Ausgabe 
19.6.1904
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sountaags⸗Zeitung.

Nr. 25.

Lächerlich.

Von Emilia Alciati⸗Marabin i.(Deutsc) von G. M. Michels.) Liebe Peppina!

Die Lektüre Deines so naiv offenherzigen Briefchens hat mich zum Lachen gebracht, zu⸗ Asch aber habe ich mich auch darüber geärgert.

lso ste sind doch immer dieselben, diese Männer, immer dieselben, selbst wenn es aussteht, als müßten sie sich nun endlich einmal freigemacht haben von all den Kleinkrämereien, all den Vorurteilen, die sie in ihrem Hochmut, ihrem Dünkel nur noch aufgeblasener und alberner machen.

Dein Mann hat Dir also klipp und klar gesagt, daß er in die Versammlungen mit Dir nicht gehen will. Und ich, die ich ihn doch immer für einen unserer eifrigsten, überzeugtesten Genossen gehalten hatte! Ach, du großer Gott, manchmal glaubt man wirklich rein an der Zukunft verzweifeln zu müssen.

Untersuchen wir mal die Sache. Was ist denn eigentlich der großartige Grund dafür, daß Du Dich allein zu Hause langweilen oder

ar zu Bette gehen sollst, während er in den

Berein geht?Weil, so schreibst Du mir,er sich vor seinen Freunden nicht lächerlich machen will. Lächerlich! Aber hat er denn wirklich das gesagt? Und war er, wirklich er es, der in jenem Augenblick sprach? Aber es muß schon wahr sein; denn er hat Dich niemals auch nur zu einem Vortrag begleitet, er hat niemals mit Dir von seinen politischen An⸗ sichten gesprochen, und nun, wo Du durch mich zum Sozialismus bekehrt worden bist, nun, wo Du auf meine Bitten hin hören und lernen möchtest, und sein Leben, unser Leben, ganz mitleben, jetzt jagt er Dich kurzerhand, gänzlich ungerechtfertigt, in die Einsamkeit, vielleicht auch in die Gleichgültigkeit, wenn nicht gar in Deine alten Zweifel zurück.

Er hat unrecht, und sobald ich ihn sehe, werde ich es ihm auch sagen. Ja, wenn Du im Hause nicht ebenso Deine Pflicht tätest wie er in der Fabrik, dann ließe ich's noch gelten; Du hast noch keine Kinber, die Deine Pflege verlangen, und wenn Du welche hättest, so würde er sicherlich nicht nötig haben, Dich an Deine Pflicht zu erinnern. Du bist doch ein aufmerksames, geschäftiges, sorgfältiges Frau⸗ chen; was will er also mehr?

Wie kann er von dem Pllichtbewußtsein durchdrungen sein, daß er für seine Erlösung und die seiner Arbeitsgenossen kämpfen müsse, und dann Dir nicht dos gleiche Recht zuge⸗ stehen? Wie kann er nach der wahren, der völligen Freiheit trachten, wenn er sich selbst zu Hause dem Wesen gegenüber, das ihm am teuersten ist, zum Werkzeug blinder, unver⸗ nünstiger Bedrückung macht?

Aceh, wenn schon die, welche unter uns als die gewissenhaftesten gelten, sich im Familien⸗ kreis so betragen, was werden dann erst die andern tun?Lächerlich?! Das traurige Wort kommt mir in den Sinit, und leider klingt es mir nicht neu. Du weißt, Ezio und ich, wir sind immer aber auch immer zusammen. Zusammen im Hause, zusammen auf langen, langen Spaziergängen, zusammen bei der Agi⸗ tation, zusammen im sozialdemokratischen Klub. Wir sind so glücklich in dieser Gesellschaft, die uns ans Herz gewachsen ist, wir ergänzen uns gegenseitig. Ich finde, wir sind wirklich zu beneiden.

Nun also ist es mir manchmal leider so vorgekommen, als überraschte ich auf den Lippen des Genossen ein halb mitleidiges, halb ver⸗ ächtliches Lächeln. Dann war es mir, als zöge sich mir das Herz zusammen, als erstarrte plötzlich all mein Enthusiasmus zu Eis, und als würde meine Kräfte gelähmt. Aber an Ezios Seite! An seiner Seite können diese Momente der Trostlosigkeit nicht lange stand⸗ halten, ich blicke ihn an und die Zuversicht wächst immer nur noch kräftiger wieder empor.

* Aus der bald nach ihrem früb zeitigen Tode von ihrem Gatten, dem Rechtsanwalt Czio Marabini heraus⸗ gegebenen Sammlung ihrer Schriften, betiteltPro pa⸗ ganda(Rom 1898).

Welch innere Befriedigung fühlen wir nicht,

wenn wir beide ganz allein dorthin gehen, wo das Elend am greifbarsten ist, draußen vor den Toren, in Gäßchen, die nicht einmal einen Meter breit sind, um ein Wort des Trostes zu spenden und die Hoffnung als eine Stütze all den Verwahrlosten zu bieten, die in Stumpf⸗ sinn vertieren!

Und Dir will man all das vorenthalten? Nein, Du darfst es nicht zulassen, daß das ge⸗ schieht. Du liebst Deinen guten Alessandro, und er liebt Dich.

Kränke ihn nicht, aber sieh zu, daß Du ihm ganz allmählich im Guten die Ueberzeugung beibringst, daß er sich gegen Dich beträgt, wie er es nicht tun sollte. Gib ihm so ganz lang⸗ sam zu verstehen, daß Du nicht mehr so ein Alltagsweibchen wie all die vielen andern bist, die sich nur beim Klatschen und Lottospielen begeistern, sondern daß Du ein echtes, rechtes Frauchen geworden bist.

Du sollst sehen, das wird wie eine Offen- barung für ihn sein. Und er wird Dich mit immer wachsendem Interesse anhören; ohne darüber nachzudenken, wird er Dich bei jeder Sache zu Rate ziehen, Du wirst ihm unent⸗ behrlich werden, und schließlich wirst Du noch hören, wie er als erster zu Dir sagt:Gehen wir heute abend zusammen? Es ist eine Ver⸗ sammlung im Klub.

Denn er wird unversehens dahin gekommen sein, daß er begreift, daßlächerlich wirklich doch nur diejenigen sind, welche ein Ding sagen und ein anderes tun;lächerlich sind die, welche den Sozialismus mit großer Geschwätzig⸗ keit in den Sitzungen oder den Versammlungen verteidigen und ihn doch in der Tat bekämpfen, indem sie der Propaganda Kräfte und Gemüter entziehen;lächerlich müssen alle die⸗ jenigen genannt werden, welche nicht voll und ganz den Mut der Meinungen haben, die ste zu bekennen behaupten, indem sie ste doch zu Hause aus falschem Opportunismus verbergen; lächerlich sind diejenigen, welche in den Reihen der Sozialisten streiten und doch die Frau für ein Wesen halten, dem sie genug zu sein glauben, wenn sie ihm Gelegenheit geben, Kinder zu kriegen;lächerlich und schlimmer noch sind diejenigen, welche zu uns gekommen sind, um jeden Egoismus zu bekämpfen, und dann in sich selbst nicht den allerungerecht⸗ fertigsten, den allerunvernünftigsten Egoismus zu bezwingen verstehen.

Dein ist die Aufgabe, Peppina, alles dieses Deinem Lebensgefährten auf liebevolle Weise klarzumachen. Er selbst wird es Dir danken, und auch wir werden Dir dankbar dafür sein.

(Aus derGleichheit.) Emilia. 4 1

Kuterhaltungs-Creil.

ůůů Auf der Wanderschast. Erzählung von Robert Schweichel.

3(Fortsetzung)

Nein, nein, wir flüchten vor dem Ungeheuer, das uns aus dem Abgrund die Zähne entgegen⸗ fletscht, rief Irma Schäfer mit verstellter Angst.

Hans lachte. Sie fiel ein, und dann fragte ste:Sie meinen wohl, daß wir uns unter Ihrem Schutze vor Drachen nicht zu fürchten brauchen?

Ja, das meine ich, erwiderte er nach drücklich.

Sie fuhr fort, ihn als Ritter Georg zu necken, und er verteidigte sich, so gut er konnte. Sie war geistig gewandter als er. Es freute

* Das Lotto(Lotterie)spielen ist ein in Italien weit⸗ verbreitetes Laster, das jährlich gerade der Arbeiterklasse viele Tausende verschlingt. Es wird von den italienischen Parteigenossen natürlich auf das schärfste getadelt, und derAvanti bringt die gezogenen Nummern stets mit der Ueberschrift:Die Steuer für die Dummköpfe.

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ihn, und so verfolgten sie den beg zun Georgs⸗ ü

höhe durch die Buchenwaldung, aufgenommen hatte. Fräulein Julie hörte nur u. Nur einmal sagte sie tiefaufatmend, indem ie stehen blieb:Ach, in dieser köstlich reinen Wald⸗ und Bergluft, da muß der Mensch ge⸗ sunden! Ein feines Rot zeigte sich auf ihren bara Wangen. Langsam folgte sie den An⸗ eren. 1770 g

Eine muntere Gesellschaft kam ihnen entgegen.

Auf der rings von Wald umschlossenen Georgshöhe fanden ste Niemand. Die Lage der kleinen Wirtschaft mit dem steinernen Aus⸗ sichtsturm war so malerisch, daß Fräulein Irma sie zu skizzieren beschloß. Sie suͤchte sich einen geeigneten Standpunkt, streifte ihren Rucksack ab und suchte daraus ihr Skizzenbuch hervor. Steigt nur hinauf; sobald ich fertig bin, komme ich nach, ersuchte sie die Freundin. Aber sie kam nicht, und als Fräulein Mohr und Gruber von der Plattform des Turms nter kamen, saß sie noch unter einer mächtigen Buche im Grase, hatte das Heft auf den hochgezogenen Knieen und strichelte eifrig. Sie ließ sich in ihrer Arbeit nicht stören. Fräulein Julie setzte sich zu ihr in's Gras und sah ihr zu. Hans hielt sich in seiner Eigenschaft als Führer etwas bet Seite, stützte sich rückwärts auf seinen Stock und seine Blicke hefteten sich auf ihre fleißigen Hände, von denen sie die Handschuhe abgezogen hatte.Wie weiß stie sind! Wie klein und doch kräftig, dachte er, und er war in deren Anblick so versunken, daß er zusammenschrak, als die Zeichnerin nach ein paar Minuten ihr Skizzenheft zuschlug und Miene machte, es in den Rucksack zu stecken.Oh, rief er un⸗ willkürlich.

Es ist wahr, rief sie,Sie haben ein Anrecht darauf, das Bild zu sehen. Ist es doch gewissermaßen ein Diebstahl an ihrer Heimat. Sie reichte ihm das Buch und lächelte zu der Aufmerksamkeit, mit der er die Zeichnug lange betrachtete.Nun? fragte sie endlich.

Es gefällt mir; Sie haben einen guten Blick und eine sichere Hand, sagte er und gab ihr das Buch mit innerem Widerstreben zurück. Denn er hätte gern auch die anderen Zeichnungen und Skizzen darin besehen.Sie sind also eine Künstlerin, eine Malerin?

Ach Gott nein, erwiderte sie mit einen kleinen Seufzer und tat das Buch weg. Als sie sich erhob, sprang er eifrig hinzu und half ihr, den Rucksack über die Schultern nehmen, und dann bückte er sich nach ihrem Bergstock und reichte ihn ihr hin. Sie dankte mit einem freundlichen Neigen des Kopfes.Mich zur Malerin ausbilden zu lassen, dazu reichten die Mittel nicht und, wie ich glaube, auch mein Talent nicht, und so ist's gut. Ich kann mir nichts Trostloseres vorstellen als einen Künstler ohne hinlängliche Begabung. Ich will garnicht reden von den Seelenqualen seines vergeblichen Ringens, sich selbst zu genügen. Sehen Sie, da sind die jährlichen Kunstausstellungen und die permanenten der Kunstvereine und der Kunst⸗ händler mit ihren vielen tausend Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen, aber wie wenige davon finden einen Käufer. Und es sind doch immer die hervorragenden und besseren Leistungen, welche zu den Ausstellungen zugelassen werden. Was wird aus den anderen, deren vielleicht dreimal so viel sind? Sie werden für ein Butterbrot verkauft, oder verstauben in den Ateliers, und die Schöpfer führen ein elendes, proletarisches Dasein. Sollte ich ihre Zahl noch um meine Wenigkeit vermehren? Da ist es doch besser, da wir Mädchen ohne Vermögen heute doch irgend ein Gewerbe um des Brot⸗ erwerbes willen ergreifen müssen, als Zeichen⸗ und Turnlehrerin an einer Schule sich durchzu⸗ schlagen. Reizend ist ja das gerade auch nicht.

So sprechend, hatte sie mit den Andern den Turm hinter sich gelassen, ohne darauf zu achten. Jetzt fiel es ihr ein, daß sie ihn noch besteigen wollte.

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Sie sah zurück und lachte. Aber noch einmal umkehren? Nein! Schon um

der körperlich schwächeren Freundin willen nicht.

Ihr Lachen scheuchte Haus aus seinem

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Nachdenken auf, und er sagte im Weitergehen

Ja, wenn man in die Tiefe sieht, da haben 0

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