Ausgabe 
20.3.1904
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Von Nah und Fern. Sozialdemskratische Kulturarbeit.

Die Sozialdemokratie hilft den Arbestern nicht nur in ihren ökonomischen Kämpfen, sondern ste sucht fte auch aus dem geistigen und sittlichen Elend, das oft in Begleitung des materiellen Elends auftritt, emporzuheben. Aber wie wenig Dank erntet sie für diese Kul⸗ turarbeit gerade von denjenigen, denen sie diese Aufgabe abnimmt: von den Staatslenkern! Ja, man wirft ihr oft geradezu vor, daß sie dadurch, daß ste die Arbeiter zu einem besseren Leben führen wolle, die Genußsucht und die Verrohung der Arbeiter fördere. Freilich, die⸗ jenigen, die die Arbeiter kennen und die Wirk⸗ samkeit der Sozialdemokratie mit eigenen Augen gesehen haben, fällen ganz andere Urteile. Ein ehrendes Zeugnis wurde der Sozialdemokratie kürzlich in einem Prozeß, der beim Bezirksge⸗ richt in Tüffer in Steiermark spielte, aus⸗ gestellt, und zwar von allen anwesenden Amts⸗ personen, vom Richter, Staatsanwalt und Gen⸗ darmen. Bei dem Gerichte waren nämlich die Genossen Mlaker und Kokopschek der Ueber⸗ tretung des Vereins. und des Versammlungs⸗ ele angeklagt, weil sie die Diskusstonsstunden

er Trifaller Bergarbeiterortsgruppe der Be⸗ hörde nicht angezeigt hatten. Genosse Mlaker ist seit einiger Zeit in Trifail als Sekretär der Organisation angestellt und er hat sofort eine derart segensreiche Tätigkeit unter den Bergarbeitern begonnen, daß die Bergbauunter⸗ nehmer dte Gendarmen auf ihn hetzten. Nament⸗ lich die Diskusstonsabende, die er veranstaltete, waren ihnen verhaßt, weil die jungen Arbeiter hingingen, die bis dahin am Sonntag in den Wirtshäusern gesoffen hatten und dann die ganze Woche die willfahrigsten Sklaven ge⸗ wesen waren.

Von der Polizei waren die Leiter der Or⸗ ganisation wegen Vergehens gegen das Vereins⸗ gesetz angezeigt. Im Laufe der Verhandlung fragte der Richter, welchen Zweck die Dis⸗

kusstonsabende und welchen Erfolg sie haben.

Genosse Mlaker antwortete: Der Erfolg ist der, daß wir durch die Einführung der Dis⸗ kussionen das erreicht haben, was früher die Polizei und die Gendarmerie nicht erreichen konnten. Die Bergarbeiter in Trifail waren infolge ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage auch geistig sehr zurückgeblieben. Trunken⸗ heitserzesse, Raufereien, sogar Tot⸗ schläge waren an der Tagesordnung. Jetzt kommen nur vereinzelte Fälle vor. Da ist aber kein Organisierter dabei. Richter zum staatsanwaltschaftlichen Funktionär: Es ist Tatsache, daß es jetzt in Trifatl zu keinen Raufereien und Exzessen mehr kommt, was mir sehr merkwürdig erscheint. Früher hatten wir beinahe jeden Tag eine Verhandlung von Trifail. Der staatsanwaltschaftliche Funktionär bestätigt das. Diese Tatsache be⸗ stätigte auch die Gendarwerie. Die beiden Ge⸗ nossen mußten zwar nach den Vorschriften des Gesetzes verurteilt werden, sie erhielten die ge⸗ lindeste Strafe und der Richter erklärte in der Begründung: Von dieser Stelle aus spreche ich den Angeklagten Mlaker und Kokobschek meine vollste Anerkennung für ihre lobenswerte Tätigkeit unter den Tri⸗ failer Bergarbeitern aus. Was bedeutet Gaan dieses Urteil alles Geschimpfe unserer

egner? Der Richter von Tüffer hat es ihnen gesagt, welche gewaltige Kulturarbeit die So⸗ zialdemokratie verrichtet und der Gendarm, der vorgeladen war, um gegen die Sozialdemo⸗ kraten auszusagen, hat aus seiner Erfahrung, die er bei der Verfolgung der Sozialdemokratie gesammelt hat, dieses ehrende Zeugnis bestätigt. In Deutschland sehen die Richter mit ver⸗ schwindenden Ausnahmen bekanntlich immer nur dieberhetzende undaufreizende Tätig⸗ keit sozialdemokratischer Arbeiterfuͤhrer.

Verunglückte Streikbrecherwerbung.

Folgendes lustige Stücklein aus der Weimarer Lohnbewegung der Schneider teilte kürzlich die ErfurterTribüne mit: Zum Schaden den Spott, zum Spott den Hohn und zum

1 Hohn die öffentliche Blamage, davon soll das

Folgende über einen Weimarer Schneidermeister zeugen. Sie ist unglaublich, nämlich die Blind⸗ heit, mit der Unternehmer bei Lohnbewegungen belegen und wie sie beflissen sind, förmlich en Schmutz von der Straße aufzulesen. Hier⸗ ür wieder einen Beweis erbracht zu haben, ist as Verdienst eines Mitgliedes des Schneider⸗ verbandes, welches seinen polnisch klingenden Namen dazu benutzte, die auf dem Streikbrecher⸗ fange begriffenen Meister der Nadel folgender⸗ maßen zu veralbern:

Herr Arbeitgeberverband! Ich habe in General-Anzeiger gelesen, daß Sie gute Ar⸗ beiter nach Weimar suchen. Hir get de Ar⸗ beit schlecht und ich möchte gern abreißen. Aber ich hape blos noch 4 Mk. übrig, wenn ich meine Schulten an Kost und Loschi be⸗ zahlt hape. Wenn bei Euch gute Arbeit

emacht wird und etwas verdient, möchte ich ahin kommen, wenn Sie mir das antere Fahr Geld schicken. Ich hape nur in großen Geschäften gearbeitet und bin schon 7 Jahre im katholischen Gesellenverein was doch kein Verband ist. Adresse. Es grüßt Euch Herr Fritz S. ky. f Und was geschah? Auf die handgreifliche Irreführung sendet die in Betracht kommende Firma, eine Hoflieferantin, dem angeblichen Arbeitswilligen ein ausgesucht höfliches Engage⸗ mentsschreiben und bittet um Angabe eines Erkennungszeichens bei der Ankunft in Weimar. Darauf erhielt sie dann die wenigen, aber köst⸗ lichen Zeilen:

Teile Ihnen mit, daß ich Sonntag mit dem Zuge 12,10 in Weimar ankomme. Als Erkennungszeichen diene Folgendes: rote Nase, zerrissene Hose, kapute Schuhe und Streikbrecherphysiognomie.

Wie in diesem Falle ist es bei allen Aus⸗ ständen. Die stolzen, sonst so auf Reputation erpichtenArbeitgeber prostituieren sich förmlich vor dem Arbeitswilligen. Die in langen Jahren erprobten Arbeitskräfte aber läßt man um Lappalien wegen mit kühlem Achselzucken von dannen ziehen..

Uebelbezahlte Lüsternheit eines Geistlichen.

Der Tribuna, einem römischen liberalen Blatte, wird aus Ogliara folgendes Geschichtchen gemeldet: Seit einiger Zeit wurde einem hie⸗ sigen Bauernmädchen von dem Pfarrer Don Amedeo Clarizia der Hof gemacht. Kürzlich eines Morgens nun versuchte der Pfarrer einen kühnen Ansturm. Das Bauernmädchen jedoch stieß ihren Verführer zurück, ergriff das Rasier⸗ messer und schnitt ihm das Glied ab, mit dem er hätte sündigen können. Der Vorfall wird in ganz Ogliara vielfach besprochen, da dem Pfarrer schon einmal aus ähnlichen Gründen von einer Frau eine schlimme Lektion zu teil wurde. Aber noch nie, so fügt die Tribuna hinzu, in so grausamer Weise, wie das letzte⸗ mal. Sicherlich nicht! Denn das sind Opera⸗ ttonen, die im Leben nur einmal vorgenommen werden können.

Unschuldig verurteilt.

Die Strafkammer in Düsseldorf hatte im vergangenen Jahr den Schreinergesellen Heinrich Blanke sowie den Kutscher Josef Breuer wegen eines schweren Einbruchsdieb⸗ stahls zu zwei Jahren Zuchthaus bezw. 18 Monaten Gefängniß verurteilt. Im Wieder⸗ aufnahmeverfahren wurden am Freitag beide freigesprochen, da inzwischen die wirklichen Diebe entdeckt worden sind.

Göttliche Weltordnung. Aus Dort⸗ mund schrieb man kürzlich derLeipz. Volks⸗ zeitung: In Hamm in Westfalen wurde dieser Tage ein Schüler morgens während der Unter⸗ richtsstunde ohnmächtig. Der Lehrer hielt nun Umfrage, wer von den Kindern ohne Kaffee zur Schule gekommen sei. Es fanden sich 19 solcher armer Geschöpfe; 8 erklärten weiter, daß bei ihnen zu Hause auch nicht ein Bissen Brot mehr zu finden sei. Gesicherte Existenzen im russischen Vasallenstaat Deutschland!

Zum 18. märz.

Rauhfrost lag auf deutscher Erde, Und auf Aest' und Sweigen lag Dichter Reif; ein grauer Nebel Wehrt dem jungen Frühlingstag, Wehrt dem Freiblick in die Ferne, Wehrt der Sonne warmem Strahl, Lebenskeime zu befruchten;

Grau umnachtet Berg und Tal.

Doch der Lenz, der Sonne Bote, Märzgeboren bricht den Bann Und zerreißt die Nebelschleier, Die der Winter tückisch spann. Neues Leben weckt die Sonne, Leben sproßt aus jedem Korn; Hoffnung, Liebe, Lust und Wonne, Leben sprudelt jeder Born.

So auch auf dem deutschen Volke Cag der Alp der Reaktion, Swängt ins Joch des Volkes Nachen Und zermalmt, im Keime schon, Jedes neue geist'ge Ceben;

In der Kerker öder Nacht

Lag in Ketten und in Banden, Wer getrotzt der Herrscher Macht. Bis ein Völkerfrühlingsmorgen, Geistgeboren, zog in's Cand; Wahrheit, Licht und neues Leben Spendet seine milde Hand. Freiheit! jubeln laut die Sänger, Freiheit! tönts von Ort zu Grt, Nieder mit den feilen Schergen, Der Tyrannen Schirm und Hort.

Schwerter blitzen aus der Scheide Und die Kugel rollt im Cauf, Selber schärft sich Spitz und Schneide Und die Lanze hebt sich auf, Und es richtet sich die Sense, Und von selber sie sich schleift, Weil in solchem mächt'gen Lenze Alles lebt und alles reift. Und das Blut der Freiheitshelden Düngt den Boden für die Saat, Der die Freiheit sollt' entsprießen. Krachend wankt der alte Staat. Doch die Erben jener Helden, Trunken von der Freiheit Schein, Cießen jene Saat verloddern, Heimsten nicht die Ernte ein.

F. W. Fritzsche.

Der Sieg des Schwachen.

Erzählung von Melchior Meyr.

25.(Fortsetzung.)

Der geistliche Herr war im Innersten be⸗ friedigt. Diese Gesinnung machte dem Mäd⸗ chen ebensoviel Ehr wie ihre Art, sich auszu⸗ drücken, und er konnte nicht umhin, sie aufs freundlichste dafür anzusehen. Dann wendete er sich zu den Brautwerbern und sagte mit heiterer Würde:Ja nun ich hab' durch⸗ aus nichts gegen diese Heirat, obwohl ich nicht so leicht wieder ein Mädchen ins Haus bekommen werde, wie die Bäbe. Wenn Vater und Sohn einig sindDas sind wir, Herr Pfarrer, fiel Tobias ein, und der alte Eber stimmte mit Nicken zu.Dann fehlt nichts mehr als die Einwilligung der Erwählten und ihrer Eltern! Nun, fragte er das Mäd⸗ chen, deren Miene die Antwort schon gegeben hatte, mit freundlichem Lächelnnun Bäbe, sagst du Ja dazu?Mit Freuden, mit Dank und Freuden, Herr Pfarrer, rief die Glückliche.Dann, fuhr der Geistliche mit beinahe väterlichem Wohlwollen fort, welches das Mädchen nach seiner Ansicht durch ihr Be⸗ nehmen verdient hattedann reicht einander die Hände!

Die Liebenden, durch diesen Zuruf von den Rücksichten, die sie bisher gebunden hatten,

befreit, gingen aufeinander zu, gaben sich die

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