Ausgabe 
18.12.1904
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 51.

Arbeitszeit der Fahrer, einheitliche Bezahlung der Landtouren ꝛc. gefordert wird. glieder des(nationalen) Brauerbundes haben erklärt, mit dem Zentralverbande für die ge⸗

stellten Forderungen einzutreten.

̃ von Nah und Lern.

Hessisches.

Die Zweite Kammer des Landtags trat am Mittwoch wiederum zusammen. Zur Beratung stand unter anderm die Erweiterung des land wirtschaftlichen Instituts an der Uni⸗ versität Gießen. Herr Köhler hatte deswegen eine Anfrage gestellt und warf bei Begründung derselben der Regierung u. d. vor, daß sie kein Herz für die Landwirtschaft habe. Von der Regierung wurden ihm aber ahlenmäßig die staatlichen Aufwendungen vorge ührt. Nach⸗ dem Gutfleisch für die Bewilligung der dazu erforderlichen Summe von 6800 Mk. eingetreten war, beschloß das Haus in diesem Sinne.

Die Gemeinderatswahl in Pfungstadt, bei der unsere Genossen einen recht schönen Erfolg erkämpften, war für u n⸗ gültig erklärt worden und so findet Freitag, den 16. Dezember, eine neue Wahl statt. Die Aussichten unserer Genossen sind noch günstiger als vorher, denn bei den Gegnern, welche am letzten Mal mit einer geschlossenen Liste auf⸗ traten, herrscht diesmal arge Zersplitterung und dem reinen Zettel unserer Genossen werden verschiedene Mischmaschlisten entgegenstehen. Hoffentlich dringt unsere Liste durch und wir können in nächster Nummer von fünf neuen sozialdem. Gemeindevertretern berichten.

Gießener Angelegenheiten.

Bücher als Weihnachts⸗Ge⸗ schenke. Wir haben bereits in letzter Nummer einige Anregungen gegeben, welche Art von Büchern der Arbeiter auswählen soll, wenn er solche zu Weihnachtsgeschenken einzukaufen beabsichtigt. Heute sei noch auf einige sehr empfehlenswerte Werke aufmerksam gemacht. Seit Jahren verlangen z. B. die Parteigenossen nach Jugendschriften, die, frei von religiösen und byzantinischen Heucheleien, zur Erziehung unserer Jugend im modernen Sinne beizutragen geeignet sind. Ein solches Buch hat die Buch⸗ n Vorwärts herausgegeben. Es ist freilich kein neugeschriebenes Werk, das uns vorliegt; aber es ist eine der besten Erzählungen aus der Weltliteratur, die uns Erkmann⸗ Chatrian hinterlassen hat.Frau Therese ist der Titel des Buches. In dieser gemüts⸗ vollen Erzählung führen uns die Dichter die große Zeit der französischen Revolution vor Augen mit ihren begeisterten erhabenen Ideen der allgemeinen Völkerbefreiung und Völker⸗ verbrüderung und ihrer Rückwirkung auf Leben und Treiben eiuer veutschen Kleinstadt jener Zeit.

Zu Geschenken eignen sich ferner folgende Werke, die sämtlich von unserer Expedition be⸗ zogen werden können:

Bos, Die franzbösische Revolution. 5 Mk. Die deutsche Revolution. 5.70 Mk. Zimmermanns großer deutscher Bauernkrieg. 5 Mk. Mattha ei, Deutsche Baukunst im Mittelalter. 1.25 Mk. Otto, Deutsches Frauenleben im Wandel der Jahrhunderte. 1.25 M. Simon, Die Gesundheitspflege des Weibes. 2.50 Mk. Wurm, Gesund⸗ heitsschutz in Staat, Gemeinde und Familie. 6.50 Mk. Darwin, Entstehung der Arten. 1.75 Mk. Abstammung des Menschen. 3 Mk. Köhler, Weltschöpfung und Weltunter⸗ gang. Bommeli, Die Geschichte der Erde. 5 Mk. Büchner, Kraft und Stoff. 3 Mk. Janson, Meeresforschung und Meeres⸗ leben. 1.25 Mk. Scheier, Der Bau des Weltalls. 1.25 Mk. und viele andere.

Der Wahlverein hält diesen Sams⸗ tag seine letzte Versammlung für dieses Jahr ab. Auf der Tagesordnung steht ein Referat des Genossen Vetters überPolitische Rund⸗ schau. Die Parteigenossen wollen sich recht

zahlreich einfinden. Besichtigung der neuen Uni⸗ versitäts-Bibliothek.

Nach Neujahr soll

Die Mit⸗

an einem Sonntage eine Besichtigung des neuen

Bibliothek⸗Gebäudes von Seiten der Gewerk⸗ schaften unternommen werden. Die Herren Bibliothek⸗Beamten haben sich in entgegen⸗

kommender Weise erpötig gezeigt, dabei die Führung zu übernehmen. Die Vorstände der Gewerkschaften wollen dem Kartellvorsitzenden in Bälde mitteilen, auf wieviel Teilnehmer von ihrer Seite zu rechnen ist.

Die Geschäftsleute in der Bahnhof⸗ und Marktstraße beschwerten sich bitter darüber, daß jetzt kurz vor Weihnachten Straße und Trottoir zum Legen der Telegraphen⸗Kabel aufgerissen und ihnen ganze Berge Erde vor den Läden aufgehäuft wurden. Dadurch erlitt das Ladengeschäft natürlich erhebliche Beein⸗ trächtigung. Durch die Beschwerden wurde aber wenigstens erreicht, daß man die Arbeiten beschleunigte. Eine über diese Angelegenheit in der FrankfurterKl. Presse erschienene Einsendung behauptete, daß die Gießener Lokal⸗ blätter die Aufnahme der Beschwerden gegen die Postverwaltung abgelehnt hätten. Dem gegenüber erklärte derAnz., daß er die ihm vorgelegte Einsendung wegen der darin ent⸗ haltenen Beleidigungen habe ablehnen müssen.

Ein merkwürdiger Unglücksfall, der sich am Samgtag in der Brauerei Friedel und Asprion ereignete, kostete dem dort be⸗ schäftigten Maschinenmeister Kreuter das Leben. Derselbe wollte die Eismaschine zum Reinigen auseinandernehmen, wobei ihm Säure in den Mund spritzte und er davon schlucken mußte. Innerlich schwer verletzt, wurde er in die Klinik gebracht, wo er am Mittwoch ver⸗ storben ist.

Das Winterfest der Gewerk⸗ schaften Gießens wird am 14. Januar im Leib'schen Saale abgehalten. Es soll damit eine Verlosung verbunden werden, zu welcher die Gewerkschaftsmitglieder ersucht werden, Ge⸗ schenke zu stiften. Diejenigen, die in der Lage sind, solche selbst anzufertigen, würden damit der Sache einen besonderen Dienst erweisen und wesentlich zur Erhöhung der Festesfreude beitragen.

Bei dem Organ der Pückler⸗ garde in Friedberg muß die sogenannte Schriftleitung wirklich der kompletten Hirn⸗ erweichung verfallen sein. Was das Blättchen in letzter Zeit für unglaubliches Zeug preodu⸗ ziert, übersteigt alles vorher Geleistete. Und das will gewiß etwas bedeuten. Der reine Pückler⸗Geist der aus ihm spricht. Neulich behauptete es, unsere Frankfurter Parteigenossen hätten für Unterstützung der Juden⸗Demokraten bei den Stadlverordnetenwahlen 5000 Mk. be⸗ kommen! Auf dieserHöhe steht der ganze Inhalt des junker bündlerischen Papiers. Man muß wirklich die Geduld der Bauern bewundern, die sich das bieten lassen.

Aus dem Rreise gießen.

Versammlung in Wieseck. Ueber Entwickelung der Konsumgenossenschaften und ihre Bedeutung für die Arbeiterklasse sprach am Donnerstag Abend Herr J. Dejung aus Mann⸗ heim im Saale desGambrinus vor ziemlich gut besuchter Versammlung. Redner legte dar, daß die Arbeiterschaft in der früheren Zeit der modernen Arbeiterbewegung vor und nach dem Sozialistengesetz aus ganz begreiflichen und erklärlichen Gründen keinen besonderen Wert auf das Genossenschaftswesen gelegt habe. Erst in den letzten Jahren habe dasselbe einen ganz bedeutenden Aufschwung genommen, es gebe jetzt in Deutschland eine außerordentlich große Zahl Genossenschaften, darunter allein etwa 2000 Konsumvereine. Der Arbeiter habe mehr und mehr erkannt, daß die etwaigen durch die gewerkschaftliche Organisation erkämpften hö⸗ heren Löhne durch Verteuerung der Lebens⸗ mittel und Gebrauchsgegenstände wieder mehr als ausgeglichen werden und so die Lebens⸗ haltung keine Besserung erfahre. Dieser Um⸗ stand habe dazu geführt, daß man Mittel und Wege suchte, um der Ausbeutung, der die Ar⸗ beiter als Konsumenten ausgesetzt sind, einiger⸗ maßen zu begegnen. Ein solches Mittel find leistungsfähige, vom richtigen Geiste geleitete Konsumgenossenschaften. Redner legt des Wei⸗

leren die Vorteile des gemeinschaftlichen Waren⸗

einkaufs dar, weist auf die Erfolge der Konsum⸗ tar vereine in Sachsen hin und schließt seme Aus⸗ cc führungen unter lebhaftem Beifall der Ver⸗ er sammelten. In der Diskuston erklärte der 155 Leiter des Konsumvereins Gießen und Um 5 gegend, daß, wenn in Wieseck eine hinreichende 10 Anzahl Mitglieder beitreten würden, eine Fili⸗ uf ale des Gießener Vereins hier errichtet werden die solle. Eine Anzahl Wiesecker find denn auch wu bereits beigetreten. 1 ir g. Altenbuseck. Ein gefallener Kämpfer. die In der Nacht zum Sonntag starb hier unser braver de Parteigenosse, der Zigarrenmacher Wilhelm Körber, 9 in dem jugendlichen Alter von 32 Jahren. Wie schon. 6 viele seiner Berufskollegen hat auch ihn die Lungen⸗ N m1 schwindsucht dahingerafft. Der Verstorbene war ein 2 edel denkender Mensch von ausgezeichnetem Charakter, 15 ein liebevoller Gatte und Vater und ein pflichteifriget 9 11 Parteigenosse. Schon als Jüngling von 19 Jahren 5 trat er dem damaligen Arbeiterverein bei und sofort nach beendeter Militärzeit trat er wieder in unsere Organisation ein, der er bis zu seinem Tode treu ge: 5 9 blieben ist. Selbst während seiner Krankheit verfolgte 8 er mit eifrigem Interesse unsere Parteipresse und er ö 9 strahlte vor Freude, wenn er von einem irgendwo er- U kämpften Erfolge unserer Genossen las. Die Beerdi⸗ 6 gung fand am Dienstag unter großer Beteiligung statt. 1 9 Der Volksverein und Gesangverein legten Kränze am* E Grabe nieder. Wir werden dem braven itkämpfer ein 2 dauerndes Andenken bewahren.. 0 s. Lohn für treue Dienste. Wenn sich ein 0 Arbeiter Jahrzehnte oder gar ein halbes Jahrhundert 5 lang bei einem Unternehmer abgeschunden, so kann man 9 in der Regel recht erbauliche Schilderungen über Treue 5 in der Arbeit, gutes Verhältnis zwischenHerr und 0 Arbeiter und andere schöne Dinge in den gutgefinnten Blättern lesen. Vielleicht bekommt der treue Arbeiter 1 sogar eine Medaille. So gehts aber nicht immer. U 1

Manchmal blüht den treuen Arbeitern auch die Ent⸗ So ging's zum Beispiel einem Arbeiter in

lassung. seit 21 Jahren in der dortigen

Alten buseck, der Zigarrenfabrik der schäftigt ist. Vor Kurzem wurde derselbe, der als zweiter Werksführer fungierte, nach dreiwöchentlichem Kranksein plötzlich entlassen. Als Grund wurde allge⸗ meiner Geschäftsrückbang angegeben, weshalb man keinen zweiten Werkführer mehr brauche. Das ist jedoch keines⸗ falls zutreffend. Natürlich ist der Firma hierüber weder in rechtlicher noch sonstiger Beziehung ein Vorwurf zu machen, sie ist ihren Verpflichtungen voll und ganz nach⸗ gekommen und kann ja einstellen und entlassen, wen sie will. Die Arbeiter können aber daraus die Lehre ziehen, daß noch so langetreue Dienste sie nicht davor schützen, bei bester Gelegenheit auf die Straße zu fliegen.

In Lich beabsichtigt man dem Fürsten Ludwig von Solms⸗Lich ein Denkmal zu setzen, zu dem am 23. Januar, dem 100. Geburtstag des Fürsten der Grundstein gelegt werden soll. Dieser gute Mann ist in den weitesten Kreisen unbekannt und deshalb hat man jedenfalls ein Denkmal als eindringendes Bedürfnis empfunden. Die Mehrheit der Licher Bevölkerung wird allerdings der Meinung sein, daß es auch in Lich noch viel notwendigere Dinge zu machen gebe, als ein Stand⸗ bild für einen Fürsten,

Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach.

g. Falsche Spekulation. Eine Alsfelder Holz⸗ firma hat in Bebra eine Spottpreis in Submission übernommen. Dabei fehlen ihr aber die nötigen Arbeiter zur Ausführung, weil die eigenen Leute keine gelernten Schreiner sind. Nun sucht die Firma solche bei den hiesigen Schreinermeistern zu bekommen und glaubt, daß ihr die Gesellen in Menge und mit Hurra zulaufen, um in Bebra arbeiten zu dürfen. Derart sind aber die Löhne nicht. Es wird 3 Mk. wöchentliche Vergütung und freies Logis gewährt und darauf lassen sich die hiesigen Arbeiter nicht ein.

aus dem Nreise Wetzlar. * Die Landwirts⸗Bündler hielten am Sonn⸗

staatliche Arbeit für einen

Herren Emmelius(Gießen) be⸗

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tag im Hotel Kessel eine Versammlung ab. Der Besuch,

war außerordentlich mäßig, etwa eine halbe Stunde nach der festgesetzten Zeit waren etwa 30 Mann an⸗ wesend, bis zum Schlusse hatten sich noch einige Wetz⸗ larer Bürger eingefunden, Bauern aber, für welche die Versammlung doch einberufen war, dürften noch keine zwanzig dagewesen sein. Bley aus Berlin auf.

Als Redner trat ein Herr Angetan mit einem mindestens

15 Centimeter hohen Stehkragen muß dieserBauern:

agitator er ist jedenfalls

ein Angestellter des

Junkerbundes den paar anwesenden Landwirten ges

waltig imponiert haben. Den größten Teil seiner Aus⸗ führungen widmete er der Sozialdemokratie, gegen die er alle bekannten Vorwürfe der Sozialistentöter all. Zeiten wiederholte. Im Uebrigen ging ihm der 30