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Mittel dentsche Sountags⸗Zeitung
Nr. 3 8.
rode, geborene Prinzessin Reuß treu gedient hat, entbehrlich geworden. Derselbe sucht zum 1. Oktober d. J. oder später eine Anstellung als Haus⸗ verwalter, Portier oder Kassenbote oder eine ähnliche Stellung, wozu ich denselben aufs Beste empfehlen kann. Rauer ist 56 Jahre alt, hat 2 Feldzüge mitgemacht, erfreut sich jedoch völliger Rüstigkeit, und seine Tüchtigkeit und Treue ist muster⸗ haft. Rauer ist verheiratet, seine Kinder sind schon selbständig. Graf Karl Pückler,
Kaiserlich deutscher Gesandter.“
Das ist ein so herrliches Zeugnis von der „bis ins hohe Alter hinein gesicherten Existenz“ der deutschen Arbeiter, daß man nichts mehr hinzuzufügen braucht. Jeder Leser kann sich zu dem Text seine eigene Melodie machen.
Dem christlichen Bergarbeiterfübrer Brust, Zentrumsabgeordneter im preußischen Landtage, wirft ein in Essen von einem Vor⸗ standsmitgliede des christlichen Gewerk⸗ vereins herausgegebenes Flugblatt vor, 30 000 Mark von den Grubenbesitzern zur Bekämpfung der oppositionellen Aeltesten und des Alten⸗Ver⸗ bandes persönlich erhalten zu haben. Brust wird zum Judas des Verbandes gestempelt. Für die Ermittelung des Verfassers des Flug⸗ blattes wurden 500 Mk. Belohnung ausgesetzt. — Der biedere Brust, welcher die Beamten der freien Gewerkschaften als Leute hinzustellen pflegt, die sich„von den Groschen der Arbeiter mästen,“ ist, wie kürzlich festgestellt wurde, der bestbezahlte Gewerkschaftsbeamte in Deutschland.
Sieg des Bergarbeiterverbandes. Bei den Knappschaftswahlen im Ruhr⸗ revier hat der Bergarbeiterverband einen ent⸗ scheidenden Sieg über den„christlichen“ Zechen⸗ ee davongetragen. Die bisherige
ehrheit der Knappschafts⸗Aeltesten warer Christliche; nunmehr ist eine Verbandsmajorität vorhanden.
Pon Nah und Lern. Hessisches.
— Gemeindewahlen. Wiederum einen f chönen Sieg erzielte unsere Partei bei der n Bürgel bei Offenbach am 8. Sept. voll⸗ zogenen Gemeinderatswahl. Von den vier in Frage kommenden Mandaten wurden drei von Unserer Partei erobert, und zwar erhielten von 717 abgegebenen Zetteln unsere Genossen Sutor 372, Heuß 361, Möbus 359 Stimmen. Das vierte Mandat fiel den Bürgerlichen mit 363 Stimmen zu. Dieser Wahlausfall ist umso bedeutungsvoller, als von den Gegnern mit allen Mitteln gegen unsere Partei gear⸗ beitet und den Wählern vor der roten vater⸗ 5 0 Sozialdemokratie angst gemacht wurde.
Gießener Angelegenheiten.
— In der Stadtverordneten⸗Ver⸗ d on am Donnerstage erklärte eingangs er Tagesordnung der Oberbürgermeister eine Notiz des„Gieß. Anz.“, in welcher behauptet worden war, daß die Gesundheitsverhältnisse in Gießen durch die Kanalisationsarbeiten un⸗ Mute beeinflußt wurden, für unrichtig. Nach litteilungen des Gesundheitsamts sei eine Steigerung der Sterblichkeitsziffer nicht ein⸗ getreten.— Im Laufe der weiteren Verhand⸗ lung werden die Mittel zur Anschaffung eines Steinbrechers(2 100 Mk.), einer Drehleiter für die Feuerwehr(6000 Mk.) bewilligt. Ferner wird zugestimmt, daß der ortsübliche Tagelohn gewöhnlicher Tagearbeiter auf 2,50 Mk. für männliche, 1,75 M. für weibliche festgesetzt wird. — Professor und Stadtverordneter Gaffky siedelt nach Berlin über, wo er als Nachfolger Prof. Kochs das Direktorat des preußischen Instituts für Infektionskrankheiten übernimmt. Die Stadtverordnetenversammlung ernannte ihn zum Ehreuhürger Gießens. — Sountags⸗Sadenschluß im Kon⸗ fumverein. In dem Bericht über die Ge⸗ neralpersammlung des Konsumpereins für Gießen a Anh end in der letzten Nummer ist ein ler enthalten. Es ist nämlich nicht be⸗
um zwei Uhr zu schließen— das geschah bis⸗ her schon— sondern es muß richtig um ein Uhr heißen. Die Mitglieder wollen das be⸗ achten und ihre Einkäufe am Sonntag danach einrichten.
— Eine recht ,gutgesinnte“ Gehilfen⸗ Organisation muß doch der Deutsch⸗natio⸗ nale Handlungsgehilfen⸗Verband sein, denn für ihn wird sogar von den Militärbehörden agittert! Beim hiesigen Regiment wurde bei Parole den demnächst abgehenden Reservisten empfohlen, sich des Stellennachweises dieses Verbandes zu bedienen. Auch die Eintrittsbedingungen wurden bekannt gegeben und zugleich dabei bemerkt, daß der Verband treu zu Kaiser und Reich stehe, nicht etwa sozialdemokratisch sei. Ob diese Art Agitation viel Erfolg hatte, vermögen wir nicht zu sagen. Immerhin könnten wohl unsere Gewerkschaften mal die Frage erwägen, ob es sich nicht empfiehlt, die Reservisten durch Parolebefehl auf ihre Unterstützungseinrichtungen aufmerksam machen zu lassen!
— Stadtvater und Bäckermeister Löber ist ein braver Mann und biederer Bürger. Das haben ihm seine Mitbürger da⸗ durch bescheinigt, daß sie ihn mit fast der höchsten Stimmenzahl ins Stadtparlament wählten, wo er zu ihrer größten Zufriedenheit seines Amtes waltet. Weniger zufrieden sind seine Gefellen mit ihm. Seines Sohnes Gesellen, muß es richtiger heißen, denn er selbst hat das Hand⸗ werk längst aufgegeben, er hat„es nicht mehr nötig“. Aber in der Backstube kommandiert Herr Löber sen. noch wie früher. Am Freitag klagten nun zwei Gesellen vor dem Gewerbe⸗ gericht wegen rückständigen Lohnes, außerdem brachten sie aber auch noch eine gute Portion anderer Beschwerden vor. So wurde sehr oft über die Zeit gearbeitet, ohne daß dies, wie in der Bäckereiverordnung vorgeschrieben, auf der Kalendertafel vermerkt wurde. Ferner beschwerden sich die Gesellen darüber, daß sie keine Waschschüssel haben und sich unter der Leitung waschen müssen. Dann aber beklagten sie sich auch über die Behandlung durch Herrn Löber sen., der mit ihnen verfahre, wie ein Unteroffizier mit Rekruten.„Flegel“,„Lümmel“ und andere, noch viel weniger salonfähige Aus⸗ drücke warf er ihnen an den Kopf, und wenn es sich die Leute gefallen ließen, hätten sie gar wohl noch Prügel bekommen. Der Herr Stadt⸗ vater sollte doch etwas glimpflicher mit Menschen umgehen.
— Vor Schwindelkrankenkassen muß wiederholt auf das Dringendste gewarnt werden. Es sind in der letzten Zeit wieder mehrere solcher zweifelhaften Unternehmungen behördlich geschlossen worden, aber es giebt deren noch eine ganze Menge. Dunkle Ehren⸗ männer gründen„eingeschriebene Hilfskassen“ bloß zu dem einzigen Zwecke, sich von den Groschen der Versicherten eine Existenz zu schaffen, Zahlung von Krankenunterstützung er⸗ folgt in den seltensten Fällen. Gewöhnlich suchen diese Gründungen durch alle möglichen Versprechungen Mitglieder anzulocken und viel⸗ fach fallen auch Arbeiter darauf herein. So hat sich vor nicht langer Zeit ein solches Schwindelunternehmen unter dem Namen „Vaterländische Krankenversicherungskasse“ in Bremen aufgetan, das ebenfalls bankrott ging, Krankenunterstützung nicht leisten konnte. — Neulich richtete sich ein halbamtlicher Erlaß gegen die Schwindelkassen, in dem darauf hin⸗ gewiesen war, daß mit der staatlichen Zu⸗ nden ee die nicht verweigert werden könne, wenn das Statut sonst den ge⸗ setzlichen Anforderungen entspreche, keineswegs eine Garantie für reelle Geschäfts⸗ führung gegeben sei. Es sei daher Vorstcht am Platze, weil sich die Verstcherungsunter⸗ nehmer der staatlichen Zulassungserklärung mißbräuchlich bedienen. Auf manche naive Seelen mag es allerdings vertrauenerweckend wirken, wenn der Schwindelkassenunternehmer seine Prospekte mit der Aufschrift ziert: Staat⸗ lich genehmigt! Unter Oberaufsicht des Reichs⸗ kanzlers! und dergleichen mehr. Dieser Unfug mag nach Lage der Gesetzgebung nicht zu ver⸗
schlossen worden, die Verkaufsstelle Sonntags
hindern sein. Wir sind aber doch der Ueber⸗
zeugung, daß sich bet einigermaßen guten Willen Mittel und Wege finden ließen, dem Kassen⸗ schwindel energischer auf den Leib zu rücken.
Aus dem Rr eise gießen.
— Kalender⸗Verteilung. Wie aus der Be⸗ kanntmachung des Landes⸗Komitees in voriger Nummer ersichtlich ist, sollen demnächst die Landkalender zur Ver⸗ teilung kommen. Damit dieselbe in exakter Weise er⸗ folgen kann, wollen die Parteigenossen im Kreise recht⸗ zeitig ihre Vorkehrungen treffen, die Touren einteilen und die nötigen Mannschaften dafür bestimmen. Seid zahlreich am Platze! Je mehr sich Genossen zur Ver⸗ fügung stellen, desto geringer ist naturgemäß die auf den Einzelnen entfallende Arbeit, der sich jeder gerne unterziehen wird. Besonders für die Radfahrer bietet sich hierbei Gelegenheit, für die Parteisache zu wirken.
— Eine Parteiversammlung für Wieseck, Alten buseck,. Trohe und Rödgen findet nächsten Sonntag, 25. Sept. nachmittags 4 Uhr, im Lokale Karl Kreiling(früher Dorfeld) in Wie sseck statt. Auf der Tagesordnung steht Berichterstattung über die Landes⸗ konferenz, die der Delegierte Genosse Seuling aus Alten⸗ buseck geben wird, sowie sonstige Parteifragen. Die Parteifreunde der genannten Orte werden um recht zahl⸗ reiches Erscheinen ersucht.
— Wieseck. Zu seinem am 3. Sept. gehaltenen Vortrag über die Schwindsucht und dem darüber in der letzten Nummer unseres Blattes gebrachten Vericht er⸗ sucht uns Herr Dr. med. Arndt in Wieseck um Auf⸗ nahme folgender Bemerkungen:
„Die letzte Zeile der dritten Spalte(Seite 4 der Nr. 37), enthält einen von meiner Seite herrührenden, kleinen Irrtum; denn anstatt der dort angegebenen 34,2 Prozent, d. h. der Sterblichkeitsziffer der im letzten Stadium befindlichen Tuberkulösen, muß es selbstverständlich„42,8 Prozent“ heißen. Ferner ist da, wo in dem Bericht von dem„Zahlenverhältnis aller männlichen zu allen weiblichen Tuberkulösen“ Wiesecks(37: 24) die Rede ist, der nachfolgende Satz so zu lesen:„d. h. also: die Mädchen und Frauen sind, wie meist in der Gesamtbevölkerung, be⸗ züglich der Zahl der Tuberkulösen günstiger gegenüber den Männern gestellt, und zwar für Wieseck und umgegend um etwas weniger als um die Hälfte der männlichen Fälle.“ Denn die meisten, mit übermäßiger Staubentwickelung verbundenen und also die Schwindsucht fördernden Arbeiten werden sonst von Männern ausgeführt; dazu kommt, daß fast alle Alkoholkranken, die ja erfahrungsgemäß der Tu⸗ berkulose in sehr starkem Maße ausgesetzt sind, dem männlichen Geschlechte angehören.
Bezüglich des Gießener Volksbades bemerke ich noch Folgendes(teilweise habe ich es schon in meinem Vor⸗ trage erwähnt): Meine Forderung, betreffend die baldige Errichtung einer Volksbadeanstalt in Wie seck, ist meiner Ansicht nach doch nicht so verfrüht, wie es vielleicht nach Ihrer Schlußbemerkung den Anschein haben könnte; denn für Personen, die u. A. auch durch Benutzung von Bädern sich gegen die Schwindsucht ꝛc schützen wollen, ist ein Bad wöchentlich() keineswegs zur Förderung bezw. Erhaltung ihrer Gesundheit ausreichend: gerade, weil für den großen Wert jeglicher Art Gesundheitspflege die gewohnheitsmäßige Uebung derselben aus⸗ schlaggebend ist, gerade deshalb wäre es erforderlich, jedem Mitglied einer Krankenkasse mehrmals wöchent⸗ lich ausreichende Gelegenheit zum Baden zu geben, wie dies schon lange in vorbildlicher Meise der„Berliner Verein für Volksbäder“(Vorsitzender: Prof. Dr. Lassar) tut. Wie ungünstig im Gegensatz hierzu die hiesigen diesbezüglichen Verhältnisse liegen, ergibt sich klar aus folgenden Erwägungen.
Nach Schluß der Tages arbeit, also nach 6 Uhr, ist für die in Wieseck arbeitenden Personen kaum Gelegen⸗
heit zum Baden vorhanden, denn schon um 8 Uhr abends wird die Anstalt geschlossen, sodaß der Fußgänger — und alle Arbeiter machen der teuren Omnibus⸗ fahrten wegen, den Weg Gießen⸗Wieseck und umgekehrt zu Fuß— kurz vor Toresschluß die Anstalt betritt, ermüdet von der Arbeit und vom„Spaziergang“().
Dagegen ist die Zahl derjenigen Wiesecker, die in der
Nähe der Anstalt in Gießen arbeiten und also bequem noch nach 6 Uhr baden können, verschwindend gering, zumal ihnen noch, zur„Erholung“, der lange Weg nach Wieseck bevorsteht. Es ist klar, daß der Vorteil, den das Bad dem Körper bringt(Anregung der Blutzirkulation, kräftigere Arbeit des Herzmuskels, tiefere Atemzüge usw.) wieder durch Uebermüdung rasch verloren geht.
Daher halte ich die Frage, betrefsend die baldige Errichtung einer Volksbadeanstalt in Wieseck, mindestens für diskutabel. Das angeführte Beispiel der Berliner Volksbäder(3. B. kostet in Berlin ein Wannenbad 2. Klasse mit Seife und Hand⸗ tuch nur 25 Pfg.(ö); große Sauberkeit herrscht
dort, diese Wannen, mit Brausen versehen, werden ge⸗
rade von den Arbeitern massenhaft benutzt; in Gießen
kostet dasselbe Bad ohne Seife und Handtuch
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