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Seite 4.
Mitteldeutsche Lonntags⸗Zeitung
Rr. 12. N
weiter:„Ebenso, wie ich erwarte, daß jedem unnötigen Konflikt aus dem Wege gegangen wird und das bisherige gute Einvernehmen mit der in jeder Beziehung wohlgesonnenen Zivil⸗ bevölkerung der Stadt Mainz aufrecht erhalten wird, verlange ich andererseits, daß, wo es nötig ist, von der Waffe so energisch Gebrauch gemacht wird, daß sich in Zukunft diese Rowdy⸗ Elemente(denn nur um diese handelt es sich) hüten, einen Soldaten wieder anzu⸗ greifen.“
Dieser Erlaß ist jedenfalls nicht geeignet, im friedlichen Sinne zu wirken und Schlägereien zu vermeiden. Soll Brüsewitz als Muster dienen? Wir meinen, es bedarf wirklich einer solchen Aufforderung nicht, es kommen ohnehin genug Ausschreitungen von Soldaten vor. Wo soll es hinführen, wenn sich das Publikum in⸗ folge dieses Erlaßes ebenfalls mit Waffen ver⸗ steht? Man sollte den Soldaten überhaupt das Tragen von Waffen untersagen, wenn ste außer Dienst sind.
Hirschel, Köhler und Co. in den Junkerbund eingeschwenkt!
Am Sonntag hat in Friedberg eine Vertrauensmänner⸗Versammlung des Hess. Bauernbundes stattgefunden, welche die Auf⸗ ösung des hess. Bauernbundes beschloß und den Mitgliedern empfahl, dem Bunde der Land⸗ wirte beizutreten! Der hessische Bauernbund wird also eine Gruppe des von Hirschel und Köhler noch vor kurzer Zeit scharf bekämpften „Windbeutel⸗Bundes“, wie Hirschel den Bund der Landwirte noch vor 2 oder 3 Jahren in dem Offenbacher Antisemitenblatte bezeichnete. Damals war dort folgende Warnung vor Bauernfängern zu lesen:
„Achtung, Bauern! Der Bund der Land⸗ wirte rüstet zum Bauernfang! In seinem Bundesorgan kündigt er eine ganze Reihe von Versammlungen an. Seine Geschäfts⸗ reisenden werden Euch mit tönenden Phrasen zu locken suchen. Kriecht nicht auf den Leim!“
Nun hilft Hirschel selbst dem Junkerbunde bei dem Bauernfang, den er bisher auf eigene Rechnung betrieb, und sein Organ wird mit voller Ueberzeugung für die Bauernfänger⸗ und Windbeutelpolitik der Junker eintreten. Ob die Bauern nun endlich merken, wie sie an der Nase herumgeführt werden? Merkwürdig ist, daß Hirschels Blättchen, das am 1. April nach Friedberg verlegt werden soll, noch nichts von dieser Transaktion zu melden weiß. Wenn wir nicht wüßten, daß es Scham nicht kennt, würden wir sagen, es schämt stch!
Gießener Angelegenheiten.
— Der Verwaltungsbericht der Stadt Gießen für 1902/03 ist erschienen und wurde in der letzten Stadtverordneten⸗Sitzung vorgelegt. Der Bericht— ein stattliches Buch von 165 Seiten großen Formats ist in muster⸗ hafter übersichtlicher Weise zusammengestellt. Die städtische Gemarkung umfaßt danach über 3418 Hektar. Die Einnahme weist im ganzen 3,314,860 Mk. auf, der eine Ausgabe von 2,532,728 Mk. gegenübersteht. Bei der Be⸗ triebsrechnung stellt sich die Einnahme auf 1,697,329 Mk. und die Ausgabe auf 1,572,178 Mark. Gegen den Voranschlag schließt sowohl die Betriebs- wie die Vermögens rechnung gün⸗ stiger ab. An Gemeindesteuern wurden 697418 Mk. erhoben; außerdem 51957 Mk. ebangelische und 5206 Mk. katlollsche Kirchen⸗ steuer.
— Unsere Märzfeier findet nicht, wie kürzlich angegeben, auf Lony's Bierkeller statt, sondern diesen Sonntag abend 8 Uhr im Lokale des Genossen Orbig. Den Vortrag über die Märzereignisse wird Stadtverordneter Krumm halten.— Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß das Lokal„Lony's Bierkeller“, wie schon kürzlich zu der Volksversammlung, die sich mit den Zuständen in den Bäckereien beschäftigte, so auch jetzt wieder zur Märzfeier verweigert wurde. Die Lokalfrage wird also für die Gteßener Arbeiterschaft immer bedeutsamer und ez werden bald Maßnahmen getroffen werden
müssen, wodurch das Uebel beseitigt wird. Schlimm genug, daß der Wirteverein nichts tut und ruhig zusieht, wie seine Mitglieder gewissen Beeinflußungen zu Ungunsten der Ar⸗ beiter nachgeben. Wenn sich dann endlich die Arbeiter selbst ein Lokal errichten, dürfte das eine Anzahl Wirte recht empfindlich spüren.— Erwähnt sei noch, daß der Wirt von Lony's Bierkeller durch einen anonymen Brief, der jedenfalls aus Kreisen kam, die ein Interesse daran hatten, daß die Zustände in den Bäckereien nicht weiter bekannt werden, zur Verweigerung des Saales für die erstgenannte Volksversamm⸗ lung veranlaßt wurde. Welch' eine verächtliche Kampfesweise!
— Theater und Saalbau. Das Ko⸗ mité für Errichtung eines Theatersaales hat beschlossen, den Professor Dülfer in München mit Ausarbeitung von Plänen und Kosten⸗ veranschlägen für einen Theaterbau in Gießen zu beauftragen. Die Gießener Architekten können freiwillig Entwürfe einreichen, ohne daß jedoch daraus irgendwelche Verbindlich⸗ keit für das Komité entsteht.
— Eine öffentliche Versammlung der Fuhrleute, Kutscher, Speditionsarbeiter Packer ꝛc. findet diesen Soantag nachmittags 3½ Uhr bei Löb im Wiener Hof statt. Gen. Habicht⸗ Frankfurt spricht über: Warum müssen wir uns organisteren und welches ist die beste Organisation? Alle Transportarbeiter werden ersucht zu erscheinen! Unsere Leser wollen ihnen etwa bekannte Angehörige der genannten Berufe auf diese Versammlung auf⸗ merksam machen.
— Schwerer Unfall. In der Aktien⸗ brauerei wurde am Mitwoch abend der Fuhr⸗ knecht Donges, der im Stalle beschäftigt war, fürchterlich von einem Pferde ge⸗ schlagen. Es wurde ihm die Schädeldecke zertrümmert, so daß er schwerverletzt in die Klinik verbracht werden mußte.
— Lehrjahre sind zwar keine Herrenjahre. Deswegen braucht man aber den Lehrling nicht so zu prügeln, wie es kürzlich ein Friseur am Lindenplatz tat. Voll Entrüstung darüber ver⸗ ließ ein Kunde sofort den Laden des inhumanen Bartkünstlers.
Aus dem Rreise gießen.
r. Steinberg. Der soz.⸗dem. Wahl⸗ verein hielt am Sonntag eine gut besuchte Mitglieder⸗Versammlung ab, in der zunächst über die Kreiskonferenz Bericht erstattet wurde. In der sich anschließenden Diskussion wurde allseitig der Wunsch nach intensiverer Agitation und besserer Ausgestaltung unserer Presse, die unbedingt nicht mehr aufgeschoben werden könne, ausgesprochen. Schließlich erklärte man sich mit den Beschlüssen der Konferenz einverstanden. Weiter wurde ein Festausschuß für das Kreis⸗ fest gewählt, der in Verbindung mit dem Vorstand des Kreiswahlvereins die Vorbereit⸗ ungen zum Fest zu treffen hat. Im Weiteren wurde die Zuschrift des Herrn Pfarrer Som⸗ merlad an die„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ einer Besprechung unterzogen.
Vor allem wurde dagegen Verwahrung eingelegt, daß„Schmähbriefe“, die dem Herrn Pfarrer geschickt worden wären, etwa auf unser Konto geschrieben werden sollen. Eine derartige Kampfesweise ist bei uns nicht üblich; die Ar⸗ beiter sind auch gar nicht so schreibselig.
r. Geistlichkeit und Sozialdemokratie. Auf die lange Zuschrift des Herrn Pfarrer Sommerlad gestatte man uns, für heute mit wenigen Worten zu erwidern. Was zunächst die„Verständnislosigkeit“ der Frau Michels betrifft, so dürfte diese wohl selbst auf diesen Vorwurf antworten.(Frau M. befindet sich gegenwärtig in Italien. D. R.) Richtig ist, wenn der Herr Pfarrer sagt, es gäbe hier von den Kapttalisten keine. Es befinden sich hier so ziemlich alle Einwohner in gedrückter Lage und sie hätten alle Ursache, sich der Sozialdemokratie anzuschließen. Von Kapitalisten hier am Orte ist aber von uns auch gar nicht geredet worden. Wir haben nur gesagt, daß, wenn der Pfarrer in der Art, wie er es bei der Beerdigung und in der Kirche tat, gegen uns, die Partei der Arbeiter vorgeht, er eben die Interessen der besitzenden Klassen vertritt, wie das ja die meisten seiner Kollegen zu tun für gut finden. Wir wissen uns auch frei davon, ihn mit „Nadelstichen“ belästigt zu haben. Wir sind vielmehr
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nur für Beseitigung von Vorrechten und Vergünsti⸗ 0
gungen eingetreten, durch welche andere Mitbürger Nach⸗ teile haben.
nochmals beleuchten werden. — Das verlangen wir auch nur, wenn wir ein ver⸗ storbenes Mitglied in unserer Weise ehren. Und unser Recht wollen wir uns auch von dem Herrn Pfarrer nicht beschränken lassen. Dabei liegt es uns fern, den Herrn Pfarrer zu ärgern oder ihm„gehässig und feind⸗ selig“ gegenüber zu treten. Soviel für heute.
b. Kommunales aus Leihgestern. Wie notwendig es war, daß die letzte Kreiskouferenz den Punkt Gemeindewahlen auf ihre Tagesordnung setzte, damit die Genossen angespornt werden, bei den
nächsten Wahlen sich lebhafter zu beteillgen, zeigte ein
Beispiel aus Leihgestern. Hier sollte in einer der letzten Gemeinderatssitzungen die Neuwahl des Schulvorstandes stattfindeun. Um zu großer Stimmenzersplitterung vor⸗ zubeugen, ersuchte der Bürgermeister um Vorschläge, worauf ein Mitglied 3 reiche Bauern vorschlug. Dem⸗ gegenüber meinte ein Vertreter unserer Partet, es sei recht und billig, wenn auch unsere Partei im Schul⸗ vorstand vertreten sei und schlug deshalb einen Genossen vor. Die Gegner machten aber von ihrer Macht Ge⸗ brauch und ließen unsern Kandidaten durchfallen. So⸗ mit ziehen drei rückständige Antisemiten im Schulvorstand ein, während unsere Partei, die stärkste am Orte, leer ausgeht.— Das zeigt wieder, daß sich die Arbeiter und Kleinbauern mehr um die Gemeindeangelegenheiten bekümmern und lebhafter an den Wahlen beteiltgen müssen, wenn sie den Einfluß, der ihnen zukommt, gewinnen wollen.
— Staufenberg. Die Volksversammlung am Sonntag, in der Stadtverordneter Krumm⸗Gießen über:„Was will die Sozialdemokratie“ sprach, war recht gut besucht. Redner wande sich namentlich gegen all die kleinlichen Vorwürfe, welche Politiker aller bürger⸗ lichen Parteien gegen uns erheben. Nichts sei zu albern und dumm, daß man es nicht im Kampfe gegen die Sozialdemokratie für gut genug halte. Der größte Flachkopf im Parlament, wenn er nur ein paar Späße mache, werde von der bürgerlichen Presse als neuer Prophet gefeiert.— Die General⸗Anzeiger und Amts⸗ blätter lügen, daß sich die Balken biegen. Redner for⸗ dert zum festen Zusammenhalten der Arbeiter und Klein⸗ bauern auf; nur dann sei es möglich, die sozialistische Gesellschaft zu begründen, die es jedem ermögliche, bei ehrlicher Arbeit auch anständig zu leben. Den Scharf⸗ machereien der Kraut⸗ und Schlotjunker können wir umso ruhiger zusehen, da eine Partei wie die unsere, die Wahrheit, Wohlfahrt und Gerechtigkeit erstrebt,
durch keine Chikane und Brutalität besiegt werden kann.
Darum handelt es sich bei dem Losholß
und den übrigen Dingen, dle wir in der nächsten Nr. U ö
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Den Millionen Lohnarbeitern, die ein Interesse an dern
Verstaatlichung der kapttalistischen Produktionsmittel
haben, stehe eine winzige Anzahl Unternehmer gegenüber, deren Verfolgungskünste an der Einigkeit aller kleinen
Leute zu Schanden werden müßten. Hoffen wir, da unsere Bewegung in Staufenberg, die sich so erfreulich entwickelt hat, auf dem beschrittenen gehen wird.
Eingesandt.
Wieseck. Nachdem in der vom 5. d. Mts. statt⸗ gefundenen Gemeinderatssitzung der schon lang projektierte Bau einer Wasserleitung definitiv an den Bauunter⸗ nehmer Becker übergeben wurde, ist damit nicht bloß ein schon lange gehegter Wunsch der gesamten Gemeinde in Erfüllung gegangen, sondern es ist auch einem drin⸗ genden Bedürfnis Rechnung getragen, denn die Wasser⸗ verhältnisse hier waren auf die Dauer unhaltbar. Es ist ja auch kein kleines Opfer, welches damit unsere schon schwer belastete Gemeinde, auf sich nimmt und wurde u. a. auch der Bau einer Wasserleitung nur wegen der hohen Kosten und der weiteren Belastung von Jahr zu Jahr hinausgeschoben, bis jetzt gezwungener⸗ maßen, um des Staatszuschusses nicht verlustig zu gehen, ein längeres Hinausziehen nicht mehr möglich war.
Bei Mündung der einen Quelle bedarf nun die Gemeinde ein Stück von einem Acker, welcher dem
Wege weiter
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hess. Staate gehört und einen Flächeninhalt von eg.
4000 Quadratmeter hat, wofür seither eine jährliche Pachtsumme von 18 Mk, gelöst wurde.
Diesen ganzen Acker, der nebenbei bemerkt an der äußersten Grenze von Wieseck und Alten⸗Buseck liegt, a soll nun die Gemeinde gezwungen sein, wegen jenes notwendigen Stückes, erwerben zu müssen und zwar
den horrenden Preis n 45 Pfg. pro Quadratmeter, 5 N
was einer Kaufsumme von 1800 Mk. gleichkommt. i
Wenn man nun berücksichtigt, daß für diesen Acker seither 18 Mk. Pacht erzielt wurden und die Gemeinde Gießen bei ihrem Geländeerwerb für den neuen Fried hof nur 25— 28 Pfg. pro Quadratmeter sogar an Privateigentumer bezahlte, so kommt man zu dem Schl daß doch dies nicht die richtige Unterstützung von& des Staates für eine Volkswohlfahrtseinricht kann und wir hoffen daher, daß diese Zeilen dazu b
Gleiches Recht für ale!
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