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Seite 8.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 29.
Aus dem Gerichtssaale.
Ein sündiger Stellvertreter Gottes. Vom Kriegsgericht der 7. Dipiston in Magdeburg wurde der Unteroffizier Christian Beister vom 66. Infanterie⸗Regiment wegen Vergewaltigung einer Dienstmannsfrau n Wälchen zu zwei Jahren acht Monaten Zuchthaus und zu drei Jahren Ehrverlust ver⸗ urteilt.— Ein Millionenprozeß spielte sich vorige Woche in Dresden ab. Angeklagt
waren die Wittwe Höffert und ihr Sohn Paul Höffert, Leutnant der Landwehr, wegen Betrugs. Die beiden siheben ein photo⸗ raphisches Geschäft und führten den stolzen itel„Hoflieferant“. Durch arge Mißwirtschaft im Geschäft häuften sich die Schulden immer mehr und waren auf 1 Million angewachsen. Sie verschafften sich durch Vorspiegelung falscher Tatsachen immer wieder weitere Darlehen. un Höffert wurde zu drei Jahren,
udwig Höffert zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Für beide wurde auf fünfjährigen Ehrverlust erkannt.
Laudesverr atsprozeß.
Vor dem Reichsgericht hatte sich vorige Woche der Schlosser Davot aus Sablon wegen Ver⸗ rats militärischer Geheimnisse zu ver⸗ antworten. Er soll im Jahre 1903 acht photo⸗ Pane Aufnahmen von fortifikatorischen
auten in Dietenhofen gegen Entschädigung an die französische Regierung oder Mittelspersonen derselben abgegeben haben. Davot, der schuldig zu sein bestreitet, wurde zu 3 Jahren Zucht⸗ haus, 1500 Mk. Geldstrafe und 5 Jahren Ehrverlust verurteilt.
Adelige Rabeneltern.
Vor dem Landgericht in Braunschweig hatte sich am Freitag die Frau des Majors im 92. Infanterie⸗Regt. v. Sydow wegen scheußlicher Mißhandlung ihres eignen, im Jahre 1892 geborenen Töchterchens Anne⸗ marie, zu verantworten. Die Beweisaufnahme förderte schauerliche Einzelheiten grausamer und barbarischer Mißhandlung zu tage, die lebhaft an den Fall Dippold erinnern. Es wurde erwiesen, daß die unmenschliche Mutter das körperliche zarte Kind vorsätzlich mittels de Werkzeuge in einer das zeben gefährdenden Weise körperlich mißhandelt hat. Besonders wurde das Kind mit einer Reitpeitsche aus geflochtenem Leder fort⸗ gesetzt geschlagen, ferner an den Haaren
erissen, mit dem Kopf gegen harte Gegen⸗ flände gestoßen, mit Füßen getreten, im Winter in den Keller eingesperrt, not⸗ dürftig bekleidet in den Garten oder auf den Vorplatz gejagt. Weiter hat die Angeklagte das Kind von hinten her über die Stuhllehne gezogen und mit einer Scheuer bürste den nackten Körper fest abgerieben.
Der Herr Major hatte Kenntnis von dieser „Erziehungs“methode seiner ehrenwerten Frau Gemahlin, beteiligte sich sogar an den Scheuß⸗ lichkeiten. Die erstklassige Mutter wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt.— Es ist bezeichnend, daß, wie der Verteidiger mitteilte, der Polizeiprästdent der Angeklagten geraten hatte, in eine Anstalt zu gehen, dann „falledieganze Sachein den Brunnen.“ Ob er einem armen Teufel auch diesen Rat erteilt hätte?
Arm und Reich.
Bürgerliche Blätter aller Parteirichtungen widmen der Beschreibung des Kleides einer Londoner Dame ganze Spalten, die Frankfurter „Kleine Presse“ brachte es sogar im Bilde. Die Dame hat vielleicht in ihrem Leben noch keinen Finger zu ehrlichen Arbeit krumm gemacht, aber trotzdem oder vielmehr eben deshalb kann sie sich ein Kleid leisten, das einen Wert von zwei Millionen Mark hat. Für die Frauen armer Arbeiter, die bisweilen nicht wissen, woher ein Stückchen Zeug nehmen, um dem Hansl oder der kleinen Grete ein Höschen oder Röckchen zu schneidern, wird die begeisterte Schilderung bürgerlicher Blätter einen lehrreichen
Unterricht über die„Göttlichkeit“ der heutigen Weltordnung bilden. Die bürgerliche Presse schreibt also: „Ein Kleid für zwei Millionen Mark. Das ist eine der letzten Sensationen in der Londoner Gesellschaft. Die glückliche Besitzerin dieses Wunderwerkes, Mrs. Lars Anderson, wurde an einem der Empfangstage im Buckingham⸗ Palace der Königin Alexandra vorgestellt. Wie hätte sich Mrs. Anderson je träumen lassen, daß sie die Bewunderung und das Erstaunen einer Königin und eines ganzen Hofes erregen würde, sie, die vor nicht allzulanger Zeit als eine simple Isabella Perkins in Boston zur Schule gegangen war, mit einem Vermögen von 68 Millionen Mark und mit der Aussicht, noch 68 Millionen Mark zu erben. Wie stand ste mit ihrem strahlenden, hellglänzenden Ge⸗ wande, dessen lichter Schein dem milden Schimmern des Mondlichtes glich, in der er⸗ lauchten Versammlung, und so verwirrend und blendend war die Erscheinung, daß die König in selbst unwillkürlich zurückwich vor atemlosem Staunen. Das Gewand selbst, das eine solche Unterbrechung in der feierlichen Zeremonie der Vorstellung hervorrief, ist mit Perlen besät und mit Diamanten überstreut wie mit Tau⸗ tropfen. Es ist ein Kleid von schimmerndem Satin, das allmählich in eine Hofschleppe von einer marchenhaften Länge übergeht, deren „silberne Schleiergewebe über Silbertüll matt 1 wie wenn klares Mondlicht durch das ttterwerk zarter Spinnweben fällt.“ Das ganze Gewand ist„wie ein liebliches Mondschein⸗ idyll im Frühling.“ In glitzernden Falten rieselt der Stoff von einer Korsage herab, die aus klaren Smaragden und kostbar dazwischen 3 8 Diamanten besteht. Auf ihrem prächtig risterten Haar trug Mrs. Anderson eine Tiaca aus Smaragden, wiederum mit Diamanten verziert und eingefaßt. So boten diese Farben eine unbeschreibliche Harmonie: das zarte Weiß der Haut am Nacken und Armen einte sich mit dem hellen Glanze des Satins, dem silbernen Licht der feinen Gewebe, dem scharfen Grün der Smaragden und den funkelnden Blitzen der Diamanten. Das ganze Gewand ist reich mit Stickereien von Weizenähren bedeckt, die mit echten Perlen verziert sind; an den silbernen Grauen des Weizens hingen Tautropfen aus Diamanten. Ueber das ganze Kleid ausgebreitet ist ein feineres Gitterwerk von Perlen und Diamanten. Der strahlendste Glanz aber ging von der Korsage aus, deren Juwelen leuchtende Strahlen entsandten und zusammen mit den Brillanten des Schulterschmuckes ein flimmerndes Glänzen hervorrief. Breite Lichtströme fluteten von dem Kopfschmuck hernieder zu den Schuhen, die ebenfalls mit Juwelen bestickt waren. Der Preis des Kleides allein mit den Perlenstickereien — auch darüber wird man genau unterrichtet— betrug 100 000 Mk., und mit den Diamanten⸗ tautropfen auf den Aehren noch 100 000 Mk. mehr. Die Smaragden an der Korsage kosteten 190000 Mk., die Federn im Haare 20000 Mk., und der Fächer 24000 Mk., jeder der Diamant⸗ schuhe 4000 Mk., so daß mit dem Kolier, den Armbändern und der Tiara, die einen Wert von 160 000 Mk. repräsentieren, das ganze Kleid über 2 Millionen Mark kostet.
Zwei Millionen Mark am Leibe. Keinen Handschlag ehrlicher Arbeit hat diese Dame in ihrem Leben geleistet. Rußgeschwärzte Männer im schweißdurchtränkten Kittel haben die Millionen ihres Vaters geschaffen. Prole⸗ tarier und Proletarierinnen sind es, die die Werte schaffen, mit denen jene Damen— und nicht nur in England— prunken. Und was ist der Dank, den die Arbeiterklasse dafür er⸗ hält? Als Antwort mögen ein paar Bemerk⸗ ungen dienen, welche in der Wohnungs⸗ enquete der Ortskrankenkasse für Kaufleute in Berlin enthalten sind. Da heißt es unter anderem:
1.„Eine an Gelenkrheuma erkrankte Patientin bewohnt eine Dachwohnung, in der die Tapeten von den Wänden losgelöst sind infolge von Nässe; an den Wänden befinden sich Pilze; eine zu der Wohnung gehörige Kammer ist nicht zu
bewohnen, da es durchregnet.“
2.„Eine Lungenkranke schläft, da sie das Zimmer vermietet hat, in der Küche auf dem alten Sofa dicht neben der Kochmaschine. Von den Wänden fällt der Putz, die Decke hat sich gesenkt; Fußboden, Fenster und Türen haben
große Ritzen. 3
J.„Eine Patientin wohnt in einer sehr dunklen, feuchten und stockigen Kellerwohnung des Hauses Jägerstraße 53 in Rixdorf. Die Wände der Wohnung sind schwarz. Die Küchen⸗ tür, welche von Hofe aus den Eingang zur Wohnung bildet, hatte in früheren Zeiten Glas⸗ scheiben, dieselben sind durch Holz und Blech ersetzt worden. Dadurch herrscht in der Küche, in welcher auch die Kranke schläft, völlige Dunkelheit. Neben dem Eingang zur Wohnung befinden sich die Hofklosetts.“
Und derartige Fälle sind noch eine ganze Reihe aufgezählt. 8
Die Dame in London aber trägt Schuhe, die 8000 Mark kosten; die Smaragden an ihrer Korsage repräsentieren einen Wert von 190000 Mark, ihre ganze Kleidage kostet z wei Millionen Mark!
Und das ganze nennt man göttliche Welt⸗ ordnung.
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Eine scharse Predigt.
Vor einer Gewerkschaft in einer Stadt in Illinois, Vereinigte Staaten, hielt ein Pastor, H. M. Brooks, kürzlich eine Rede, die großes Aufsehen erregte. Er hielt der„guten Gesell⸗ schaft“ einen Spiegel vor, und dieselbe wurde unangenehm berührt, als sie ihr hätzliches Bild erblickte.
„Die Wahrheit über unsere Zustände,“ so rief er,„sollte jemand sagen, die Wahrheit, die ganze Wahrheit!“
Er machte den Geistlichen den Vorwurf großer Feigheit und erklärte, sie seien Sklaven, sich krümmende, demütige, schmei⸗ chelnde Sklaven der Reichen.
„Bezahlt werden wir nicht dafür, die Wahr⸗ heit zu verkünden, sondern im Gegenteil sie zu verbergen, zu umkleiden, und nur das zu erzählen, was die Leute zu hören lieben...“
„Vor kurzem las ich von einem Pastor in New⸗York, der über Besitztümer im Werte von 25 Millionen Dollar verfügt, und der Mann nennt sich einen Nachfolger des Herrn, fol nicht wußte, wo er sein Haupt hinlegen ollte!“
„Wir wissen alle, daß kein Mensch eine Million Dollar auf wirklich ehrliche Weise erwerben kann. Angenommen, Adam hätte bis heute für jeden Arbeitstag 2 Dollar erhalten, dabei Kost und Wohnung frei, so könnte er noch keine sechs Millionen erspart haben; mit andern Worten, er hätte nicht genug, um zu den Kreisen der ausgewählten Millisnären von New⸗Pork zu gehören....“
„Da baute ein Eisenbahnkönig eine Univer⸗ sität in Kalifornien und gab zwanzig Millionen zu diesem Zwecke heraus; dann setzte er die Frachtraten so viel höher an, daß bald die ganze Ausgabe gedeckt war. Der Beherrscher des Oelmarktes baut der Kirche ein Seminar in Chicago, dann erhöht er den Preis für Petroleum, und die Kirche hat kein Wort für solche Christen....“
„Die Verbrechen nehmen immer mehr zu, das ist kein Wunder, aber es gibt neben den ungesetzlichen Verbrechern die gesetzlichen und das sind die schlimmsten....“
Demgegenüber schilderte der Redner sodann die Leiden der Armen und die große Geduld der arbeitenden Klasse und erklärte, daß er auf die letztere seine Hoffnung setze für eine bessere Zukunft.
„Der gemeine Mann hat viel leiden und dulden müssen Jahrtausende hindurch, und es ist an der Zeit, daß er endlich einmal für sich selbst eintritt...“
„Männer der Arbeit, laßt mich eins vor allen Dingen Euch ans Herz legen: Wenn Ihr Erlösung wünscht, müßt Ihr durch Eure eigne Anstrengung dazu kommen!“—
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