Ausgabe 
17.4.1904
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 16.

Die neue Organisation muß uns eine ein⸗ ehende Behandlung dieser Dinge ermöglichen.

ir werden in Zukunft nicht immer nur vor den Wahlen das öffentliche Interesse für alle Gemeindefragen wachrufen, sondern das ganze Jahr hindurch die Bevölkerung moralisch zwingen mitzuschaffen an der Gemeindeverwaltung, ebenso wie unsere Partei in Sachsen schon seit einer Reihe von Jahren in so außerordentlich ge⸗ schickter Weise in den Landgemeinden tätig ist. Die hohe Stimmenzahl, die wir bei den letzten Reichstagswahlen im Königreiche Sachsen er⸗ zielten, ist wesentlich mit der intensiven und instruktiven Tätigkeit unserer Parteivertreter in den einzelnen Landgemeinden zu verdanken. Schließlich müssen wir uns endlich auch für Hessen⸗Nassau ein allgemeines Kommunal⸗ programm schaffen. Unbedingt notwendig für unsere Gemeindevertreter ist, sich mit der Kommunalliteratur unserer Partei ver⸗ traut zu machen. Es ist ein beschämendes Zeug⸗ nis für unsere Genossen, daß beispielsweise das ausgezeichnete Werk Hugo Lindemann's in bür⸗ gerlichen Kreisen mehr gelesen wird, als in den Kreisen unserer Parteigenossen. Die örtlichen Organisationen müßten die Verpflichtung in sich fühlen, ihren gewählten Vertretern, sofern dieselben nicht die Mittel haben, sich selbst die einschlägige Literatur zu beschaffen, an die Hand zu gehen und von Parteiwegen alles Notwendige anzuschaffen. Besonders der dem⸗ nächst erscheinende zweite Band von Lindemann's kommunalpolitischem Werke, der, wie ich mich überzeugen konnte, ein mit ungeheuerem Fleiße zusammengestelltes Material über die kommu⸗ nale Arbeiterpolitik, Elektrizitäts⸗, Wasserwerks⸗ und Lichtfragen enthält, müßte unbedingt von den Genossen jeder, auch der kleinsten Dorfge⸗ meinde für die Bibliothek erworben werden.

Um das Gesagte in einem Satze zusammen⸗ zufassen: Uns darf keine, auch nicht die ein⸗ fachste und kleinste Agitationsarbeit zu minder⸗ wertig erscheinen; keine ist so klein, daß sie nicht zur Erreichung unseres Endzieles bei⸗ zutragen vermag.

Politische Rundschau.

Gießen, den 14. April 1904.

Der Reichstag

hat am Dienstag die Osterferien beendet und ist zu erneuten Beratungen zusammengetreten. Auf der Tagesordnung stand zunächst die No⸗ velle zum Münzgesetz und der Etat des Reichs⸗ kanzlers, der zu Auseinandersetzungen über die äußere und innere Politik des Reiches Anlaß gab. Die Etatsberatungen dürften sich noch eine längere Zeit hinausziehen.

Das Hauptinteresse wendet sich indessen bei dem Wiederzusammentritt des Reichstages dem vielfach angekündigten neuen Flottengesetz zu. Ob es bereits soweit fertiggestellt ist, daß es vor der Oeffentlichkeit erscheinen kann, da⸗ rüber hat man bisher noch nichts vernommen. Es ist aber sehr wahrscheinlich, daß die Re⸗ gierung wünschen wird, ein solches Gesetz noch in diesem Arbeitsjahre durchzudrücken. Denn im nächsten Jahre wird die Arbeitskraft des Reichsta es durch die Militärvorlage, den Etat und vielleicht auch durch Handelsverträge so sehr belastet sein, daß für sonstige größere Gesetzesvorlagen kaum viel Raum bleiben wird. AR Die sozialdemokratische Fraktion geht in der Stärke von 79 Mann an die neue Arbeit. Das Zschopau⸗Marienberger Mandat ist der Sozialdemokratie entrissen worden, um das Altenburger wird sie am 28. April zu kämpfen haben, das vorläufige Schicksal von Frankfurt au der Oder harrt noch der Entschetdung durch das Plenum.

Allem Anscheine nach geht unsere Partei neuen, schweren Kämpfen im Reichstag wie im Reiche entgegen. Die Gegner, die sich während der Ferien an den inneren Auseinandersetzungen der Partei ergötzten, werden wieder einmal die Erfahrung machen, daß die sozialdemokratischen Arbeiter und ihre Vertreter einmütig zusammen⸗ stehen, sobald der Sammelruf ertönt: Wider den Feind!

Bei schwachbesetztem Hause begann am Dienstag zunächst die Beratung des Münzge⸗ setzes. Dieses sieht Einführung neuer 50 Pfg. Stücke vor, die kleiner und dicker sind als die bisherigen und die Aufschrift Mark tragen sollen. Die Proben dieser Münzen sollen nicht besonders geschmackvoll ausgefallen sein. Man überwies die Vorlage einer Kommission.

Zum Reichskanzleretat brachte der Zentrumsmann Spahn den Wahlprozeß im Saarbrücker Revier zur Sprache und tadelte die dabei beobachtete Vertuschung unangenehmer Vorkommnisse durch die Amtsverschwiegenheit von Beamten. Genosse Dr. Ha vid erörterte die Frage der Schiffahrtsabgaben, welche die Agrarier auf dem Rhein und der Elbe ein⸗ geführt wissen wollen. Solche Abgaben sind von der Reichsverfassung untersagt, die Agrarier wollen sie aber trotzdem durchsetzen, um das ausländische Getreide, das auf den Strömen hereinkommt zu verteuern und damit zugleich die Preise des inländischen zu steigern. Nach dem, was Graf Posadowsky auf David's Ausführungen antwortete, muß die Befürcht⸗ ung wachgerufen werden, daß die Regierung den Wünschen der Agrarier nachzugeben ge⸗ sonnen ist.

Zur sächsischen Wahlreform wird mitgeteilt, daß die Beratungen über die Regierungsdenkschrift in der Landtagskommisston beendet seien. Für die in der Denkschrift vor⸗ geschlagenen Grundlinien soll keine einzige Stimme abgegeben worden sein. Es herrscht also Klarheit über das, was man nicht will. Wie aber die Meinungen über die Grundzüge der Wahlreform zwischen der Regierung und der Kammer auseinandergehen, so auch zwischen den Parteien in der Kammer. Es ist deshalb solange keine Aussicht für das Zustandekommen einer Wahlreform, als die öffentliche Meinung nicht einen entschiedenen Druck dahinter macht. Bei dem Volke liegt es, ob überhaupt einmal etwas aus der Wahlreform werden soll!

Zur Revolution im Ruhrbergbau

schreibt dieArbeitsmarkt⸗Korrespondenz des bekannten Dr. Jastrow: a

Die schwebenden Uebertragungen von Berg⸗ werkseigentum im Ruhrbezirk bilden fortgesetzt den Gegenstand lebhafter Erörterung. Die Bevölkerung der Orte, die bei diesen Ueber⸗ tragungen große Gefahr läuft, geschädigt zu werden, beteiligt sich in allen Schichten ohne jegliche Rücksicht auf die Parteistellung an der Bewegung gegen die Stilllegung von Gruben; die Regierung sieht sich veranlaßt, über die schwebenden und beabsichtigten Uebertragungen sich Bericht erstatten zu lassen, und die Arbeiter insbesondere nehmen in zahlreich besuchten Ver⸗ sammlungen Stellung zu dem Vorhaben, sie um ihre jetzige Arbeitsstelle zu bringen.

Aber auch die Bergwerke selbst haben sich inzwischen über die Gründe geäußert, die sie zu solchen Uebertragungen zwingen. Nach einem Aufsatz des Bergmeisters Engel in der Zeit⸗ schriftGlückauf ist es in erster Reihe die ungünstige Rentabilität der kleineren Zechen im Ruhrtal, die die Verschiebungen notwendig macht. Wenn in dem Aufsatz zur Beruhigung der Bevölkerung ausgeführt wird, die Ueber⸗ nahme der Betelligungsziffer von einer Zeche durch die andere sei von heute auf morgen praktisch unmöglich, so muß darauf hingewiesen werden, daß die Stilllegung von Steingatt in ein paar Monaten vor sich gegangen ist. Gerade die Erfahrungen, die man mit der Abrüstung von Steingatt gemacht hat, tragen nicht wenig zu der jetzigen Erregung bei. Nach einem von einem Bergwerksdirektor im Jahre 1900 erstatteten Gutachten hatte damals die Zeche noch 10,5 Millionen Tonnen ab⸗ bauwürdiger Kohle austehen. Bel einer Jahres⸗ förderung von 225000 Tonnen war Steingatt noch eine Existenz von 17 bis 18 Jahren ge⸗ sichert. Auch Ausbeute konnte verteilt werden. 1891 suchte Steingatt noch ein Konsortium zum Bau von Arbeiterwohnungen zu gewinnen. Kein Mensch dachte damals an Betriebsein⸗ stellung. Die Gemeinde Altendorf, in deren Gemarkung Steingatt liegt, gab denn auch

noch 1901/2 für Schulbauten 40000 Mk. aus, legte mit bedeutenden Kosten eine Wasserleitung an und anderes mehr. Durch alle diese Aus⸗ gaben hat sich Altendorf eine Schuldenlast von 200 000 Mk. aufgeladen. So geht es in vielen Fällen. Die Regierung müßte hier un⸗ bedingt eingreifen. Aber da müßte das kapi⸗ talistische Ausbeutungsprivileg angetastet werden und davor scheut man zurück.

Riesendividende und Hungerlohn.

Die Zuckerraffinerie in Hildesheim konnte ihren Aktionären für das Geschäftsjahr 1903 alsEntbehrungslohn eine Dividende von 75 pt. gewähren. Der Tagelohn, den sie den Arbeitern zahlt, beträgt zwei Mark. Der Arbeiter 1 es also, wenn er 300 Tage arbeitet, auf 600 Mk. jährlich; dieselbe Summe erhält der Kapitalist, welcher kein Finger rührt, sondern lediglich 800 Mk. in Aktten anlegt und für sicharbeiten läßt. Ist das nicht eine vortreffliche Probe unserer herrlichen, von Gott gewollten Weltordnung? Die Aktionäre sind auch ihrem Gott sehr dankbar für die schöne Verteilung des Arbeitsertrages; sie bewilligen mit Vergnügen erhebliche Summen für die Kirchen, damit dort fleißig gebetet werde für den Bestand der kapitalistisch⸗christlichen Gesellschaft. Statt 100 pt. Dividende nehmen ste nur 75; den Rest spenden sie großmütig den Gotteshäusern, damit dort die Arbeiter zur Zufriedenheit ermahnt werden, auf daß sie den Wechsel aufs Himmelreich akzeptieren.

Opfer der Kolonialpolitik.

Vom Hererokriege wurden in der letzten Woche wieder mehrere Gefechte gemeldet, die zwar für die Deutschen siegreich waren, aber doch nicht unbedeutende Opfer an Menschenleben erforderten. Am 9. April hatte die Abteilung Glasenapp in einem Gefechte bei Okaharni 32 Tote. In einem andern Zusammenstoße sind ebenfalls eine Anzahl Leute, darunter mehrere Offiziere gefallen. Die Kosten für die seit dem 24. März in drei Abteilungen nach Südafrika entsandten Verstärkungen der Schutztruppe für 1050 Mann einschließlich der 7 belaufen sich auf 10 Millionen

ark.

Bei der Gemeindewahl in Kopenhagen

sind unsere Genossen unterlegen, trotzdem sie eine erheblich höhere Stimmenzahl als bei der vorigen Wahl eb an Es waren 8 Mandate erledigt, 4 liberale und 4 sozialdemo⸗ kratische Stadträte hatten auszuscheiden. Die libe⸗ rale Partei spaltete sich und ein Teil stellte gemein⸗ sam mit den Reaktionären eineantisozialistische Liste von unbekannten Männern auf, die sich nicht einmal in den Versammlungen zeigten, während die Intelligenzpartei sich mit der So⸗ zialdemokratie verband. Die Anttsoztalisten er⸗ reichten, indem sie nit demSozialistenschreck operierten, eine Mehrheit von 700 Stimmen. Sie haben mit diesem Wahlergebnis im Ge⸗ meinderat eine aus der Rechten, der gemäßig⸗ ten Linken und aus den politisch Indifferenten bestehende relative Majorität. Der reinen Lin⸗ ken und der Sozialdemokratie gegenüber konnen diese indessen nichts ausrichten, und es ist kaum anzunehmen, daß der Antisozialismus im nächsten Jahre siegen wird.

Ein sozialdemokratischer Jugend⸗ bund ist kürzlich in Kopenhagen gegründet worden. Sein Zweck ist, die schon länger bestehenden Jugendvereine zu planmäßiger Ar⸗ beit für die Ausbreitung des modernen Sozia⸗ lismus unter der arbeitenden Jugend zu sammeln sowie eine antimilitariscke Agitation zu betreiben. Es wurde unter anderem beschlossen, einen Militäraufruf drucken zu lassen, der zur Agi⸗ tation unter den in nächsten Tagen in Dienst tretenden Militärpflichtigen verbreitet werden soll.

Die italienische Sozialdemokratie hat diese Woche in Bologna ihren 8. natio⸗ nalen Kongreß abgehalten. Er war sehr stark besucht, 1200 Delegierte waren anwesend. Die sozialistische und auch die bürgerliche Presse Italiens und des Auslandes war ebenfalls stark vertreten, denn dieser Kongreß war inso⸗

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