Ausgabe 
20.11.1904
 
Einzelbild herunterladen

ñ

Seite 4.

Mitteldeutsche SonntagsZeitung.

damals auf die Beine gebracht. Nun rissen die Bürgerlichen zum guten Teil wieder ein, was die Sozialdemokraten aufgebaut hatten und diese müssen sich jetzt wieder von neuem an die Arbeik machen, um wieder zu schaffen, was bürgerlicher Unverstand eingerissen hat. Die Gewählten haben eine schwere Verant⸗ wortung übernommen, aber wir sind überzeugt, sie werden ihrer Aufgabe gerecht werden. Die Zweite Kammer hat am Mitt⸗ woch ihre Sitzungen nach längerer Pause wieder aufgenommen. Nach Eröffnung der Sitzung durch Präsidenten Haas verliest Abg. Köhler⸗ Langsdorf eine Erklärung in betreff seiner Interpellation in Sachen des Eberstädter Kindesmordes. Er nimmt die gegen eine Anzahl Personen ausgesprochenen Beleidigungen mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück. Sodann kommt die Regierungsvorlage betr. die Neubauten in Bad Nauheim zur Be⸗ ratung. Der Ausschuß beantragt, für das Etatsjahr 1904 den Betrag von 1688000 Mk., für 1905 1239000 Mk. einzustellen im Wege des Staatskredits. In der Debatte bean⸗ tragt Abg. Adelung(Soz.), daß die Kranken⸗ kassenmitglieder besondere Erleichterungen bei der Aufnahme in Bad⸗Nauheim erhalten sollen. Nach weiterer Debatte, an der sich auch die Genossen Ulrich und Cramer noch beteiligen, wird die Vorlage angenommen.

Am Donnerstag rief ein Antrag des Bauern⸗ bündlers Köhler, der wegen Stillegung des Hungener Braunkohlen⸗Bergwerks das Einschreiten der Regierung fordert und die Erwerbung der Grube für den Staat verlangt, eine lebhafte Debatte hervor. Ministerialrat Braun erklärt, daß der Umfang der Mißstände, wie er sich speziell im hessischen Bergbauwesen herausgebildet habe, den Staat veranlasse, auf diesem Gebiete refor⸗ matisch vorzugehen. Der Regierungsvertreter teilt in dieser Beziehung den Standpunkt der Bodenreformer,. Vor allem müsse eine gesetzlich wirksame Bestimmung geschaffen werden, daß solche Mutungsgerechtsame, die nicht ausgenutzt werden, an den Staat zurückfallen. Er stellt eine Revision des hessischen Bergwerksgesetzes in diesem Sinne in Aussicht. Dr. David ist mit diesen Ausführungen einverstanden, meint aber, daß die Frage rationell doch nur auf reichsgesetzlichem Wege gelöst werden könne. Die Schwierigkeiten, die sich bei einer gesetzlich wirksamen Regelung dieser Materie immer geltend machen würden, seien im letzten Grunde nur durch die Verstaatlichung des Bergwerkseigentums zu beheben.

Gießener Angelegenheiten.

Um die Stadtväterwürde. Dies⸗ mal war der Wahlkampf zu den Stadtverord netenwahlen ein außerordentlich lebhafter und auch die Wahlbeteiligung war stärker als bei früheren Wahlen. Fast genau zwei Drittel der Wahlberechtigten machten von ihrem Wahl⸗ rechte Gebrauch, ein im Vergleich zu den bis⸗ herigen Wahlen hoher Bruchteil der Stimm⸗ berechtigten. Das heißt, von einemWahl⸗ kampf im wirklichen Sinne, einem sachlichen Kampfe um Prinzipien, um kommunalpolitische Grundsätze und Forderungen kann, soweit die bürgerlichen Kandidaten in Betracht kommen, eigentlich gar nicht die Rede sein. Denn mit einem Programm trat nur die sozialdemokra⸗ tische Partei auf; bei den bürgerlichen Kandi⸗ daten war mit Ausnahme des Boden⸗ reformers Dr. Ebel von einem solchen nicht das Mindeste zu hören. Wenn daher in einem anonymen, offenbar von denliberalen Parteien ausgehenden Inserat im Anzeiger, behauptet wurde, ein Teil unserer Forderungen sei dem liberalen Programm entnommen, so reizt das geradezu zum Lachen! Sucht Brot im Hundestalle! Nehmt aus einem Programm, wo keins da ist! Oder wenn die Liberalen ein Programm haben, warum sind sie dann nicht damit herausgerückt? Hatten sie es sorgfältig in den Geldschrank eingeschlossen? Das er⸗ wähnte Inserat war überhaupt eine Muster⸗ leistungliberaler Unverfrorenheit und Ver⸗ drehungskunst. Man scheute vor direkten Unwahrheiten nicht zurück und behauptete, die sozialdemokratische Mehrheit in Offenbach habe am Oktroi festgehalten. Jeder weiß, daß unsere dortigen Genossen die Verbrauchsabgabe auf Mehl und Backwaren sofort beseitigten und auch allmählich die übrigen indirekten Gemeinde⸗ steuern beseitigt haben würden, wenn nicht der

Kuddelmuddel bei den vorigen Wahlen gestegt hätte. Das Drolligste an dem Machwerk war wohl, daz es unsere Genossen Or big und Krumm in die besitzende Klasse einreihte! (Na, warte Alter, gut, daß wir das wissen, in der nächsten Mitglederversammlung teilen wir mit Dir!) Auf die Dummheiten, welche die Liberalen in ihrem Inserat sonst noch ver⸗ zapften, alle einzugehen, verlohnt sich nicht; im Ganzen zeigte sich darin die ganze Spießer⸗ Beschränktheit und ⸗Rückständigkeit. Aus dem Inserat war weiter die Absicht zu entnehmen, unsern Genossen Krumm, der auf allen Listen stand, zu streichen und dies veranlaßte einen Teil unserer Genossen, ein Gleiches mit den auf unsere Liste genommenen bürgerlichen Kandidaten zu tun. Trotzdem wurde Dr. Ebel mit unsern Stimmen gewählt und unser Ge⸗ nosse Krumm erreichte die zweithöchste Stim⸗ menzahl. DieLiberalen haben insofern eine Niederlage erlitten, als zwei der auf ihrer Liste Vorgeschlagenen(Friedberger und Habe⸗ nicht) schmählich durchplumpften. Wenn das Amtsblatt von einemglänzenden Siege der Bürgerlichen sprach, so ist das insofern un⸗ richtig, als eben derliberale Vorschlag nicht vollständig durchdrang. Und an einen Sieg der sozialdemokratischen Liste war doch bei den hiestgen Verhältnissen gar nicht zu denken. Gewählt wurden auf neun Jahre fol⸗ gende zehn Kandidaten, von denen alle mit Ausnahme des Dr. Haberkorn dem Stadtver⸗ ordnetenkollegium bisher angehörten: Justizrat Dr. Gutfleisch, 2084 Stimmen,

Ed. Krumm, 2005 5 Karl Loos, 1997 5 Med.⸗Rat Dr. Haberkorn, 1148 5 Wilh. Wallenfels, 1695 5 Kom.⸗Rat Heichelheim, 1659 5 Jean Kirch, 1536 1 Louis Petri II., 1526 5 H. E. Jughardt, 1497 5 Theodor Haubach, 1493 5

Auf sechs Jahre: Karl Aug. Faber, 1466 Stimmen, Friedr. Helm, 1187 5

Hermann Eichenauer, 1169 5 Auf drei Jahre:

August Gabrtel, 1024 Stimmen,

Dr. Wimmenauer, 102¹ 5

Dr. Ebel U

Auf die übrigen sieben Kandidaten unserer Liste fielen folgende Stimmenzahlen:

H. Fourier 652, F. Vetters 595, G. Beckmann 566, J. Diehl 559, Ch. Peter⸗ sen 523, H. Baum 518, K. Muhl 474.

Außerdem erhielten folgende bürgerlichen Kandidaten Stimmen:

Friedberger 760, Habenicht 736, Simon 723, Dörr 657, Homberger 622, Plank 245, Heb streit 146.

Gegen die Wahl von 1901 haben wir eine Zunahme von zirka 100 Stimmen zu verzeichnen. Viel ist das nicht. Richtig ist ja, daß der weitaus größte Teil der hier beschäftigten Ar⸗ beiter außerhalb wohnt und als unsere Wähler also nicht in Frage kommt. Aber eine Menge der ihrer wirtschaftlichen Lage nach zu uns gehörigen Wähler und selbst Arbeiter stimmen noch für die Liste der Kommerzien⸗, Justiz⸗ und Medtizinalräte. Es muß unsere Aufgabe sein, diese Elemente durch energische Agitation und Aufklärung über unser Kommunalprogramm zu gewinnen. Nach unserer Meinung wäre es unbedingt notwendig gewesen, einige Versamm⸗ lungen abzuhalten, die mündliche Agitation muß die schriftliche wirksam unterstützen. Aller⸗ dings stehen der Veranstaltung von Versamm⸗ lungen vielfach Schwierigkeiten entgegen, doch die wären wohl zu überwinden. Im Uebrigen waren unsere Genossen auf dem Platze und allen, die mitgearbeitet haben, sei dafür der Dank der Partei ausgesprochen!

Von den Land⸗Gensdarmen. Man schreibt uns:Seit ungefähr 2 Jahren ist in Hessen bei den reitenden Gensdar⸗ men ein Gebrauch eingeführt worden, der durchaus geeignet ist, tüchtige Leute von diesem Berufe fernzuhalten. Leute die 6, 8, 10 Jahre gedient haben, die beim Militär ihren Putzer hatten, sind verpflichtet, dem Wachtmeister

das Pferd Gefühl für solch langgediente Unteroffiziere, Leuten, die mit ihnen in gleichem Rang standen, nun als Stallbursche zu dienen. Wie wir hören, soll eine Vorlage vorbereitet werden, wonach den Herren für ihre Tätigkeit als Pferde⸗ putzer täglich zirka 11 Pfennige werden sollen. Die davon Betroffenen sind aber gerne bereit, von ihrem, wenn auch knappen Gehalte, selbst weitere 11 Pfennig täglich zu zahlen, um von dieser drückenden, ihrer sozialen Stellung durchaus unangemessenen Arbeit befreit zu werden. Wir haben zu ihr das Vertrauen, daß sich die sozialdemokratische Land⸗ tagsfraktion dieser Sache annehmen wird und einen Zustand beseitigen hilft, der Aerger und Verbitterung erregen muß.

Soweit die Zuschrift! Auch wir sind der Ausicht, daß man den Gensdarmen unbilliges zumutet. Brauchen die Wachtmeister einen Pferdeputzer, dann muß ihnen finanziell er⸗ möglicht werden, sich einen zu besorgen, aber in gleichem Range stehende frühere Kameraden sind dazu nicht zu verwenden; wir empfehlen unseren Abgeordneten sich der Sache anzunehmen.

DieFreie Turnerschaft hält Samstag, den 26. November, ihr zweites Stiftungsfest im Saale des Café Leib ab. Das Programm ist ein sehr reichhaltiges und es wird an gediegener Unterhaltung nicht fehlen. Unsere Arbeiterschaft wird, davon sind wir überzeugt, den jungen Arbeiterturnverein durch zablretchen Besuch unterstützen.

Aus dem Nreise gießen.

Parteiversammlung in Trohe. Diesen Sonntag nachmittag 4 Uhr findet in Trohe im Saale des Herrn Gastwirt Seipp eine Parteiversammlung statt, in welcher Genosse Beckmann ⸗Gießen über den Bremer Parteitag Bericht erstatten wird. Die Genossen von Alten⸗Buseck und Rödgen werden ersucht, recht zahlreich in der Versammlung zu erscheinen, da es kaum möglich sein wird, auch in diesen beiden Orten Versammlungen zu gleichem Zwecke abzuhalten.

1. Wer ersetzt Arbeitern die Zeitversäum⸗ nis bei Feuerwehrübungen? Neulich, Freitags Nach⸗ mittag, war in Watzenborn⸗Steinberg Feuerwehrübung. Für die dabei beteiligten Arbeiter bedeutet das einen empfind⸗ lichen Lohnausfall, denn die meisten verloren einen halben Arbeitstag. Nach beendigter Uebung hielten die Herren Feuerwehrinspektor Loos und Kreisamtmann Hechler kleine Ansprachen, wobei Letzterer in Bezug auf den Lohnausfall meinte, der Arbeitgeber sei auf Grund des§ 616 des B. G. B. gehalten, für die Zeit⸗ versäumnis keine Abzüge zu machen. Feuerwehrmann Häuser entgegnete, daß sich die Arbeitgeber darauf schwerlich einlassen würden, richtiger wäre es, wenn die Gemeinde dafür aufkomme. Darauf erklärte der Herr Kreisamtmann, er könne weitere Auskunft nicht geben; wer geschädigt sei, solle seinen Anspruch schriftlich geltend machen. Das werden die Mannschaften nicht versäumen und es werden zu diesem Zwecke Listen in Umlauf gesetzt werden.(Anmerkung d. Red. Es mag wohl richtig sein, daß die Herren Arbeitgeber Schwierigkeiten machen, die Kleinigkeiten zu bezahlen. Trotzdem hat der Herr Kreisamtmann ganz recht. Die Arbeiter müssen danach streben, daß sie erhalten, was ihnen das Gesetz zubilligt und die Arbeitgeber müssen daran eben gewöhnt werden.)

r. Watzenborn⸗Steinberg. In einer am Sonntag in Watzenborn abgehaltenen, gut besuchten Versammlung sprach Genosse Häuser überdie Sozial⸗ demokratie und ihre Gegner in wirkungsvoller Weise. Er wies auf den klaffenden Gegensatz zwischen der be⸗ sitzenden und der nichtbesitzenden und unterdrückten Klasse hin, Angesichts dessen ein fester Zusammenschluß aller derjenigen, die der letzteren angehören, notwendig sei. Den stets drohenden Plänen der Machthaber, dem Volke noch sein bißchen kümmerliches Recht zu nehmen, müsse energisch entgegengetreten werden. In der Diskusston ergänzte noch Genosse Haus die Ausführungen des Referenten, er forderte die Versammlung auf, die Mahnung nicht unbeachtet zu lassen. Es sei an der Zeit, daß auch in Watzenborn eine Organisarion wieder zustande käme. Hierauf wurde zur Gründung eines Wahl⸗ vereins geschritten, dem sofort 20 Genossen beitraten. Nächsten Sonntag findet wiederum eine Versammlung nachmittags 4 Uhr bei Wirt Faber statt, in derselben wird die Wahl des Vorstandes vorgenommen. Drum auf Genossen frisch ans Werk, immer unablässig agitiert, damit sich unser Kreis erweitert. 8

Versammlung der Maler, Lackierer und Wei ß⸗

binder fand am Sonntag in der Krone in Steinberg

statt, zu welcher auch einige Kollegen aus den Orten

u putzen. Es ist ein drückendes

l. Gewerkschaftliches aus Steinberg. Eine

die

beite diese

Arb dene die

nehr elend man herr dor fie

arbe

well