Ausgabe 
19.6.1904
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 25.

err Geheimrat Hilger, scheut sich nicht, zwei euten, die lediglich ihrer staatsbürgerlichen Pflicht genügt haben, zu eröffnen: Ihr werdet jetzt auch vier Monate außer Arbeit gestellt. Der Verurteilte bekam wenigstens im Gefäng⸗ nis zu essen, die beiden Zeugen konnten aber usehen, wo sie vier Monate lang mit ihren ber ae Brot herbekommen sollten! Hilger gte allerdings: er habe Weber für unschuldig halten. Also, obwohl der Mann in zwei In⸗ 2 verurteilt worden ist, setzt sich Geheim⸗ rat Hi über die Justiz hinweg, er⸗ Härt se Freund Weber cee für unschuldig und jagt zwei Leute, die in diesem rozesse als Zeuge aufgetreten sind, aus der rbeit. Ich frage: Sind das nicht orien- talische Zustände? 5

Aber trotzdem diese Fälle des abscheulichsten Terrorismus einwandfrei festgestellt und nach⸗ gewiesen wurden, erfolgte Verurteilung! In jedem andern Lande, Rußland vielleicht aus⸗ genommen, wäre sie unmöglich gewesen.

Einen geradezu schamlosen Terroris⸗ mus der nationalliberal en Staatsstützen hat der Prozeß bloßgelegt, ein System wurde vor aller Welt enthüllt, das die Manneswürde ertötet, das Heuchelei und den Verrat an der Ueberzeugung, die größte Ehrlosigkeit üchtet, den Charakter Tausender schädigt. Je⸗ em Deutschen müßte die Schamröte ins Ge⸗

t treten ob der Dinge, die die Verhandlung u Saarbrücken ans Tageslicht gebracht hat. Ein allgemeiner Schrei der Empörung und des Zornes müßte das ganze Volk durchbrausen und die Schuldigen von ihren Posten fegen! Wo ist aber die Ordnungspresse, wo sind die Amtsblätter, die sich sonst nicht genug über soztaldemokratischen Terrorismus entrüsten önnen? Kein Wort von dem Prozeß! Wie auf Kommando schweigt die ganze Sippe, die für das Gordon⸗Bennet⸗Automobilrennen und ähnlichesensationelle Dinge ganze Seiten übrig hat!

Die Arbeiter aber sollten aus diesem Prozesse wieder die absolute Notwendigkeit des festen Zusammenschlusses erkennen lernen. Wären die Arbeiter des Saargebietes alle in der Organisation vereinigt, so wäre es un⸗ möglich, sie wie Sklaven zu behandeln und als nationalliberales Stimmvieh zu gebrauchen.

politische Rundschau.

Gießen, den 16. Juni 1904. Landarbeiter ⸗Sklaverei in Preußen. Das preußische Dreiklassenhaus hat den Gesetzentwurf betreffend die Erschwerung

des Kontraktbruchs der Landarbeiter in erster Lesung erledigt und der Kommission

überwiesen. Die Junker haben nicht nötig, sich

. dieses Gesetzes besonders anzustrengen, sie sind der Annahme desselben sicher! Landwirtschaftsminister Podbielski legte sich dafür ins Zeug; er suchte die Vorlage als möglichst harmlos und milde hinzustellen. Sie sei kein Gesetz gegen die Arbeiter es stehen ja keine Strafbestimmungen gegen konkrakt⸗ brüchige Arbeiter darin, sondern nur gegen die Leute, die kontraktbrüchige Arbeiter annehmen oder zum Kontraktbruch verleiten. Es ist also eher ein Gesetz gegen die Arbeitgeber als gegen die Arbeiter. Allerdings, Preußen mit seiner Gemeindeordnung, wonah einentlaufener ländlicher Lohnsklave zwangsweise in den Dienst zurückgeführt werden kaun, braucht wirklich keine Strafbestimmungen für kontraktbrüchige Arbeiter mehr. androhungen gegen die ländlichen Unternehmer in dem neuen Gesetze in ihren Folgen doch die Landarbeiter. Wenn unter der Herrschaft dieses Gesetzes der ländliche Arbeiter, um unerträg⸗ lichen Verhältnissen sich zu entziehen, den Dienst unter Kontraktbruch verläßt, so wird er nirgends

Trotzdem treffen die Straf-

mehr Unterkunft und Brot finden, er ist ver⸗

femt durch eine staatliche schwarze Liste.

Hier zwei Beispiele aus der jüngsten Zeit, wie man die ländlichen Arbeiter in Preußen behandelt. Auf einem Gute in der Nähe von Memel erkrankte Ende Mai 1903 ein 17jähriges

Dienstmädchen. Sie wurde bettlägerig. Als die väterliche Herrschaft drohte, ihr einen Teil des Essens zu entziehen und auf Kosten des Mäd⸗ chens eine Aufwärterin zu nehmen, versuchte es zu arbeiten. Es war vergeblich. Als es dann aber obendrein noch gröblich mißhandelt wurde, und man ihr die Bettdecke von ihrem Kranken⸗ lager nahm, entfloh es nachts zu ihrer Mutter. Ein Arzt konstatierte starken Darmkatarrh, der auf Typhus schließen lasse. Trotzdem erhielt das Mädchen eine Strafverfügung des Amts⸗ vorstehers, in den Dienst zurückzukehren; die Verfügung wurde aber nicht vollstreckt.

Die humane Dienstherrschaft hatte nicht nur die Sachen und den Lohn des Mädchens zurück⸗ behalten, sondern auch Invalidenkarte und Dienstbuch. Erst am 11. Januar 1904, nach drei Termineu wurde der Besitzer zur Zahlung des rückständigen Lohnes von 16 Mk. und zur Herausgabe der Sachen verurteilt. Nun konnte aber die Mutter des Mädchens die zu einer bedenklichen Höhe angelaufenen Kurkosten nicht bezahlen, sie wollte daher gegen die Dienst⸗ herrschaft, die zur Verpflegung ihrer erkrankten Dienstboten verpflichtet ist, klagen, als sie aber dazu das Armenrecht nachsuchte, wurde ihr es verweigert.

Der zweite Fall betrifft ein 22jähriges Dienstmädchen auf dem Gute einer Frau Nel⸗ son in Nachsitten bei Neuhausen. Das Gut wurde verkauft; der neueHerr des Mädchens wurde der Gutsverwalter Leneweit. Nach bru⸗ talsten Miß handlungen entfloh die Aermste unter Zurücklassung ihrer Habseligkeiten und ihres Lohnes. Der Amtsvorsteher, den das Mädchen bat, Schritte zu tun, damit sie in den Besitz ihres Eigentums komme, erklärte, nichts für sie tun zu können. Inz ischen hat das arme Mädchen, dessen ganzes Leben nur eine Kette von Krankheit und Elend war, be⸗ reits eine Nacht unter freiem Himmel genäch⸗ tigt, weil die Einwohner fürchteten, bestraft zu werden, wenn sie das Mädchen aufnehmen. Diese Beispiele zeigen, wie man in Preußen Meuschen behandelt! Da braucht man noch ein Gesetz gegen Kontraktbruch! Und da wun⸗ dert man sich, wenn die Arbeiter immer mehr den ländlichen Gefilden entfliehen!

Unsere Reichstagsfraktion hat übrigens eine Interpellation über die Verfassungs⸗ widrigkeit des dem preußischen Landtage vorliegenden Gesetzentwurfes eingebracht.

Das teure Afrika.

Noch eine größere Nachtragsforderung für Südwestafrika wird dem Reichstag noch vor der Vertagung zugehen. Nach Mitteilung verschiedener Blätter wird siewohl 20 Mil⸗ lionen überschreiten. Bisher sind dem Reichstag infolge der Unruhen in Süd⸗ westafrika zwei Nachtrags- und zwei Ergänzungs⸗ etats zugegangen. Die beiden Ergänzungsetats forderten 1 325 000 und 3 197 000 Mk., die beiden Nachtragsetats 1 496 000 und 3710000 Mark, so daß also bisher schon zur Deckung der Kosten für die Bewältigung der Unruhen in Deutsch⸗Südwestafrika vom Reichstag fast 10 Millionen Mk. gefordert worden sind. Neueren Nachrichten zufolge soll die oben erwähnte Nachtragsforderung nicht Südafrika, sondern Togo betreffen. Das ändert natürlich nichts an der Sache, nutzlose Aufwendungen hier wie da!

Bankgauner steuern zu Kirchenbauten.

In Berlin wird gegenwärtig der Prozeß gegen die Direktoren Romeick und Schultz von der bankrotteu Pommernbank, die den TitelHofbank der Kaiserin führte, verhandelt. Derselbe wurde genau vor einem Jahre ver tagt, nachdem er über einen Monat gedauert hatte. Bei dem Zusammenbruch der Bank haben viele weniger bemittelte Leute ihre Habe verloren. An einem der letzten Verhandlungs⸗ tage wurde nun durch das Zeugnis des Ge heimrats Budde festgestellt, daß die Pommern⸗ bankleute dem Oberhofmeister der Kaiserin, Freiherrn von Mirbach denselben, der jüngst im Herrenhause die sozialistenfresserische Rede hielt etwa 350000 Mark für Kir⸗

chenbauten und sonstige fromme Zwecke zur Verfügung stellten. Die genaue Summe für diese fromme Spenden wird wohl

festgestellt werden, denn von verschiedenen Sei⸗

ten werden die größten Anstrengungen gemacht,

die Sache zu verschleiern. Natürlich gaben die braven Direktoren die gottgefälligen Opfer von dem Gelde, anderer Leute!

Wahlen.

Im Reichstags⸗Wahlkreise Schwerin⸗ Wismar hat demnächst eine Nachwahl statt⸗ zufinden, weil das Mandat des für diesen Kreis gewählten konservativen Abg. v. Dröscher für ungültig erklärt worden ist. Bei der letzten Hauptwahl wurden für unsere Partei 10 380, für die Konservativen 6732 und für die Natio⸗ nalliberalen 6704 Stimmen abgegeben. In der Stichwahl siegte dann der Konservative mit nur 123 Stimmen Mehrheit. Von unsrer Seite ist für diese Nachwahl Gen. Antrick Berlin aufgestellt worden, der im vorigen Reichstage den Wahlkreis Kottbus⸗Spremberg vertrat.

Einen Kommnnalwahlsieg errangen unsere Genossen in Charlottenburg. Dort wurde der sozialdemokratische Kandidat trotz großer Anstrengung der Gegner im ersten Wahlgange gewählt. Er erhielt 649 Stimmen. In Mülhausen i. E. waren am Sonntag Be⸗ meinderatswahlen, durch die ein Drittel der Mandate zu erneuern war. Die Sozial⸗ demokraten erzielten 3937 3979, die Klerikalen 30453186, die Ordnungsparteiler 2182 2356 und die Demokraten 19152229 Stimmen. Jedenfalls werden bei den Stich⸗ wahlen Sozialdemokraten und Demokraten zu⸗ sammengehen, wie bisher, so wird es möglich sein, die Pfaffen und Geldsäcke zu schlagen.

Landtagswahlen in Koburg⸗Gotha.

Dieser Tage haben im Herzogtum Koburg⸗ Gotha die Landtagswahlen stattgefunden. Auf den ersten Blick scheint es, als ob sie der So⸗ zialdemokratie einen Mißerfolg gebracht hätten, in Wirklichkeit können wir mit dem Resultat sehr zufrieden sein. Von den 9 Mandaten, die wir bisher im Gothaischen Landtage besaßen, haben wir 5 behauptet und außerdem kommt

unsere Partei in einem in aussichtsreiche Stich⸗

wahl. Verloren gingen drei Kreise. Sechs Kreise sind uns also wieder sicher, schreibt das Gothaische Parteiblatt, und ein siebenter Kreis ist wahrscheinlich. Die ungeheuern Anstreng⸗ ungen, die Wahlkreisgeometrie, alle die schoflen Mittel haben unsern Gegnern nur einen unbe⸗ deutenden Erfolg gebracht, der mehr als auf⸗ gewogen wird durch die erstaunliche Ver⸗ mehrung unsrer Stimmenzahl. Und letzteres ist für uns immer noch die Hauptsache. Eine Vermehrung der sozialdemokratischen Stimmen unter den obwaltenden Umständen hat eine sehr große Bedeutung. Es sind reine Stimmen für die Partei, keine Mitläufer, keine unsichern Kantonisten, die bei der nächsten Ge⸗ legenheit wieder abspringen. Es hat wahrlich nicht an der, wie die Gegner sagen, Aufklärung über unsre sog.letzten Ziele gefehlt und wir haben unser wirklich letztes Ziel, die Umwand⸗ lung der kapttalistischen Produktion in die sozia⸗ listische, in die gesellschaftliche Produktion weder verschwiegen, noch verschleiert.

Sollten die Gegner also, was wahrschein⸗ lich ist, von einer Niederlage der Sozialdemo⸗ kratie schwafeln, so machen sie sich nur lächer⸗ lich. Die Ideen der Sozialdemokratie brechen sich immer mehr Bahn. Dagegen ist kein Krau⸗ gewachsen und die Liberalen bereiten sich nur den eigenen Untergang, wenn sie glauben, die sozialistische Hochflut durch reaktionäre Bün bd. nisse eindammen zu können. a

Antisemiten bei Juden zu Gaste

Vor Kurzem hat die Hamburg⸗ Ax rika-⸗Linie dem Reichstage eine Anzahl!

karten für eine Nordlandfahrt an

des neuen DampfersMeteor zugesandt, vom Präsidium an die Fraktionen nach es Stärke verteilt wurden. Die sozialdewokra

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