Ausgabe 
19.6.1904
 
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berpesten und

Nr. 25.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 7.

die Dinge ein anderes Aussehen. Es braucht eine eiserne Tatkraft, um sich hinaufzuarbeiten. Ja, Fräulein! Wenn man den Harz sso vor

sich sieht mit seinen Tannen⸗ und Laubwäldern

im Sonnenlicht, dann ahnt man auch nicht,

wie viel Armut, Not und Elend unter der

grünen Decke schafft, sorgt, ringt und ver⸗ zweifelt. Da find die Erzgruben, die Poch⸗ und Waschwerke, die das Gestein zerstampfen und reinigen, die Scheidehütten, die mit ihren giftigen Dämpfen die Luft und die Arbeiter nraffen, und zuletzt die Eisen⸗ hämmer, deren hohe Schornsteine Sie bei Ihrer Ankunft in Thale wohl draußen haben qualmen sehen. Sie alle brauchen Holz und Kohlen. Die schlanken Stämme sinken unter der Axt der Holzhauer, die sie Winters mit Lebensge⸗ fahr zu Tal schaffen, wo sie die Mühlen zu Brettern und Parquetplatten zersägen und ste zu Papiermehl zerreiben. Anderwärts wieder werden sie zu Schindeln gespalten und zu jenen Millionen und aber Milliouen Stäbchen, wie sie die Zündhölzchen⸗Fabriken brauchen. Die Kohlenmeiler dampfen im Walde, der Besen⸗ binder stiehlt ihm seine Reiser, der Harzkratzer kratzt den Bäumen das Harz aus, so daß sie absterben und verdorren. Da hocken in den

ütten Männer, Weiber und Kinder und machen

isten, Siebe, Salzfässer und schnitzeln Nudel⸗ rollen, Quirle, Löffel, Teller, Schalen. Was meinen Sie wohl, wie es da ausschaut in dem grünen Wald, wo die Finken so lustig schlagen? Dasselbe Arbeiterelend hier wie draußen in den Städten. Das Herz aber wendet sich Einem vor Jammer um, wenn man durch die Dörfer wandert, wo Haus bei Haus Väter, Mütter und Kinder das hölzerne Spielzeug schnitzeln und bemalen, das in alle Welt, bis über den Ozean hinausgeht. Und wer anders ist es, der all das Elend verschuldet, als das Kapital, das sich diesen Tausenden von Unglücklichen gegenüber in nur wenigen Händen befiadet?

Aber das ist nun einmal die Folge natür⸗ licher Entwickelung und nicht zu ändern, sprach Fräulein Julie mit lehrhaftem Tone.Nur durch Wohltaten kann man hier lindernd ein⸗ greifen, und es fließen ja auch zu diesem Zwecke jährlich viele Millionen aus den Taschen der Wohlhabenden und Reichen.

Wohltaten! Wohltaten! rief Gruber bitter.Aber die Arbeiter wollen keine Wohl⸗ taten. Man soll ihnen nicht erst die Millionen abpressen, um ihnen nachher einige Tropsen davon als Wohltalen wieder zukommen zu lassen. Eine natürliche Entwicklung nennen Sie das? Gut! Aber diese Entwickelung führt zum Verderb und Ruin von Millionen und schließ⸗ lich Aller, und darum muß ihr Einhalt getan, sie in eine gesunde Richtung geleitet werden.

Da bin ich begierig, wie das bewerkstelligt werden soll. Wohl durch die Irrlehren der Sozialdemokratie? fragte Fräulein Julie iro⸗ nisch.Nun ich hoffe, daß sie und ihre Utopien nicht in das Gebirge eindringen werden.

Wenn Sie ihre Hoffnung nur nicht täu⸗ schen, Fräulein. Ich fürchte um Ihretwillen, daß es so ist. Ueberall, wo die Arbeiter über ihre Lage nachzudenken beginnen, da lauschen fle begierig diesen Irrlehren, die ihnen Erlösung zeigen. Sie würden wohl nicht von Irrlehren sprechen, wenn Sie die Schriften der Sozialisten gelesen hätten. Und sind das Utopien, wenn die Arbeiter sich organisieren und vereinigen um zu derjenigen politischen Macht zu gelangen, deren sie bedürfen, um das Elend der Lohn⸗ sklaverei durch Aufhebung des persönlichen Eigentums aus der Welt zu schaffen? Eine Utopie, wenn sie ihre ganze Kraft daran setzen, um dereinst als wahrhaft freie Menschen ihr Antlitz erheben zu können? Lesen Sie die Schriften von Lasalle, Marx, wenn Sie sie noch nicht gelesen haben, und Sie werden anders

urteilen.

Der Zufall hat uns also einen fanatischen Sozialdemokraten zum Führer bescheert, äußerte Fräulein Mohr gedehnt.Das ist, wenn nichts Anderes, so doch interessant. Und haben Sie denn die Werke der Männer gelesen, die Sie nannten? Sie verzeihen die Frage.

Hans wurde duntelrot; jedoch antwortete er ruhig:Ja, ich habe sie gelesen und lese sie noch. Als ich Geselle geworden war, fing ich nach Feierabend damit an. Das war ein hart Stück Arbeit; denn ich war ein ungeschulter Kopf. Aber ich ließ nicht eher locker, als bis ch verstanden hatte, was ich las; oft quälte ch mich die ganze Nacht hindurch.

(Fortsetzung folgt.)

Allerlei.

Ein modernes Schulgebet teilt das Organ der bernischen Lehrerschaft mit; es lautet: Wir wollen uns ernsthaft zusammennehmen, Damit der Lehrer sich nicht braucht zu grämen, Wir wollen nicht schwatzen, nicht I 1 achen, Noch auf den Boden werfen die Sachen. Wir wollen uns aufmerksam, fleißig zeigen, Zum Sprechen aufgefordert, nicht schweigen, Und überhaupt Alle so aufführen heut', Daß Eltern und Lehrer es herzlich freut! Dieses Gebet ist jedenfalls vernünftiger und pädagogischer, als das sonst übliche gedanken⸗ lose Ableiern konfessioneneller Gebete in den Schulen.

Litterarisches

Die verschiedenen Formen des Wirt⸗ schaftslebens. Ein Vortrag, gehalten vor Berliner Arbeitern von Eduard Bernstein. In gemeinverständ⸗ licher Weise gibt der Verfasser ein Gesamtbild der Wirt⸗ schaftsgeschichte der Menschheit. Er stellt dar: Die Wirtschaft der Urvölker. Die Wirtschaft der Nomaden⸗ völker. Das Aufkommen der Stadt. Die Wirt⸗ schaft der alten Kulturnationen, der Feudalzeit, des aufkommenden Kapitalismus, des entwickelten Kapitalismus. Die Keime der sozialistischen Wirt⸗ schaft. Die Broschüre schildert, wie mit der raschen Entwicklung des modernen Kapitalismus auch die Zahl der Arbeiter beständig wächst, die sich zu Gewerkschaften zusammenschließen, um ihre Interessen im moderner Wirtschaftsleben zu wahren. Der Vortrag ist dahen geeignet, die Aufklärungs⸗ und Organisa⸗ tionsbestre bungen unsrer Gewerkschaften wesent⸗ lich zu fördern und zu unterstützen. Der Preis ist 50 Pfennig. Zur Verbreitung in Gewerkschafts⸗ und Par⸗ teikreisen hat der Verlag eine Agitationsausgabe zu 20 Pfennig hergestellt. Unsere Parteibuchhandlungen und Parteikolporteure liefern die Broschüre.

Splitter.

Kein Mensch ist unersetzbar,

Wie hoch man ihn auch hebt,

Doch jeder uns unschätzbar,

Der so für uns gelebt,

Daß, wie er uns entrissen,

Wir schmerzlich ihn vermissen.

Bodenstedt.

* 15*

Verwöhnte Kinder sind die unglücklichsten, sie lernen schon in jungen Jahren die Leiden des Tyrannen kennen.

M. v. Ebner⸗Eschenbach. 4*

*

Es gibt nur eine Lebensweisheit, so tausend⸗ fach auch ihre Schulen sind, und ihr Name ist Standhaftigkeit.. 0 Bulwer.

*

Die Arbeit predigst du

und stehst in ihrem Zwange? Ach! Arbeit adelt nur,

wächst sie aus freiem Hange. Die Arbeit ist ein Fluch,

so nicht in ihre Stunden Des Menschen letzte Lust

und Hoheit liegt verwunden.

O. E. Hartleben.

Humoristisches.

Die Hauptsache. Leutnant v. Dummsdorf: Is ja jräßlich! Junge Dame in Petersburg Zaren bei Parade ermorden wollen! Leutnant v. Blödwitz: Pfui, wie jemein! Nich mal Parade mehr heilig! Und noch dazu bei Damens! Sind aber bloß Witz⸗

blätter dran schuld bloß die verdammten Witzblätter! Unterjraben Respekt vor Militär!

Selbsterkenntnis. v. Itzeplitz: Herrenhaus⸗ reden waren erfrischender Luftzug in dieser öden Zeit. v. Quitzenhausen: Jewiß! Speziell hat Freund Klitzing recht, der sagte, daß Leute bom Lande nur aus Lüderlichkeit nach der Stadt jehen! v. Itzenplitz: Janz meine Meinung spreche darin aus eijener Erfahrung. Befürchtung.Was, in den Krieg nach Afrika willste, wo du dich erst mit meiner Tochter verlobt hast? Ja, ich fürcht' halt, daß ich sonst in den drei Militärjahren mein Handwerk als Metz ger veclernen könnte.(Wahr. Jakob.)

Die schwarzen Vögel. Berichtet wird, daß Krähen sich und Raben Sehr stark vermehrt im ganzen Reiche haben Und daß sie viel des jungen Wilds verzehren. Sehr glaublich das, jedoch kein Grund zum Heulen; Es werden auch die Uhus und die Eulen In nächster Zeit sich schauderhaft vermehren.

Die Reaktion auf ihrem Siegeszuge War stets begleitet noch von ihrem Fluge Sie schwärmten lustig über Tal und Hügel; Seit wir uns auch so gut mit Rom vertragen, Sieht wohl entgegen schönen, goldnen Tagen Im deutschen Reich das Raub⸗ und Aasgeflügel.

(Wahrer Jakob.)

Marktbericht.

Auf dem Wochenmarkt in Gießen kosteten am 14. Juni: Butter per Pfund Mk. 1,00 1,15, Hühnereier 1 St. 56 Pfg., Käse pr St. 68 Pfg., Käsematte 2 St. 56 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 6,00 7,00 Mk., Weißkraut pr. Stck. 912 Pfg., Zwiebeln per Ztr. Mk. 7,00 10,00, Tauben per Paar 0,80 bis 1,00 Mk., Hühner per St. 1,301,40 Mk, Hahnen per St. 0,80 1,70 Mk., Enten per St. 1,77 bis 2,20 Mk., Gänse per Pfd. 00 70 Pfg.

Empfehlenswerte sozialistische Schriften

Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins Gießen, Wirtschaft Orbig empfiehlt:

(Bei kleineren Bestellungen von außerhalb wird ge⸗ beten, den Betrag nebst Porto event. in Briefmarken gleich beizufügen. Adresse: Expedition der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung Gießen.)

Der Zukunftsstaat der Junker. Man⸗ teuffeleien gegen die Sozialdemokratie im preußischen Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt Eisner. Preis 20 Pfg.

Wider die Pfaffenherrschaft. Kulturbilder aus den Religionskämpfen des 16. und 17. Jahr⸗ hunderts. Reich illustriert. Von Emil Rosenow. In Heften zu 20 Pfg. komplett in 50 Heften.

Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg.

Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg.

Die Volksschule, wie sie sein soll. Von Otto Rühle. Preis 30 Pfg.

Grundsätze und Forderunen der Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg.

Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung des Erfurter Programms. Muß jeder Genosse besitzen!

Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg.

Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon; Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer.

Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg.

Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg.

Die katholische Kirche und die Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky. Der Verfasser giebt in der kürzlich erschienenen Broschüre eine historische Darstellung der ökonomischen und politischen Grundlagen der katholischen Kirche und skizziert die prinzipielle und taktische Stellung, welche die Sozialdemokratie ihr gegen⸗ über einnimmt. Preis 30 Pfg.(Agitationsausgabe.)

Kommunale Praxis, Zeitschrift für Kommu⸗ nalpolitik und Gemeindesozialismus. Herausgegeben von Dr. Albert Südekum⸗Berlin. Erscheint am 1. und 15. jeden Monats mindestens 12 Seiten stark, Das Abonnement ist allen denen zu empfehlen, die sich für die wichtigen Fragen des Gemeindelebens interessieren. Probenummern versendet gänzlich kostenlos derVerlag der Kommunalen Praxis, Berlin W 15.

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