9
Sei te 4.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Kr..
wären, hätte man das Proportionalwahlrecht
sicher nicht eingeführt.
Von Nah und Lern.
Gießener Angelegenheiten.
— Als Land der unbegrenzten Möglichkeiten schildert der hessische Kor⸗ respondent unseres Leipziger Parteiorgans sein Heimatland folgendermaßen:
Noch ist die Presse dabei, immer neue Handlungen unseres Großherzogs aufzustöbern, die geeignet sein könnten, den Hamburger Nach⸗ richten und verwandten Seelen das Leben zu vergällen, da kann ich Ihnen eine Kunde über⸗ mitteln, die geradezu Entsetzen bei den„gut⸗“, „best⸗“ und„allerbestgesinnten“ Staatsestützen hervorrufen wird. 85
Zunächst sei bestätigt, daß der Großherzog die Aufführung von Beyerleins Zapfenstreich im Darmstädter Hoftheater wenn nicht direkt gewünscht, so doch als etwas selbstver⸗ stäudliches genehmigt hat. Weiter ist richtig, daß im Laufe der verflossenen Woche der Großherzog eine mit schwerer Last ver⸗ sehene alte Bauersfrau zu sich in den Wagen nahm, um sie ein Stück Wegs mitzunehmen. Doch das sind schließlich Dinge, die nicht son⸗ derlich schwer wiegen; ich weiß schlimmeres zu berichten.
In Mainz ist Karneval und daran nehmen alle Bebölkerungsschichten teil. Mit der Schellenkappe auf der Denkerstirn sitzen die radikalsten und die revisionistischsten Sozi— Karnevals⸗Revisionisten existieren nicht— neben dem geldschwersten Kapitalisten. Und die gleiche Heiterkeit bricht durch, wenn vom Podium herunter die„Narren“ ihre Kalauer zum besten geben. Diese Narren sind rote und schwarze Schuster und Schneider, liberale Kaufleute und — ja, jetzt kommt das Schreckliche—: die höchsten Zivil⸗ und Militärbeamten des wilden Landes. Die Rednertribüne hat die Form einer Eule und darüber leuchten uns die tiefsinnigen Verse entgegen:
Sei lustig, du Schode, was leidste denn Not,
Du lebst ja so kurz und so lang biste tot.
Drum alleweil fidel und gar nicht zu knapp,
Vermach Deine Erbe Dein Stern und Dein Kapp.
Und nun tritt gewichtigen Schrittes auf die Tribüne— haltet euch fest in Sachsen, Preußen usw.— der Provinzialdirektor v. Gagern, ein Sohn des 1848 gefallenen Ge⸗ nerals, der in Hessen die Stellung bekleidet, die in Preußen ein Regierungs⸗ oder Ober⸗ präsident einnimmt. Und er hebt also an:
Narrhallesen! Nur zagend betrete ich die Eule, sie is s Symbol der Weisheit und nicht jedem„ es gegeben, im Gewande der Narrheit We heit zu verzapfen. Gern komme ich in die Narrhalla(Mainzer Stadthalle), denn das ist die einzige Versammlung, wo Bourgeois und Sozi in Brüderlichkeit tagen. Gagern verulkte dann die Bürgermeister von Mainz und Ginsheim, um schließlich das Feld zu räumen dem Generalmajor v. Zastrow, der die Garnison Mainz und die hübschen Mädchen feierte. Er wurde abgelöst von präch⸗ tigen Narren, die unter tosendem Beifall die neuen Achselstücke verulkten und sich das Wort Garnison verbaten, weil die Mainzerinnen sonst gar zu leicht an die„kleinen Garnisonen“ denken und danach handeln könnten.
Nun frage ich einen gutgesinnten Menschen, was aus dem Hessenlande werden soll, wenn das so weiter geht! Der Landesvater unterhält sich mit Sozialdemokraten, besucht wandernde Handwerksburschen und läßt den Zapfenstreich aufführen. Die höchsten Staatsbeamten und der Platzkommandant feiern„in Brüderlichkeit“ den Karneval mit den bösen Sozi! Ja, wenn vgs wenige Wochen nach den Bülowreden, die ebeasalls von der Eule herab als höchste Ver⸗ ulkung nicht ulkig, sondern um ihren eignen Ulk nicht abzuschwächen, ganz ernsthaft vorge⸗ tragen wurden, passiert, dann ist es wahrhaftig die höchste Zeit, daß Hessen annektiert und Preußen oder Sachsen einverleibt wird.
— Die Stöcker ianer haben ihre Agi⸗ tation, die sie jetzt im Wetzlarer Kreise entfal⸗
teten, auch auf Gießen ausgedehnt, wo am Sonntag abend im„Felsenkeller“ der Abg. Burckhardt und der„nationale“ Arbeiter und christl.soziale Agitator Behrens sprachen. Vorher, am Nachmittage hielten die Redner eine Versammlung in Werdorf bei Wetzlar ab, die zwar sehr gut besucht war, wo sie aber keinen Anklang fanden. Was ste vorbrachten, waren die üblichen Angriffe auf unsere Partei und die freien Gewerkschaften. Der„Terroris⸗ mus“ der letzteren zwinge zur Gründung „christlicher“ Arbeiterorganisationen. Man wolle einen„wirtschaftlichen Ausgleich“ herbeiführen, doch wird nicht gesagt, wie dieser Ausgleich aussehen solle. Von unserer Seite ergriffen Trott⸗Haiger und Vetters⸗Gießen das Wort, das ihnen auf 15 Minuten gestattet wurde. Zwar kündigen die Christlich⸗Sozialen immer„freie Diskussion“ an, in Wirklichkeit sieht's mit der freien Diskussion recht windig aus. Wo man weiß, daß Gegner in die De⸗ batte eingreifen werden, will man von freier Diskussion nichts wissen, sondern bewilligt in bestem Falle eine lächerlich geringe Redezeit. Von Trott wurden Herrn Burckhard verschie⸗ dene Sünden aus der Wahlbewegung vorge⸗ halten und etliche Fälle angeführt, wo die Christlich⸗Sozialen Terrorismus haarsträu⸗ bendster Art geübt hätten. Vetters ging näher auf die Ausführungen der Herren Burckhardt und Behrens ein und widerlegte verschiedene ihrer Behauptungen, erwiderte auch einige An⸗ griffe, die Behrens kürzlich in Ehringshausen gegen unsere Partei gerichtet hatte. Als„Be⸗ weis“, für den„Terrorismus“ der Sozialde⸗ mokraten erzählte Behrens eine erschröckliche Geschichte aus Berlin, wo Mitglieder des Mau⸗ rerverbandes einen ihrer Kollegen, der Tempe⸗ renzler war, eine— Milchflasche mit Saug⸗ gummi an den Arbeitsplatz gestellt hätten! Die Versammlung war gefühllos genug, bei Ent⸗ hüllung dieses schauerlichen Verbrechens zu lachen! Im weiteren wiesen unsere Genossen nach, wie die Zölle die Arbeiterschaft schädigen und deshalb kein denkender Arbeiter die Stöcker⸗ partei unterstütze. Unsere Genossen ernteten lebhaften Beifall, Herrn Burckhardt und Beh⸗ rens stimmte aber kein Mensch zu.
Gut besucht war auch die Gießener Ver⸗ sammlung. Doch Arbeiter, auf die es doch die Stöckerianer besonders abgesehen haben, fehlten auf ihrer Seite, dafür waren Geistliche desto stärker vertreten, und im übrigen Angehörige des behäbigen Bürgertums. Unsere Genossen bildeten den größten Teil der Versammlung. Bei Eröffnung bekam die Sache einen Stich ins Komische; der Vorsitzende, Pastor i. P. Fromm intonierte das schöne Lied:„Deutsch⸗ land, Deutschland über Alles“, doch es stellte sich heraus, daß er den Text nicht kannte. Dr. Burckhardt entwickelte zuerst seinen„nationalen“ und„christlichen“ Standpunkt: er sei für Mo⸗ narchie, Heer, Flotte, Kolonien, Zölle usw. Herr Behrens suchte dann wieder die Notwen⸗ digkeit„christlicher“ Arbeiterorganisationen dar⸗ zutun. Gen. Krumm antwortete. Er betonte, daß, wenn die Vorredner für Beteiligung christ⸗ licher Nächstenliebe eintreten, er demgegenüber feststellen müsse, daß die Sozialdemokratie solche stets praktisch geübt habe und die sozialdemo⸗ kratischen Forderungen deckten sich durchaus mit den Geboten christlicher Nächstenliebe. Nach⸗ dem er sich mit Entschiedenheit gegen die Zölle ausgesprochen, für die Dr. Burckhardt zum Schaden der Arbeiter eintrete, bestritt er den Christl.⸗Soz. das Recht, sich als besonders„natio⸗ nal“ hinzustellen. Wir seien national in besserm Sinne, wenn wir auch nicht jeden Augenblick Hurra schreien. Die Rede Krumms fand star⸗ ken Beifall. Im weiteren sprachen noch Ge⸗ nosse Vetters und Beckmann, worauf die Herren Burckhardt und Behrens in langen Reden ant⸗ worteten. Die Versammlung zog sich bis gegen 12 Uhr hin. Viel Anhang dürften die Stöcker⸗ Veute nicht bekommen haben.
— Versammlungen. Der sozialdemo⸗ kratische Wahlverein Gießen hält diesen Samstag seine Generalversammlung im Ver⸗ einslokale ab, auf die wir hiermit noch beson⸗ ders hinweisen und deren zahlreichen Besuch wir den Parteigenossen empfehlen. Nach Er⸗
ledigung des Kassenberichts und der Vorstands⸗ wahl soll, wenn noch genügend Zeit vorhanden, ein Vortrag gehalten werden.— Ferner machen wir die Gewerkschaftsmitglieder auf die am Sonntag(17.), nachmittags 4 Uhr, im Or⸗ big'schen Lokale stattfindende Gewerkschafts⸗ Versammlung aufmerksam. In dieser steht der Geschäftsbericht des Gewerkschaftskartells und die„Saalfrage“ auf der Tagesordnung.
— Vortrag. Dienstag, den 26. ds. Mts., wird Herr Chemiker L. Opificius aus Frankfurt in Lony's Bierkeller einen Vortrag halten über:„Die Metalle und ihre Bedeutung für den Kulturmenschen“. Dieser Vortrag ist von dem Gewerkschaftskartell arrangiert, von dem auch in der bisher üblichen Weise die Karten aus⸗ gegeben werden,.
Aus dem Rreise Friedberg⸗ Büdingen.
Ein kleiner Röhren! Aus Friedberg wird uns geschrieben: Der Pfarrer in Ockstadt hat angeordnet, daß beim Schlittschuhlaufen Buben und Mädchen getrennt werden. Heute laufen die Buben und morgen die Mädchen. Der Herr Pfarrer hält die Sittlichkeit gefährdet, wenn die Schulkinder beiderlei Ge⸗ schlechts zusammen auf dem Eise sind. Ueber solche, gelinde gesagt, Lächerlichkeiten braucht man weiter kein Wort zu verlieren. Uns dauert der Pfarrer und noch mehr dauern uns die Leuten, welche beschränkt genug sind, derartigen Anordnungen Folge zu leisten.— Wun⸗ derbar ist es nur, daß sonst katholische Geistliche dem Zusammenarbeiten beider Geschlechter so ruhig zusehen. In den oberschlesischen Gruben arbeiten neben Männern tausende Frauen für die frommen Zentrumschristen Ballestrem, Schaafgotsch usw. Wo ist hier der katho⸗
lische Pfarrer? Vielleicht kann uns Herr Pfarrer Wild
Antwort geben.
R Wegen Nahrungsmittelfälsch ung hat⸗ ten sich am Dienstag der Metzgermester Heinrich Theo⸗ dor Musch und dessen Sohn Philipp Musch, sowie der Metzgermeister Theodor Danernheim, alle aus Nieder⸗ Florstadt, vor dem Friedberger Schöffengericht zu verantworten. Sie waren beschuldigt, im Juni ver⸗ flossenen Jahres durch Zusatz von Stärkemehl Fleisch⸗ wurst verfälscht und unter Verschweigung dieses Um⸗ standes die Waare verkauft zu haben. Durch den Bürgermeister Heinrich Wilhelm Alles aus Nieder Flor⸗ stadt waren damals Wurstproben von sämtlichen Metz⸗ gern des Ortes im Auftrage der vorgesetzten Behörde eingefordert worden zum Zwecke der chemischen Unter⸗ suchung in Gießen. Dieses war den Metzgern bekannt geworden. Es lag also die Gewißheit nahe, daß die betr. Proben besonders„präparirt“ würden für den er⸗ wähnten Zweck. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, daß die Wurstprobe des ersten Angeklagten quantitativ 1,2 Proz. Stärkemehl enthielt und die Probe des Dauernheim höchstens 0,3 Proz. oder noch wen ger, wie der als Sachverständige geladene Dr. Günther aus Gießen unter Eid bekundete. Seiner Meiuung nach liege im ersten Falle eine Fälschung offenbar vor. Das Ge⸗ richt erkannte auf Freisprechung. Der verwendete ge⸗ ringe Prozeutsatz von Stärkemehl diene nur dazu, die Wurst„schnittfester“ zu machen, nicht aber um das Publikum zu täuschen.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Bülow⸗Reden wurden auf der Sophien⸗ hütte in Wetzlar verteilt. Ob man damit erreicht, was man erreichen wollte, nämlich die Sozialdemokratie zu vernichten, scheint sehr fraglich. Denn die Arbeiter sind weit mehr auf das gespannt, was Bebel dem Reichskanzler antwortete, als auf die Reden des Vetz⸗ teren. Und soviel steht fest, wenn Arbeiter beide Reden lesen, finden sie sehr leicht heraus, wer in ihrem Interesse gesprochen hat und die Bülow'schen Mätzchen werden auf sie wenig Eindruck machen. So nützt man schließlich nur der Sozialdemokratie damit, worüber wir gar nicht böse sind. Mit ein Lohner⸗ höhung hätte übrigens die Direktion dem Gegenwarts⸗ Staate besser gedient.
* Amtsblatt⸗Weisheit. Was für unge⸗ heuerliches Zeug die Kreisblätter ihren Lesern vorzu⸗ setzen wagen, zeigt sich so recht in der Schweinburgiade „Aus Utopien“, die der Wetzl. Anz. dieser Tage ab⸗ druckte. Die Leistung hat den Zweck, die Sozialdemo⸗ kratie endgültig zu vernichten, soweit Bülow noch etwas davon übrig gelassen hat.
Folgende Sätze am Schlusse
des idiotischen Artikels werden hoffentlich den gewollten
Zweck erfüllen:
„Die Sozialdemokraten stellen sich die Sachlage meistens so vor, daß sie bloß die Arbeitgeber von ihrem Besitz zu vertreiben und sich an ihre Stelle zu setzen brauchten, und es bliebe alles im Handel und Wandel beim alten. Das ist ein großer Irr⸗
tum. Sowie es keine freien Kapitalisten mehr gibt,
hören das Bedürfnis und die Nachfrage für die mel⸗
sten Arbeits⸗Erzeugnisse auf, und die Arbeiter wären
brotlos, Handel und Verkehr vernichtet. Der Klassen⸗
Nr — aal a
1 ug! Gibt e such Hadul Nuspnl fund Naß e hustet eiter bert Vor. 100 bite farb.
eden
15 qa m m 1 der J Mi pid i Ju der Heonde Mbelte
Al


