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Witteldeutsche Sountass⸗RNeitung.
sämtlichen Wasserstraßen, also auch auf öffent⸗ lichen Flüssen, könne diese wieder gut gemacht werden.— Das könnte den Herren Agrariern passen, wenn die Rhein- und Elbeschiffahrt dom preußischen Staate monopolistert und die Frachtsätze von der preußischen bis in die Knochen agrarischen Bureaukratie festgesetzt würden. Von einer Verbilligung der Frachten würde dann keine Rede sein und die agrarische Preispolitik bliebe auch von den Kanälen un⸗ berührt.— Von der Kanalkommission des Dreiklassenhauses wurde übrigens die Kanal⸗ vorlage, soweit sie die Kanalisterung der Weser von Minden bis Hannover, sowie den Dortmund⸗ Rhein⸗Kanal betrifft, ferner die Kanalisterung der Lippe beschlossen, diejenige der Mosel, Saar und Lahn jedoch abgelehnt.
Noch etwas Saarabinisches.
Im Frühjahr traten im Saarrevier eine Anzahl Parteigenossen zu einem Klub zusammen, der sich die Schaffung eines Fonds zur Gründung eines Parteiblattes zum Zweck gesetzt hatte. Diese Vereinigung gibt gelegentlich in Mitglieder⸗ Versammlungen des in St. Johann⸗Saarbrücken besteh⸗nden sozialdemokratischen Vereins über den Fortschritt ihrer Geschäfte Rechenschaft. Wegen einer solchen Berichterstattung wurden die Genossen Drunna und Osterroth unter An⸗ klage gestellt, weil die Versammlung, die eine solche des sozialdemokratischen Vereins und als solche auch angemeldet war, eine Versammlung des Presseklubs gewesen und nicht angemeldet worden. Der Gendarm als Zeuge hatte der Versammlung nicht beigewohnt, er hat nur später gehört, daß über das soztaldemokratische Blatt verhandelt worden sei.— Das Gericht verurteilte die Angeklagten zu je 30 Mk. Geld⸗ strafe und so kann man sagen, daß das neue Parteiblatt des Saarreviers seine erste Strafe schon vor seiner Geburt bekommen hat.
Furcht vor der Wahrheit.
Im preußischen Abgeordnetenhause hat Minister Möller anerkannt, daß die im„Vor⸗ wärts“- Verlage erschienene Broschüre„Saarabien vor Gericht“ eine zutreffende Darstellung des Prozesses Hilger gegen Krämer gibt. Diese wahre Darstellung der Zustände im Saarrevier ist am Sonntag dort unter strengster Beobach⸗ tung der polizeilichen Vorschriften unentgeltlich verbreitet worden. Die Polizei des Reviers, die seit Wochen auf das Ereignis wartete, war aber mit Feuereifer dahinter her und konfiszierte die Wahrheit in zahlreichen Fällen. Nicht weniger als 27 Protokolle wurden aufgenommen. Doch das hilft nun auch im Saarrevier nicht mehr. Die Wahrheit läßt sich auch dort durch kein Polizeiprotokoll mehr unterdrücken.
Aus der Ferienkolonie.
Zwei Soldatenschinder schlimmster Sorte hatten sich am Freitag vor dem Kriegsgericht in Koblenz zu verantworten. Der Sergeant Klusmaier und der Unterofftzier Al band von der 4. Kompagnie des Infanterie-Regiments Nr. 29 in Trier. Klusmaier war vom Kriegs- gericht der 16. Division wegen fortgesetzter Miß⸗ handlung Untergebener ꝛc. in mehreren hun⸗ dert Fällen zu einem Jahr Gefängnis und Degradation, Unteroffizier Alband zu 4 ½ Monaten Gefängnis verurteilt worden. Beide legten Berufung ein. Klus maier ließ wegen ganz geringer Vergehen die Mannschaften bis zu zwanzigmal hintereinander sich auf die Erde legen, dutzende Male jagte er sie treppauf, treppab. Er teilte Oorfeigen und Faustschläge zu Hunderten aus; mit einer Helmschiene schlug er einem Musketier die Nase blutig, der Mann mußte dann melden, er sei gefallen. Hunderte Male stieß und warf er die Leute mit den Köpfen gegen die eisernen Betten, die Spinde und Holzgestelle, und versetzte den Soldaten Fußtritte gegen den Unterleib. Einem Mann trat er mit dem Stiefel ins Gesicht; mit dem Säbel schlug er die Leute in den Rücken und auf die Oberarme. Bei Abgabe von Sachen hieb er mit einer scharfkantigen Latte blindlings auf die Leute ein. Eines Tages steckte Klus⸗
maier einem Musketier den Zeigefinger in den
Hals, drückte ihm mit dem Daumen die Kinn⸗ lade herunter und stieß ihn dann mit dem Hinterkopf gegen die eiserne Bettstelle. Einmal mußten sämtliche Mannschaften der Korporal- schaft auf die Spinde klettern. Unteroffizier
Alband mißhandelte die Leute in ähnlicher
Weise. Das Oberkriegsgericht verwarf die Berufung. Während bet der ersten Verhandlung in Trier die Oeffentlichkeit ausgeschlossen war, wurde vor dem Oberkriegsgericht öffentlich verhandelt.
Sozialdemokratische Geistliche.
Wir in Deutschland sind es gewohnt, daß die Seelenhirten aller Schattierungen zu den besitzenden Klassen halten und sich— mit nur vereinzelten Ausnahmen— ganz besonders berufen fühlen, im Kampfe gegen die böse Sozialdemokratie die Führerrollen zu über⸗ nehmen. Weniger feindlich stehen in andern Ländern die Geistlichen dem Sozialismus gegen⸗ über. In Holland gibt es schon eine bedeutende Zahl evangelischer Pfarrer, die Sozialdemo⸗ kraten sind. In Friesland haben selbst einige ein eigenes Blatt gegründet: De blyde Wereld (Die glückliche Welt). Augenblicklich gibt es in Holland mindestens, wie dem Vorwärts ge⸗ schrieben wird, 1¾ Dutzend sozialdemokratische evangelische Pfarrer. Die Synode hat wieder⸗
holt versucht,„etwas“ dagegen zu tun, aber
wenn die örtlichen Kirchenbehörden nicht mit⸗ wirken, ist das„Rausschmeißen“ ziemlich schwer. Also sozialdemokratische evangelische Geistliche sind nichts Neues. Großes Aufsehen aber macht das öffentliche Auftreten eines katho⸗ lischen Geistlichen, Dr. Van den Brink, als Sozialdemokrat. geschrieben, worin er mit christlichen Gründen die Sozialdemokratie verteidigt. Die Redaktion Het Volk sagt bei der Besprechung dieser Broschüre:„Es sind uns mehrere sozialdemo⸗ kratische katholische Geistliche bekannt, aber keiner spricht sich offen aus als dieser.“ Sobald etwa in Deutschland ein Geistlicher einen Schein von sozialistischer Gesinnung merken ließe, würde man ihm sofort den Brotkorb höher hängen, und zeigen, was deutsche Meinungsfreiheit ist, wie das in einigen Fällen schon passterte. Er würde nur dann seine Ueberzeugung betätigen können, wenn er materiell gesichert und unab⸗ hängig dastände.
Sozialistische Wahlsiege.
In Breslau waren am Montag Stadt⸗ verordnetenwahlen. Unsere Genossen erzielten einen guten Erfolg, sie behaupteten ihre zwei Sitze und brachten dret weitere Kandidaten in die Stichwahl. Die sozialdemokratischen
Stimmen stiegen von 2610 auf 4340.— Recht
gut schnitten unsere Genossen in Halberstadt ab. Dort wurden am Dienstag zum ersten Male zwei Sozialdemokraten, die Genossen Crohn und Gerlach mit je 1700 Stimmen gewählt, Schönfeld und Volkmann kommen in günstige Stichwahl.
Bei den Wahlen der Großräte im Kanton Genf gewannen die Sozialisten 7 Sitze, sodaß sie jetzt 13 Mann stark in dieser Körperschaft vertreten sind. Die Wahl bedeutet einen großen Verlust der regierungsfreundlichen Radikalen, welche ihre sieben Sitze zu Gunsten der Sozia⸗ listen verlieren.—
Die Gemeinderatswahlen in Graz(Steier⸗ mark) brachten der Sozialdemokratie einen glänzenden Sieg im dritten Wahlkörper. e acht Kandidaten wurden ge⸗ wählt.
Fort mit der Todesstrafe!
Vorige Woche ist der Maler Reimann, den das Schwurgericht in Königsberg wegen Ermordung des Rentiers Rahlke im Juni zum Tode verurteilte, auf dem Hofe des dortigen Gerichtsgefängnisses durch den Scharfrichter Schwitz aus Breslau mit dem Beile enhauptet worden. Als dem Delinquenten durch den Ersten Staatsanwalt die königliche Kabinettsordre, nach welcher der Monarch von seinem Begnadigungs⸗ rechte keinen Gebrauch gemacht, zur Einsicht⸗ nahme vorgelegt worden war, rief er mit
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hofe zu Preungesheim hingerichtet. halben Jahre ist das Todesurteil über diese
Dieser hat eine Broschüre
lauter Stimme in den Hof hinein:„Meine Herren, ich erkläre Ihnen, ich ster be un⸗ schuldig. Ich sterbe nicht als Mörder, sondern bin unschuldig!“ Auch am Abend zuvor, als
ihm die Ablehnung seiner 1 in der
Mörderzölle mitgeteilt wurde, soll Reimann sowohl dem Staatsanwalt wie auch dem Geist⸗
lichen gegenüber fortgesetzt seine Unschuld be⸗
teuert haben. Ist es nicht grauenhaft, wenn der Mann wirklich unschuldig war?? Die
Möglichkeit liegt jedenfalls vor. Und
das allein genügt, die Todesstrafe zu beseitigen, wie es die Sozialdemokratie stets gefordert hat.
Vergangenen Samstag wurden ferner die beiden Raubmörder Groß und Stafforst, die am 26. Februar den Klavierhändler Lichten⸗ stein ermordeten und beraubten, im Gefängnis⸗ Seit einem
beiden schon gefällt. Und seit dieser Zeit lebten sie natürlich in beständiger Todesangst. Selbst die Anhänger der Todesstrafe müssen zugestehen, daß die lange Verzögerung der Urteilsvoll⸗ streckung eine gesetzwidrige Verschärfung des Urteils bedeutet. Wie verlautet, soll die Er⸗ ledigung des Gnadengesuches durch die Reisen des Kaisers verzögert worden sein.
Sãchsische Wahlrechts räuber.
Die antisemitischen und nationalliberalen Städtväter in Dresden planen schon lange eine Verschlechterung des Wahlrechts zur Stadt⸗ verordneten⸗Versammluug. Die Wahlen stehen vor der Tür und die Spießer haben nicht wenig Angst bekommen. Alljährlich ist ein Drittel der Stadtverordneten zu wählen und zwar das ganze Drittel auf einer Liste. Die relative Mehrheit entscheidet und daß ste dies⸗ mal zugunsten der Sozialdemokratie ent⸗ scheiden könnte, die dann mit einem Schlage ein Drittel der Rathaussessel einnehmen würde, das ist die bange Sorge, die unsere Stadtväter und die gutgesinnten Bürger ohne Unterschied der Partei drückt. Ganz unbegründet ist die Sorge nicht, obwohl schon das jetzige Wahlrecht unseren Genossen schwere G bietet.— Der saubere Entrechtungsplan liegt jetzt schon fix und fertig bis zur formellen Beschlußfassung vor. Man will ein sogenanntes Berufs⸗ wahlrecht schaffen, nach welchem die ver⸗ schiedenen Berufsgruppen mit einem Einkommen unter 2500 Mk. 24 Vertreter, diejenigen über 2500 Mk. aber 60 erhalten sollen. Auf diesen gemeinen Streich durch den neun Zehntel der Dresdener Einwohnerschaft ohne Weiteres rechtlos gemacht werden sollen, dürfte die . schon die entsprechende Antwort
nden.
Rück tritt des französischen Kriegsministers.
General André hat seine Entlassung ge⸗ nommen. Die letzten Kammerdebatten über sein Denunziations-System haben ihm den Hals gebrochen. Als sein Nachfolger wurde der radikale Deputierte Berteaux ernannt. Die Blätter der Linken bezeichnen diese Lösung als eine Stärkung des Ministeriums Combes.
Parlamentswahlen in Italien.
Die Stichwahlen, welche am Sonntag in ganz Italien vollzogen wurden, haben die Regierungsmehrheit noch erhöht. Den Sozia⸗ listen, die an mehreren zwanzig Stichwahlen beteiligt waren, haben sie nur vier Mandate gebracht, weil die Radikalen und Republikaner unsere Genossen im Stiche ließen. Die Bürger⸗ lichen trieben dort dasselbe verräterische Spiel, was die Freisinnigen bei uns oft genug übten. In der Kammer befinden sich nun 29 Sozia⸗ listen gegen 33 in der vorigen. Wie in der letzten Nummer bereits mitgeteilt, stiegen die
sozialdemokratischen Stimmen gegen die letzte 5
Wahl von 162000 auf 301000.
Das russische Volk regt sich.
Der Polizeioberst von Czenstochan in Russisch⸗Polen wurde auf dem dortigen Bahn⸗
hofe von einem Unbekannten durch zwei Messer⸗
stiche lebensgefährlich verwundet. Der„Zeit“


