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21.2.1904
 
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Gießen, den 21. Februar 1904. 11. Juhrg. a Medaktion: 2 Wedaktionssczluß⸗ Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Wang Nachmittag 4 Uhr,

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Historische Notwendigkeit.

Unsere Junker schwärmen bekanntlich sehr für die russischen Zustände. Wenn wir in Deutschland dieadministrative Verschickung nach Afrika und die Kuute hätten, nach welcher bekanntlich der dicke Oertel so sehnsüchtig ver⸗ langt, dann hätten sie Hoffnung, alle un⸗ bequemen Leute abschieben oder niederhalten und damit dieBegehrlichkeit der Massen zügeln zu können. Soweit wird es indessen bei uns wohl kaum kommen und die Herren Junker werden sich auch noch daran gewöhnen müssen, sich mehr in die modernen Zustände zu schicken.

Wenn wir mehr schadenfroh wären, als wir sind, so könnten wir unsere helle Freude daran haben, daß die Junker und Großgrund⸗ besitzer des Ostens nunmehr selbst unter von fallen so gepriesenen russischen Zuständen leiden ollen.

Da die landwirtschaft lichen Arbeiter sich in Masse vor den schlechten Löhnen, der schlechten Beköstigung, den schlechten Wohnungen und der schlechten Behandlung überhaupt aus dem ostelbischen Junkerparadies nach Mittel⸗ und Westdeutschland flüchten, um bei der Industrie eine mehr lohnende Beschäftigung zu suchen, so mag in gewissen Gegenden die vielbesprochene Leutenot bis zu einem gewissen Grad vor⸗ handen sein. Wenn die Agrarier über dieselbe klagten, so hat man ihnen stets mit Recht ge⸗ antwortet, sie müßten ihre Arbeiter besser ent⸗ lohnen und behandeln; dann würden ihnen die⸗ selben nicht in Masse davonlaufen. Das ist aber den Herren mit dem angeblichenRecht auf Rente natürlich nicht eingefallen. Zunächst schreien sie nach allerleikleinen Mitteln, um die Massenflucht der landwirtschaftlichen Ar⸗ beiter nach den Industriezentren zu verhindern. Bestrafung des Kontraktbruches, Erschwerung des Anzugs in den großen Städten, sogar Er⸗ schwerung des Eisenbahnverkehrs für die länd⸗ lichen Arbeiter war es, was sie verlangten. Allein man sah schließlich ein, daß man mit solchen Mittelchen das massenhafte Abströmen der Ar⸗ beitskräfte nicht verhindern könne. Darum zog man fremde Arbeitskräfte heran und es wurde sogar dieEinfuhr chinesischer Kulis in ganz ernsthafte Erwägung gezogen. Namentlich aber wurden russische und polnische Arbeiter in Masse nach Deutschland gebracht und die Offer⸗ ten und Ankündigungen derTransporte der fremden Arbeitskräfte traten in jener rohen Form auf, die den Menschen als eine Ware erscheinen läßt. Mehrere hunderttausende russische Arbeiter kamen alljährlich auf deutsches Gebiet und drückten die Löhne der einheimischen Land⸗ arbeiter, standen sich aber, wie es scheint, immer noch besser, als in Rußland selbst.

Dieses Abströmen russischer billiger Arbeits⸗ kräfte war aber den russischen Agrariern ebenso unangenehm, als es den deutschen Agrariern willkommen war. Nun entstand in gewissen nussischen Strichen eineLeutenot und die ruffischen Großgrundbesitzer mußten manchmal die Löhne etwas erhöhen, um Leute zu be⸗ kommen. Um diesen Schwankungen des Ar⸗ beitsmarktes vorzubeugen, wendeten sie sich an die russische Regierung und diese sagte dann auch Zwangsmaßregeln gegen die Auswanderung russischer Arbeiter zu. Es

mag nun ergötzlich klingen, wenn die Junker über denrussischen Despotismus räsonnieren, den ste für Deutschland so oftmals herbeigesehnt. In diesem edlen Wettstreit agrarischer Interessen werden die russischen Agrarier im Vorteil bleiben.

Die bekanntenNotleidenden bringen es vielleicht auf diesem Wege auch dahin, daß der russische Despotismus zur Macht wird,die stets das Böse will und doch das Gute schafft, wenigstens in diesem einen Falle. Denn wenn der Zustrom russischer Arbeitskräfte verhindert wird, dann müssen die deutschen Großgrundbe⸗ sitzer den Arbeitern gegenüber nachgiebiger wer⸗ den. Sie jammern zwar heute schon, daß sie unerschwingliche Löhne zahlen müssen. Dieses Jammern sind wir gewohnt und wir legen da⸗ rauf weniger Wert, als auf statistische Angaben und auf die genauen Schilderungen zuverlässiger und unbefangener Beobachter. Die Zustände auf vielen Gütern, die Art, wie die Arbeiter behandelt werden und die überall noch auf⸗ tretenden Wirkungen des heuchlerischenpatriarch⸗ alischen Verhältnisses sind einfach eine Schande für Deutschland und eines Kulturvolkes un⸗ würdig. Alle Versuche, da zu bessern, sind an dem eisenstirnigen Widerstand der Junker ab⸗ geprallt. Wenn man vom Koalitionsrecht für landwirtschaftliche Arbeiter, von einer Unter⸗ suchung der ländlichen Verhältnisse durch staat⸗ liche Organe und dergleichen sprach, so schrien sie vonAufretzung zum Klassenhaß und von Verhetzung der Klassen.

Und doch die Verhältnisse sind eben auch hier stärker wie die Menschen. Das patriarcha⸗ lisch⸗feudale System, das unsere Junker mit aller Gewalt aufrecht erhalten wollen, um der modernenBegehrlichkeit den Einzug in die ländlichen Bezirke zu verwehren, kann eben auf die Dauer nicht bestehen innerhalb eines gesell⸗ schaftlichen Organismus, in dem die Verkehrs⸗ mittel eine so große Rolle spielen. Die Um⸗ wälzung braucht nicht erst zu kommen, ste ist schon da. Die Absperrung des ländlichen Proletariats läßt sich nicht mehr durchführen, wie bisher.

Indem die russischen Agrarier die Lohn⸗ drücker bei sich zurückbehalten, wollen sie natür⸗ lich bei sich selbst das Angebot von Arbeits⸗ kräften vermehren und dieselben billiger kaufen. Und so üben sie wiederum einen Druck auf die deutschen landwirtschaftlichen Verhältnisse aus, der zu Gunsten der Arbeiter ausschlagen muß.

Wir stehen freilich erst am Anfang der großen Umwälzung, die mit dem Empor wachsen der modernen Industrie und mit der Entwick⸗ lung des Verkehrs in unsern ländlichen Ver⸗ hältnissen begonnen hat. Aber die Woge wird mächtig anschwellen und sie wird mit der Zeit so groß werden, daß ste die Ueberreste des Feudalismus mit patriarchalischem System und mit den Gesindeordnungen hinwegschwemmen wird. Mit Polizeimaßregeln läßt sich das so wenig aufhalten, wie mit dem Dreiklassenwahl⸗ system. Das historisch notwendig gewordene muß kommen. Und das notwendige besteht hier darin, daß auch die ländlichen Verhältnisse den modernen Forderungen angepaßt werden

Die Maßregel Rußlands gegen die Aus⸗ wanderung russischer Arbeiter versetzt den patri⸗ archalischen System einen tötlichen Stoß und

raubt dem Junker⸗ und Beutepolitikertum auch in den Augen der heute noch rückständigen Ele⸗ mente im Volke den Heiligenschein, den es sich mit diesem System zurechtgemacht hatte. Kein Zweifel, daß wir die tyrannische Maßregel an sich auch verwerfen. Aber ste deckt nur einen der vielen Widersprüche auf, an denen unsere gegenwärtigen Zustände auf dem Lande unheilbar kranken.

Politische Rundschau.

Gießen, den 18. Februar 1904. Neue Kanonen.

In der Budgetkommission des Reichstags hat der Kriegs minister erklärt, daß die Einführung der Rohrrücklaufgeschütze mit Schutzschildern notwendig sei. Als vor längerer Zeit von solchen Plänen die Rede war, wurden sie von den Regterungsorganen in Abrede gestellt. Jetzt liegt die Bestätigung vor und bald wird man neue Millionenopfer vom Volke verlangen. Der Militarismus kennt keine Grenze in seinen Ansprüchen.

Folgen des Zolltarifs.

Ueber den Quebrachozoll, den die Agrarier in den Zolltarif hineingebracht haben, um die Interessen der Schälwaldbesitzer zu wahren und der schon jetzt, ohne daß der Ta⸗ rif in Kraft ist, seine verderbliche Wirkung aus⸗ übt, schreibt die FachzeitschriftSchuh und Leder:Bel uns weiß heute in der Gerbstoff⸗ frage niemand aus und ein; der Markt in Quebracho hat offenbar resolute Schritte von seiten der deutschen Industrie nötig gemacht, aber niemand wagt, sie zu entrieren. Ueber Nacht kann der Zollwächter blasen und setzt mit einem einzigen Ton aus seiner Posaune allen deutschen Unternehmungsgeist nach dieser Richtung hin matt. Jede Disposition im Gerb⸗ stoffmarkt, sie sei welche sie wolle, kann bei dem Stand unserer heutigen Handelsverträge morgen untergehen, während sie heute noch schwimmt. Wem von den deutschen Fabrikanten kann man es verdenken, wenn er unter solchen Umständen das bereits bestehende Risiko, das seine Betriebsanlagen schon involvieren, nicht noch vergrößern will, wenn er auch zusehen muß, wie das Ausland Brocken von dem durch 1 585 Intelligenz erschlossenen Gebiet weg⸗ is 3

Weiter wird ausgeführt, daß seit August v. Is. die deutschen Gerbereien über Knappheit des für sie so notwendigen Quebrachoholzes zu klagen haben. Seit dieser Zeit wurden nur 1299 Doppelwagons Blockholz eingeführt, im Vorjahre dagegen in derselben Zeit mehr als das Doppelte, nämlich 2783 Doppel⸗ waggons! Dadurch leidet nicht allein die Leder⸗ industrie ganz empfindlich, es wird eben auch das Leder verteuert, was dann die Masse des Volkes in Gestalt höherer Preise für Schuh; werk zu fühlen bekommt. Alles das kümmert aber die Agrarier nicht; die Hauptsache ist, daß einigen agrarischen Schälwaldbesitzern höhere Profite zugeschanzt werden.

Glänzender Sieg in Hamburg!

Vorigen Freitag haben in Hamburg die Bürgerschaftswahlen stattgefunden, die