Ausgabe 
18.9.1904
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung.

Nr. 38.

Von Nah und Lern. Gespritzte Patrioten.

Vorige Woche gab es in AltonaKaiser⸗ tage und dabei selbstredend auchZapfenstreich. Wie gewöhnlich, strömte dazu viel Volks herbei, denn es gibt leider noch immer viele Gaffer, die bei jedem Rummel dabei sein müssen. Um den Kaiserplatz wurde das Gedränge derart, daß sich die Absperrmaßregeln als wirkungslos erwiesen, die Menschenmasse drängte immer mehr nach dem Kaiserplatze zu und um sie zu⸗ rückzudrängen, ließ die Polizei Feuerspritzen herbeischaffen und richtete die Schläuche gegen die vorderen Reihen des Publikums! Es ent⸗ stand nun ein furchtbares Gedränge, in dem Hunderte stürzten, getreten, gequetscht und sonst verletzt wurden. Von der Sanitätskolonne sind 300 Unglücks fälle behandelt worden! Die Empörung im Publikum über das rück⸗ sichtslose Vorgehen der Polizei war gewaltig, und es ist ein Wunder, daß sie nicht an Ort und Stelle zum Ausbruch gekommen ist, und den Polizisten die Wasserschläuche entrissen worden sind.

In den Hamburger Blättern kommt die Entrüstung der Betroffenen zum Ausdruck. Einer der Bürger klagt:Greise, Frauen und Kinder wurden jämmerlich gedrückt und erlitten mehr oder weniger schwere Verletzungen und ein herzzerreißendes Wehklagen durch⸗ hallte die Luft. Es schlugen die Soldaten sogar mit dem Gewehrkolben auf un⸗ schuldige Personen ein, um sie wieder zum Rückzug zu zwingen. Hätte es sich um eine Revolution oder dergleichen gehandelt, dann würde man eine Erklärung hierfür finden.

Die gutgesinnte Presse nimmt sich der Miß⸗ handelten in keiner Weise an, sondern lobt den schneidigen Polizei⸗Inspektor noch ob seiner

enialen Feuerspritzen⸗Idee und beschimpft die

Aabigenden Patrioten als Pöbelhaufen! Soviel wir mit den Gequetschten Mitleid haben, den Hurraschreiern gönnen wir eine solche Behandlung.

Im Reichstag rühmte sich einmal ein preußi⸗ scher Kriegsminister, daß er die Sozialdemo⸗ kraten im Ernstfall mit Feuerspritzen zu Paaren treiben würde. Nun tritt zum ersten Male seit jener Renommage die Feuerspritze in Tätigkeit und durchnäßt nicht Sozialdemokraten, die ein militärischer Zapfenstreich nicht anlockt, sondern die treuesten Ordnungselemente, die mit ihrem Hurrageschrei vergessen machen wollten, daß die Parade im roten Hamburg ⸗Altona stattfand.

Ein Diener des Herrn.

Die Mannheimer Volksstimme berichtet: Vor kaum Jahresfrist heiratete ein protestan⸗ tischer Vikar die hübsche Tochter eines hiestgen angesehenen Möbelfabrikanten, die neben einer prächtigen Heiratsausstattung etliche 50 000 Mk. Vermögen mitbekam. Das junge Paar begab sich auf die Hochzeitsreise nach Italien und genoß dort einige Zeit stillen Glückes. Doch plötzlich verliert der Bräutigam einen Check im Werte von 50000 Mark. Die Hochzeitsreise wurde aufgegeben und in tiefer Niedergeschlagen⸗ heit die Heimreise angetreten. Man hätte glauben sollen, ein schönes Weib mit 50000 Mk. Vermögen würde selbst für einen protestantischen Vikarden Himmel auf der Erde bedeuten, aber weit gefehlt. Unterwegs traf er eine junge Frau, die bereits ihren Mann mit zwei Kindern im Stiche gelassen, und brannte mit derselben durch. Seelisch gebrochen, kehrte die junge Dame zu ihren Eltern hierher zurück. Die Karten waren jedenfalls vorher von dem Geist⸗ lichengut gemischt. Um durchbrennen zu können, brauchte man Geld, und zu diesem Zwecke wurde der Check verloren, oder flüssig gemacht.

Noch im Tode verfolgt.

Es ist bekannt, daß der preußische Eisen⸗ bahngewaltige Budde innerhalb seines Macht⸗ bereichs die Sozialistenverfolgung unablässig betreibt. Das höchste darin leistete man aber kürzlich in Dortmund. Dort starb am 16. August ein Stellmacher, der dem Staate

37 Jahre lang treue Dienste geleistet hatte.

Die Arbeitsgenossen wollten dem Verstorbenen das letzte Geleit geben. Die Staatsfahne war bereits herausgeholt, alles zum Ehrengeleit be⸗ reit da, in letzter Stunde kam Gegenordre. DieArbeiterzeitung hatte bemerkt, daß der Verblichene ein stiller, treuer Parteigenosse ge⸗ wesen sei. Der Witwe des Verstorbenen wurde darauf am Abend vor dem Begräbnistage mit⸗ geteilt, die Verwaltung habe den Arbeitern die Beteiligung an der Beerdigung verboten. So wird im Reiche Buddes für fromme Sitte gesorgt.

An der Spitze der Kultur

3 marschiert bekanntlich das deutsche Reich, wenig⸗ stens nach den Behauptungen unserer Ueber⸗ patrioten. In einem Kulturstaate müßten aber zum allermindesten tadellose Schul⸗Verhältnisse herrschen. Wie es damit aber vielfach aussteht, wird durch einen drastischenZwischenfall illustriert, der sich in der Schule des thüringi⸗ schen Dorfes Niedertopfstedt ereignete. Der Lehrer erzählte den Kindern gerade von der Schlacht bei Sedan, da ein lautes Prasseln und Krachen an der Decke und im Nu füllen dichte Wolken von Lehm⸗ und Kalk⸗ staub die Schulstube. Als sich die Luft wieder klärt einige Kinder waren entsetzt zum Fenster hinausgeflüchtet sieht man die Scheuerfrau unter einem großen Loch in der Decke im Klassenzimmer stehen. Die arme Frau, die durch die altersschwache Decke hin⸗ durchgebrochen war, zum Glück, ohne Schaden zu nehmen, murmelte ein paar Worte der Entschuldigung und ging hinaus. Der Herr Lehrer sammelte seine Schar und suchte sich ein neues Schullokal. Er fand es im Tanz⸗ saal der Gemeindeschenke.

Drei Monate Gefängnis für 7 Preß⸗ kohlen!

Vor Kurzem hatte sich der Arbeiter Szepokat vor dem Berliner Landgericht 1 wegen Dieb⸗ stahls im Rückfalle zu verantworten. Er hatte auf einem Berliner Bahnhof zu tun, als dort gerade Preßkohlen abgeladen wurden. Geständ⸗ lich hat er sich von den beim Ausladen vorbei⸗ fallenden Preßkohlen 7 Stück angeeignet, die ihm alsbald wieder abgenommen wurden. Die Kohlen haben einen Wert von wenigen Pfennigen, da aber der Angeklagte schon wiederholt wegen Diebstahl vorbestraft und nach Paragraph 244 St.⸗G.⸗B. in solchem Falle drei Monate Gefängnis das niedrigste Strafmaß ist, so mußte der Gerichtshof diese Strafe aussprechen. Die kleinen Diebe hängt man bekanntlich.

Folgenschwerer Familienstreit.

In Erbesbüdesheim bei Alzey erschoß der Baron von Lengercke seinen Schwiegervater, den Altbürgermeister Lebert, mit einem Jagd⸗ gewehr, nachdem Lebert vorher seinen Schwieger⸗ sohn durch einen Schuß verwundet hatte. ee sind die Ursache des Streites gewesen.

Abschied von der Kirche.

In Frankreich haben in der letzten Zeit eine Anzahl Priester nacheinander der allein⸗ seligmachenden Kirche den Rücken gekehrt. Einige gaben die Gründe öffentlich bekannt, die sie zu ihrem Schritte veranlaßten. So schreibt der Abbe Lemenuier, der ebenfalls seinen Priesterrock auszog, folgendes imRappel:

Ich verlasse die Kirche. Mit schwerem

Herzen lege ich das Kleid ab, nach dem ich mich in meiner Jugend so sehr gesehnt habe. Nach drei Jahren priesterlicher Wirksamkeit, in der Fülle meiner Rechte als aufrichtiger Mensch und im vollen Bewußtsein der Bedeutung meines Entschlusses sage ich auf ewig Lebewohl der katholischen Kirche, auf deren Knien ich erzogen wurde, und die mich in meiner Jugend begei⸗ sterte, die aber keine einzige der Ver⸗ sprechungen, die ihre Priester mir gaben, 3 hat. Ich beschuldige niemanden; eine Klage kommt aus meinem Munde. Ich verlasse nicht eine Partei, um mich einer andern zu verpflichten; ich schüttle bloß jede menschliche Vormundschaft ab, um frei und unabhängig leben zu können.

Ich verlasse die Kirche, weil mein Gewissen es mir gebietet und weil die religiösen Hand⸗ lungen, die meine priesterliche Stellung mir vorschreibt, mit dem Rest von Glauben, der mir geblieben ist, nicht mehr harmonieren. Ich tadle jene nicht, die fortfahren, diese Hand⸗ lungen im guten Glauben zu vollbringen, noch jene, die sie vollziehen, ohne daran zu glauben. Erstere sind achtungswert wegen ihrer Aufrich⸗ tigkeit, die letzteren sind entschuldbar wegen der furchtbaren Schwierigkeiten denen, ein Priester begegnet, wenn er sich fret machen will in einer Gesellschaft, wo man von Brüderlichkeit und Toleranz nur spricht, während ihre Vorurteile tyrannisch herrschen. Ich habe alle Bedenken, so gewichtig sie auch waren, überwunden, weil ich der Meinung bin, daß der wahre Wert des Menschen nur in seiner Aufrich⸗ tigkeit besteht. Ob das Brot, das man ißt, weiß oder schwarz ist, daran liegt nichts, wofern das Brot nur ehrlich verdient und nicht in schmählicher Weise um den Preis der Heuchelei und der Lüge erworben ist.

Der ehemalige Priester legt dann weiter dar, wie er immer mehr zu der Ueberzeugung gekommen sei, daß zwischen den Lehren Christi und denen der Kirche ein tiefer Widerspruch bestehe und daß man, um ein wahrer Christ zu sein, die Kirche verlassen müsse. Dieser ruft er zu, daß ihre Gegner ste nicht mehr zu be⸗ kämpfen brauchte, sie bewirke selbst ihre Zerstö⸗ rung. Alle Achtung vor der Ueberzeugung des Abbe Lemenuier. Was aber den letzten Satz betrifft, sind wir der Meinung, daß so⸗ lange der Unverstand der Massen noch derselbe bleibt wie heute, die Pfaffen um ihre Herrschaft nicht zu fürchten brauchen.

. b Unterhaltungs- Cril.

L

Der Hekehrte.

Erzählung von Friedrich Gerstäcker. 5.(Schluß.)

Jetzt war er nun Katholik, und was hatte es ihm geholfen? Ja, wenn er ein Licht⸗ strahl schoß durch seine Seele.

Ich hab's, rief er, und sprang von dem Felsblocke, auf dem er draußen am Fuße der Berge gesessen, ungestört seine Pläne fassen und überdenken zu können, emporich hab's, und die Bande hier soll nicht länger über Patrick lachen Wee

Am nächsten Morgen war Patrick aus Santa Rosa mit Sack und Pack verschwunden. Boten wurden allerdings gleich nach Mendoza hinüber⸗ geschickt, die jungen Eheleute zu warnen, denn man fürchtete von dem tollen Iren, der keine Vernunft schien annehmen zu wollen, das Schlimmste. Nirgends aber konnte man eine Spur von ihm entdecken, und dies fatale Ge⸗ fühl der Unsicherheit, das Don Carlos San Juan besonders in der nächsten Zeit empfand, mochte ihn wenigstens in etwas für die an dem Fremden 1 List bestrafen.

Patrick dachte aber gar nicht daran, sich erst von den Chilenen auslachen zu lassen, und dann auch noch sein Leben den Messern der Argentiner preiszugeben. An der Sache selber ließ sich doch nichts mehr ändern, Beatriz war verheiratet und er Katholik, und jetzt den größt⸗ möglichsten Nutzen für sich selber daraus zu⸗ ziehen, sein einziges Ziel und das lag in Irland.

Im Hafen von Valparaiso ankerte ein nach Liverpool besttimmtes deutsches Schiff. Der Kapitän brauchte glücklicherweise Matrosen, da ihm einige entsprungen, ihr Glück in den kali⸗ fornischen Minen zu suchen, und wenige Tage später segelte Patrick O Kearney unter einem angenommenen Namen der alten Heimat. wieder zu.