Ausgabe 
20.3.1904
 
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Nr. 12.

Mitteldeutsche Sonntags Zeitung.

Seite 7.

Hände und drückten sie wiederholt mit 9d ster

rtlichkeit. Sie sahen sich dabei so gerührt und doch verständnisinnig an, daß auch dem Geistlichen, der sich die Freude des Mädchens bis jetzt aus der angetragenen guten Partie erklärt hatte, der Gedanke kam, es möchten zwischen beiden doch schon nähere Beziehungen obgewaltet haben. f

Die Bäbe ging von Tobias zu seinem Vater, reichte ihm die Hand und sagte:Herr Eber, ich dank Euch! Ich weiß nicht, wie ich zu dem Glück komme, daß Ihr so gut gegen mich seid und mich zur Schwiegertochter wollt; aber ich nehm's in Demut an, und ich versprech' Euch, es soll Euch nicht reuen! Der Alte be⸗ trachtete sie mit Wohlwollen, erwiderte indessen nicht ohne merkbare Schalkheit:Es ist mir eine Freud' und eine Ehr', ein Mädchen zur Schwiegertochter zu bekommen, die von dem Herrn Pfarrer wegen ihrer Tugenden so ge⸗ rühmt worden ist! Ein Druck seiner Hand

und ein Blick seines Auges gaben dafür eine

um so ernstere Antwort.

Das Mädchen, die ihren Takt auch in der Fülle des Glücks nicht verleugnete, trat wieder zurück und nahm die Haltung einer Magd an, indem ste nur ihre Augen die einer Braut sein ließ. Die Pfarrerin, dies bemerkend, gab um so eher den Regungen ihres Herzens nach. Frauen pflegen gewisse Vergehungen bekanntlich nachsichtiger zu beurteilen, wenn sie in die Vergangenheit gerückt sind; der Ehebund, der nachfolgt, hat eine sanktionierende Macht, und es heißt auch hier: Ende gut, alles gut! Mit wahrhaft froher Teilnahme gratulierte die Frau der Bäbe, indem sie hinzufügte:Das Glück ist bis jetzt mit dir gewesen, Mädchen, es wird auch ferner mit dir sein!

Tobias hatte währenddessen nachdenklich dagestanden. Jetzt wendete er sich zu dem Geistlichen und sagte:Herr Pfarrer, ich bitt' um Verzeihung, aber ich muß noch etwas zur Sprach' bringen, denn es gehört notwendig zur Sach'. Ich will eine Frau, nicht um mit ihr hier im Dorfe zu bleiben, auch nicht in der Nachbarschaft

Willst du aus dem Land? fiel der alte Herr verwundert ein;ins Württembergische?

Nein, Herr Pfarrer, erwiderte Tobias, indem er mit Selbstgefühl den Kopf schüttelte; ich will weiter. Und entschlossen setzte er hinzu:Ich geh' nach Amerika!

Nach Amerika? rief der Pfarrer, indem er ihn überrascht und befremdet ansah.

Nach Amerika! setzte die Pfarrerin etwas gedämpfter hinzu, während die Bäbe mit der

seltsamsten Miene von der Welt vor sich hinsah.

Ja, Herr Pfarrer! widerholte Tobias mit Nachdruck,nach Amerika! wir bringen nicht so viel zusammen, daß wir hier gut fort⸗ kommen könnten; aber dazu reicht's, daß wir miteinander hinüberfahren und auch für den Aufang dort etwas haben. Es ist mir be⸗ richtet worden von einem alten Bekannten, daß es mir in Amerika besonders gut gehen muß, weil ich nicht nur ein Metier gelernt hab', sondern auch das Bauernhandwerk verstehe. Was ich nicht kann, das kann meine Braut; und da hab' ich keine Sorg', daß es mit uns nicht vorwärts geht. Und alle Achtung vor unserm Ries, Herr Pfarrer; aber wenn man von Haus aus nicht viel hat, dann kommt man hier nicht gar weit; da drüben aber, da läßt sich noch ein Glück machen, wenn man seine Sachen versteht und Courage hat! Da kann man reich werden Gott weiß, wie!

Aber auch um alles kommen, wenn man Unglück hat, bemerkte der Geistliche warnend.

Ich hab' was Gut's im Sinn, versetzte Tobias mit Ernst,und ich vertrau' auf Gott! Meinem Pater habe ich die Sache ausge⸗ legt; er hat zugeben müssen, daß ich recht hab', und willigt ein. Das tu' ich, Herr Pfarrer, bekräftigte der Schneider mit dem Ernst eines Ueberzeugten.

Nun, rief der gute alte Herr,dann in Gottes Namen! Aber, setzte er halb lächelnd

1 Auenwas wird die Jungfer Braut dazu

zen?Das möcht' ich sie eben fragen, erwiderte Tobias,mit Ihrer Erlaubnis!

Nun Bäbe, rief er zu dieser gewendet, mit herzlichem Ton, aber schon mit zärtlicher Ge⸗ wißheit im Auge,gehst du mit hinüber? Das Mädchen war mit hochrotem Gesicht dagestanden und aus ihrer Miene sprach eine Freude, die noch auf etwas ganz besonderes deutete.Ich geh' mit dir, wohin du willst, antwortete ste,und wenn's ans Ende der Welt wäre; am liebsten aber da hinüber! Ich hab' ja zwei genaue Freunde dort, meines Vaters Bruder und seinen Schwager, und hab' selber schon daran gedacht, wenn es hier⸗ zulande nicht mehr ginge, dort mein Glück zu versuchen. Und indem sie den Geliebten mit feuchten, aber schelmischen Augen ansah, fügte sie leiser hinzu:Das ist's ja eben, was ich gemeint hab'. Sie hielt inne, um sich vor dem Geistlichen nicht zu verraten. Aber Tobias brauchte nicht mehr: er hatte im Nu den viel⸗ berühmten, aber stets ein Mysterium gebliebenen zweiten Plan erkannt! Dieses Zusammentreffen erfüllte sein Herz mit der feinsten Lust, die

nicht umhin konnte, sich in einem tiefempfundenen

Ah auszusprechen. Das Mädchen teilte dieses Gefühl und rief:Nun muß es gut gehen da drüben!

Ja, entgegnete der Bursche,das muß es und das wird es auch!

Mit Selbstgefühl, aber zugleich mit dank⸗ bar gerührter Seele stellte er sich vor den Geistlichen. Der blinde Amerika⸗Hochmut von gestern war aus dem guten und im Grunde seines Wesens rechtlich denkenden Burschen ge⸗ wichen. Er fühlte die ganze Liebenswürdigkeit des ehrwürdigen Herrn, und in diesem Gefühl sprach er:Herr Pfarrer, ich dank' Ihnen für Jihre Güte. Wir lassen uns noch hier zu⸗ sammengeben von Ihnen, Herr Pfarrer anders würd' ich's nicht tun. Und wenn ich hinübergehe, werd' ich den Unterricht, den ich von Ihnen erhalten habe, nie vergessen und immer bedacht sein, ihm Ehre zu machen.

Brav, mein Sohn, rief der alte Herr. Mit dieser Gesinnung wirst du überall glück⸗ lich sein, wohin du auch kommen magst.

Auch Ihnen, Frau Pfarrerin, dank' ich für alles! Den Ton, womit der Bursche die zwei letzten Worte sprach, würdigend und den kleinen Stich erk ennend, versetzte die Frau mit Lächeln:Nichts zu danken! es ist alles gern geschehen!

Vater und Sohn verabschiedeten sich.

Auf dem Heimwege dachte der in den Tiefen seiner Seele befriedigte junge Schneider, daß der Andres in seinem Briefe wegen der geist⸗ lichen Herren doch sehr übertrieben habe. Denn wenn es auch welche gäbe, die ungefähr so wären, wie er meine, so gäb's doch auch wieder andere, die nicht wackerer sein könnten. Und daß die gleichsam gar nicht nötig wären und ihr Brot umsonst verdienten, das war doch ge⸗ nau genommen, eine Dummheit. Der gute Tobias hätte diese gerechte Unterscheidung vielleicht auch in bezug auf die übrigenHerren gemacht, wenn nicht plötzlich eine bekannte Stimme in sein Ohr gedrungen wäre, die nicht ohne den Akzent der Verwunderung den Gruß der Tageszeit rief.

Es war derLeard, der mit jenem feinen Burschen, den wir auch vom Wirtsgarten her kennen, aus einer Seitengasse kam.Nun, begann der erstere nach erhaltenem Dank, indem er Vater und Sohn mit den Augen maßihr geht ja miteinander so einträchtig, als ob ihr ein Herz und eine Seele wärt?

Das sind wir auch, versetzte Tobias mit Selbstgefühl.Wir sind eben beim Pfarrer gewesen und haben um die Bäbe angehalten, die jetzt meine Hochzeiterin ist.

Ah! Wahrhaftig? riefen die beiden Bursche wie aus einem Munde.

Allerdings, erwiderte der Alte mit Ernst, so ist's.

Das breite Gesicht desUhzers, der nur zum Spaß ein böser, sonst aber ein guter Kerl war, erhellte sich in wahrer Teilnahme, die aber natürlich durch einen Schein von Satire belebt blieb.Das freut mich, rief er,und ich wünsche von Herzen Glück! Dann des jungen Schneiders Hand schüttelnd, setzte er lächelnd

inzu:Nun, was hab' ich gesagt? Gelt, hab' dich L. gekannt als du selber? J hab' dir angesehen, was du für ein Teufelskerl bist, wenn du einmal anfängst! Zum Alten . sagte er schon mehr in seiner bekannten

rt:Schneider, Ihr seht, man muß nur warten können! Mit der Zeit kommt alles. Aus Kindern werden Leute, und aus einem jungen Schneider kann immer noch ein Mordskerl werden wenn er einen Vater hat, wie Ihr seid!

Während der Alte hierauf mit einem Grinsen antwortete, begann der Feine:Nun gibt's gleich zwei Paare. Soeben hat der Schuster das Jawort von der Sibylle davongetragen, und die beiden Leute sehen aus, als ob jedes das Fürnehmste gekriegt hätte im ganzen Dorfe!

So! versetzte Tobias erheitert. Und in⸗ dem er auf seinen, Vater einen bedeutsamen Blick warf, setzte er hinzu:Lassen wir ihnen ihr Vergnügen!

Als sie wieder allein waren, begann der Sohn, um einem allenfallsigen Gedanken des Alten zu begegnen:Nun Vater, hast du dir heut' die Bäbe recht betrachtet? Wie meinst du? Ist das Mädchen nicht wert, daß man ihretwegen einige hundert Gulden mehr oder weniger nicht ansieht?

Der Alte, von der Schönheit der Erwählten, die heute freilich im höchsten Glanze geleuchtet hatte, selber eingenommen denn er war ein Kenner und seinerzeit ein Verehrer des andern Geschlechts! durch die guten Aussichten in Amerika nicht nur beruhigt, sondern gehoben versetzte lächelnd:Mensch, du hast mehr Glück gehabt, als du verdienst! Meiner Lebtag hätt' ich nicht geglaubt, daß du so ein Weib zu kriegen verständest! 5

Nicht nachgeben, lieber Vater, erwidert Tobias heiter,nicht nachgeben! Das ist's! (Schluß folgt.)

Der Bischof und der Bettelbube.

Einst ging ein Bischof durch die Stadt, Ein Bettelbube zu ihm trat,

Zog vor ihm ab gar tief den Hut

Und sagte:Herr, sei'n Sie so gut,

Bis an den Hals steck' ich in Schulden Drum schenken Sie mir einen Gulden

Zu diesem lieben neuen Jahr

Das wär' ein christlich Werk fürwahr! Was, schrie der Bischof eifervoll, Ich glaube, Junge, du bist toll,

Ein Gulden bei so schlechter Zeit

Ist wahrlich keine Kleinigkeit.

Nun, Herr, fiel ihm der Bettler ein,

So mögen's denn acht Groschen sein. Nichts, nichts, versett er Bischof drauf, Geh' fort und halte mich nicht auf. Ihr Gnaden, einen Groschen dann, Fort, fort, auch den nicht.Nun, wohlan, Sie seh'n wie ich mich handeln lasse,

Ein Hellerchen!Geh' deine Straße, Nichts, gar nichts.Das ist etwas arg Sprach drauf der Bube,Sie sind karg; Doch lassen Sie sich denn bewegen

Und geben mir nur Ihren Segen,

Den sollst du haben, lieber Sohn, Erwiderte mit süßem Ton

Der Bischof.Knie hin vor mir,

Den besten Segen geb' ich dir.

So? sprach der Bursche ganz verwegen, Behalten Sie nur Ihren Segen.

Ich hab' ihn zu geschwind begehrt,

Wär' er nur einen Heller wert,

Sie gäben ihn, hochwürd'ger Herr,

Wohl auch nicht so gutwillig her.

Humoristisches.

Anders gemeint. A.(zu einem Bekannten, dessen Frau vor einiger Zeit durchgebrannt ist):Mein herzlichstes Beileid, lieber, alter Freund!... B.(betrübt):Ach, sie wissen's also auch schon, daß sie wieder da ist!

Der beleidigte Großb auer. Wirk⸗ lich, mein lieber Veitelbauer, ich kann nur sagen:Ein sehr hübsches Fleckchen Erde!Fleckchen Erde?.... San S' so guat!.... Dös san fünf⸗ hundert Tagwerk!(Fl. Bl.)

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