Ausgabe 
19.6.1904
 
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Nr. 25.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

Der Heuchelheimer Arbeiter⸗Bil⸗ dungsverein versammelt sich mittags 12 Uhr bei Wirt Aug. Rinn zum Abmarsch nach dem Bahnhofe. Volksverein Altenbuseck fährt per Wagen zum Kreisfeste. Treffpunkt 11 Uhr vormittags bei Wirt Wilh. Becker.

Antisemitrich Hirschel trium⸗ phiert! Weshalb? Weil die Sozialdemokratie eine gründliche Niederlage erlitten hat. Wieso? Hören wir, was er in seinem Blättchen schreibt:

Einen sehr richtigen Beschluß faßten die

beiden Watzenborner Gesangvereine

Germania undSängerkranz. Sie lehn⸗

ten beide ab, sich zu beteiligen am so⸗

zialdemokratischen Kreis⸗Ar⸗ beiterfest, welches am 19. Juni in

Steinberg stattfindet. Sonderbarerweise

weiß die Schabbeszeitung in Gießen nichts

über diese Sache zu berichten, die doch sonst ihre Nase in jede Angelegenheit der Ge⸗ meinde Watzenborn steckt. Aus Scham

oder Gram? a

Wenn es sich Hirschel als ein besonderes Verdienst anrechnet, dieses welterschütternde Ereignis seinen paar Lesern vorgeführt zu haben, so haben wir nichts dagegen. Wir be⸗ kennen ohne Weiteres, daß wir nichts zu dem aufsehenerregenden Beschluß gesagt hätten; und Hirschel hat bis zu einem gewissen Grade recht, wenn er vermutet, daß unsGram und Scham zu unserm Verhalten veranlaßten. Diese Gefühle könnten einem neben anderen allerdings beschleichen, doch bewegen sie sich in etwas anderer Richtung, als der Antisemitrich anzunehmen scheint. Nun, vielleicht gelingt unser Kreisfest auch so; wir müssen halt sehen, daß wir ohne die beiden berühmten Watzen⸗ borner Vereine fertig werden. Hat es doch nicht an Stimmen gefehlt, die ihr Fernbleiben als einen Vorteil für das Fest bezeichneten.

Welch' gewaltigen Aerger unser Kreisfest den Junkerknappen Hirschel verursacht, zeigt folgender Auswurf, der sich in dem letzten Stück seines Zeitungspapiers findet:

Deutschgesinnte Männer und Frauen von

Watzenborn⸗Steinberg und Umgegend! Mei⸗

det nächsten Sonntag das sozialdemokratische

Kreisarbeiterfest in Steinberg, straft diese

Gesellschaft mit Verachtung, glänzet durch

Abwesenheit!

Trotzdem diese gehässige Aufforderung von Neid und schmutziger Gesinnung dikttert ist, kann unser Festausschuß Hirscheln dafür nur dankbar sein; denn Leute, die sich von seinem Schimpforgan Anweisung geben lassen, gehören erfahrungsgemäß zu denjenigen Elementen, mit denen anständige Leute gerne den Verkehr meiden. Bei uns soll's nicht zugehen, wie auf vielen Krieger vereinsfesten. Sollte jene Sorte Menschen in einzelnen Exemplaren in Watzen⸗ born⸗Steinberg und Umgebung vorhanden sein, würden wir es allerdings bedauern, wir be⸗ zweifeln es aber.

Aus dem RNreise Alsfesd⸗Cauterbach

r. Ein Kreiskransenhaus soll nach dem jüngst gefaßten Beschlusse des Kreisausschusses in Als⸗ feld errichtet werden. Das war allerdings schon längst ein sehr dringendes Bedürfnis und es war wirklich die höchste Zeit, daß endlich zur Beseitigung der durch den Mangel eines Krankenhauses verursachten Mißstände ein Schritt getan wurde.

Der Wahl verein Alsfeld unternimmt am Sonntag, den 26. Juni einen Ausflug per Wagen nach Groß⸗Felda. Abfahrt 11 Uhr vormittags von der Romroderstraße. Recht zahlreiche Beteiligung ist er⸗ wünscht. Näheres über Kosten usw. erfahren die Ge⸗ nossen bei dem Vertrauensmann Eder.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Vergnügen der Besitzenden. Das Gardon⸗Bennet⸗Automobil⸗Rennen, über das schon wochenlang die Zeitungen spaltenlange Abhand⸗ lungen bringen, regen auch einen Teil der Wetzlarer Einwohner auf. Zahlreiche Leute, die sich's leist n können strömen nach der Rennstrecke, wie die Spanier zu den Stiergefechten. Wer weiß, wie mancher den Hals dabei bricht. Aus Weilburg wird bereits ein schwerer Unfall vom Donnerstag gemeldet. Ein Automobil habe sich überschlagen und die Insassen, ein ausländischer Baron hat den Rücken gebrochen und auch die beiden andern sind schwer verletzt.

h. Wiederein Bergmann verunglückt. Am Donnerstag stürzte der Bergmann Heinrich Will aus Nauborn auf der GrubeAmanda bei Nauborn in den Schacht und war sofort tot. Der Arme fiel in der Blüte seines Lebens als Opfer der Arbeit; er war erst 33 Jahre alt. Frau und zwei Kinder betrauern den Verlust ihres Ernährers.

Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.

r. Der Reichsverband gegen die internationale revolutionäre Sozialdemokratie sucht auch in Marburg Mitglieder zu fangen. Von der Geschäftsstelle in Berlin werden daher dreiteilige Postkarten versendet, worauf das ganze Programm mit zahlreichen Druckfehlern abgedruckt ist. Da meistens nur Beamte und Leute, die aus irgendwelchen Gründen zur So⸗ zialistenbekämpfung verpflichtet sind, die Karten erhalten haben, so kann wohl eine Filiale der neuen Gründung zu stande kommen. Nun von der Sorte ist allerdings schon genug vorhanden und es kommt auf ein Vereinchen mehr oder weniger nicht an.

Wie in derOberhess. Ztg. zu lesen ist, hätte ein Marburger Akademiker die Werbung mit folgendem kräftigen Fußtritt abgewiesen:

Ich muß die unerhörte Zumutung eines Beitritts zu dieser schmählichen und Deutschland zur Schmach ge⸗ reichenden Gründung als für einen akademisch Gebilde⸗ ten beleidigend zurückgewiesen. Die Scozialdemokratie steht geistig wie sittlich unendlich hoch über dem Ge⸗ dankenniveau diesesReichsverbandes. Die Bekämpfung des dummen abgeschmacktennationalen Partikularis⸗ mus ist vielmehr ein schöner idealistischer Zug, der der Sozialdemokratie alle Eyre macht. Ich bitte daher, mich von der Verdächtigung in etwaigernationaler Ge⸗ sinnung im Sinne des Reichsverbandes auszunehmen und mich nicht weiter mit Zusendungen zu behelligen.

Recht so!

r. Zur Maureraussperrung ist zu be⸗ richten: Von den 185 Maurerarbeitern als Streikbrecher 15. Abgereist sind 135 Mann, so daß noch 30 aus⸗ gesperrte Maurer zu unterstützen sind. Diese Zahlen seien hiermit angegeben, den Berichten der Hess. Lan⸗ des⸗Zeitung gegenüber, welche schrieb, daß 87 Arbeits⸗ willige arbeiteten. Der Polizeibehörde, welche derartige Berichte der Hess. Landes⸗Zeitung liefert, möchten wir doch raten, etwas genauer zu zählen. Nach einem andern Berichte derselben Zeitung sollte ein Straßenauflauf stattgefunden haben, wobet 3 Streikende notiert worden seien. Diese Angaben sind durchaus falsch; die Sache verhält sich folgendermaßen: Bauunternebmer Groth hatte 5 Arbeitswillige nach Marburg gelockt, die er abends mit seinem Sohne und einem Polizeimonn nach Hause brachte. Unterwegs gesellten sich ca. 10 Ausgesperrte zu der Truppe, welche die Leute über ihr unschönes Verhalten aufklären wollten. Groth bedrohte sie mit dem Stocke, wodurch die Straßenpassanten stehen blieben und ein sogenannterAuflauf entstand. Der Polizeibeamte ermahnte die Ausgesperrten, sie möchten doch nach Hause gehen. Dies wurde denn auch befolgt und so ging derAuflauf auseinander, und Herr Groth wartete, bis seine Leute ins Bett gingen, damit die Ausgesperrten nicht doch noch einmal mit ihnen zusammen kämen. Bet diesemAuflauf ist auch nicht ein einziger notiert worden. Ueberhaupt hatte die Pollzei bis jetzt noch keine Ursache, gegen die Ausgesperrten einzuschreiten, da sie sich keinerlei Verstöße zu schulden kommen ließen.

e. Die Transportarbeiter⸗Versam m⸗ lung, die am Sonntag im Lokale Jesberg stattfand, hatte einen verhältn'smäßig guten Besuch aufzuweisen, trotzdem um diese Jahreszeit der Sonntag Abend keines⸗ wegs als geeignete Versammlungszeit erscheint. Genosse Habicht⸗Frankfurt setzte den Erschienenen ausein⸗ ander, wie notwendig für die Fuhrleute, Kutscher, Packer usw. der gewerkschaftliche Zusammenschluß seien. Er wies ferner auf die Vorteile hin, welche in allen Berufen durch die Gewerkschaften erreicht worden sei. Doch es sei noch vieles zu tun; jeder Einzelne müsse mitarbeiten an der Besserung der Arbeitsverhältnisse und die kleinen Opfer nicht scheuen, die dazu von ihm gefordert werden. Fünfzehn Mann traten dem Verbande bei und hoffent⸗ lich folgen bald weitere.

Nach Steinberg! Abfahrt der sich an dem Gießener Kreisfest beteiligenden Genossen Sonntag, 9 Uhr vorm, vom Hauptbahnhof.(Der Zug 11.06 ab Hauptbhf. reicht auch noch für diejenigen, welche den früheren nicht benutzen können. D. R.)

r. Kameradschaftlich? Als diese Woche der frühere Stadtdiener Sch. beerdigt wurde, gab es ein allgemeines Aufsehen in Marburg, weil außer dem Geistlichen und nächsten Angehörigen kein Mensch mit zur Beerdigung ging, trotzdem Sch. die Feldzüge von 1866 und 70 mitgemacht hatte. Am allermeisten fiel es auf, daß nicht einmal seine Kriegskameraden ihm das

letzte Geleit gaben. Dies gab auch dem Geistlichen Veranlassung, in seiner Grabrede auf diese beschämende Kameradschaftlichkeit zurückzukommen. Ein ähnlicher Fall passierte schon vor einigen Wochen. Als damals der Schlossermeister W. beerdigt wurde, hielt es der Kriegerverein nicht der Mühe wert mit zur Beerdigung zu gehen. Die beiden Verstorbenen waren allerdings nur geringe Leute, sie gehörten nicht denbesseren Kreisen an, haben sich aber ehrlich durch die Welt ge⸗ schlagen, das kann aber doch kein Grund sein für das Verhalten der Krieger. Oder wird bei ihnen jeder nach seinem Besitz geehrt?.

i Ein Kind auf den Bahnschiene n. Am vorigen Freitag bemerkte der Lokomotivführer ein es Zuges, der Gießen eben in der Richtung nach Lollar verlassen hatte, ein kleines Kind auf den Schienen. Er konnte den Zug noch zum Stehen bringen und so das Kind vor dem sichern Tode retten.

Aus dem Gerichtssaale. Eine rohe Tat. Der 35jährige Fabrik⸗ arbeiter Andres aus Sausenheim bet Mainz hatte in einer Wirtschaft zu Worms aus reinem Uebermut seinem gleichalterigen Freunde, dem Dienstknecht Mayer, mit einem Messer das linke Ohr abgeschnitten und auf den Boden geworfen. Der Mißhandelte ist für sein ganzes Leben entstellt; auch das Hörvermögen hat not⸗ gelitten. Das Schwurgericht in Mainz verurteilte den Angeklagten, dem die Ge⸗ schworenen mildernde Umstände versagten, zu Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust. Vor dem Frankfurter Schwurgericht wurde aufangs der Woche gegen den städtischen Vollziehungsbeamten Heinrich Wagner wegen Unterschlagung verhandelt. Wagner hatte mit seinem Freunde Scheldt, der Bureauvorsteher einer städtischen Steuerzahlstelle war, gemeinsame Sache gemacht und ca. 5600 Mk. amtliche Gelder unterschlagen. Im März d. Js. wurden die Unterschleife ent⸗ deckt, Scheldt tötete sich durch einen Revolverschuß, während Wagner flüchtig ging, aber bald er⸗ wischt und verhaftet wurde. Er erhält nur 1 Jahr Gefängnis. Mordtaten. In Berlin wurden kurz hintereinander zwei schrecklich verstümmelte weibliche Körper im Kanal auf⸗ gefunden. Man ist den Tätern auf der Spur. In Darmstadt wurde am hellen Tage auf der Straße der Rentner Döring ermodert. Die Polizei hat auf Ermittelung des Täters eine Belohnung aus⸗ gesetzt. Vorige Woche wurde in Lorsch(Bergstraße) der Polizeidiener Schneller erschossen. Als Täter sind ein gewisser Rosenberg, ferner die beiden Bürstädter Burschen Berg und Brückmann verhaftet. Ein entsetzliches Brandunglück hat sich im New⸗Yorker Hafen ereignet. Dort ist am Mittwoch Vormittag der mit etwa 1500 Menschen besetzte VergnügungsdampferGeneral Slocum vollständig verbrannt. 600 Personen, meist Kinder und Frauen sind umgekommen. Den Dampfer hatte die evangelische Markus⸗Gemeinde zu einem Ausfluge für ihre Sonntagsschule gemietet. Man fuhr mit ca. 1000 Kindern und 500 Erwachsenen in der Richtung nach Locust Grove am Long Islander Sunde. Die Gesellschaft war in fröhlichster Stimmung als unweit der bekannten Hellgate⸗Untiefen an der Einfahrt des Long Islander Sundes plötzlich der Ruf Feuer ertönte. Der große Dampfer war tatsächlich in Flammen und es entspann sich nun eine gräßliche Panik, bei der Hunderte von Menschen teils durch die Flammen zu Grunde gingen, teils sich verzweifelt ins Meer stürzten. Die Zahl der Toten wird auf 1200 angegeben.

Partei-Uachrichten.

Den parlamentarischen Bericht an den Parteitag in Bremen hat unsere Reichstagsfraktion dem Abgeordneten Genossen Ledebour übertragen.

Versammlungskalender.

Samstag, den 18. Juni.

Gießen. Wahl verein, Abends 9 Uhr Versammlung

bei Orbig. T. O.: Pol. Wochenschau Ref. Vetters

Montag, den 20 Juni.

Marburg. Schuhmacher, Abends 9 Uhr Ver sammlung bei Hillberger.

Samstag, den 28. Juni.

Marburg. Wahl verein. Abends 9 Uhr Ver⸗

sammlung bei Jesberg. Zahlreich erscheinen!

Briefkasten.

Berichte aus Wetzlar, Marburg, Alsfeld, Dillen⸗

burg ꝛc. mußten leider zurückgestellt werden.