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Seite 4.
Mittel dentsche Sonntaatßs⸗ Zeitung.
Nr. 16
Gießener Angelegenheiten.
— Rüstet zur Maifeier! Dieser Ruf ergeht an alle Parteigenossen und Gewerkschafts⸗ mitglieder. Das Gewerkschaftskartell hat be⸗ schlossen, am 1. Mai, der in diesem Jahre be⸗ kanntlich auf einen Sonntag fällt, ein allge⸗ meines Waldfest abzuhalten. Ebenso ist ein Festzug durch die Stadt geplant. Trage jeder Arbeiter dazu bei, daß sich auch in Gießen das Maifest zu einer imposanten Kundgebung für die Ziele der Arbeiterbewegung gestalte!
— Eine gepfefferte Abfertigung appliziert die Frankfurter Kl. Presse unserm würdigen Amtsblatt, indem sie schreibt:
„Der„Gießener Anzeiger“ druckte unsere Nachricht über die Erkrankung der Kaiserin ab und nennt dabei die„Kleine Presse“ ein„bekanntlich recht unzu⸗ verlässiges Blatt“. Der„Gießener Anzeiger“ ist zwar sehr mittelmäßig und einfältig zu⸗ rechtgestoppelt, sein Urteil in journalistischen Dingen ist so völlig„Wurst“ wie das ganze Blatt. Insofern ist ihm nicht zu helfen, wenn er kein Verständnis für unsere kritische, achtsame Arbeitsweise hat. Aber man muß doch der förmlichen Erledigung halber feststellen, daß ein außergewöhnliches Maß von Geistes abwesen⸗ heit zu der plumpen Herausforderung gehört, mit der uns das Gießener Blatt anrempelt.“
Geschieht ihm recht.
— Ein Schwindel. Durch die bürger⸗ liche Presse machte kürzlich folgende Notiz die Runde, als ein Beispiel von fürchterlichem so⸗ zialdemokratischen„Terrorismus“ und selbst⸗ verständlich durfte auch das biedere Gießener Amtsblatt nicht unterlassen, sie seinen Lesern zu servieren. Es war da zu lesen:
„Die in Dresden verstorbene Gräfin Oriola war eine eifrige Sozialdemokratin, glaubte aber, ihrer Parteipflicht anfangs dadurch zu genügen, daß sie reichliche Parteibeiträge zeichnete und allen Versammlungen regelmäßig anwohnte. Den sozialdemokratisch organi⸗ sterten Frauen in Dresden genügte aber diese Hingabe an die Partei nicht. Sie sagten zu der Gräfin:„Wenn Du eine der unsrigen sein willst, dann hast Du auch Flugblätter auszutragen.“ Und die Gräfin fügte sich. Sonntag morgens um 6 Uhr, bei Winter⸗ kälte und vor Sonnenaufgang stellte ste stch im Volkshause ein, nahm bescheiden und von den meisten ungekannt, ihre Flugblätter in Empfang, um dann ihren Bezirk zu bear⸗ beiten.“
Diese Geschichte ist frei erfunden, richtiger erlogen. Wie unser Dresdener Parteiblatt nach Informationen an den maßgebenden Stellen feststellt, ist an die Gräfin ntemals das An⸗ tunen, Flugblätter auszutragen, gestellt wor⸗ den und zwar schon deshalb nicht, weil sie stets leidend war.— Für jeden Parteigenossen lag die Unwahrheit dieser Notiz auf der Hand. Wenn in Dresden ein Flugblatt verteilt wer⸗ den soll, stehen mehr Geuossen zu Verfügung, als gebraucht werden und es ist nicht nötig, eine schwächliche Frau zu bemühen, die dazu noch, wenn wir nicht irren, in einem Vorort wohnte. Aber was wäre sonst dabei? Wer aus Ueberzeugung zur Sozialdemokratie kommt, würde selbstverständlich mitarbeiten wo es not⸗ wendig ist, mag er nun Arbeiter, Graf, Groß⸗ herzog oder sonstwas gewesen setn.
— Gegen die Konsumvereine wütet das Gießener Amtsblatt bei jeder Gelegenheit. Dieser Tage brachte es wieder eine Notiz aus dem„Vorwärts“, wonach die Lagerhalter über die Arbeitsverhältnisse in Konsumvereinen ge⸗ klagt hätten. Wir wollen nun gewiß nicht behaupten, daß in dieser Beziehung alles zum Besten bestellt ist. Aber soviel steht fest, daß in solchen Konsumvereinen, wo unsere Partei⸗ genossen Einfluß haben, stets auf gute Arbeits⸗ verhältnisse gehalten und auf Besserung ge⸗ drungen wird. Warum wendet aber der An⸗ zeiger sein fürsorgliches Interesse nicht auch andern Arbeitern und nur den Lagerhaltern zu? Warum zieht er nicht einmal die Arbeitsverhältnisse der Bäckerge⸗ sellen, Zigarrenmacher, der Berg⸗ arbeiter hier und in der Umgegend ans Tageslicht? Ja, es muß eben den verhaßten Konsumvereinen eins ausgewischt werden. Das geschieht offenbar mehr in Rück⸗
sicht auf die Inserate der Geschaftsleute, weniger etwa in der Ueberzeugung von der Schädlichkeit der Genossenschaften.
— Eine Tabakarbeiterversammlung findet Sonntag, den 24. April im Lokale„Wiener Hof“ statt, in der die Arbeits⸗Verhältnisse in der Tabaksbranche besprochen werden sollen. Daß diese die denkbar ungünstigen sind, brauchen wir nicht weiter auszuführen. Zum guten Teil sind aber die Arbeiter und Arbeiterinnen selbst an diesen traurigen Zuständen und erbärmlichen Lohnver⸗ hältnissen schuld, weil die meisten es unterlassen, sich der Organisation anzuschließen und ihre Interessen wahrzunehmen. Es werden daher die Kollegen ersucht, in der Versammlung recht zahlreich zu erscheinen und in ihren Bekanntenkreisen für guten Besuch zu wirken.
— Von der Biebertalbahn. Das Betriebs⸗ material des Eisenbahnunternehmens, das im Volks⸗ munde die„Bieberlies'““ genannt wird, scheint sich nicht im besten Zustande zu befinden. Ein täglicher Fahrgast klagte uns, daß die Dächer mehrerer Wagen derartig defekt sind, daß es neulich bei dem starken Regen d urch⸗ regnete und die Insassen die Schirme aufspannen mußten. Trotzdem darüber bei dem Zugpersonal lebhaft Beschwerde geführt wurde, war mehrere Tage später
der Mangel noch nicht abgestellt und die Leute saßen
so gut wie im Freien. Daß man im Eisenbahnwagen wenigstens vor Regen geschützt ist, kann billiger Weise wohl verlangt werden und hoffentlich sieht das auch die Verwaltung ein. Als ein Unrecht muß es ferner bezeichnet werden, wenn Arbeiter, wie das vorgekommen ist, des Sonntags mit ihrer Wochenkarte zurückgewiesen wurden, obwohl sie den betr. Sonntag im Geschäfte ihres Arbeitgebers tätig sein mußten. Dieses Verfahren wird nicht einmal bei preußischen Staatsbahnen beliebt.
— Zu den Kontrollversammlungen haben aus der Stadt Gießen auf dem Hofe der alten Kaserne am Brand zu erscheinen: Montag, den 18. April, vorm. 8 Uhr, die Jahrgänge aller Waffen aus 1891, 1892, 1893, außer Ersatzreservisten. Die oben unter Nr. 1 Aufgeführten aller Jahrgänge(Offtztere 2c.). Montag, den 18., nachm. 2 Uhr, die Jahrglage aller Waffen aus 1894, 1895, außer Ersatzreservisten. Dienstag, den 19., vorm. 8 Uhr, die Jahrgänge aller Waffen aus 1896, 1897, außer Ersatzreservisten. Dienstag, den 19., nachm. 2 Uhr, die Jahrgänge aller Waffen aus 1898, 1899, außer Ersatzreservisten. Mittwoch, den 20., vorm. 8 Uhr, die Jahrgänge aller Waffen aus 1900, 1901. 1902, außer Ersatz⸗ reservisten. Mitt woch, den 20., nachm, 2 Uhr, die Jahrgänge aller Waffen von 1891 bis 1896, mur Ersatzreservisten. Mittwoch, den 20., nachm. 4 Uhr, die Jahrgänge aller Waffen von 1897 bis 1903, nur Ersatzreservisten.
In Lollar am Bahnhof: Donnerstag, den 21. April, vorm. 9 Uhr, die Kontrollpflichtigen der Orte: Allendorf a. d. Lda., Climbach, Daubringen, Heibertshausen, Lollar; nachm. 2½ Uhr: Mainzlar, Ruttershausen, Kirchberg, Friedelhausen, Staufenberg, Treis a. d. Lumda.
In Grünberg finden die Kontrollversammlungen am 23. April, in Lich am 23., in Hungen am 25. April für die dazu gehörigen Ortschaften statt.
Aus dem Rreise Friedberg⸗Büdingen.
— Der lieben Geistlichkeit liegt unser Land⸗ kalender schwer im Magen, daß beweist das Geschimpfe, mit dem ihn die schwarzen Herren überschütten. Es geht auch nicht ohne Einschüchterung der Gläubigen durch Mißbrauch von Kanzel und Beichtstuhl ab. So wird aus Obererlen bach der„Frkftr. Volksst.“ geschrieben: Am Tage nach der Verbreitung des„roten“ Hessischen Landboten befahl der Herr Pfarrer den Schulkindern, denselben zu verbrennen. Der Kalender wurde übrigens sehr gut aufgenommen, auch von guten Katholiken. Wenn der Herr Pfarrer glaubt, der hiesigen sozialdemokratischen Bewegung durch derartige Hetzereien Abbruch tun zu können, so ist er auf dem Holzwege. Die Stimmenzahl, die bei der vorjährigen Reichstagswahl auf unseren Kandidaten fiel, müßte ihn doch eines Anderen belehrt haben, aber—„wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit“. Die Folgen„ christlicher Seelsorgetätigkeit“ im Beichtstuhl und auf der Kanzel können nicht ausbleiben. Sie werden dieselben Früchte zeitigen, wie in Schlesien.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Den Erstickungstod erlitt in Hermann⸗ stein der Taglöhner Kegel aus Aßlar dadurch, daß ihm beim Frühstück ein Stück Solberfleisch in der Kehle stecken blieb. Der Verunglückte war ein alter Kriegs⸗ veteran, der die Feldzüge von 64, 66, und 70 mitge⸗ macht hatte. Er suchte sich durch Gelegenheitsarbeiten, Holzspalten, Grubenreinigen ꝛc. schlecht und recht durch⸗ zubringen. Nebenbei war er aber dem Alkohol nicht ab⸗ hold und dadurch etwas heruntergekommen. Dem allen Veteranen gab aber nicht ein einziger Kamerad des Aß⸗ larer Kriegervereins das letzte Geleite. Wir hörten bis⸗
her, daß in den Kriegervereinen gegen hoch und nieder gleiche Kameradschaft geübt würde.
h. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich am Mittwoch auf dem Bahnhofe in Braunfels. Als dort der Bahnschaffner Griebel aus Leun im Begriff stand, Güterwagen mit Zetteln zu bekleben, geriet er zwischen die Puffer und erlitt dabei so schwere Verletz⸗ ungen, daß er trotz sofortiger ärztlicher Hilfe nach wenigen Minuten eine Leiche war. Griebel hinterläßt Frau und ein Kind. Er erfreute sich allgemeiner Beliebtheit.
h. Leberwurst mit Mehlzusatz.„Für ungültig erklärte das Kammergericht eine Polizeiverordnung, welche für Leberwurst ge⸗ ringerer Qualität bis zu solcher, die 70 Pfg. das Pfund kostet, nach bestimmten Prozentsatzen Mehlzusatz gestattet. Das Kammergericht geht bavon aus, daß„Wurst“ nur aus Teilen tieri⸗ schen Körpers und Gewürzen bestehe. Jeden⸗ falls dürfe nicht durch Polizeiverordnung ein Mehlzusatz zur Wurst ausdrücklich gebilligt werden.“ Das können sich auch verschiedene Wetzlarer Metzger merken. Und selbstver⸗ ständlich ist die Verarbeitung kranken Viehes zu Wurst auch nicht erlaubt.
Aus dem Rreise Dillenburg⸗Herborn.
* Dr. Burckhardt, der Reichstagsab⸗ geordneter für Dillenburg⸗Herborn hatte be⸗ kanntlich das„Herborner Tageblatt“ verklagt, weil es ihm den Vorwurf gemacht hatte, während des Reichstagswahlkampfes wissentlich mit unwahren Behauptungen gegen seinen Gegner, den nationalliberalen Amtsrichter Hofmann operiert zu haben. In der Klagesache kam es in der zweiten Instanz zu einem Vergleich. Verschiedene unserer Parteiblätter hatten nun, gestützt auf das erstinstanzliche Gerichtser⸗ kenntnis, die Wahrheitsliebe des Stöckerfreundes tn die richtige Beleuchtung gerückt. Das ver⸗ droß Herrn Burckhardt und er schickte dem „Vorwärts eine Berichtigung, in der er bestritt, daß das Gericht ihm das Zeugnis der Un⸗ wahrhaftigkeit ausgestellt habe. Dem stellte der„Vorwärts“ einen Auszug aus der Urteils- begründung gegenüber, worin gesagt wird:
„In dem fraglichen Artikel ist dem gegnerischen Kindidaten(Herrn Burckhardt) der Vorwurf gemacht, daß er über die Stellung des nationalltberalen Kandi⸗ daten bezw. Abgeordneten, Amtsgerichts⸗Rats Hofmann. zur Frage der italienischen Arbeiter eine falsche Mei⸗ nung in den einheimischen Arbeitern erweckt und da⸗ durch einen geradezu fanatischen Haß derselben gegen Hofmann erregt habe. Er, Burckhardt, habe zunächst die betr. Rede des Abgeordneten Hofmann(gehalten im Reichstage aan 18. Januar 1902) überall bei seinen Agitationsreden und Parteiversammlungen so besprochen und interpretiert, als sei Hofmann für die italienischen Arbeiter wegen deren angeblich besseren Leistungen ein⸗ getreten, er habe damit den wahren Sinn jener Aeuße⸗ rungen gerade in ihr Gegenteil verkehrt, da sie besagen sollten, daß gerade für die deutschen Arbeiter in erster Linie gesorgt werden müßte und nicht für die auslän⸗ dischen, die vielmehr durch Verbilligung der Rückreise und andre Mittel, die Konkurrenz mit den einheimischen Arbeitern zu verhüten bezw. zu beseitigen. zum Abzug veranlaßt werden müßten; die in diesem Zusammenhang von Hofmann gesprochene Aeußerung, daß die Italiener wegen ihrer besonderen Tüchtigkeit zu Erdarbeiten viel⸗ fach bevorzugt würden, habe also gerade die Notwendig⸗ keit besonderen Schutzes gegen dieselben für die ein hei⸗ mischen Arbeiter betonen wollen. Statt dessen behaupte das von dem Privatkläger verfaßte„Christlich⸗Soziale Handbuch für Jedermann“:„Hofmann tritt für die italienischen Arbeiter ein, die unsre deutschen Arbeiter in ihrem Erwerb schädigen. Das mögen sich die Ar⸗ beiter merken,“ und als dem Privatkläger nun von gegnerischer, nationaler Seite, dies vorgehalten worden sei, habe er die von ihm verbreiteten unwahren Behaup⸗ tungen dadurch von sich abzuwälzen gesucht, daß er sich auf seinen Parteigenossen v. Oertzen berufen, der jenen Satz im Wahlbüchlein aus der Hofmannschen Rede aus⸗ gegraben und ihm zugestellt habe. Aber auch dann, als ihm die Unwahrheit seiner— die Hof⸗ mannsche Rede betreffenden Behauptungen— bekannt sein mußte, habe er nichts getan, um die Sache aufzuklären, so daß ihm der Vorwurf ge⸗ macht werden müsse und auch gemacht worden sei, er habe wissentlich unwahre Behauptungen ver⸗ breitet, um die Arbeiter gegen den bisherigen Abgeord⸗ neten aufzuhetzen.
Dieses Verfahren des Privatklägers als nicht aufrichtig zu kennzeichnen, muß als ein gutes Recht des Gegners erachtet werden
Es ist ja möglich, daß sich Burckhardt hier in einer etwas ungünstigen Situation befand,
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