Ausgabe 
20.11.1904
 
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Mr. 47. Gießen, den 20. November 1904. II. Jahrgang. 8 Redaktion: 0 attion uz: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche ee Lachuittag 4 Uhr. e g 2

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Dit verdammte Bedürfnislosigkeit.

Unter allen erstrebenswerten Tugenden, die den Angehörigen der arbeitenden Klassen zieren, steht die Tugend der Bescheidenheit obenan. In diesem Satze erschöpft sich gleichsam die Quintessenz der etwas siech und altersschwach gewordenen bürgerlichenWeltweisheit. Zu⸗ frieden mit den bescheidenen Verhältnissen, die einem das Schicksal zugewiesen habe, nicht an⸗ spruchsvoll und begehrlich dürfe man sein, dann kehre wahres und echtes Glück in diestillen Hütten der Arbeiter ein.

Wie oft ist den deutschen Arbeitern dieses Lied in dem einen oder andern Ton vorgesungen worden. Die christlichen Parteien und christ⸗ lichen Organisationen sprechen es rund und nett so aus und verweisen den Arbeiter auf das Jenseits, wo er für alle Leiden dieser Welt reichlich entschädigt würde. Derweilen die dem Namen nach gleichfalls gut christlichen Kapitalsverehrer sich hier auf Erden einRänz⸗ lein rund und dick anmästen.

Die liberalen Parteien sagen ähnlich so: Seid hübsch bescheiden, ihr Arbeiter, spart eure Pfennige und laßt vor allen Dingen nach, Forderungen an eure Arbeitgeber oder an den Staat oder die Gemeinde zu stellen. Solches tut nicht gut, denn ihr reizt damit nur eure Herren zum Zorn. Seid hübsch brav, und wenn ihr Wünsche habt, so bringt diese ganz still für euch allein dem Arbeitgeber vor, aber um des Lebens und des Sterbens willen, nur keine gemeinsame Sache mit den Kollegen machen. Das sieht nach Streikgelüsten aus und schädigt euch mehr als es nützt.

Wie oft haben die Arbeiter diese Mahn⸗ und Trostsprüchlein zu hören bekommen, wenn es galt, sie von den Bestrebungen der modernen Arbeiterbewegung abzuhalten und mit derMilch der frommen Denkungsart zu erfüllen. Die Schulweisheit lehrt uns mit dem Brusttone der Ueberzeugung, daß jede Tugend pflichtgemäß belohnt wird, deshalb könne auch der Bescheiden⸗ heit der Preis und die Palme des Ruhmes nicht vorenthalten bleiben. Doch die Welt mit ihren realen Tatsachen und ihrer lebendigen Wirklichkeit ist in der Regel anders als uns die idealistische Philosophie gerne vor unsere Seele zaubern möchte. Grausam und nüchtern vollzieht sich innerhalb der menschlichen Gesell⸗ schaft der Kampf ums Dasein, und er folgt in allen seinen Variationen und Regeln be⸗ stimmten ökonomischen Gesetzen, die die Not⸗ wendigkeit datiert. Und inmitten dieser trei⸗ benden Kräfte, die das wirtschaftliche und politische Leben beherrschen, standen lange die Arbeiter, bescheiden, gleichsam träumend in sich versunken und warteten, bis auch sie enttäuscht ihre Stellung änderten und fest entschlossen von der Gesellschaft ihren berechtigten Anteil am Geuuß und an der Lebensfreude forderten. In dieser veränderten Stellung liegt die treibende Kraft alles fortschrittlichen Gedethens.

Ihr müßt unzufrieden sein, denn eure verdammte Bedürfnislosigkeit ist viel Schuld daran, daß ihr unglücklich seid, rief schon Lassalle den deutschen Arbeitern zu, als er ihnen vorhielt, daß ste schon zufrieden sind, so ange sie noch, ein Glas Bier und ein Stück

schlechte Wurst haben. Die kapitalistische Moral versteht eben nach dem wohlfeilen Sprüchlein Ducke dich und strecke dich nach der Decke den Arbeiter unterzuordnen und für uneinge⸗ schränkte Ausbeutung zu präparieren. Während derBruder Arbester, diesem unchristlichen Grundsatz folgend, in christlich⸗frommer Demut die linke Wange hinhielt, wenn man ihn auf die rechte geschlagen hatte, ist derBruder Kapitalist reich geworden und hat, empor⸗ klimmend zum Gipfel seiner Macht, seinen Herrschaftsgelüsten in uneingeschränktestem Maße gefröhnt.

Das Gesetz erlaubt den Arbeitern ausdrück⸗ lich, sich zur Erlangung besserer Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen zu vereinigen; auch der Streik ist gesetzlich erlaubt. Die Privatunter⸗ nehmer benutzen ihre wirtschaftliche Uebermacht, um den Arbeitern die Ausübung des Koalitions⸗ rechts möglichst schwer oder gar unmöglich zu machen. Sie wissen die Strafbestimmungen des Gesetzes zu umschiffen. Die Staats⸗ und Gemeindebeamten sind aber dafür da, darüber zu wachen, daß die Gesetze befolgt wer⸗ den. Von ihnen sollte man also in erster Linie erwarten, daß ste, entsprechend dem Gesetz, völlige Vereinigungsfreiheit gewähren und so den Privatunternehmern mit gutem Beispiel voran gehen.

Nichts davon geschieht. Im Gegenteil gehen die Staats⸗ und Gemeindebetriebe gerade mit recht bösem Beispiel voran, indem sie viel⸗ fach die Arbeiter maßregeln, welche für eine auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehende Organisation tätig sind. Es ist der reine Hohn auf das gesetzlich garantierte Koa⸗ litionsrecht, wenn diese Herren sagen, sie hätten nichts dagegen, wenn sich die Arbeiter organt⸗ sterten, nur dürften diese dann nicht in ihren Betrieben Arbeit beanspruchen!

Man komme uns nicht mitUmsturz⸗ bestrebungen auf der einen undstaatserhalten⸗ dem Prinzip auf der anderen Seite. Die große Masse des Volkes hat kein Interesse an der Erhaltung der Beamtenhierarchie, im Gegenteil, diese lastet schwer auf dem Volk. Wohl aber hat die große Mehrheit des Volkes ein le b⸗ haftes Interesse an der besseren Lebens⸗ haltung der Arbeiter. kluf der Arbeit, der nutzbringenden Arbeit beruht der Fort⸗ schritt der Menschheit. Und deshalb muß die Arbeit geachtet, müssen die Arbeiter an ihren Bestrebungen auf Besserstellung ihrer Lage und Erlangung größerer Freiheit geschützt werden. Das ist wahre Kulturarbeit.

Die mehr als drei Millionen sozialdemo⸗ kratischen Wähler haben durch ihr Votum dokumentiert, daß ste nicht mehr zu den Rück⸗ ständigen gehören wollen, für welche die Worte von der Knechtsseligkeit und der verdammten Bedürfnislosigkeit gelten. Sicher gibt es noch viele Millionen, welche genau so denken, die aber bis jetzt noch nicht den Mut fanden, dies auch durch die Tat zu dokumentieren. Ihnen gilt vor allen Dingen das Mahnwort: es ist Unrecht, die Brüder allein im Kampfe zu lassen, helfen, mitkämpfen müßt ihr, desto rascher wird der Feind, der Drache des Kapitalismus besiegt sein.

Und dann werden auch diejenigen Arbeiter bald auf unserer Seite stehen, die heute offen

in den Rethen der Gegner kämpfen und somit gegen ihr eigenes Fleisch und Blut wüten.

politische Rundschau. Gießen, den 17. November 1904.

Sozialdemokratischer Parteitag für Preußen.

Der Parteivorstand beruft auf Mittwoch, den 28. Dezember einen Parteitag für Preußen nach Berlin ein. Für die Tagesordnung sind vorläufig folgende Punkte vorgesehen: 1. der Wohnungsgesetzentwurf; 2. der Gesetz⸗ entwurf betr. die Bestrafung kontraktbrüchiger Arbeiter; 3. der Sckulgesetzentwurf; 4. das Landtagswahlrecht. Berichterstatter zu diesen Gegenstanden sind der Reihenfolge nach: Hei⸗ 1 Stadthagen, Arons und Lede⸗

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Neuer Vernichtungsfeldzug gegen die Sozialdemokratie.

Um der bösen Sozialdemokratie, die trotz allerNiederlagen und trotz allemRückgang lustig weiter lebt, entgültig das Lebenslicht auszublasen, hat derReichsverband gegen die Sozialdemokratie in Berlin eine Redner⸗ schule eingerichtet. In einem dreiwöchent⸗ lichen Kursus wollen da verschiedene national⸗ liberale Abgeordnete die Kämpfer gegen den inneren Feind einochsen, dieser hat dann hoffent⸗ die Freundlichkeit, vom Erdboden zu ver⸗ schwinden. Ist der große Rednerdrill zu Ende, meint dasHamburger Echo, dann werden die neuen Apostel hinausziehen in alle Lande und den Völkern die sozialdemokratischenUto⸗ pistereien ausreden; sie werden aus bösartigen Terroristen lammfromme Schäflein machen, die, wenn sie von Gegnern einen Backenstreich auf die rechte Wange erhalten, gleich auch noch die linke hinhalten, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Der tobende Klassenkampf der Gegenwart wird sich in lauter Frieden und Harmonie auflösen. Die Sache hat nur noch einen Haken. Der Reichsverband muß seinen neuen Aposteln auch erst so viel Mut aner⸗ ziehen, daß ste sich ins Lager der neuzeitigen Heiden hineinwagen, die sie bekehren wollen. Aber wie sollen nationalliberale Schwätzmeister ihrem Schüler Mut einflößen? Haben doch die Herren selbst nie die Kourage, sth den Sozial- demokraten zum Redekampf zu stellen, und tagen vorsichtigerweise stets hinter verschlossenen Türen! Woher aber die Proselyten nehmen, wenn man sich nicht hinauswagt ins Volk! Und dabei sind die Sozialdemokraten gar nicht einmal so schlimm, wie ihre Bekämpfer sich vorstellen. Sie sollen nur kommen. Sie werden würdig empfangen werden mit einem riesigen Hohngelächter!

AgrarischeKulturarbeit.

Gegen die preußische Kanalvorlage macht der Junkerbund gehörig mobil und läßt überall im Lande Protestversammlungen ab⸗ halten und Resolutionen beschließen, die den Mittellandkanal als eine schwere Schädigung der Landwirtschaft bezeichnen. Nur durch Ein⸗ führung des staatlichen Schleppmonopols auf

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