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Seite 2.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
für unsere Partei ein überaus glänzendes Er⸗ gebnis lieferten, wie es unsere Hamburger Parteigenossen selbst kaum erhofften. Die Bür⸗ gerschaft ist zugleich Staats⸗ und Stadtparla⸗ ment. Sie besteht aus 160 Mitgliedern, von denen aber nur 80 aus allgemeinen Wahlen hervorgehen. 40 Wa stellen die soge⸗ nannten Notabeln— das sind die akademisch gebildeten Angehörigen der Gerichte und der Verwaltungsbehörden— und 40 die Grund⸗ besitzer. Wählen dürfen nur hamburgische Bür⸗ ger. Aber nur derjenige kann hamburgischer Staatsbürger werden, der während der letzten Jahre min destens 1200 Mk. Einkommen versteuert hat. Dadurch ist die große Masse der arbeitenden Bevölkerung vom Wahlrecht ausgeschlossen. Unsere Partei hatte also unter sehr ungünstigen Bedingungen zu kämpfen. Neuwahlen hatten diesmal in 42 Bezirken statt⸗ zufinden, es sind nämlich alle drei Jahre die Hälfte der Mandate, die eine 6jährige Gül⸗ tigkeitsdauer haben, zu erneuern. Bisher war die Sozialdemokratie nur durch ein einziges Mitglied, den Genossen Stolten vertreten. Am Freitag wurden nun zwölf Sozial⸗ demokraten gewählt, außerdem stehen noch 6 in der Stichwahl! Ob unsere Genossen in der Stichwahl noch Mandate erobern, ist aller⸗ dings fraglich, mehr wie zwei keinesfalls. Aber das tut nichts. Uns kann der herrliche Sieg ge⸗ nügen.— Von unsern Genossen wurden gewählt: Ehlers, Zaffke, Meyer, Bartes, Blume, Fischer, Röske, Paeplow, Bömelburg, Gruenwalt, Schaumburg, Stubbe. Dazu kommt noch Stolten, dessen Mandat erst in drei Jahren abläuft, so daß jetzt schon die sozialdemokratische Fraktion 18 Mann stark ift.— Die Antisemften erlitten eine ver⸗ nichtende Niederlage, ihre sämtlichen Kandi⸗ Taten sind durchgefallen. Die Stichwahl findet Freitag, 29. Febr. statt. Dem Hamburger Ord⸗ nungsbrei ist der sozialdemokratische Erfolg denn auch nicht schlecht in die Glieder gefahren. Ein reaktionäres Blatt prophezeit schon, daß wir bei der nächsten Wahl die Zahl unserer Mandate auf das Doppelte steigern werden. Hoffentlich erfüllt sich diese Prophezeihung! Unsere Ham⸗ burger Genossen werden gewiß das ihrige dazu tun.
Die Ersatzwahl in Eschwege hat am Montag stattgefunden. Es erhielten Stimmen: Unser Genosse Hugo 5812, Raab(Antis.) 4555, Merten(freis.) 4074 und v. Christen (kons.) 3522. Danach hat Stichwahl zwischen Hugo und Raab stattzufinden. Der Ausgang derselben ist nicht zweifelhaft: der„Freisinn“ wird natürlich eher dem Antisemiterich zu Hilfe kommen als der Sozialdemokratie und so den Sieg des Reaktionärs herbeiführen.
Eine Revolution durch die Speisekarte.
Eine originelle Methode sozialistischer Unter⸗ suchung hat die„Deutsche volkswirtschaftliche Korrespondenz“ entdeckt. Sie studiert nämlich die Speisekarten von Arbeiterwirtschaften. Da⸗ bei hat sie die wahrhaft epochale Entdeckung gemacht, daß im Charlottenburger Volkshaus folgende gute Dinge zu haben sind: Eisbein mit Sauerkraut, Gulasch mit Bratkartoffeln, Hammelfleisch mit Pureekartoffeln, Kalbsleber mit Heringskartoffeln und Schweinebraten mit Klößen. Wenn der Arbeiter, so fährt der Staatsgelehrte der„Deutschen volkswirtschaft. Korresp.“ fort, so lebt, so sei es kein Wunder, wenn er kein Soldat werden wolle. Der Ar⸗ beiter verdiene schon mit 18 Jahren 15-18 Mk. wöchentlich.„Er speist dann sehr bald regel⸗ mäßig in seiner Stammkneipe oder im Arbeiter⸗ kasino und wohnt bequem nach Belieben.“ Es solgt ein ausführliche Schilderung, wie schlecht es dagegen den Soldaten und besonders den Leutuants ginge. Die Betrachtung des Staats⸗ gelehrten schließt sehr ernst und scharfsinnig.
5„Eine immer weiter gehende künstliche Steigerung dee Lebenshaltung unsrer Arbeiter aber führt zur Ver⸗ schiebung unsrer sozialen Klassen. Zur Revolution!“
Was tun? Früher waren es doch nur die umstürzlerischen Schriften, die man denunzierte. Jetzt gibt es gar schon vaterlandsloses Eisbein, volksverräterisches Gulasch und revolutionären
Schweinebraten. Minister hungern bei Liebes⸗ mahlen und Proletarier schwelgen beim Kalbs⸗ leber im Charlottenburger Volkshaus. Einer von beiden muß verrückt geworden sein, die Welt oder die„Deutsche volkswirtschaftliche Korrespondenz“.—
Korruption in Italien.
Vorige Woche ist der große Prozeß gegen den sozialdemokratischen Abgeordneten Ferri und Genossen nach wochenlangen Verhand- lungen zu Ende gegangen. Professor Ferri war als Direktor des„Avanti“(Vorwärts), des sozialdemokratischen Parteiorgans ange⸗ klagt, worin behauptet und nachgewiesen war, daß in der Marineverwaltung ungeheuere Gaune⸗ reien und Unterschleife verübt worden sind. Ferri wurde zwar zu 14 Monaten Gefängnis und 1500 Lire Geldstrafe verurteilt, doch da⸗ mit sind seine Anklagen keineswegs als unbe⸗ gründet erwiesen, im Gegenteil weiß jedermann, daß die behauptete Korruption tatsächlich be⸗ stand. In seiner Verteidigungsrede wies Ferri den Vorwurf, daß er aus persönlicher Gehässig⸗ keit gegen den früheren Marineminister Bettolo den Skandal aufgedeckt habe, entschieden zurück. Die sozialdemokratische Partei kämpfe seit Jah⸗ ren für die Herabsetzung der unproduktiven Ausgaben für Heer und Marine, durch deren Erhaltung die öffentlichen Dienste geschädigt würden. Seine Kampagne gegen die Korrup⸗ tion in der Marxineverwaltung sei nur im öffentlichen Interesse geschehen. Er habe den Mut besessen, mit lauter Stimme zu wieder⸗ holen, was man sich in den Foyers der Kammer und unter vier Augen leise zugeflüstert habe. Von der großen Masse Zuhörer, welche den Verhandlungen beiwohnte, wurden Ferris Aus⸗ führungen mit großem Beifall aufgenommen. Beim Verlassen des Gerichtsgebäudes, nachdem das Urteil gefällt war, wurde er von einer ungeheueren Menschenmenge mit Jubel begrüßt. Truppen⸗ und Schutzmanns⸗Kordons sperrten die Straßeneingänge ab. Die Menge schrie: Es lebe der Sozialismus! Es lebe Ferri! Nieder mit den Dieben! Nieder mit den Blutsaugern! Ueberall auf seinem Wege nach der Redaktion des„Avanti“ wurde Ferri von Beifall begrüßt. Sogar Soldaten machten vor ihm Front.
Ueber das Urteil selbst schrieb Ferri im Avanti: Es ist nur eine neue Bestätigung der sozialistischen Lehre, daß die Justizverwaltung nur ein Produkt und ein Werkzeug der herrschenden Klassen ist.... Man stelle sich nur vor, welche politische Bedeutung die Freisprechung Ferris in dem Bettoloprozesse gehabt haben würde! Das hätte geheißen, die in der Verwaltung der Kriegsmarine be. ende Fäulnis anerkennen und öffentlich zu and⸗ marken. Um eine solche Gefahr zu besch vören, hat man alle Kräfte und Einflüsse in Bewegung gesetzt. Die Richter haben sich gefühlt als ein Glied in dem Räderwerk der Klassenverteidig⸗ ung und deshalb sind sie ungeachtet des klaren Lichtes und des Urteils der öffentlichen Mei⸗ nung zur Verurteilung gekommen.— Verurteilt ist aber der Militarismus.
Vom russisch⸗japanischen Krieg.
Von den Nachrichten, die im Laufe der letzten Woche vom Kriegsschauplatze hierher gelangten, kann keine einzige besondere Bedeutung beanspruchen. Die 5 Meldungen erweisen sich auch vielfach als sensationell auf⸗ geputzt und zum großen Teil unzuverlässig. Das ist auch sehr erklärlich, da beide krieg⸗ führende Teile in ihrem Interesse die Bericht⸗ erstattung zu erschweren und zu beeinflussen suchen. Soviel läßt sich ind essen mit Bestimmt⸗ heit sagen, daß bei den bsc zen kriegerischen Operationen die Russen entschieden im Nach⸗ teile blieben. Fine ganze Anzahl Kriegsschiffe sind ihnen teils zugrunde gegangen, teils von den Japanern weggenommen worden.— Die Mobilisierung in Rußland de Schwierigkeiten. Zahlreiche einberufene Reser⸗
visten flüchten über die Grenze. Auch in der
Armee selbst sollen viele Desertionen vorkommen. Angeblich wurden auch Telegraphenlinien von
solchen Deserteuren zerstört. Die Stimmung in Rußland wird als eine ziemlich gedrückte ge⸗ schildert; die Behörden versuchen vielfach künst⸗ 1
lich„Begeisterung“ im Volke hervorzurufen. Doch der Pessimismus wird durch die Nach⸗ N die erlittenen Schlappen noch ver⸗ größert.
Ungemein schwierig gestaltet sich der Truppen⸗ transport nach dem Osten. Die Militärzüge aus dem westlichen Rußland brauchen über 20 Tage bis zur Mandschurei. Dabei herrscht jetzt in Sibirien eine Kälte von 45 Grad Cel⸗ sius, die Soldaten verhungern und erfrieren. Schon jetzt soll die Sterblichkeit unter den Truppen in Port Arthur und dem ebenfalls russischen Hafenorte Dalny eine außerordentlich große sein. 5
Eine grobe Verletzung des Völker- rechts haben sich die Russen zu schulden kommen lassen. Admiral Alexejew in Port⸗ Arthur verfügte die Zurückhaltung eng⸗ lischer Schiffe, die japanische Flüchtlinge an Bord hatten, und gestattete die Ausfahrt erst, als die Japaner wieder ans Land gesetzt waren. England hat bereits Einspruch gegen dieses Vorgehen erhoben, und wahrscheinlich werden auch die Vereinigten Staaten dem Protest sich anschließen. Die übrigen in Port⸗ Arthur lebenden Ausländer mußten nach dem Angriff der Japaner auf Befehl Alexejews die Stadt sofort unter Zurücklassung ihres Eigen⸗ tums verlassen.
Neutralitätserklärungen haben die verschiedenen Mächte abgegeben. Ob sie in Wirklichkeit strikt gehalten werden, ist eine andere Frage. Uebrigens sind sich die Diplomaten noch durchaus nicht einig, was man überhaupt unter Neutralität zu verstehen hat. Jede Re⸗ gierung legt diesen Begriff anders und so aus, wie es ihr gefällt. China z. B. erklärte, es könne keine Verantwortung für die Aufrecht⸗ erhaltung der Neutralität in einer von einer fremden Macht besetzten Provinz— der Mand⸗ schurei nämlich— übernehmen. Dieser Wink wird verstärkt durch eine Note der japanischen Regierung an die cginesische, in der betont wird, daß China Maßnahmen zum Schutze seiner Grenzen und zur Verstärkung seiner Ar- mee treffen müsse.
Russisch-englischer Konflikt. Wegen Tibets ist es zwischen Rußland und England zu Differenzen gekommen. Rußland protestierte gegen die Einführung englischer Truppen in Tibet, mit dem Protest sei jedoch die englische Regierung„nicht einverstanden“. Ein am Mitt⸗ woch von der Frkftr. Ztg. gebrachtes Peters⸗ burger Telegramm besagte, daß Rußlandgegen England rüste. Die Situation wurde als sehr ernst bezeichnet. 5
Auf dem französischen Sozialisten⸗ kongreß, der diese Woche in St. Etienne stattfand, beschloß man eine Resolution, die sich gegen den Krieg ausspricht. Jaurés er⸗ klärte, er werde noch Gelegenheit nehmen, von der Kammertribüne dem Friedens verlangen der sozialistischen Arbeiter Ausdruck zu geben.— Das Organ der russischen Sozialdemokratie hofft, daß dieser Krieg möglichst kurz sein und den Zusammenbruch der zarischen Willkürherr⸗ schaft herbeiführen möge.
Aus dem Reichstage.
Der Titel Reichsgesundheitsamt wurde am Mittwoch erledigt. Im Mittelpunkt der Verhandlungen stand eine neue bedeutsame Rede unsres Genossen Scheidemann, der seine agrarischen Gegner vom Dienstag der Reihe nach vornahm und gründlich widerlegte. Ins⸗ besondere dem konservativen Abgeordneten Dr. Dröscher, der sehr anmaßend aufgetreten war, wies er nach, daß seine Rede in Anlage und Einzelheit gleich oberflächlich sei. Scheidemann schickte ihn gehörig heim. Der Herr Dröscher, der früher Oberlehrer war, spielte sich als landwirtschaftlicher Sachverständiger auf und warf Scheidemann vor, daß er seine landwirt⸗ schaftlichen Kenntnisse wohl nicht im Schweine⸗
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