Ausgabe 
17.4.1904
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung.

Nr. 16.

Martin Luther, es waren die deutschen Bauern von 1525, die ihn in der Wirklichkeit herbeiführten.

Weit über 1000 Klöster und Schlösser lagen in Asche. Mönche und Nonnen wanderten obdachlos umher, bettelten von Tür zu Tür und verkamen im Lumpenproletartat, soweit sie nicht gelernt hatten, sich mit einer bürger⸗ lichen Hantierung durchzubringen. Da die Dörfer der Bauern von dem siegenden Herrentum nie⸗ dergebrannt, die Bauern selbst im Kriege er⸗ schlagen oder durch den Nachtrichter gehenkt und geköpft worden waren, mangelte es an Arbeitskräften. Der fette Ackerboden, die Wein⸗ berge, die Wiesen lagen brach, und die Fürsten hatten ihre stille Freude an der Hilflosigkeit des geistlichen Herrentums. Der Bauernkrieg hatte die Säkularisation des Kirchen⸗ gutes populär gemacht. Was vor dem Bauern⸗ krieg aur Absicht gewesen war, das ward jetzt mit der Tat vollführt. Die Fürsten zogen die Kirchen⸗ und Klosterländereien ein und ver⸗ größerten damit ihre Territorien. So machte der Landgraf Philipp von Hessen nach der Niederwerfung des Bauernaufstandes im Stifte Fulda den Abt, der zuvor sein Lehnsherr ge⸗ wesen war, zu seinem Dienstmann, und andere Fürsten verfuhren ebenso. Die Säkularisation der geistlichen Güter dauerte von nun ab un⸗ unterbrochen an. Die Städte taten es dabei den Fürsten gleich. Wo in den Städten privi⸗ legierte Kirchenherren saßen, da zwangen die Stadtverwaltungen sie, auf ihre Privilegien um eine geringe oder auch gänzlich ohne Ab⸗ findung zu verzichten. Die Klostergüter wurden

städtisch, die Klosterhöfe, die bereits inmitten

der Städte lagen, verschwanden. Man riß die Mauern nieder und die Höfe wurden zu Markt- plätzen. Mit dem Besitz verschwand die alte Macht des Klerus. Die feisten Bettelmönche mußten sich ducken und genügsam sein, damit man sie in der Stadt fürderhin duldete. Mit dem alten klerikalen Regiment über die Stadt hatte es ein gründliches Ende.

Den kleinen Adel riß die Kirche in ihren Zusammenbruch mit hinein. Durch das ganze Mittelalter hindurch war er abhängig von ihr gewesen und mit dem Klerus verschwistert und verschwägert. Als die Kirchenherrschaft stürzte, stürzte auch die Adelsherrschaft; neben dem rauchenden Trümmerhaufen des Klosters sah man auch das feste Adelsschloß zerschossen und verbrannt daliegen. Seine Burgen und Schlösser wieder aufzubauen, hatte der Adel keine Mittel. Wohl waren die Bauern mit schweren Brand⸗ schatzungsgeldern belegt worden, doch waren sie viel zu arm und ausgesogen, um den auf⸗ erlegten Pflichten nachkommen zu können. Die Kriegsentschädigung der adligen Herren stand 5 00 nur auf dem Papier, in Wirklichkeit Bag ie nicht ein. Wo aber die Gelder der

auern erpreßt werden konnten, wußten die Herren besseres zu tun, als Schlösser zu restau rieren. Denn alle Raubburgen nutzten ihnen nichts mehr, da die Fürsten ihnen die alten Raub⸗ und Beuterechte genommen hatten.

Sich wie ehedem in den Schoß der Kirche zu flüchten, schien dem Adel zwecklos. Das hatte nur Wert gehabt, als die Kirche den Adelssöhnen und Töchtern noch in Stiften und geistlichen Herrensitzen gute Existenzen und Herrenxechte in geistlichem Gewande zu bieten vermochte. Die Zeit schien für immer vorbei. Da sah sich denn der Adel nach einem andern Unterschlupf um und fand ihn bei den Fürsten. Die Heere der Fürsten hatten den Adel vor der Bauernrevolution gerettet, jetzt begab sich der Adel in fürstliche Dienstbarkeit und fand eine neue Existenz.

Wie der Adel, so auch die Städte. Auch sie hatten die Hilfe der Fürstenheere nötig gehabt und sie mußten die Hilfe mit dem Verlust ihrer Selbständigkeit bezahlen. Die Furcht der städti⸗ schen besitzenden Klasse vor einer neuen Erheb⸗ ung des Proletariats trug dazu bei, die Städte an die Seite der Fürsten zu drängen. So wurden denn die Reichsstädte den fürstlichen Territorien einverleibt oder kamen doch wenigstens in eine moralische Abhängigkeit von der fürst⸗ lichen Macht.

Aus der Tragödie von 1525, aus der loka⸗ len Zersplitternng und Verwirrung ging sieg⸗ reich hervor die wirtschaftliche und politische Machtzentralisation. Der in der Entwicklung begriffene Kapitalismus und das Fürstentum, sie standen triumphierend über der nieberge⸗ zwungenen Kirchenherrschaft auf der Scheide zwischen Mittelalter und Neuzeit.Die kapi⸗ talistische Aera, sagt Karl Marx,dattert erst vom 16. Jahrhundert. Von den beengenden Schranken der mittelalterlichen Kirchenherrschaft frei, entfaltete das Großkapital seine volksaus⸗ beutende Tätigkeit. DerFürkauf, die Mono⸗ polienwirtschaft, die Macht der großen Handels⸗ häuser und Handelsgesellschaften stieg. Die Preise aller Produkte wurden durch den kauf⸗ männischen Handel in die Höhe getrieben. Die Ausbeutung blieb und stieg, an Stelle der mittelalterlichen Kleriker stand der Kaufmann und Kapitalist.

Ihre

Ungeheuer gewannen die Fürsten. schwächeren Konkurrenten in der politischen Macht lagen am Boden, ste selbst nahmen jetzt die Zügel aller Macht straff in die Hand. Sie zogen auch die Hauptbeute aus dem Bauern⸗ kriege, nicht bloß durch die Säkularisation des Kirchengutes, die Annexion der Reichsstädte, sondern auch durch die ungeheueren Summen, welche die Brandschatzungsgelder von Städten und Bauernschaften in die fiskalischen Kassen brachten. Sie hatten überdies durch die Be⸗ seitigung der vielen Privilegien der Städte freiere Hand zu Steuer- und anderer Schatzung der Massen, wodurch sich wiederum ihre Macht und ihr Ansehen erhöhte.

Diese Machtstetgerung bewirkte, daß bald alle Welt den fürstlichen Interessen zu dienen beganu. Luther, der wittenbergische Reformator, der solches schon vor dem Bauernkriege getan, tat es nun erst recht und in einer harten bru⸗ talen Form, welche die Vertreter der alten Kirchenmacht zu heftigem, berechtigtem Wider⸗ spruch herausforderte. Deutlich offenbarte sich jetzt die reaktionäre Natur Luthers. Fortge⸗ setzt war er tätig, der politischen und sozialen Knechtung des Volkes das Wort zu reden. Die Schrift nennt die Oberkeit, schrieb Luther

im Jahre 1526,Stockmeister, Treiber und

Anhalter durch ein Gleichnis. Wie die Esels⸗ treiber, welchen man allezeit muß auf dem Halse liegen, und mit der Ruten treiben, denn sie gehen sonst nicht fort: also muß die Ober⸗ leit den Pöbel, Herrn Omnes, treiben, schlagen, würgen, henken, brennen, köpfen und rade⸗ brechen, daß man sie fürchte und das Volk also im Zaume gehalten werde. Denn Gott will nicht, daß man dem Volke das Gesetz allein fürhalte, sondern daß man auch das⸗ selbige treibe, handhabe und mit der Faust ins Werk zwinge. Die Obrigkeit müsseden rauhen ungezogenen Herrn Omnes zwingen und trei⸗ ben, wte man die Schweine und wil⸗ Ded Fei trait und zwingen. (Sämtl. Werke XV.)

Mit denselben brutalen Worten redete Luther für die Leibeigenschaften der Dienst⸗ boten, die in jener rohen Zeit unter Faust und Prügel standen.Niemand könne, so sagt Luther in seinen 1527 erschienenen Pre- digten,das Volk anders im Zaum halten denn mit dem Zwang äußerlichen Regiments. Wäre aber die Faust und Zwang da, daß nie⸗ mand mucken dürfe, er hätte die Faust auf dem Kopf: so ginge es besser, sonst sind es kein nutz.... Ein Knecht galt dazumal einen Gulden oder achte, eine Magd einen Gulden oder sechse, und mußte tun, was die Frau mit ihr macht. Und sollt die Welt lang stehen, könnt man's nicht wohl wieder halten im Schwang, man müßt es wieder aufrichten. Er berief sich auf das erste Buch Mosis, auf Abimelech, der Abraham und Sarah mit Scha⸗ fen und Rindern zugleich auch Knechte und Mägde gegeben hatte.Das hat er ihr geben über die Schaf, Rinder, Vieh, daß sie ste verkauften, wie sie wollten: wie noch schier das beste wäre, daß es noch wäre, kann doch sonst das Gesind Niemand zwingen noch zähmen.(Ebenda XXXIII.) 1529 behauptete er gar, daß die Bauern sich

in bessrer Lage als die Fürsten befänden.Ich bin sehr zornig auf die Bauern, die da selbst wollen regieren, und die solchen ihren Reichtum nicht erkennen, daß sie in Frieden sitzen durch der Fürsten Hülfe und Schutz. Ihr ohnmäch⸗ tigen groben Bauern und Esel, wollt ihr's nicht vernehmen? Daß euch der Donner er- schlage! Ihr habt das Beste, nämlich Nutz, Brauch, Saft aus den Weintrauben, und lasset den Fürsten die Hülsen und Körner. Das Mark habt ihr und sollet noch so undankbar sein und nicht beten für die Fürsten und ihnen nur Nichts geben wollen?(Ebenda XXXVI.)

Die lutherische Geschichtsschreibung sucht, wofern sie nicht diese Auslassungen einfach tot⸗ schweigt, den Anschein zu erwecken, als sei dies nur die ungefügige Sprache der Zeit. Ganz anders und milde aber hätten die Menschen ge⸗ handelt. Geschichtsklitterung! Denn auch in kon⸗ kreten Fällen hat Luther nach diesen mittelalter⸗ lichen Anschauungen gehandelt. Heinrich von Ein⸗ siedel bat Luther um Rat, als seine Bauern über die unerträglichen Fronen seufzten. Da riet ihm Luther, neue 1 70 55 solle er nicht auf⸗ legen, aber wegen der von den Eltern und Voreltern überkommenen Fronen brauche er sich kein Gewissen zu machen;es wäre nicht gut, daß man das Recht, die Fronen zu tun, ließ fallen und abgehen, denn der gemeine Mann müsse mit Bürden belastet sein, würde auch sonst zumutwillig. (Kapp, Nachlese ꝛc. zur Erläuterung der Re⸗ formatlonsgeschichte nützlicher Urkunden. Leip⸗ zig, 172733, I. 281.) Melanchthon ging noch weiter und riet dem Bauernbedrücker: Euer Ehrenvest soll keine Veränderung in den alten Frondiensten machen und soll das Ge⸗ wissen allzeit feststehen.... Und ist sehr schön geredet im Spruch Sirach 33, welchen auch Herr Georgius Spalatinus allegiert: wie dem Eselsein Futter, Last und Ruthe gehöret, also gehört dem Knecht sein Brot, Arbeit und Strafe. Es müssen solche äußerliche, leibliche Dienste sein, die können auch nicht an allen Orten gleich sein, und ist dennoch Gott solche Ordnung ge⸗ fällig.(Corpus reformatorum, VII. 432.)

Eine solche verächtliche, förmlich mit Fuß⸗ tritten redende Sprache wendeten Luther und Melanchthon gegenüber dem arbeitenden Volke an. Sie wurden die eigentlichenErfinder der Lehre von der unbedingten Unterwerfung unter die Obrigkeit.(Scherr.) Aber auch diese reaktionäre Sprache wurde nur geboren aus der Konstellation der politischen Macht nach dem Bauernkriege. Die alte Kirche lag am Boden, das Papsttum hatte keinen starken Arm mehr. An seiner Stelle stand das Fürstentum, alle Fäden der Macht in seinen Händen sammelnd. Diese Macht stieg von Tag zu Tag, ihr ge⸗ hörte die Zukunft. Und das Fürstentum, welches seine Richter, seine Gefängnistürme, seine Kriegs⸗ streitkräfte in der Nähe hatte, beobachtete seit dem Bauernkrieg die Witteberger Reforma⸗ toren mit bohrendem Mißtrauen. Unermüdlich waren die Federn der alten Klerisei tätig, Luthers radikalen Schriften vor dem Bauern⸗ krieg die Schuld am Jahre 1525 zuzuschreiben. So hofften sie der Fürsten Ohr und Arm zu

gewinnen, die alte Kirche vor gänzlichem Ver⸗ 1

fall zu retten. Alle Welt huldigte der glän⸗

zenden Fürstenmacht und suchte ihre Gunst zu

gewinnen. Sebasttan Franck, ob er auch ein

Gegner der alten Kirche war, schrieb dennoch: 1 Sunst im Papsttum ist man viel freier ge⸗ wesen, die Laster auch der Fürsten und Herren zu strafen, jetzt muß alles gehoffieret sein, oder es ist aufrührerisch, so zart ist die letzt Welt Inmitten des all. C2 gemeinen Wettlaufs um die fürstliche Gunst

worden. Gott erbarms!

dünkte es Luther und Melanchthon gefaͤhrlich,

zurückzubleiben! zuvor.

So taten ste es denn Allen Nachdem Luther gezögert hatte, seinen

Kampf gegen Papst und Klerus mit dem Volke

zu führen, mußte er ihn jetzt mit den Fürsten

führen. Nach dem für das Volk unglücklichen

Ausgang des Bauernkrieges konnte die Refor⸗ 0 mation nur im Schatten der Fürstenthrone stehen oder stie hörte überhaupt auf, zu sein.

Jedes Wort zugunsten der unterlegenen Volks⸗ 19

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