb sie sich am Zentralbahnhof herum, woselbst sie ein Husar ansprach und mit in die Kaserne nahm. Der Weg mußte über die Mauer ge⸗ nommen werden, weil das Tor bereits geschlossen war. Das Mädchen wurde am andern Morgen von ihrem Galan an einen Futter meister ab egeben, der sie drei Tage in seinem Zimmer behielt. Für ihre„Gefälligkeiten“ erhielt die Käs Essen und Trinken. Der Futter⸗ meister führte sie einem anderen Futtermeister zu, der sie ebenfalls drei Tage bei sich aufnahm. Von hier wurde sie an die zweite Eskadron abgeliefert, die sie in eine Stube einschloß. Der Schlüssel zu dieser Stube wanderte von Hand zu Hand, bis die Mehrzahl der Husaren das Mädchen in Anspruch genommen hatte. Damit noch nicht genug, ging die„Schweinerei“ weiter, indem das Mädchen wie ein Stück Vieh an andere verkauft wurde. Die K. wurde 14 Tage in der Husarenkaserne behalten, bis sie von der Polizei, die durch einen Zufall Kenntnis erhielt, verhaftet wurde. Auf Grund der kreisärztlichen Untersuchung wurde die Käs in das Spital verbracht, woselbst sie vier Wochen zu ihrer Heilung zubrachte.— Das Schöffengericht ver⸗ urteilte das Mädchen wegen Gewerbsunzucht zu zwei Wochen Haft, außerdem wurde ste mit ihrem Einverständnis einem Asyl überwiesen.
Das ist auch ein nettes Bildchen aus der Kaserne, wo bekanntlich eitel Tugend und Sitte herrscht und der Deutsche nach Ansicht unserer Staatslenker erst zum richtigen Menschen er⸗ zogen wird. Und an den Schamlosigkeiten be⸗ teiligen sich auch noch die„Stellvertreter Gottes“! Haben diese, indem sie das unerfahrene Frauen⸗ zimmer entehrten, mit Gewalt bedrohten und der Freiheit beraubten, nicht weit abscheulicher gehandelt, und eine weit härtere Strafe ver⸗ dient, als die Verurteilte? Aber wie konnten die Soldaten ihr schweinisches Treiben z wei Wochen lang fortsetzen, ohne daß ein Vorgesetzter etwas bemerkte?
Mordspatriotische Verrücktheiten.
Ueber ein Kriegerverbandsfest, das am ver⸗ gangenen Sonntag in Leimstruth im Kreise Wittgenstein unter Leitung des Landrats abge⸗ halten wurde, wird berichtet:„Bei strömendem Regen hielten die Kriegervereine zunächst eine Felddienstübung ab, bei der die Vereine aus dem Süden des Kreises nach fast sechs⸗ stündigem Marsch die Höhe bei Leimstruth, die vom Nordkorps besetzt war, stürmten. Sogar die Sanitätskolonnen traten in Tätigkeit, um die markierten„Toten“ und„Verwundeten“ fortzuschaffen und nach dem Feldplatz zu tragen. Mancher brave Jüngling sank zur Erde, und die Sanitätskolonne hatte ihre Mühe, all die zahlreichen Verwundeten aus der Feuerlinie zu schaffen. Mit einem allgemeinen Sturmangriff wurde indes der Widerstand des Feindes ge⸗
brochen, sodaß an den obersten Kriegsherrn
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