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Nr. 29.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
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dessen Veranlassung gegen den Angeklagten, Gemeinderatsmitglied Walter III. aus Würz⸗ berg Verfolgung eingeleitet wurde, einen reckt unerfreulichen Ausgang nahm. Dieser sollte dem Bürgermeister u. a. nachgeredet haben, er habe sich grobe Unregelmäßigkeiten in seiner Eigenschaft als Gemeindewiegemeister zu schulden kommen lassen, er habe ferner bei den Ein⸗ wohnern in Würzberg eine verleumderische Schrift zwecks Unterschrift herumgehen lassen und diese dann an das Kreisamt Erbach ge⸗ schickt, und er habe schließlich bei der letzten Reichstagswahl die Wahl gefälscht. — Wegen dieser Beschuldigungen erhob die Staatsanwaltschaft auf Antrag der vorgesetzten Behörde des Bürgermeisters öffentliche Anklage. — Bei der Verhandlung machte nun der Poli⸗ zeidiener Löw folgende für den Bürgermeister niederschmetternde Bekundungen:
„Bei der letzten Reichstagswahl habe der Bürgermeister Weyrauch, während er als Wahlvorsteher fungierte, nach⸗ dem ein gewisser Heinrich Trumpfheller 2. gewählt und das Wahllokal verlassen hatte, die Wahlurne bezw. den als Wahlurne dienenden Kasten geöffnet, das Wahl⸗ kouvert mit dem Stimmzettel des genannten Trumpf⸗ heller herausgenommen und, nachdem er gesehen habe, daß der Wahlzettel auf den sozialdemokratischen Kandidaten Rau lautete, diesen Wahlzettel mit einem auf den Namen des nationalliberalen Kandidaten Haas lautenden Wahlzettel ver⸗ tauscht. Das Wahlkouvert mit dem Wahlzettel Haas habe der Bürgermeister sodann wieder in die Wahlurne eingelegt, während der auf den Namen Rau lautende Wahlzettel auf Geheiß des Bürgermeisters verbrannt worden sei.—
Auch noch andere, für den Bürgermeister höchst unliebsame Dinge förderte die umfang⸗ reiche Zeugenvernehmung zu tage, während der Bürgermeister, auf die Frage des Richters, ob er sich eine Wahlfälschung habe zu schulden kommen lassen, bezeichnenderweise das Zeugnis verweigerte.— Trotzdem beantragte die Staatsanwaltschaft, indem sie allerdings die Anklage wegen der Nachrede der Wahlfälschung fallen ließ, eine Gefängnisstrafe von 1 Monat gegen den Angeklagten. Der Verteidiger hin⸗ gegen verlangte Freisprechung, indem er in der denkbar schärfsten Weise mit dem Gebahren des Weyrauch speziell dessen Wahlfälschung ins Gericht ging.— Das Gericht nahm an, daß hinsichtlich der Vorwürfe der Wahlfälschung und der unlauteren Manipulationen an der Gemeindewaage Freisprechung einzutreten habe, daß aber im übrigen der Beweis der Wahr⸗ heit nicht vollständig habe erbracht werden können und verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 40 Mark. In dem Urteile wurde ausdrücklich ausgesprochen, daß die Ver⸗ handlung sehr Bedenkliches für den früheren Bürgermeister zutage gefördert habe und daß sein Verhalten als Wahlvorsteher auch den Schluß zulasse, daß andere ihm gemachte Vor⸗ würfe, wenn auch nicht völlig nachweisbar, immerhin nicht unbegründet erschienen.
Das gerichtliche Nachspiel, welches die frag⸗ liche Verhandlung zweifellos für den früheren Bürgermeister Weyrauch haben wird, wird wohl auch Aufschluß darüber bringen, wie es möglich war, daß der Wahlvorsteher trotz Anwesenheit der Wahlvorstandsbeisitzer diese dreiste Wahl⸗ fälschung vornehmen konnte. g
Ein anderes Ortsoberhaupt, der Gemeinde⸗ vorsteher Steszun aus Stallupönen erhielt kürzlich dret Wochen Gefängnis ebenfalls wegen Wahlfälschung, die er bet der Gemeinde⸗ wahl dadurch begangen hatte, daß er die Namen von den Wählzetteln falsch ablas.
Ueber die badische Wahlreform, deren Aussichten recht ane geworden waren, schreibt die Mannheimer„Volksstimme“, daß in dieser Sesston schließlich doch noch etwas zustande kommen könne.„Die Ur⸗ sache dieser Situationsänderung liegt in der Er⸗ klärung des Zentrums, nunmehr die hinstchtlich der Budgetrechte vom Herrenhaus gestellten Forderungen zu akzeptieren und damit dem letzte⸗ ren einen wenn auch nicht entscheidenden, so doch gegenüber dem jetzigen Zustand wesentlich er⸗ weiterten Einfluß namentlich auf die Gestaltung des Budgets einzuräumen. Die Zweite Kammer
tommen des Reformwerkes zu ermöogrichen, zu schwerwiegenden Konzessionen bereit ist; ste hat damit die Herrenhäusler in einer Weise ver⸗ pflichtet, die ihnen jedes moralische Recht nimmt, nun ihrerseits hartnäckig auf der Herauspressung einseitiger Vorteile zu bestehen.“— Wenn die Herrenhäusler nun trotzdem die Reform ver⸗ hindern, so würde man jedenfalls auch in Baden, wie es in Württemberg geschehen, die Frage der Beseitigung der Ersten Kammer auf die Tagesordnung setzen.
In Bayern, wo die Liberalen die Einführung des direkten Wahlrechts verhinderten, indem ste das neue Wahlgesetz ablehnten, kam die Wahlrechtsfrage in den letzten Tagen erneut zur Erörterung in der Kammer. Die Libralen brachten einen Antrag ein auf Einführung des direkten Wahlrechts unter Zugrundlegung de⸗ Proportionalsystems. Ob auf diesem Wege eine Wahlreform zu Stande kommt, ist mehr als fraglich.
Prozeß für den Zarismus.
Am Dienstag hat der sogenannte Geheim⸗ bundsprozeß gegen 9 Angeklagte in Königs⸗ berg begonnen. Noch vor einigen Monaten hätte es wohl selbst der polizeifrommste deutsche Spießer für unmöglich erklärt, daß ein Deutscher auf deutschem Boden vor den Richter gestellt werden könnte, weil er bei der Einführung von Schriften nach Rußland geholfen haben soll, die in Rußland verboten sind, denen aber mit dem deutschen Strafgesetze nicht beizukommen ist. Daß dieser Prozeß aber eingeleitet wurde, zeigt, wie weit wir es in Deutschland im Wett⸗ kriechen vor der russischen Knute gebracht haben. Und bei dem herrschenden Russenkurs muß man sogar mit der Möglichkeit einer Verurteilung rechnen.— Die Angeklagten erklärten sich sämtlich bei der Vernehmung für unschuldig. Verteidiger sind die Rechtsanwälte Liebknecht, Haase, Heinemann, Schwarz.
Menscheuschinderei in Rußland.
Fürchterliche Mißhandlungen verübten die Büttel des Zaren an den politischen Gefangenen in Kalisch(Russ.⸗Polen). Unter irgend einem nichtigen Vorwande drangen besoffene Polizisten und Soldaten in die Zellen der Gefangenen (unter denen sich auch viele Sozialdemokraten befinden) ein und richteten ein wahres Blutbad an. Die Leute haben gebrochene Rippen, Beine, Arme, herausgeschlagene Augen; einige liegen von den Bajonetten durchbohrt da. 70 Personen sind im Lazareth. Ein Soldat faßte einen ge⸗ bundenen Gefangenen und brach ihm den Arm am Knie ab, wie ein Stück Holz. Jeder Ge⸗ fangene wurde von 8 bis 10 Soldaten geschlagen. Manche Genossen haben so zersäbelte und zer⸗ schlagene Gesichter, daß man sie nicht wiederer⸗ kennen kann. Die Gefangenen wurden mit Füßen gelreten, es wurde auf sie gespuckt, mit gebundenen Händen und Füßen wurden sie an Stangen gehängt, worauf ihnen mit im voraus vorbereiteten Knütteln die Arme gebrochen wurden. Im Lazareth wurden die Gefangenen in derselben Weise vom Gefängnisvorsteher be⸗ handelt. Die Gefangenen haben diese Scheußlich⸗ keiten mit einem Hungerstreik beantwortet.— Jeder Kulturmensch kann nur dem Zarentum und seinen hohen und niederen Schergen von Herzen den Untergang wünschen.
Gegen das französische Ministerium und besonders gegen den Ministerpräsidenten Combes wurden vor einiger Zeit von Seiten der Klerikalen, Antisemiten und sonstigen Reak⸗ tionären schwere Anschuldigungen erhoben. Be⸗ sonders wurde ihm vorgeworfen, von den Kart⸗ häuser⸗Mönchen ein Millionen⸗Geschenk verlangt oder gar angenommen zu haben und als Gegen⸗ leistung dafür habe er jenem Mönchs⸗Orden die „Autorisation“— die Anerkennung als gesetzlich berechtigte Korporation— in Aussicht gestellt. Man warf dem Ministerprästdenten also kurz gesagt Bestechlichkeit vor. Natürlich beab⸗ sichtigten die Angreifer damit den Sturz des Ministeriums, das außer den Pfaffen auch noch andern Leuten schon viel zu lange am Ruder ist. Der ehemalige Sozialist Millerand,
hat damit bewiesen, daß sie, um das Zustande⸗
früherer Handelsminister, beteiligte sich ebenfalls
man der schofeln Hetze und hat dadurch sein Renomms vollends eingebüßt. Es wurde eine parlamentarische Untersuchungskommission ein⸗ gesetzt, die, trotzdem sie in der Mehrheit aus Gegnern Combes bestand, absolut nichts gegen ihn finden konnte. Am Dienstag erstattete die Kommission Bericht und schlug trotz des jämmer⸗ lichen Ergebnisses eine den Ministerpräsidenten tadelnde Resolution vor. Die Kammer beschloß jedoch mit großer Mehrheit eine von Jaureés, Sarrien ꝛc. beantragte Tagesordnung, in der erklärt wird, datz die Ehre Combes und der Regierung über jeden Verdacht erhaben ist und die den anonymen Verteumder brandmarkt. — So ist dieser pfäffische mit großem Lärm begonnene Angriff auf das Ministerium zur Freude aller ehrlichen Republikaner schmählich verunglückt.
Russisch⸗japanischer Krieg.
Die Russen weichen einer entscheidenden Schlacht möglichst aus. Wie es heißt, verfüge Kuropatkin noch nicht über genügend Truppen, um zum Angriff vorzugehen. Es sei daher bestimmt, daß die russischen Truppen sich solang zurückziehen würden, wie die Ueber macht des Feindes dies notwendig erscheinen lasse. — Am 9. Juli erstürmten die Japaner Kaiping und nahmen es nach verzweifeltem Widerstand der Russen. General Oken gelang es, die Russen zum Rückzug auf Haitscheng zu zwingen.
Nach einer russischen Meldung hätten bei den Kämpfen vor Port Arthur die Japaner 30000 Mann verloren. Das ist jeden⸗ falls wieder ein russischer Schwindel.
Vor Port Arthur. Nach einer Meldung aus Tschifu vom 10. Juli hätten Flüchtlinge aus Port Arthur berichtet, daß die Ostdiviston der Japaner mit Unterstützung der Flotte ohne Unterlaß im Kampf begriffen ist, um eine die Stadt und das Hafenba ssin beherrschende Stellung zu gewinnen. Die japanische Flotte schösse ohne Unterbrechung von Morgen bis Abend. Tote und Verwundete kämen alle Augenblicke an; Privathäuser seien zu Feldlazaretten eingerichtet. Dem Berichte eines Russen zufolge hätten die Japaner in der Nacht vom 6. auf 7. Juli die Spitze des Berges Takushan besetzt und eine Batterie dort errichtet. Die Russen behaupten, die Japaner hätten mindestens 10 Torpedoboote bei den Versuchen, an die auf Vor⸗ posten liegenden russischen Schiffe heranzukommen, ver⸗ loren.— Nach späteren Nachrichten haben die Japaner Einngtow, den Schlüssel zur Festung Port Ar⸗ thur, erstürmt. Die Russen zerstörten den Retwisan und ein anderes Schlachtschiff. Danach muß die Lage der Russen in Port Arthur eine ganz verzweifelte sein.— Das russische Geschwader lief am Samstag aus dem Hafen von Port Arthur aus und wurde von der japa— nischen Torpedobootsflotille angegriffen. Es zog sich am Nachmittag in den Hafen zurück.
Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.
Zu der angedrohten Bauarbeiter⸗ Aussperrung in Mitteldeutschland haben die beteiligten Arbe iter in allen in Betracht kom⸗ menden Orten Stellung genommen. Alle Ver⸗ sammlungen waren sehr stark besucht und die vorgelegten Bedingungen des Mitteldeutschen Arbeitgeberverbandes, welche für die Arbeiter unannehmbar sind und sie auf Jahre hinaus fesseln, wurden überall einmütig abgelehnt. Das Gleiche tat auch eine Versammlung der christlichen Bauarbeiter, die vorige Woche in der„Goldenen Zange“ in Frankfurt statt⸗ fand. Ueber den Ausgang der Versammlungen ist an den Zeutralvorstand der Maurer Bericht erstattet worden, der dem Mittel deutschen Arbeit⸗ geberverband für das Baugewerbe dieses Resultat zugestellt hat. Der Arbeltgeberverband fordert infolgedessen seine Mitglieder auf, den organi⸗ sierten Maurern und Zimmerern von Mittel⸗ deutschland auf den 18. Juli zu kündigen. Die Herren wollen also den Arbeitern ohne vor⸗ herige Unterhandlung einen Arbeitsvertrag auf⸗ diktieren. Kommt es zum Kampf, so werden besonders die kleinen Unternehmer, welche eine längere Arbeitseinstellung nicht aushalten können,
die aber unter dem unerhörtesten Terrorismus
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