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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 3.

Von Nah und Lern. Der Oberlehrer mit dem roten Schlips.

Ein heiteres Stückchen des Rotkollers, das sich natürlich in dem gesegneten Sachsen er⸗ eignete, beschäftigt die Oeffentlichkeit. Das Schöffengericht in Plauen hatte am 28. Jan. die Frage zu entscheiden, ob es von einem sächsischen Oberlehrer unpatriotisch gehandelt ist, wenn er am Sedantage einen roten Schlips trägt. Dieses Verbrechen hatte sich nämlich der Oberlehrer Weidauer, Religions- lehrer am Gymnastum in Plauen, und Führer der Nationalsozialen schuldig gemacht. Er hatte bei einem Ausfluge des Gymnastums am Se⸗ dantage seinen Hals mit einer Binde von der verfehmten roten Farbe geschmückt und damit in verschiedenen Kreisen Anstoß erregt. Die

Angelegenheit war imVogtl. Anz. mit einigen

kritischen Bemerkungen zur Sprache gebracht worden, was Herrn Weidauer veranlaßte, gegen den Verfasser Ellegard Leisner Strafantrag zu stellen. Das be sprach indessen den Beklagten frei, da der Artikel weder ob⸗ jektiv noch subjektio eine Beleidigung enthalten habe. Ausdrücklich betonte das Gericht, daß das Tragen eines roten Schlipses, eines be⸗ kannten Abzeichens, unter den vorliegen⸗ den Umständen als eine Demonstration aufgefaßt werden müsse, zumal der Privat⸗ kläger schon früher an der Seite eines sozial⸗ demokratischen Führers eine nationalsoziale Versammlung geleitet hat, und die National- soztalen nächst den Sozialdemokraten die am meisten links stehende Partei seien. Natür⸗ lich, die rote Binde läßt mit aller Sicherheit darauf schließen, daß der Mann auch innen rot ist. Ein sächsischer Lehrer, der dazu noch Theologe ist, hat schwarz zu sein, außen und innen! Für Karnevalvereine liefert die Geschichte eine ganz nette Bereicherung ihres Programms.

Folgen der Kaisergeburtstagsfeier.

In Oberhausen(Rheinland) war bei der Kaisergeburtstagsfeier dem Sohne eines bekannten und einflußreichen Direktors eines großen Werkes die patriotische Begeisterung der⸗ artig zu Kopfe gestiegen, daß er einen Zechen⸗ beamten in einem öffentlichen Lokale beleidigte, worauf der Beamte mit einigen kräftigen Ohr⸗ feigen antwortete. Der Geohrfeigte, welcher Reserveleutnant ist, wäre ja nun nach dem Ehrenkodex verpflichtet gewesen, den Beamten zufordern; aber, ob er den Beamten nicht für satisfaktionsfähig hielt oder ob er nach ausgeschlafenem Rausche die Sache vergessen hatte, die Duellforderung erfolgte nicht. Darauf hielt sich nun der Beamte für verpflichtet, den Leutnant zu fordern; aber eine Knallerei unter⸗ blieb, dafür fand dieser Tage auf dem dortigen Bezirkskommando eine Ehrengerichtssitzung statt. Dem Reserveleutnant wird es wohl die Uni⸗ form kosten und der Zechenbeamte bleibt seiner Familie erhalten.

Im christlichen Staate.

Unglaubliche Verwahrlosung stellte eine Gerichtskommission bei einem in Armenhause zu Belzheim bei Oettingen in Bayern ver⸗ storbenen 49 jährigen Gemeindearmen fest. Der Verstorbene war derart von Eiter zerfressen, daß die Backenknochen offen dalagen. Er war seit mehreren Jahren gelähmt und völlig bewegungs⸗ unfähig. Zu seiner Pflege hatte man ihm seine alte Mutter beigesellt, die selbst hilflos war. Einen Arzt beizuziehen scheute sich die Gemeinde wegen der Kosten. Aehnliche Fälle kamen in dem frommen Bayern in letzter Zeit öfters vor.

Treffende Antwort.

Am 30. Dezember v. Js. fand in Gotha eine Innungsversammlung statt, die sich u. a. auch mit der Frage beschaͤftigte, inwieweit das Handwerk durch Konsum vereine geschädigt werde. Bet dieser Gelegenheit berichtete Herr Wilhelm Bonsack, daß sich die Bäckerinnung an das Ministerium gewandt und auch sogar eine Audienz beim Regenten nachgesucht habe, um über die Schädigung durch die Konsum⸗

vereins⸗Bäckereien Beschwerde zu führen. Der Regent habe ihre Klagen geduldig angehört und dann kurz und bündig erklärt: Errichten Sie auch eine Genossen⸗ schaft und schaffen Sie die gleichen

Maschinen an wie die Bäckerei im Konsum verein! ä

*. 5 AUnterhaltungs-Ceil.

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Der Sieg des Schwachen. Erzählung von Melchior Meyr. (Fortsetzung.)

Der alte Herr war zufällig in Gedanken und konnte also die Großtat gar nicht würdigen; den Burschen laufen lassend, dankte er der Witwe, die sich vor ihn hingestellt und ihn mit einem förmlichen tiefen Knicks geehrt hatte, freundlich und richtete, bevor er weiter ging, einige wohlwollende Fragen an ste, die sie de⸗ mütig beantwortete.

Tobias wartete und sah die Nachkommende mit einem Blicke an, als wollte er sagen:H du gute Alte wie wenig hast du den Brief deines Sohnes begriffen! Auf dem Wege, den sie noch miteinander zu machen hatten, fand er seinen ruhigen Ernst wieder, gab dem Weibe zum Abschied die Hand sagte:Ich dank' Euch, daß Ihr mich den Brief habt lesen lassen. Ihr habt mir einen Gefallen getan, 1575 mir kein Mensch einen größeren hätte tun önnen.

In seine Stube eintretend, fand er den Vater allein. Er grüßte ihn leicht, zeigte ihm die gekauften Sachen und empfing dafür seine Anerkennung, denn sie waren gut und billig erworben.

Nachdem der Alte das Lob gespendet, ver⸗ riet er eine eigentümliche Unruhe und eine Verlegenheit, als ob er nicht recht wüßte, was er nun tun, ja nicht einmal, was für ein Ge⸗ sicht er machen sollte. Er rückte mehrmals an der alten Pelzkappe, die er im Hause trug, stellte sich dann zum Fenster und sah durch zwei Geranienstöcke, womit der Sims geziert war, auf die Gasse hinaus. Tobias betrachtete ihn und schüttelte den Kopf; er war seinerseits mit einem Vorsatz gekommen, überlegte nun, wie er die Sache einleiten sollte, und war eben daran, das Wort zu ergreifen, als der Alte sich umdrehte und entschlossen begann:Hör', wir müssen heut noch ein ernsthaftes Wort mit⸗ einander reden. Ich hoff', du kannst etwas Vernünftiges anhören?

Das schon, erwiderte Tobias verwundert. Grad heut!

Das ist gut, versetzte der alte Schneider. Also kurz von der Sach' g'red't! Der junge Schuster hat heute um die Sibylle anhalten lassen, die hat aber nicht Ja gesagt, sondern sich drei Tage Bedenkzeit ausgebeten, weil sie dich immer noch lieber hat und hofft, daß du jetzt, wenn du den Erust siehst, deinen dummen Handel mit der Pfarrmagd lassen und zu ihr kommen wirst. Das hat mir einer gesagt, der von dem Weber dazu den Auftrag gehabt hat. Der Weber giebt auch das Haus ab, und noch dazu weit billiger, als ich gedacht hab'. Also entschließ dich kurz, zieh' dich an, und wir machen den Handel heut noch richtig.

Tobias hatte mit steigender Verwunderung gehorcht; jetzt verzog er den Mund zu einem spöttischen Lächeln und erwiderte spielend: Ich glaub's nicht! Das machst Du mir nur vor!

Ich mach' dir nichts vor, entgegnete der N streng.Was ich sag', ist lautere Wahr⸗ eit!

In der Tat verhielt es sich so. Die Sibylle, die von dem Verhältnis des jungen Schneiders zur Bäbe keine Ahnung gehabt und immer

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hoffend gewartet hatte, war freilich tief belei⸗

digt durch die Streiche, die sie von ihm erfuhr,

und verachtete ihn drei Tage lang von ganzem

Herzen. Nach und nach trat aber doch die

alte Neigung wieder hervor, sie dachte sich das

Zusammenleben mit dem hübschen, bösen Men⸗ schen angenehmer als jemals und freute sich, daß die Anfrage des jungen Schusters ihr Ge⸗

legenheit gab, gegen die hergelaufene Person

noch mit allen ihren Vorteilen ins Feld zu rücken. Sie sprach kräftig mit dem Vater, hielt ihm namentlich den wichtigen Umstand vor, daß Tobias wenigstens zweihundert Gul⸗ den mehr Heiratsgut bekommen werde als der Schuster, daß die Geschichte mit der Pfarr⸗ magd eine Dummheit sei, wie sie der Schuster wohl auch schon gemacht haben werde, daß man solche Sachen verzeihen müsse, besonders weil der gute Mensch gewiß nur von der Per⸗ son verführt worden sei, und daß Tobias, wenn man ihn wieder ins rechte Gleise bringe, der beste Ehemann sein werde. Sie überredete den Weber, das Haus abzugeben, wie sie's für billig fand, indem ste die schönsten Versprech⸗ ungen machte kurz, sie lenkte den Handel. so praktisch, wie man es von einem Dorf⸗ mädchen gewöhnlichen Schlages nur immer erwarten konnte. Den Unterhändler, der zum Schneider gehen sollte, belehrte sie selbst und hoffte um so mehr auf einen guten Ausgang, als sie doch glauben mußte, daß es am Ende Vater und Sohn lieb sein würde, auf diese

Art mit einemmal aus dem wüsten Gerede

und aus der Schande zu kommen.

Bei dem Alten traf sie es. Dieser atmete auf, als er die Kunde vernahm, die der Mit⸗ telsmann natürlich nur als von ihm ausgehend brachte, ohne indes dem Schneider die Wahr⸗ heit verbergen zu können. Er sprach mit wür⸗ digem Ernste seinen Dank aus und beschloß augenblicklich, zur Erreichung dieses guten

Zweckes von allen Mitteln seines väterlichen Wie gewalt⸗

Ansehens Gebrauch zu machen. tätige Menschen sich an eine beinahe schon ver⸗ lorene Sache um so hartnäckiger anklammern und meinen, gerade jetzt müsse sie noch gewen⸗ det und gerettet werden, so empfand der alte Schneider eine förmliche Wut, seinen Willen durchzusetzen und sich durch den Sieg über den Burschen für allen Verdruß der letzten Zeit schadlos zu halten.

Als Tobias auf die erste Erklärung nicht gleich antwortete, fragte der Alte:Nun, werd' ich was hören?

Der Sohn zuckte die Achseln und erwiderte lächelnd:Vater, du hast's heut schlecht ge⸗ troffen.

Wieso? rief der Alte, indem er ihn staunend ansah,schlecht getroffen?

Ja, versetzte Tobias;weil du mich heute weniger als jemals dazu bringen wirst, diese einfältige Person zu heiraten.

Der Vater betrachtete ihn von oben bis unten, trat dann einen Schritt näher und sagte mit tiefem Ernste:Tobias, ich rat' dir's in Gutem, mach' mich nicht zornig. Ich versteh heut gar keinen Spaß, und du hast mich noch

lange nicht kennen lernen, wie ich eigentlich

bin! Das kann ich dir sagen!

Tobtas, der seinen Kopf erhoben, entgegnete: Und du hast mich auch noch nicht kennen lernen, wie ich eigentlich bin!

Der Alte machte ein Gesicht wie einer, den seine bisherigen Begriffe zu verlassen anfangen. Was ist denn aber das? rief er endltch. Wo nimmt denn der Mensch auf einmal die Unverschämtheit her?

Ja, erwiderte Tobias mit halbem Lachen, das glaub' ich schon, daß du dich darüber wunderst! Ernster setzte er hinzu:Ich hatt mich eben früher schon so benehmen sollen gegen dich. Es ist eine Dummheit gewesen, daß ich mich vor dir gefürchtet hab', ein reiner Unstnn! Das hat aber jetzt ein Ende!

Das Staunen und die Entrüstung des Al⸗ ten erreichten den höchsten Grad. Auf einmal ihn von der Seite betrachtend, rief er verächt⸗ lich:Hast du ein Glas Bier zu viel getrunken und spielst jetzt den großen Hansen? Dem will ich abhelfen! Mit heftig strengem Tone und den Arm gebieterisch ausstreckend, rief er:

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