Ausgabe 
16.10.1904
 
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er er

Nr. 42.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 7.

Stroh zu bedecken, damit sie nicht Schaden nehmen von der Kühle der herbstlichen Nacht.

Und doch: die Zwillingsbrüder blieben am Hügel. Mögen die Blumen verderben und die Pflanzen erfrieren, was lag daran? Wer schützte ste, die gequälten Brüder, vor dem Verderben? Wer hatte für sie ein freundliches Wort? Für⸗ wahr: die Blumen und Pflanzen hatten es besser. Die wurden gehegt und gepflegt, damit ste blühen, entzücken und die Menschen erfreuen. Aber die Zwillingsbrüder? Sie waren keine Blumen, keine P er, ste waren nur Men⸗ schen! Sprößlinge einer stolzen, ehrenhaften Mutter! Wer brauchte ste zu schirmen vor Un⸗ gemach und rauhem Wetter? Vor Drangsal, Sturm und Folter? Sind ste nicht stark genug, aus eigener Kraft sich zu erhalten? Sollen ff untergehen. Wer wird nach ihnen fragen? Wer ihren Tod beweinen? Wer wird sie ver⸗ missen in einer Welt, in der Menschenblut so billig ist?

*

Mitternacht war vorüber. Es wurde emp⸗ findlich kalt. Die Zwillinge fror in dem dünnen Gewande. Der Hupd geberdete sich ungeduldig. Er sprang auf und ab und konnte sich das lange Ausbleiben nicht erklären.

Da erhoben sich die Zwillingsbrüder. Sie hatten einen Entschluß gefaßt. Langsam und in Gedanken versunken schritten sie dem Strome

. IV.

An demselben Abend fluchte und schimpfte derMeister wie ein Landsknecht. Alle fünf Minuten lief er vor das Haus und blickte nach seinen Sklaven aus. Sie kamen nicht. Stunde um Stunde verfloß, noch immer waren sie nicht da! Wo ste nur blieben? Was hatten sie nur getan? Der Gärtner knirschte vor Wut.

Zwei Stunden nach Mitternacht kam der Hund. Er winselte und heulte und jagte wie verzweifelt herum. Das Tier warpudelnaß unt mußte im Wasser gewesen sein! Was hatte das zu bedeuten?

Dem Meister wurde schwül um den Kopf. Das erste Mal seit Jahren fand er keinen Schlaf. Das böse Gewissen ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. 1

Am nächsten und die folgenden Tage hielt man Umschau nach den Zwillingen. Der Wald wurde durchsucht, von den Brüdern fand man keine Spur. Mit langen Stangen suchten Fischer die Ufer des Stromes ab, ohne Resultat. Die Gendarmerie recherchierte in den Dörfern der Umgegend, vergebens. Niemand hatte die Zwillingsbrüder gesehen, sie blieben verschollen.

*

Drei Monate später wurden, viele Meilen unterhalb der Stadt in einem fremden Lande, die Leichen der Zwillingsbrüder aus dem Strom gezogen. Sie waren mit einer festen Hanfschnur, wie sie Gärtner zu verwenden pflegen, aneinandergefesselt. Die unbekannten jungen Selbstmörder wurden gemeinsam in einen roh gezimmerten Sarg gebettet und auf dem Friedhof beerdigt. Sanglos und klanglos! Kein Leidtragender erschien an ihrem Grabe, kein Priester verrichtete ein Gebet, kein Pfaffe erteilte den Segen.

Gemeinsam hatte ein Weib sie unter dem Herzen getragen, sie gemeinsam geboren. Ge meinsam hatten sie gelitten und geweint. Ge⸗ meinsam waren sie in den Tod gegangen und gemeinsam war ihre Grube. f

Ueber ihrem Grabe erhebt sich ein regel⸗ loser Erdhaufen. Der bedeckt sich im Frühling mit Gras und wilde Feldblumen sprießen aus ihm empor. Streicht der Abendwind über die Totenstätte, dann rauschen auf dem Grabhügel der Zwillingsbrüder die Gräser, als erzählten sie einander von den Bitternissen der Armut. Und die Feldblumen neigen einander zu, als gingen sie auf in einem einzigen Kuß.

Allerlei.

Ueber die Jubiläumsnummer der Leipziger Volkszeitung, die am 1. Oktober 64 Seiten stark erschien, hat

ein Genosse folgende Berechnungen aufgestellt: Die Gesamtauflage hat 190 Zentner Papier erfordert. Würde man die einzelnen Blätter in einer Richtung an aneinander reihen, so würde ein 383 Kilometer langer und 47 Zentimeter breiter Streifen entstehen. Diese Länge würde in der Luftlinie ungefähr die Entfernung zwischen 1 und Bremerhafen resp. München, Lübeck oder Dortmund gleichkommen. Es würde sich ein Areal von 177171 Quadratmetern mit diesen Zeitungsblättern völlig bedecken lassen. Es entspricht dies einer quadratischen Fläche, die von der jede Seite 420 Meter lang ist. Legt man die sämtlichen an diesem Tage durch die Maschine gelaufenen Nummern der Volkszeitung fest gepreßt aufeinander, so ergiebt sich eine Höhe von 150 Metern, was genau der Höhe der Türme des bekannten Kölner Domes entspricht. Gewiß eine respektable Leistung!

Früher und jetzt.

Bei acht Stunden Arbeit, acht Stunden Erholung und acht Stunden Ruhe könnte der Mensch ein rüstiges hohes Alter erreichen, könnten alle schlummernden Anlagen des Geistes geweckt und entwickelt werden. Doch die be⸗ günstigten Klassen haben in der Regel nicht acht Stunden Arbeit, die minder»egünstigten bet weitem nicht acht Stunden Erholung und acht Stunden Ruhe. Statt achtstündiger kräf⸗ tigender Arbeit haben die ersteren achtstündiges Jagen nach Vergnügen, statt achtstündiger Er⸗ holung achtstündige nutzlose Anstrengung, statt achtstündiger erquickender Ruhe achtstündigen betäubenden Schlummer. Die Armen dagegen haben statt achtstündiger Erholung und acht⸗ stündiger Ruhe oft, mit Ausnahme etwa von Sonn- und Feiertagen, gar keine Zeit der Er⸗ holung und selten acht Stunden Ruhe!

So schrieb der liberale Rechtsanwalt Gustav von Struve in Mannheim. Aller⸗ dings vor beinahe 60 Jahren, nicht etwa jetzt.

Die verschiedenen Grade des Diebstahls.

Eine amerikanische Zeitung bringt folgende Betrachtungen: Eignet euch eine Million Dollars an, so habt ihr einen Geniestreich ausgeführt. Fünfund⸗ zwanzigtausend Dollars aus Versehen in die Tasche gesteckt, bilden einenKassenirr⸗ tum. Von zehntausend Dollars ab wird die Sache eruster; man beginnt vonUn⸗ regelmäßigkeiten zu sprechen. Mit tausend Dollars beginnt dieUngesetz⸗ lichkeit, welche inVertrauensmißbrauch von dem Moment an ausartet, wo die ent⸗ wendete Summe nicht fünfhundert Dollars überschreitet. Nehmt eurem Nachbar hundert Dollar und man wird euch einen Dieb nennen, entwendet ihm nur fünfzig und ihr seid ein Strolch. Aber vor allen Dingen, ent⸗ wendet ihm niemals ein Stück Brot. Von diesem Tage anerklärt ihr der Gesellschaft den Krieg und jederrechtschaffene Mann wird euch wie die Pest meiden. Es wird niemand bestreiten können, daß diese Betrach⸗ tungen ebenso auf diealte wie auf dieneue Welt zutreffen.

Splitter.

Arme klrmut! Wie peinigend muß dein Hunger sein, dort, wo andere im höhuenden Ueberflusse schwelgen! Und hat man dir auch mit gleich gültiger Hand eine Brotkruste in den Schoß geworfen, wie bitter müssen die Tränen sein, womit du sie erweichst! Wohl hast du recht, wenn du dich zu dem Laster und Ver⸗ brechen gesellst. Ausgestoßene Verbrecher tragen oft mehr Menschlichkeit im Herzen als jene kühlen, untadelhaften Staatsbürger der Tugend, in deren bleichen Herzen die Kraft des Bösen erloschen ist, aber auch die Kraft des Guten.

Heinrich Heine. * 4*

Es ist verkehrt, den Mord im Frieden zu bestrafen und den Mord im Kriege zu belohnen. Es ist verkehrt, den Henker zu verachten und selbst, wie es die Soldaten tun, mit einem Menschenabschlachtungsinstrument, wie es der

Degen oder der Säbel ist, stolz herumzulaufen. Verkehrt ist es, die Religion Christt, diese Reli⸗ gion der Duldung, Vergebung und Liebe, als Staatsreligion zu haben und dabei ganze Völker zu vollendeten Menschenschlächtern heranzubilden.

Gerhart Hauptmann, inVor Sonnenaufgang. **

*

Nicht Partei ergreifen, das heißt, keine Ueberzeugung haben oder sie verleugnen.. die Geschichte hat Verzeihung für alle Irrtümer, für alle Ueberzeugungen, sie hat keine für Ueber⸗ zeugungslostgkeit.

Ferdinand Lassalle,

Humoristisches.

Bald so, bald so. Die Kinder spielen Braut und Bräutigam. Else sagt:Jetzt sind wir verlobt; dann heiraten wir und dann kriegen wir Kinder. Max widerspricht und behauptet, es sei gerade umgekehrt. Sie streiten und rufen Marie, die ältere Schwester, zur Ent⸗ scheidung. Die besinnt sich ein wenig und sagt:Ihr habt beide recht; es ist bald so, bald so.

(Münch. Jugend.)

Ein Ordensjäger. Itzig: Gott der Gerechte, Herr Mayer! Wie können Se nur tragen im Knopfloch e rote Ros'? Wird mer Se halten noch for a Sozial⸗ demokraten! Mayer: Stuß! Wird m'r mir verlathen ä Orden! Worüm? Dorüm! Well dann nich mehr is im Knopfloch ä Platz, daß ich kann hineinstecke ä Ros'l

(Südd. Postill.)

Richtig. Lehrerin:Karlchen, kannst du mir eine Eigenschaft des Wassers sagen? Karlchen: Wenn man sich mit ihm wäscht, wird es schwarz.

2ççv:!erere 2 Litterarisches.

Wider die Pfaffenherrschaft. Von dem so betitelten Lieferungswerke liegt jetzt der erste Band vor. Das Werk unseres verstorbenen Genossen Emil Rosenow gibt eine fesselnde, die wirtschaftlichen Verhält⸗ nisse der damaligen Zeit berücksichtigende Darstellung der religiösen Kämpfe von Anbeginn des Christentums bis zur Reformationszeit. Es enthält viel Illustrationen darunter zahlreiche Reproduktionen alter Meisterwerke. Das Schlußheft des ersten Bandes enthält als Beilage eine vorzügliche in Vierfarbendruck hergestellte Illustration: Der Papst als Herr der Welt! Das Bild ist nach einem kolorterten Holzschnitt von Hans Seebold Beham reproduziert und wird dem Bande zum besonderen Schmuck dienen.

Das Werk erscheint in Heften à 20 Pfg. Zu beziehen in der Expedition der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung. Abonnenten können jeder⸗ zeit beilreten.

Vom Amsterdamer Protokoll über die Ver⸗ handlungen des internationalen Sozialisten⸗Kon⸗ greß ist soeben die deutsche Ausgabe im Verlage der Buchhandlung Vorwarts erschtenen.

Das Protokoll enthält nicht durchgängig den stenographischen Wortlaut der gehaltenen Reden, sondern die auf Grund stenographischer Aufzeichnungen hergestellten Vorwärts⸗Berichte, die mit den Berichten der hollän⸗ dischen und französischen Parteipresse verglichen und ergänzt sind.

Von ganz besonderem Interesse für die deutschen Parteigenossen dürften die Verhandlungen der Taktik⸗ Kommission sein, die ausführlicher wiedergegeben, als Anhang dem Protokoll beigefügt sind.

Der Preis beträgt 40 Pfg. Zu beziehen durch unsere Expedition.

5575 CCTTTTTX Empfehlenswerte sozialistische Schriften Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeitung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen:

Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg.

Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg.

Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg.

Der Zukunftsstaat der Junker. Man⸗ teuffeleten gegen die Sozialdemokratie im preußischen Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt Eisner Preis 20 Pfg.

Die Volksschule, wie sie sein soll. Rühle. Preis 30 Pfg.

Wider die Pfaffenherrschaft. Kulturbilder aus den Acligionskämpfen des 16. und 17. Jahr⸗ hunderts. Reich illustriert. Von Emil Rosenow. In Heften zu 20 Pfg. komplett in 50 Heften.

Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Zentralverband deutscher Industrieller. Preis 20 Pfg.

Von Otto