Ausgabe 
16.10.1904
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung.

Nr. 42.

Wie Bebel Sozialdemokrat wurde.

(Schluß aus vorigerk Nummer.) J.

In diese Zeit fiel die von der Kölnischen Zeitung jüngst wieder aufgewärmte 600 Mark⸗ Geschichte, und da Bebel mit zu den Antrag⸗ stellern gegen die Berliner Volkszeitung gehörte,

ing es ganz gehörig über Bebel her. Aber

für den Verein wie für Bebel kann man dieses Vorkommnis als einen Wendepunkt betrachten, und da die Vorstandswahl im Februar 1866 ebenfalls zugunsten Bebels ausfiel und Bebel ebenfalls ein Anhänger Liebknechts geworden war, wurde diese Wendung bleibend.

Die Gegensätze zwischen Oesterreich und Preußen spitzten sich immer mehr zu. Lieb⸗ knecht als Preußenhasser oder vielmehr Bismarck⸗ hasser übertrug diese Abneigung auf Bebel und die meisten Mitglieder. Ende 1865 hatten sich in Chemnitz eine Anzahl demokratisch gesinnter Sachsen zusammengefunden und dort eine demokratische Partei gebildet, deren Seele der Advokat Schraps und Dr. Petermann in Dresden waren. Aber auch Liebknecht und Wuttke in Leipzig traten bei und bald schlossen sich auch die Arbeiterbildungsvereine in Sachsen der neuen Partei an, aus der später die Partei des Chemnitzer Programms wurde. Hierdurch wurden die Arbeitervereine immer weiter nach links gedrängt. Als man im Frühjahr sah, daß der Krieg unvermeidlich war, faßten die Stadtverordneten von Leipzig in einer außer⸗ ordentlichen Versammlung am Himmelfahrts⸗ tage den Beschluß, die sächsische Regierung cuf⸗ zufordern, beim Ausbruch eines Krieges zwischen Oesterreich und Preußen neutral zu bleiben. Gegen diesen Beschluß wandte sich eine Volks⸗ versammlung, welche am Sonntag darauf im Saale des Odeon stattfand, in einer sehr scharfen Resolution. Zu dieser Versammlung hatten die Vorstandsmitglieder des Arbeiterbildungs⸗ vereins mit ihrem Ehrenprästdenten Roßmaͤßler unter Namensunterschrift eingeladen. Es war der erste große politische Akt im neuen Kurse. Am zweiten Pfingstfeiertage hatte die Fortschritts⸗ partei nach Frankfurt a. M. eine Versamm⸗ lung einberufen, zu der jeder freiheitliebende Mann eingeladen war. Auch Bebel wurde vom Arbeiterbildungsverein hingeschickt. Dort kam es zu sehr scharfen Auseinandersetzungen. Bebel trat sehr scharf im Sinne Liebknechts und Eckhardts gegen die Zwitterstellung der Fortschrittspartei anf. Als dann Schulze⸗De⸗ litzsch sprach, platzte in einer Ecke eine Bombe, die keinen Schaden anrichtete, und als man die Gegner als Urheber des Attentats beschuldigte, war das Tischtuch zwischen Bebel und Fort- schrittspartei entzweigeschnitten.

Schon seit April war dieMitteldeutsche Zeitung in die Hände der Anhänger des Chem⸗ nitzer Programms gekommen. Als Redakteur wurde Liebknecht angestellt und neben ihm Dr. Robert Schweichel.

Schweichel war und ist noch einer der liebenswürdigsten Menschen, die es je gegeben hat, und als Liebknecht nach dem Friedensschluß nach Berlin ging und dort wegen Bannbruchs verhaftet und verurteilt wurde, füllte er Lieb⸗ knechts Stelle sowohl im Verein als Lehrer, wie bei Bebel als Berater in der liebenswür⸗ digsten Weise aus.

Bel der Wabl zum Norddeutschen Reichstag hatte Bebel erst gar keine Lust zum wählen. Aber auf Zureden nahm er die Kandidatur, die ihm von Glauchau⸗Meerane angetragen wurde, an. Das war ein Kopfschütteln unter den Spießbürgern Leipzigs über diese Frechheit von so einem hergelaufenen Menschen und man prophezeite ihm höchstens ein paar Hundert Stimmen. Als aber seine Wahl bekannt wurde, wurden die Gesichter der Spießer lang und länger. Aber über eins war man sick einig, daß dieser freche Drechsler eine ganz traurige Rolle in Berlin spielen und daß man ihn nicht im geringsten beachten würde. Als jedoch Bebel seine Jungfernrede im Parlament 999910 hatte, schlug die Stimmung zugunsten Bebels bedeu⸗

tend um und man suchte sich damit zu trösten, daß ja Bebel kein Sozialdemokrat, sondern nur ein Demokrat sei. Denn in Wirklichkeit war

Bebel auch nur als kleinbürgerlicher Demokrat gewählt worden, obwohl er schon sehr sozial⸗ demokratisch dackte. Aber offiziell wurde er es erst zwei Jahre später auf dem Eisenacher Ver⸗ einigungskongreß.

Aber welche Mühe und Ausdauer von Lieb⸗ knecht und welche Arbeit von Bebel geleistet wurde, davon hatten nur wenige einen Begriff. Wenn auch viele Arbeit gemeinschaftlich von den beiden verrichtet wurde, die wichtigste prak⸗ tische Arbeit mußte doch von Bebel allein ge⸗ macht werden. Und welche Arbeit hatte er erst im Verein! Wenn er auch unter den Vorstands⸗ mitgliedern treue Mitarbeiter hatte, die Abwehr auf die Angriffe nach innen und außen, die stets wieder unternommen wurden, hatte Bebel immer allein zu besorgen. Auch ging die Um⸗ wandlung des Vereins durchaus nicht so glatt von statten. Denn die Gegner wußten ganz genau, welche Kraft im Arbetterbildungsverein steckte, und darum suchte man immer wieder auf ihn Einfluß zu gewinnen. Aber jeder ihrer Ränke ist dem Verein zum besten ausgeschlagen, wie ja auch jede Verfolguag der Partei nur zum Nutzen gewesen ist. Hoffen wir, daß es auch in Zukunft so bleiben möge.

P. Ullrich. 27 1 7 b AUnterhaltungs-Teil.

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Götterdämmerung.

Im dunklen Schacht, tief unten im Berge, Da müh'n sich und plagen sich tausende Zwerge, Und täusen das Gold um kargen Sold hervor aus der Tiefe Und schmieden und schaffen die künstlichsten Waffen, Das schönste Gerät.. Und müssen sich plagen, ihr Leben wagen, um kargen Gewinn. Denn was sie schaffen, verjubeln, verprassen die mächtigen Asen. Und ihrer Gelage laut schallender Jubel Dringt durch die Berge ans Ohr der Zwerge, Die knirschen die Zähne und ballen die Faust Und der schwere Hammer herniedersaust auf das sprühende Erz Ohne Rast, ohne Ruh, das stöhnt wie im Schmerz, Und sie singen dazu: Leid und Kummer, Not und Pein Führen uns ins Leben ein; Leid und Kummer, Pein und Not Sind uns Führer bis zum Tod. Krankheit wühlt in unsrer Brust, Hunger in den Eingeweiden; Wissen nichts von Lebenslust, Wissen nur von Müh'n und Leiden. Preisen täglich Gottes Stärke, Preisen täglich seine Werke, Der die Welt so schön gemacht Haben nichts davon geseh'n, Müssen an dem Amboß steh'n, Abends spät und morgens früh, Tag für Tag dieselbe Müh'l Götter in Walhalla droben. Wollt ihr, daß wir weiter loben, Daß wir dulden euer Reich Sorgt, daß uns kein Hunger plage, Gebt uns manchmal Freudentage, Wenige nur den euren gleich. Götter, hört auf unser Flehen! Wag wir wollen ist nur Brot, Luft und Licht und Sonne seh'n! Schlimmer Rater ist die Not. Grimmer Herr ein leerer Magen, Reizt das Hirn, entflammt das Blut, Die Verzweiflung gibt uns Mut, Wollens so nicht länger tragen. Hört ihr nicht auf unsre Worte, Schafft ihr baldigst Hilfe nicht, Brechen wir hervor ans Licht, Stürmen wir Walhallas Pforte! Lieber rasch im Kampfe sterben, Als so langsam zu verderben. Dr. A. Starck.

Die Zwillingsbrüder. Von Eduard Rieger. 1

(Schluß.) ö Wenige Jahre später in der ersten Schul⸗

zeit der Knaben brachte man den Vater tot aus der Fabrik. Ein Transmissionsriemen hatte ihn erfaßt und gegen die Decke geschleudert. Die verwaisten Zwillinge wurden einer Pflegemutter übergeben. Das Entgelt, das ihr dafür von der Stadt der Heimatsgemeinde gezahlt wurde, war ein sehr niedriges. Einen kleinen Beitrag zahlte auch der Unter⸗ nehmer, in dessen Betrieb der Vater angeblich wegeneigener Unvorstchtigkeit, verunglückt war. Nur mit dem Widerwillen kleinstädtischer, beschränkter, engherziger Spießbürger wurde das Armengeld verabfolgt. Mit dem erreichten vier⸗ zehnten Lebensjahr der Waisen hörte es auf. Damals benötigte Erdmann zwei Lehrlinge. Der Bürgermeister des Städtchens tat ein Uebriges und brachte die Zwillinge zu Erd⸗ mann in die Lehre. Der Gärtner nahm die Knaben mit dem boshaften Hintergedanken auf, an den wehr⸗ losen Kindern entgelten zu lassen, was er einst egen ihre Mutter nicht ausführen konnte. Der umensch wollte sich rächen. Die Zwillings⸗ brüder wurden einem Teufel in Menschengestalt überliefert. 71

An einem Sonntag im Herbst zu später Nachmittagsstunde saßen die Zwillingsbrüder auf einem Hügel, eine kurze Wegestrecke außer⸗ halb der Stadt. Sie genossen von- hler eine weite Aussicht auf die Ebene und auf das bläulich schimmernde Gebirge in der Ferne. Am Fuße des Hügels walzte ein mächtiger Strom seine Wellen. Gleich einem breiten, glänzenden Silberbande zog er durch das Ge⸗ lände, ruhig, ohne Lärm, in majestätischem Schweigen.

Je mehr die Sonne dem Rande sich näherte, wo Himmel und Erde scheinbar in einander fließen, desto farbenprächtiger leuchteten die Wolken. Sie ähnelten gewaltigen Feuerbränden, von flüssigem Golde umgeben. Auf Strom und Ebene senkte sich wie ein durchsichtiger Schleier ein leichtes Rot. In luftiger Höhe sang eine Lerche.

Stumm blickten die Zwillingsbrüder zu ihren Füßen den Hund hinaus auf das Land und die mannigfaltige Pracht der Natur. Sie hatten verweinte Augen. Aerger als je hatte der Meister sie heute gemartert.

Den Knaben erschien ihr Leben als die Quelle ewigen Leidens. Was hatten sie denn verbrochen, daß sie so grausam gepeinigt wurden? Warum waren gerade sie so arm, so verlassen, so elend? Warum hatte das Schicksal sie zur Qual verurteilt? Das fragten sich die Zwillings⸗ brüder immer wieder.

Und was konnte ihnen die Zukunft bringen? Nacht umfing sie bei hellem Tage und Nacht würde es bleiben. Eine lange Kette der schmerz⸗ lichsten Entbehrungen hatten sie hinter sich und eine viel längere stand ihnen bevor. Es würde die Zeit kommen, wo ste sich trennen mußten! Wo einer vom andern nichts mehr weiß!

Beiden ging ihr Elend sehr nahe. Der eine weinte still vor sich hin, der andere suchte ihn zu trösten. Mit treuherzigen Augen blickte der Hund zu den Kindern auf, als nähme er teil an dem Jammer ihrer Seele.

Die Sonne war längst untergegangen und das Farbenspiel des Firmaments zerronnen. In nächtliches Grau huͤllten sich dieSegler der Lüfte. An den wolkenlosen Stellen des Himmels blitzten die Sterne auf, zuerst einer, dann ein zweiter, ein dritter usw. Und immer noch saßen die Zwillingsbrüder am Hügel und starrten in die Ebene. Sie konnten sich nicht entschließen, nach Hause zu gehen.

Zu Hause! O, hätten ste doch eine Heimat gehabt, eine gastliche Stube, eine liebende Mutter, einen schützenden Vater! Sie hatten nichts von alledem. Was wollten, was sollten stezu Hause?

Sie hätten es schon sein sollen. Die Blumen betreuen und die Pflanzen in den Gärten mit