Ausgabe 
21.8.1904
 
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Kr. 34.

Gießen, den 21. August 1901.

4 i 11. Juhrgang.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Das Weltparlament des Sozialismus und der Arbeit

begann am Sonntag Vormittag in Amster⸗ dam, in dem großen, entsprechend dekorierten Saale desKonzertgebouw(Konzertgebäude) seine Verhandlungen. Der 2000 Personen fassende Saal war dicht besetzt. Auf dem breiten rot drapierten Podium hat das Bureau Platz genommen. Der holländische Abgeordnete van Kol prästdiert. Als Vizepräsidenten haben links der Russe Plechanoff, rechts der Japaner Sen Katayama neben ihm Platz genommen. Schon darin, daß am ersten Tage ein Russe und ein Japaner als Präsi⸗ denten fungieren, liegt eine Demonstration für den Weltfrieden und ein Protest gegen den 1% Massenmord des russisch⸗japanischen rieges.

Die Delegierten, etwa 450 an der Zahl, haben, nach Nationen gegliedert, an langen Tafeln Platz genommen. Die Delegation Frankreichs bringt die Spaltung der französtschen Sozialisten auch äußerlich zum Ausdruck; sie sitzt in zwei Gruppen getrennt, die eine um Guesde, die andere um Jaures geschaart.

Die deutsche Delegation ist ziemlich stark; Bebel, Kautsky, Molkenbuhr, Frohme, Ulrich, Bernstein, Richard Fischer und viele andere bekannte Persönlichkeiten gehören ihr an. Aus Oesterreich sind Viktor Adler und Pernerstorfer eingetroffen: die öster⸗ reichischen Polen sind durch den Abgeordneten Dascynsky, die Tschechen durch Nemec vertreten. Ferner sind noch die Franzosen Vaillant, Bracke, Briand, Cipriant, Rouannet; die Belgier Vandervelde und Anseele, weiter die Engländer Hyndmann, Quelch, Belfort⸗ Bax, Ben Tillet u. a. anwesend. Aus Ruß⸗ land sind außer Plechanoff noch Leo Deutsch und Wera Sassulitsch vertreten; Italien hat Enrico Ferri, Cabrini und Rochetta gesandt.

Nachdem van Kol den Kongreß eröffnet, heißt Abg. Troelstra namens der hollän⸗ dischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei die hier versammelten Sozialdemokraten aller Länder willkommen. Die Sozialdemokraten Hollands, so führt er aus, wissen die Ehre zu würdigen. Er gedenkt derjenigen, die die Vertreter hierher gesandt haben, der zahllosen Millionen in Not und Elend. Er heißt willkommen die Vor⸗ kämpfer der Arbeiterbataillone, die Führer und Helfer der Bedrückten, die Repräsentanten des Proletariats, das mit seiner eigenen Befreiung zugleich die Befreiung der ganzen Menschheit erstrebt. Redner weist dann weiter hin auf die früheren Kämpfe und die Spaltung der Sozial⸗ demokratie Hollands, die aber jetzt, trotzdem diechristliche holländische Regierung die Organisationen der Arbeiter zertrümmerte, Entlassung von 5000 Arbeitern und dadurch Hunger und Verzweiflung verursachte, stärker und gefestigter als je dastehe. Er beglückwünscht den Kongreß zu seinen Arbeiten und bringt ein dreifaches Hoch auf die Internationale der Arbeit aus.

Van Kol heißt gleichfalls die Delegierten willkommen, die alle für eine gleiche Sache, für ein gleiches Ziel fechten. Einen ganz besonderen Gruß aber entbiete er dem russischen und dem

japanischen Delegierten an seiner Seite. Die russischen und japanischen Sozialisten haben den Mut gehabt, ein Bekenntnts zur internationalen Brüderlichkeit und zum Weltfrieden abzulegen, während in Ostasien die entfesselte Kriegsfurie rast.(Während dieser Worte haben sich Ple⸗ chanoff und Sen Katayama erhoben und schütteln sich unter dem minutenlangen Jubel des Kongresses die Hand.) Van Kol begrüßt dann weiter noch einen Vertreter der Indier, die unter englischer Herrschaft stehen und er⸗ innert dann an den letzten Kongreß der alten Internationale, der vor 32 Jahren im Haag stattfand. Die alte Internationale ging an schweren inneren Kämpfen zugrunde, aber sie gab uns die Kriegslosung: Proletarier aller Länder vereinigt Euch! Welche Fortschritte haben wir seit 1872 gemacht! Die vorhandenen Meinungsverschiedenheiten müßten ehrlich aus⸗ gekämpft, die Kraft aber gegen den gemeinsamen äußeren Feind konzentriert werden.

Nun ergreift zum ersten Male auf einem internationalen Sozialistenkongreß ein Vertreter des asiatischen Proletariats das Wort:

Sen Katayama⸗Japan,(von minuten⸗ langem Beifall begrüßt): Ich empfinde die große Ehre und große Verantwortlichkeit, zum erstenmal als Vertreter der japanischen Sozia⸗ listen vor diesem internationalen Forum das Wort zu ergreifen. Aber ich koste heute auch zum erstenmale das Glück, Seite an Seite mit den Sozialisten aller Länder zu sitzen und mit⸗ arbeiten zu können an der Verwirklichung un⸗ seres sozialistischen Programms, das die Be⸗ freiung der Arbeit und damit die Befreiung der ganzen Menschheit zum Ziele hat. Beson⸗ dere Freude empfinde ich aber über das Zu⸗ sammenarbeiten mit den russischen Genossen, mit den Vertretern des Volkes, dessen Regierung mit der Regierung meines Vaterlandes einen der verhängnisvollsten, greuelreichsten Kriege entfesselt hat, den die Geschichte kennt. Tausende und zehntausende von Proletariern werden zur Schlachtbank geführt, nicht für ihr Wohl und ihre Ehre, sondern lediglich für die Vorteile und die Machtstellung ihrer Aus⸗ beuter und Unterdrücker, die ihnen alles Recht und alle Kultur vorenthalten. Wie sinn⸗ los und kulturwidrig dieser Krieg ist, das steht man erst mit voller Deutlichkeit ein, wenn man auf sein Gegenstück blickt, das brüderliche Zu⸗ sammenarbeiten der Proletarier aller Länder für ihr gemeinsames Ziel auf diesem Kongreß. So wird dieser internationale Soztalistenkongreß zur schärfsten Verurteilung jeden Krieges. Soweit die japanischen Arbeiter die Heilsbot⸗ schaft des Sozialismus erfaßt haben, fühlen sie keinen Gegensatz zu den russischen Brüdern. Ist auch die Zahl der Sozialisten in Japan noch klein, so wächst sie doch ständig und gerade die Regierung hat durch ihre Maßregelungen und Verfolgungen festgestellt, daß es über 3000 Sozialdemokraten in Japan gibt. Das ist wenig, aber doch viel angesichts der Jugend der Bewegung. Sie werden aber ebenfalls ihre nationale und zugleich internationale Pflicht tun: Unablässig laut ihre Stimme zu erheben für den Weltfrieden und werden mit daran arbeiten, daß das Wort Karl Marx Wahrheit wird: Proletarier aller Länder vereinigt Euch! (Großer Beifall.)

Plechanoff⸗ Rußland, ebenfalls mit stürmischem Betfall begrüßt, sagt: Ich bin glücklich, mit Katayama zusammen zum Vice⸗ präsidenten des internationalen Kongresses ge⸗ wählt zu sein. Ich rufe es allen Ländern zu: Nicht das russische Wolk hat diesen unheilvollen Krieg heraufbeschworen, sondern sein Todfeind, die russische Regierung, der russische Despotis⸗ mus. Wenn Rußland stegen sollte, wird nicht Japan, sondern das russische Volk der eigentlich Besiegte sein, der die schlimmsten Lasten, die schwersten Leiden zu tragen, zu ertragen haben wird. Nicht Japan hat den Krieg begonnen, sondern der russische Despotismus, durch das System des Raubes, der Abenteuer, der Aus⸗ beutung und Unterdrückung, die jederzeit zum Wesen des russtschen Despotismus gehört haben. Rußland hat einen ganzen Kranz fremder Nati⸗ onen infolge dieser Politik um sich herumge⸗ wunden und hält ste alle an der gleich drückenden, einschneidenden Kette, mit der es das russtsche Volk geknechtet hält. Aber alle diese unter⸗ drückten Völker geben an Haß zurück, was sie an Unterdrückung empfangen. Kein Volk kann frei sein auf Kosten der Freiheit durch die Unterdrückung des Nachbarvolkes. Rußland ist ein Koloß mit tönernen Füßen und Japan wird ihm jetzt einen Fuß zertrümmern. Das Proletariat ist die einzige Klasse, die die Sache der Kultur und des Fortschrittes vertritt. Die Bourgeoisie selbst einer sogenannten Republik wie Frankreich ist die festeste Stütze des rus⸗ sischen Despottsmus geworden und bezahlt mit threm Golde den Henker aller Reußen. So ist die Sache der Sozialdemokratie immer mehr die große, gute und gerechte Sache der allge⸗ meinen Kultur geworden und alles, was Fort⸗ schritte erwartet und für die Freiheit kämpft, schart sich um ihr Banner. Der proletarische Klassenkampf ist die Sache der Befreiung, des Fortschritts der ganzen Menschheit geworden.

Hierauf wird folgende Resolution der sozia⸗ listischen Partei Frankreichs angenommen:

In Erwägung, daß die Verständigung und die gemeinsame Aktion der Arbeiter und Sozialisten aller Länder die wesentliche Bürgschaft für den Weltfrieden ist, entbietet der Kongreß in dem Augenblick, wo der Zarismus gleichzeitig durch Krieg und Revolution bedroht wird, seinen brüderlichen Gruß den russischen und japa⸗ nischen Proletariern, die geopfert, hingemordet werden, sowohl durch die Verbrechen des Kapitalismus wie der Regierung. Der Kongreß fordert die Sozialisten und Arbeiter aller Länder auf, die Hüter des Friedens sind, sich mit aller Kraft jeder Ausdehnung des Krieges zu widersetzen.

7*

Am Sonntag Nachmittag fanden auf einer großen Wiese in der Nähe von Amsterdam eine internationale Riesenversammlung statt. In den 4 Ecken der Wiese waren Tribünen aufgestellt, von welchen herab nacheinander die Vertreter der Sozialdemokratie aller Länder sprachen. Von der einen Tribüne aus sprachen Ferri, Adler, Branting⸗Stockholm, Vandervelde und van Kol. Ferri feierte den Sieg der italtenischen Partei, die trotz ihrer kleinen Zahl den Zar von Italien ferngehalten habe. Dr. Victor Adler⸗Wien betont die Gemeinsamkeit der holländischen und der öster⸗ reichischen Parteibewegung, die beide gegen die

Wahlrecht kämpften.

christliche Demagogie und für das allgemeine Vandervelde-Brüssel