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Nr. 8.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite à.

7 soadern eher im Entenpfuhl(die Re⸗ da

ionsstube) gesammelt habe. Scheidemann antwortete ihm schlagfertig mit der Frage, ob die Schulzimmer, in denen Herr Dröscher sich früher als Oberlehrer beschäftigt habe, Schweineställe gewesen seien?

Gestützt auf das agrarische Werk des Ge⸗ nossen David wies er nach, daß Deutschland nicht imstande sei, seinen Bedarf an Rindern und Schafen aus der eigenen Produktion zu decken und deshalb namentlich mit Rückstcht auf die so sehr erwünschte Steigerung des Fleischkonsums bei der arbeitenden Bevölkerung in Stadt und Land auf die Einfuhr ange⸗ wiesen sei. Die 7 des Abg. Grafen Reventlow, man solle die Schweine, wenn man sie nicht zu angemessenen Preisen verkaufen könne, zu Seife verarbeiten, brandmarkte er als eines der traurigsten Zeichen der kapi⸗ talistischen Weltordnung.

Auf der Rechten war es während der Rede Scheidemanns sehr unruhig, doch keiner der sonst so redelustigen Agrarier wagte ihm sach⸗ lich zu erwidern. Im weiteren Verlauf der Debatte zeigte sich wieder einmal bet einer bürgerlichen Partei eine hübsche Zerfahrenheit: Ein waschechter Richterianer, der pfälzische Weingutsbesitzer Sartorius forderte höhere Zölle auf frische Trauben und mußte von seinem Fraktionskollegen Dr. Hermes korrigiert werden.

Zum Kapitel Reichs versicherungs⸗ amt, dessen Etat am Donnerstag zur Beratung kam, ergriffen von der Sozialdemo⸗ kratie Molkenbuhr und Körsten das Wort, letzterer der Vertreter des Wahlkreises Randow⸗ Greifenhagen und Berliner Arbeitersekretär. Beide Genossen keilten sich in die Kritik, welche die Sozialdemokratie im Interesse der Versicherten u führen hat. Genosse Molkenbuhr verteidigte

ie Ansammlung eines Reservefonds gegen die eigensüchtige Kritik der Berufsgenossenschaften und trat für das Kapitaldeckungsverfahren ein. Die Hauptsache aber war ihm, die Mangel⸗

haftigkeit der Unfallverhütungsvorschriften und

ihre Ueberwachung seitens der gewerblichen Be⸗ rufsgenossenschaften und das völlige Fehlen jeder Verhütungsvorschrift in den landwirt⸗ schaftlichen Betrieben zu besprechen. Seine An⸗ gaben konnten von keiner Seite widerlegt wer⸗ den. Graf Posadowsky stellte in Aussicht, daß im nächsten Jahre mit Unfallverhütungsvor⸗ schriften für die Landwirtschaft der Anfang gemacht werden solle. Genosse Körsten be⸗ leuchtete die Rechtsprechung des Reichsverstcher⸗ ungsamtes und zeigte an einer Reihe von Fällen, wie oft die Entscheidungen einen be⸗ Hagenswerten Mangel sozialer Erkenntuis und sozialen Gefühls verrieten. Außerdem wies er

auf die Abhängigkeit der Vertrauensärzte von

den Berufsgenossenschaften und auf die Benach⸗ teiligung der Vertretung der Arbeiter gegenüber den Unternehmervertretern bei den Spruch⸗ sitzungen hin.

Freitag setzte sich die Debatte über das Reichsversicherungsamt fort. Es kamen zunächst eine Reihe Redner aus dem Lager der bürger⸗ lichen Parteien zum Worte. Alle sangen das hohe Lied von der Fürtrefflichkeit der länd⸗ lichen und gewerblichen Berufsgenossenschaften. Herr Dr. Mugdan rühmte ihren sozialen Sinn, Herr Gamp pries ihre Fürsorge in der Abwehr von Unfällen und Herr Dr. Becker, der natio⸗ nalliberale Beklemmungen wegen derUeber⸗ stürzung der Sozialreform empfindet, faselte von der Verhetzung derzufriedenen Arbeiter durch die Sozialdemokratie. Er und Dr. Mug⸗ dan verbreiteten wieder einmal das Märchen, als gefielen wir uns in. bässgen Verunglimpf⸗ ungen des Aerztestandes, dem sie beide ange⸗ hören. In Wirklichkeit hat Körsten und ebenso Sach se nur die Tatsache festgestellt, daß die Vertrauensärzte der Berufsgenossen⸗ schaft von diesen Unternehmerorganisationen abhängig sind, und daß eine Reihe von Aerzten sich weigern, verunglückten Arbeitern Zeugnisse auszustellen, weil sie von der Hetze der Berufsgenossenschaften eine Schädigung ihrer Existenz befürchten. In der weiteren

ebatte leisteten sich die Gegner, besonders der konservative Gamp und der bekannte Becker

aus Sprendlingen einige ganz ungehörige An⸗ rempelungen der Sozialdemokratie.

Genosse Bömelburg führte sich durch eine ruhige aber eindringliche Rede recht glück⸗ lich ein, in der er die Unfallstatistik beleuchtete und energisch betonte, daß die Unfallverhütung die Hauptsache sei. Wie die Berufsgenossen⸗ schaften ihre Pflicht versäumen, ist bekannt. Unser Redner empfahl daher, ihnen die Unfall⸗ verhütung zu entziehen, ste durch die 0 0 setzgebung zu regeln und zur Kontrolle die Arbeiter heranzuziehen. Diesem Vorschlage trat der Zentrumsabgeordnete Erzberger rüchaltlos bei, wenn ihm auch bei der unvermeidlichen Polemik gegen uns die wenig sozial⸗reform⸗ freundliche Klage entschlüpfte, daß die kleinen Unternehmer unter der Last der Unfallverstcher⸗ ung zu seufzen hätten. Auch Graf Posa⸗ dowsky erkannte die Beschwerden über die mangelhafte Unfallverhütung der Berufsgenossen⸗ schaften, zumal der Bauberufsgenossenschaft, durchaus an und kündigte, wenn nicht bald Besserung einträte, Zwangsmaßregeln des Reichs gegen die Berufsgenossenschaften an. Diese An⸗ kündigung wurde von unsrer Fraktion mit Beifall aufgenommen.

Wahlprüfungen bildeten am Sams- tag den ersten Gegenstand der Tagesordnung. Die Wahl des Gen. Braun in Frankfurt⸗ Lebus gab zu einer längeren Debatte An⸗ laß. Alle Parteien waren im Grunde einig, daß dem Beschlusse der Kommission auf Un⸗ gültigkeitserklärung nicht beizutreten, sondern die Wahl an die Kommission zurückzuweisen sei, die auf Grund des neuen von unsern Kom⸗ misstonsmitgliedern beigebrachten Materials in eine erneute Prüfung der Sachlage einzutreten habe. Trotzdem kam eine sehr ausführliche Diskussion zustande, in die von unserer Seite Richard Fischer und Thiele eingriffen, um den Vorwurf von der Partei abzuwehren, als wenn sie hier Prinzipien im Stich ließe, weil es sich um die Beanstandung einer sozialdemo⸗ kratischen Wahl handle. Thiele nahm sich be⸗ sonders Herrn Dr. Arendt aufs Korn, wäh⸗ rend Fischer sich bemühte, einem Vertreter des Zentrums in der Wahlprüfungskommisston, dem Oberlandesgerichtsrat Burlage, klar zu machen, daß die Kassation der Braunschen Wahl wegen der amtlichen Begünstigung eines Gegen⸗ kandidaten geradezu eine Prämie auf Wahl⸗ beeinflussungen darstellen würde. Schließlich wurde die Wahl an die Kommisston zurück⸗ verwiesen.

Das Reichsversicherungsamt war dann der Gegenstand der weiteren Beratung. Im Verlauf derselben hielt zunächst Genosse ꝗKörsten seine Kritik an der Rechtsprechung des Reichs versicherungsamtes aufrecht, und Ge⸗ nosse Stadthagen verstand es außerordent⸗ lich geschickt den Anlaß dazu gaben Flug⸗ blätter der Hülleschen Fabrik ab, die in den Heilanstalten verbreitet werden die Unwahr⸗ heit der Angaben des Frhru. v. Heyl über die Stellung der Partei zum Wuchergesetz aktenmäßig nachzuweisen. Da bei den Wahlen immer wieder mit dieser nichtswürdigen Lüge unsrer Gegner hausiert wird, ist es sehr dankens⸗ wert, daß Stadthagen einmal eine ganz genau auf die Reichstagsakten gestützte Widerlegung brachte. Ebenso zeigte Stadthagen, wie unwahr Heyls Behauptung über die hessische Einkommen⸗ steuer und den Antrag unseres Genossen war. Hat doch kürzlich sogar der hessi'che Finanz⸗ minister im Landtage erklärt, daß Heyl unserm Genossen Ulrich Unrecht getan habe. Herr Dr. Wallau, der nationalliberale Vertreter des Kreises Alsfeld⸗Lauterbach suchte durch eschmacklose Witze seinem Freunde Dr. Becker, der am Freitag übel gezaust worden war, zu Hilfe zu kommen. Doch muß ein solcher Versuch bei Becker aus Sprendlingen stets ver⸗ geblich bleiben.

Am Montag ging die Debatte über das Reichs⸗ versicherungsamt zu Ende. Unsere Genossen Fräßdorf, Robert Schmidt, Stadthagen und Molkenbuhr griffen nacheinander in die Debatte ein, um bald frühere An⸗ griffe gegen die Partei zu widerlegen, bald neu erhobene abzuwehren. Darauf gelangten die noch ausstehenden Kapitel des Reichsamts des Innern zur Annahme. Erst

bei den außerordentlichen Forderungen setzte eine sehr lebhafte und interessante Debatte ein. Bei der Forder⸗ ung einer weiteren Rate für die bekannte Hohkönig s⸗ burg wies Genosse Südekum darauf hin, daß der bekannte Architekt Bodo Ebhardt nach dem Urteil aller Sachverständigen nicht eine Rekonstruktion der alten Hohkönigsburg vornimmt, sondern ein überflüssiges Phantasieschloß aufbaut. Noch ist es Zeit, diese Geschmacklosigkeit zu verhindern. Aber Graf Posa⸗ dowsky und die Mehrheitsparteien, für die der Konser⸗ vative Henning und Herr v. Kardorff Kriegervereins⸗ tiraden zum Besten gaben, ohne auf die Gründe unseres Redners einzugehen, wissen den Wünschen, die von oben kommen, zu gehorchen. Daß dies der springende Punkt in der Frage der Kunstpflege durch das Reich ist, trat bei der Debatte über die Deutsche Kunstaus⸗ stellung in St. Louis, die fich über den ganzen Diens⸗ tag aus dehnte, uoch deutlicher hervor.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

Ein Zentral- Unternehmerverband für Deutschland ist im Werden begriffen. In Berlin ist eine Kommission damit beschäftigt, Statuten für eine Zentralstelle sämtlicher Ar⸗ beitgeberverbände zu entwerfen. Das Unternehmertum vereinigt und rüstet sich immer mehr gegen die Arbeiter. Letztere sollten daraus die Lehre ziehen, sich ebenfalls fester zusammen⸗ zuschließen.

Ueber den Terrorismus der Crim⸗ mitschauer Fabrikanten berichten unsere sächstschen Parteiblätter haarsträubende Dinge. Auf alle mögliche Art werden die Arbeiter schika⸗ niert. Hat ein Arbeiter Arbeit erhalten, so muß er sich von dem Arbeitsnachweis einen Schein ausstellen lassen. Es kommt oft genug vor, daß ihm dort ein solcher verweigert wird. Er darf alsdann von dem betr. Fabrikanten nicht beschäftigt werden. Ist er schon in Arbeit getreten, muß er wieder aufhören. Die Arbeiter wandten sich deshalb an den Stadtrat und verlangten Abhilfe. Es wurde denn auch der Vorsitzende des Fabrikanten⸗Vereins, Lukas Schmidt, zum Stadtrat gerufen. Aber eine Aenderung in dem System ist noch nicht ein⸗ getreten.

Streikbrecher gelten denStaatserhalten⸗ den als ganz besonders nützliche Elemente. Der Eisengießereibesitzer Hensel in Bayreuth machte aber mit ihnen schlechte Erfahrungen. Mancher dieser Ehrenmänner wurde schon von, der Polizei aus der Fabrik heraus⸗ geholt. Nun wurden kürzlich in der Fabrik große Unterschleife entdeckt, die auf mehrere Jahre zurückgehen. Mit den gestohlenen Sachen, deren Wert sich auf Tausende von Mark be⸗ läuft, wurde ein schwunghafter Handel getrieben. Als Täter wurden mehrere Arbeiter, darunter ein Gießermeister, verhaftet. Die Verhafteten waren Herrn Hensel bei einem Streik, der sich im vorigen Jahre in seiner Fabrik abspielte, getreue Arbeitswillige und wurden damals 1 5 der Ordnungspresse über den Schellenkönig gelobt.

Pon Uah und Lern.

Hessisches.

Aus dem hessischen Landtage. In ihren letzten Sitzungen beschäftigte sich die Zweite Kammer mit der Beratung des Vor⸗ anschlages für den Staatshaushalt. Bei dieser Gelegenheit wies unser Genosse Ulrich mit aller Entschiedenheit die unwahren Behaupt⸗ ungen, die Herr v. Heyl über seine, Ulrich's Steuervorschläͤge im Reichstage aufgestellt habe. Finanzminister Gnauth erklärte ebenfalls, daß Ulrich Unrecht geschehen sei. Heyl hat also die Unwahrheit im Reichstage gesagt.

Am Dienstag fragte Gen. Adelung⸗ Mainz wegen der Maßregelung der Eisen⸗ bahner an und verurteilte die Versuche der preußisch⸗hessischen Verwaltung, das Koalitions- recht für die Eisenbahner mehr und mehr ein⸗ zuschränken. Finanzminister Gnauth antwortete, der Gemeinschaftsvertrag gewähre Hessen keine Einwirkung auf die Maßregeln, die vom preußk⸗