Ausgabe 
17.7.1904
 
Einzelbild herunterladen

Seite 4.

Mitteldentsche Sonutaas⸗Zeilung.

Nr. 29.

der Großen zu leiden haben, den Schaden davontragen. Die Vernichtung der kleinen Unternehmer ist auch zweifellos eine Neben⸗ absicht bei dem Vorgehen des Arbeitgeber⸗ verbandes. Bei der Aussperrung kommen

in erster Linie Frankfurt, Darmstadt, Offenbach,

Hanau, Höchst a. M. und Mainz in Betracht. Der Hauptscharfmacher des Arbeitgeber⸗ verbandes ift der Frankfurter Stadtverordnete Lüscher, mit dessen Unterschrift die Arbeits⸗ bedingungen versehen waren, die für die ge⸗ nannten Städte in Geltung kommen sollten. Das betreffende Schriftstück ging am 1. l bei den Maurer⸗ und Zimmerervorständen in Hamburg ein und am 2. Juli wollten die Herren in Frankfurt schon die zustimmende Antwort in den Händen haben. Wenn ein solches unerfüllbares Verlangen gestellt wird, so ist es klar, daß die Unternehmer ab⸗ sichtlich den Konflikt herbeiführen wollten. Der Trans portarbeiter⸗Verband hat im vergangenen Jahre seine Mitgliederzahl von

20 912 auf 29682 gebracht. Verwaltungsstellen

gab es 151 gegen 106 im Vorjahre. Die Gesamt⸗ einnahmen stiegen von 247 137 auf 370 897 Mk. An Unterstützungen wurden insgesamt ver⸗ ausgabt 128 890 gegen 85 366 Mk. im Jahre 1902. Die Mehrausgabe wurde hauptsächlich von der Streik⸗ und Gemaßregelten⸗Unterstützung in Anspruch genommen; diese Ausgabe stieg von 23 458 auf 59 510 Mk. Die Arbeitslosen⸗ Unterstützung verursachte eine Ausgabe von 15891 Mk., die Kranken ⸗Unterstützung er⸗ forderte 35018 Mk., die Ster befall⸗Unter⸗ stützung 8092 Mk. und die Extra⸗Unterstützung 5782 Mk. Außerdem wurden 5658 Mk. für Rechtsschutz ausgegeben. Während des ver⸗ gangenen Jahres konnte eine große Reihe von Lohnbewegungen ohne Arbeits niederlegungen durchgeführt werden, und es wurden vielfach Tarifverträge abgeschlossen, durch die bessere Arbeitsverhältnisse erreicht wurden.

5.

̃ä

Von Nah und Lern.

Gießener Angelegenheiten.

Ueber die Partetorgantsation und ihre Verbesserung brachte dieser Tage das Breslauer Parteiorgan einen recht beachtens⸗ werten Artikel, in dem besonders Anstellung besoldeter Parteisekretäre gefordert wurde. Dem stimmt auch unser Offenbacher Parteiblatt bezüglich Hessens zu und bemerkt dabei:Wir verraten hier kein Geheimnis, wenn wir fest⸗ stellen, daß bei unseren Vorschlägen zur vor⸗ jährigen Landeskonferenz der hessischen Sozial⸗ demokratie, die Mitteld. Sonntags⸗Zeitung zu einem Landesorgan auszubauen, die Ueberzeugung obwaltete, daß der Redakteur dieses Landesorgans ganz naturgemäß allmählich alle Funktionen eines Parteisekretärs auszuüben haben würde. Wir werden uns mit diesen Vorschlägen in nächster Nr. eingehender be⸗ schäftigen. Doch auch wir halten einen Partei⸗ sekretär für notwendig, derselben Ansicht war auch die letzte Gießener Wahlvereinsversamm⸗ lung. Hoffentlich gelingt auch die Umgestaltung derMitteld. S.⸗Ztg. zum Landesorgan.

Im Wahlverein beschäftigte man sich in der letzten, am 2. Juli stattgefundenen Versammlung mit der Landeskonferenz. Nach kurzer Besprechung einiger Tagesordnungspunkte derselben wurde beschlossen, einen Delegierten zu entsenden und als solcher Georg Beckmann gewählt. Ferner soll Gen. Vetters als Vertreter der Zeitung an der Konferenz teilnehmen. Zur nächsten Versammlung, welche diesen Samstag stattfindet, steht außer dem Berichte des Vorstandes und der Vorstandswahl der Bericht über die Tätigkeit unserer Genossen in der Stadtvertretung auf der Tages⸗ ordnung und außerdem ein Referat über die hess. Wahl⸗ reform. Die Parteigenossen werden deshalb ersucht, recht zahlreich und pünktlich zu erscheinen, damit die reichhaltige Tagesordnung ordnungsmäß erledigt werden kann. Im übrigen verweisen wir auf das Inserat.

Dummdreiste Turnerlieder. So bezeichnete das Gießener Amtsblatt neulich den Inhalt des Liederbuches des Freien Turner⸗ bundes. Es war das eigentlich recht unvor⸗ sichtig vom Anzeiger, denn es gibt immerhin

noch einige hochangesehene Staatsstützen, welche in ihrer Jugendzeit solchedummdreiste Lieder

verfaßten und damit ihren edelsten Empfindungen

und höchsten Idealen Ausdruck gaben. Nach

ihrer damaligen Meinung wenigstens. Aller⸗

dings sind die wenigsten ihren Idealen treu

geblieben. Die meisten fanden, daß es für ihr

persönliches Fortkommen weit besser

ist, wenn ste ihre volkstümliche und womöglich

republikanische Gesinnung mit der preußisch⸗

patriotisch⸗nationalliberalen vertauschten. Den

meisten fiel das auch gar nicht schwer. Ihre

Sucht nach Reichtum, ihre Begehrlichkeit und

Genußsucht war eben stärker als ihre freiheit⸗

lichen Ideale.Es muß jeder sehen, daß er

sein Huhn in den Topf bekommt antwortete

einmal der rote Becker, Oberbürgermeister von

Köln, als man ihn an seine revolutionär⸗kom⸗

munistische Vergangenheit erinnerte. So auch

der Vorsitzende derDeutschen Turnerschaft,

Dr. Ferdinand Götz in Leipzig⸗Lindenau.

Dieser wackere Patriot war von 1887-1890

nationalliberaler Reichstagsabgeordneter für den

Wahlkreis Leipzig⸗ Land. Im Jahre 1890 räumte allerdings der Wahlkreis mit den bür⸗

gerlichen Vertretern endgültig auf;Deppchen⸗

Götz so nannte man ihn wegen seiner Vor⸗

liebe für volle Biergläser war der letzte. Man

hatte genug von der Sorte, Götz hatte sich und

den Wahlkreis im Reichstage wiederholt schwer blamiert. Der Gesinnungswechsel hatte den

Mann in jeder Beziehung verdorben, denselben Mann, der früherHand in Hand mit der schwieligen Faust des Armen einer besseren Zukunft entgegengehen wollte und der im Jahre 1867 folgende kräftige Verse niederschrieb: Es starret die Welt voll Soldaten,

Selbst Sachsen hat neue gekriegt,

Sie mögen von hinten nur laden.

Den Fortschritt erschießen sie nicht.

Sie werden der Freiheit nicht Meister,

Trotz allen Kasernen so groß,

Das ewige Ringen der Geister,

Geht flott auf die Zukunft doch los.

Der Krieg hat im Lande gewütet,

Manch' prächtige Frucht brach er ab,

Manch' Sohn, den die Mutter behütet,

Sank früher als nötig ins Grob.

Macht's anders und werdet gescheiter Und gebt euch zum Krieg nicht mehr her, Denn fehlen den Fürsten die Streiter,

So streiten die Fürsten nicht mehr.

Solcher Beispiele könnten wir, wenn wir Raum genug hätten, noch recht zahlreiche an⸗ führen. Wenn auch verschiedene Verfasser der Dichtungen aus der guten Zeit des bürgerlichen Liberalismus, wie Heinrich Heine sagt, Lumpen geworden sind, ihre Verse werden in der deutschen Bevölkerung fast allgemein gebilligt und wenn sie der Anzeiger hundertmal alsdummdreist bezeichnet.

Den Achtuhr-Ladenschluß haben die Gießener Geschäftsleute bei der dieser Tage vorgenommenen Abstimmung wiederum abge⸗ lehnt. Wie uns mitgeteilt wurde, verhalten sich besonders die kleinen Geschäftsleute, welche kein Personal beschäftigen, ablehnend. Daß diese Leute diesen verkehrten Standpunkt ein⸗ nehmen, ist chst bedauerlich; die Furcht vor geschäftlichen Nachteilen ist jedenfalls durchaus unbegründet.

Wegen Wechselfälschungen in der Höhe von ca. 4000 Mark sollte der Kaufmann Bender, in Firma Kohlermanns Nachfolger in der Neustadt verhaftet werden. Er ist jedoch seit Ende voriger Woche verschwunden. In einem an seine Angehörigen gerichteten Brief äutzerte er die Absicht, sich das Leben zu nehmen. Ueber sein Vermögen wurde Konkurs verhängt.

Die Freie Turnerschaft nimmt an dem diesen Sonntag und Montag in Offen⸗ bach stattfinden Bezirksturnfeste teil. Abfahrt am Sonntag früh 4.30 Uhr ab Gießen. Bei dem Krofdorfer Feste am Sonntage nahmen ünsere Freien Turner zum ersten Mal mit ihrer neuen Standarte, die sie sich kürzlich zulegten, am Festzuge teil. Gegenwärtig verfügt der Verein über eine stattliche Mitgliederzahl und kann sich auch bezüglich seiner Leistungen sehr

Aus dem Rreise gießen.

Ein Großfeuer brach am Donners⸗ tag früh gegen 4 Uhr in Wieseck, im Wohn⸗ hause des Martin Dörr aus, welches in kurzer Zeit drei Wohnhäuser nebst den dazu gehörigen Scheuern und Stallungen ergriff und in Asche legte. Die Kinder der Familie Dörr, die in dem oberen Zimmer des brennen⸗ den Hauses schliefen, wurden glücklicherweise noch gerettet. Zur Löscharbeit waren auch die Feuerwehren von Altenbuseck, Rödgen und Trohe sowie auch die Gießener erschienen. Die Besitzer der andern beiden Anwesen sind Ph. Döringer Wtwe. und Rau Wtwe. Der an⸗ gerichtete Schaden wird uns auf 21 24000 Mk. angegeben; doch waren die Betroffenen alle versichert. An dem Vorfall zeigt sich wieder, daß es eine Hauptaufgabe der Gemeinde mit sein muß, möglichst gute Vorkehrungen gegen Feuersgefahr zu treffen.

8 Parte versammlung in Trohe. Diesen Sonntag, 17. Juli findet nachmittags 4 Uhr eine Versammlung der Genossen aus Al tenbuseck, Rödgen, Trohe u. Wieseck im Lokale Ph. Seipp in Trohe statt, in der über die Landeskonferenz und deren Beschickung durch einen gemeinsamen Delegierten verhandelt werden soll. Es wird um zahlreiches Er⸗ scheinen ersucht.

p. Versammlung in Lollar. Diesen Sonntag, 17. Juli, nachmittags findet im Gasthaus zur Linde eine öffentliche Versammlung statt, in welcher Redakteur Vetters⸗ Gießen über die hessische Wahlreform und die Erwerbung der hessischen Staatsangehörigkeit sprechen wird. Die Parteigenossen wollen sich dazu recht zahl⸗ reich einfinden.

ck. Der Volksverein in Staufen⸗ berg hat neben offenen und heimlichen Gegnern auchstille Gönner. Ein solcher übermittelte dem Verein kürzlich eine pekunjäre Zuwendung ohne dabei seinen Namen zu nennen. Dem unbekannten Geber auf diesem Wege den besten Dank.(Wir wünschen den Genossen, daß sie noch öfter derartige Quittungen zu veröffent⸗ lichen in der Lage sind. D. Red.)

aus dem Nreise Jriedberg⸗Büdingen

V. Die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Friedberg-Büdingen tagte am Sonntag in Vilbel. Nach dem von Genosse Kühn erstatteten Vorstands⸗ und Kassenbericht machte die Organisation im letzten Jahre, trotzdem dasselbe politisch ruhiger war, gute Fortschritte. Die Mitgliederzahl stieg von 645 auf 751. In Bü⸗ dingen ist die Mitgliederzahl durch die Abreise vieler Glasarbeiter etwas gesunken. Im Allgemeinen ist die Bewegung in den einzelnen Orten eine sehr rege, in vielen ist Aussicht vorhanden, daß Filialen des Wahl⸗ vereins gegründet werden können. Bei den Maifeiern wird die Beteiligung mit jedem Jahre stärker. Die Gesamteinnahmen betrugen 2352.32 Mk. die Ausgaben 2127.30 Mk. Unter letzteren befinden sich 300 Mk., die an bas Landes⸗Komitee abgeführt wurden, ferner 1000 Mk. Prozeßkosten, für die in Folge der Burg⸗ gräfenroder nationalliberalen Wahlkrawalls entstandenen Prozesse. Nach reger Diskussion über den Bericht wird der Vorstand einstimmig entlastet.

Zu dem folgenden Punkte,Kommunalwahlen referierte Gen. Stadtverordneter Busold. Redner er⸗ läutert zunächst die bei den Gemeindewahlen in Betracht kommenden Bestimmungen. Irrig sei es, anzunehmen, daß sich unter den Hochbesteuerten nur reiche Leute be⸗ finden. Auch in den Orten mit starker Arbeiterbevölke⸗ rung können Arbeiter sehr oft in die Listen der Hoch⸗ besteuerten ihre Eintragung bewirken. Vor allen Dingen sind auch die in die Wählerlisten einzutragen, die nur eine vorübergehende Armenunterstützung, z. B. Schul⸗ bücher, bezogen haben. Das ist im Geset ausdrücklich bestimmt. Auch sollten die Genossen stets von dem Wahlprotokoll, welches öffentlich ausgelegt werden muß, Einsicht nehmen, um eventuell Protest gegen die Wahl einlegen zu können. Unter den jetzigen Bestimmungen sei im Allgemeinen von der Beteiligung an der Bürger⸗ meisterwahl Abstand zu nehmen. Es müßten denn Ortschaften sein, wo die Bürgerschaft durch und durch sozialistisch gesinnt sei, was in einigen Orten schon der Fall ist. Da müßte die Regierung auch einen Sozial⸗ demokraten als Bürgermeister anerkennen, wenn sie nicht gerade den dümmsten zum Gemeindeoberhaupt ernennen wolle. Die Beteiligung an den Gemeinderatswahlen ist unter allen Umständen zu empfehlen, schon um der Kritik willen, die unsere Genossen in der Gemeindever⸗ tretung üben können. Die aufgestellten Kandidaten müssen vollständig auf dem Boden des Parteiprogramms

wohl sehen lassen.

stehen. Nur zu oft verfolgten Andersdenkende ihre per⸗

5 e JJ ͤ Ä

7757

Fr. ĩͤ