Ausgabe 
15.5.1904
 
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Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung.

Nr. 20

5 C h 7 8 UAnterhaltungs-Ceil. 5 Der schwarze Meister.

Eine Dorftragödie von E. Sch.

Dumpf brütende Schwüle liegt in der späten Nachmittagsstunde eines heißen Juni⸗ tages auf dem alten Schloßhofe. Fast hat es den Anschein, als sei das sonst so regsame Le⸗ ben hier aus gestorben. An dem breiten zum Tränken des Viehes benutzten Wasserbassin in der Mitte des Hofes sitzt eine Anzahl Gänse und Enten mit den Köpfen unter den Flügeln. Den großen breiten Misthaufen, der sich vom Wasserbassin bis an die Pferdeställe dehnt, hat sich eine weitere Schar Geflügel, Hühner, Puten, Pfauen und Tauben, zum Ruheplatz auser⸗ sehen. Nur aus den den Hof im Süden und Norden flankierenden Stallgebäuden erklingt hin und wieder ein melancholisches Brummen oder das leise Klirren einer Kette. Schwüle Nachmittagsruhe ringsum. Muße genug für uns, das nach Osten den Hof abschliezende Schloß betrachten zu können. Wer sich nun allerdings mit den Augen eines Märchen lesen⸗ den Kindes in den Anblick des Schlosses ver tieft hätte, würde gewaltig enttäuscht gewesen sein, denn der alte verwitterte Steinklumpen der sich nur durch seine größere Höhe und seine vielen kleinen Feuster von den anschließen⸗

den Wurtschaftsgebauden unterscheidet, macht.

einen außerordentlich nüchternen Eindruck und hätte einer schwärmerischen Phantaste von schlafenden Märchenprinzessinnen und schönen Kbnigssöhnen keinerlei Anhaltspunkte geboten. Höchsteus der dunkle Torbogen, durch welchen man auf einen kleinen, holprig gepflasterten Innenhof gelangt, und die Dohlen, welche die vier niedrigen plumpen Ecktürme des alten Gebäudes umschwarmen, muten etwas mittel- alterlich an. Sonst aber trägt alles das Ge⸗ präge eines gewönlichen Landgutes mit größerer Oekonomie. Der Sitz eines echten Großagrarters.

Plötzlich unterbricht lautes Hufgeklapper die Stille, und in scharfem Galopp, mit vor Hitze und Zorn gerötetem Antlitz, den struppigen weißen Schnurrbart aufwärts gesträubt, sprengt der Herr des Hofes, Oberamtmann von Klemm, zum Tor herein. Die beschauliche Ruhe ist mit jahem Ruck unterbrochen; das Geflügel fährt kreischend und flatternd umher; Gänse und Enten stürzen sich ins Wasser, und lauter erklingt das Brummen und Rasseln der Ketten aus den Ställen.

Johann! Johann! Wo steckt denn der Kerl wieder? tönt laut die Stimme des Gutsherrn.

Hier, gnädiger Herr! Gleich! erschallt aus der Tiese des Pferdestalles eine Stimme, und kurz darauf tritt ein alter'r Mann in Hemdärmeln, mit einer blauen Schürze ange⸗ ian, aus der Stalltür.

Er, altes Faultier hat wohl geschlafen? Kann er nicht hören? Ich werde ihn aufpassen lehren! Und die erhobene Reitpeitsche saust pfeifend auf den Rücken des Mannes nieder, der sich unter dem Schlage fast bis zur Erde krümmt.

Herr Oberamtmann, stottert der Aermste, ich war hinten bei den Kutschpferden; die Stute steht im Wasser, sie lahmt.

Papperlapapp! Sowie man den Rücken wendet, faulenzt ihr alle zusammen. Das kenne ich schon. Aber der Teufel soll euch holen!

Scheltend und polternd klettert der Guts⸗ herr aus dem Sattel, giebt dem schweißtriefen⸗ den Tiere noch einen leichten Schlag mit der Peitsche, daß es im erschreckten Sprunge fast den zügelhaltenden Knecht zu Boden reißt, und schreitet mit dröhnenden, sporenklingenden Schritten dem Torbogen zu. Ehe er denselben erreicht, kommt von der Seite der Gutsinspektor den der Lärm aufmerksam gemacht, aus einer Stalltür auf ihn zugeschritten.

Brannert, lassen Sie sofort den Sträuber holen! Er soll nach der Amtsstube kommen, herrscht der Schloßherr diesen an.

Sehr wohl, Herr Oberamtmann!

Und der Inspektor eilt nach dem Pferde⸗ stalle, um durch den Stallburschen den Auftrag sofort ausführen zu lassen. Nach seiner Rück⸗ kehr bleibt er sinnend im Hoftor stehen. Da mußte unbedingt dem Alten unterwegs etwas besonderes aufgestoßen sein. So heftig aufge⸗ regt ist der lange nicht mehr gewesen. 5

Indessen ist der Oberamtmann trotz seiner 65 Jahre mit schnellen Schritten die schmale Treppe zum Amtszimmer emporgestiegen und geht heftig gestikulierend und mit sich selbst im Gespräch auf und ab. Es war aber auch ein ganz unerhörtes Vorkommnis, was den alten Herrn so furchtbar aufgeregt hatte. Der schwarze Meister, jener Trunkenbold, der nun schon seit Jahren zum Skandal der Gemeinde und zum Spotte der Kinderwelt geworden ist, hatte heute in ohnmächtiger Wut einer Schar ihn verfolgender Kinder beim Vorüberreiten des Oberamtmannes zugerufen:

Seht ersch, das is er! Die sin dranna schuld, daß ich immer besoffen bin! Die hamm mich verrickt gemacht.

Der Oberamtmann ballt bei der Erinnerung an die widerliche Szene die Fäuste, wirft sich in seinen Lehnstuhl und versinkt in Nachdenken. Freilich, so ganz Unrecht hat der schwarze Meister ja nicht, sein eigener Sohn, der jetzt in Amerika lebt, hat vor fünfzehn Jahren in dem Lebensschicksale des Mannes eine sehr un⸗ rühmliche Rolle gespielt.Herrgott! Wenn 1 das doch ungeschehen machen könnte. Aber w e 8

Vor seinen sinnenden Augen steht jene ver ligkeit Geschichte noch in plastischer Deut⸗ ichkeit.

Damals war der schwarze Meister der Be⸗ sizer der Dorfschmiede. Fleißig und brav hatte er mit einem Gesellen und einem Lehrling seiner Arbeit obgelegen, und an dieser hatte es nicht gemangelt. Außer der Arbeit für das Schloßgut hatte er die kleineren Bauern vom ganzen Umkreis zu seiner Kundschaft gezählt. Es mußte daher tüchtig zugegriffen werden, um allen Ansprüchen gerecht werden zu können. Aber die Arbeit hatte auch ihren Segen ge⸗ tragen. In ganz wenigen Jahren war das kleine Anwesen schuldenfrei geworden. Dazu eine junge, tüchtige und dabei sehr hübsche Frau und einen fünfjährigen Knaben, und das Glück des jungen Meisters schien für alle Zei⸗ ten gestchert zu sein. Nur sein heftiger Jähzorn hatte ihn hin und wieder in unliebsame Ver⸗ wicklungen gebracht und der Frau ab und zu eine Wolke am Himmel ihres Eheglücks auf⸗ steigen lassen.

In diese Idylle führte eines Tages der Zufall den schneidigen, auf Urlaub befindlichen Herrn Leutnant von Klemm, der seit jeher ein Schürzenjäger erster Güte gewesen und den daher auch eine ganze Anzahl Kinder, selbst von Stallmägden, das Recht hatten, Vater zu nennen. Der Herr Leutnant kam vor die Schmiede geritten, weil sein Pferd ein Eisen verloren und der schöne Huf des Tieres nicht verdorben werden sollte. Er wollte deshalb den Meister selbst instruieren und auch schnellste Beschleunigung der Reparatur verlangen.

Die junge Frau, welche im Vorgarten Ge⸗ müse schnitt, sehen und sie alswirklich reizen⸗ den Käfer finden, auf den Jagd zu machen es sich schon einmal lohnte, war eins gewesen. Daß ihm, dem bisher in der Heimat nie ein Wunsch versagt geblieben, dabei der Schmied im Wege sein könnte, war ihm gar nicht in den Sinn gekommen. So ein Sklave mußte sich ja glücklich schätzen, wenn seine Frau Gnade vor den Augen des gnädigen Herrn fand. Uebrigens war es ja für alle Fälle einzurichten, daß der Bursche nicht störend dazwischen kommen konnte, wenn der Herr Leutnant seine Erober⸗ ung mit dem Siege krönte. Der zwei Tage später in der benachbarten Kleinstadt statt⸗ findende Wiesenmarkt bot dazu die günstigste Gelegenheit. Diesen Markt pflegte gewöhnlich das halbe Dorf zu besuchen und wahrscheinlich würde sich auch Meister Kaufmann, so hieß

der Schmied, die günstige Gelegenheit nicht entgehen lassen, geschäftliche Angelegenheiten mit den zusammen kommenden Bauern zu er⸗ ledigen und nebenbei sich auch noch zu amüsteren, wobei solche Plebejer ja ebenso nie noble Leute das Heimkommen immer leicht vergessen.

Der Herr Leutnant hatte auch ganz richtig kalluliert, und kaum hatte der Schmiedelehrling, den er durch das Beglücken mit einem Mark- stück zum willfährigen Boten bestellt, gemeldet,

daß Meister Kaufmann soeben zum Markt ge⸗

gangen, als sich auch der schneidige Marsjünger gleich darauf bei der jungen Meisterin einfand, um einige Bestellungen höchstselbst zu über mitteln. Die ahnungslose junge Frau, über⸗ rascht über die freundlich liebenswürdige Art des jungen Herrn, hatte die Tür der guten Stube geöffnet und diesen zum Nähertreten eingeladen. Soweit, sogut. Noch ein wenig Parlamentteren und die reife Frucht mußte zu genießen sein.

Aber aus der heiteren Komödie, sollte eine bitterböse Tragodie werden.

Meister Kaufmann hatte mehrere Rechnungen von faulen Kunden, die er zum gerichtlichen Beitreiben seinem Anwalt zu übergeben ge dachte, mitzunehmen vergessen, war deshalb auf halbem Weg umgekehrt und kam, sofort seine Schritte nach der guten Stube lenkeud, wo er im Sekretär seine Papiere verwahrte, gerade dazu, wie der Herr Leufnant die er schreckt zurückprallende Frau zu umfassen und zu küssen versuchte. Die junge Frau schrie ent⸗ setzt auf als sie ihren Mann in diesem Augen⸗ blick eintreten sah. Diesem legte es sich wie ein blutiger Schleier vor die Augen. Auf den Flur zurückspringen, eine dort unglücklicherweise lehnende Eisenstaͤnge ergreifen und mit Schaum vor dem Munde sich nach dem Räuber seines Glückes umsehen, war das Werk eines Augen blicks. Dieser war jedoch noch schneller gewesen. Blitzschnell war er aus dem geöffneten Fenster in den Vorgarten gesprungen und rannte nun in großen Sätzen davon. Der Meister, der den Verbrecher entwischen sah, stürmte nun in sinnloser Wut auf die unschuldige Frau los und schlug sie mit der Eisenstange über den Kopf, daß sie lautlos zusammenbrach. Erst jetzt, als die Frau ausgestreckt am Boden lag, und eine große Blutlache sich auszubreiten be gann, erwachte der Jähzornige aus seiner Be⸗ täubung. Er trug die Bewußtlose aufs Sofa und stürmte nach dem zufällig im Gasthause anwesenden Kreisphysikus. Der Arzt konnte aber nicht mehr helfen, die Schädel decke war eingeschlagen und nach zwei Stunden hatte das Herz aufgehört zu schlagen. i a

Vorher hatte sie jedoch noch einmal die Augen aufgeschlagen und nachdem diese, suchend umherirrend, den am Sofa in stummer Ver⸗ zweiflung zusammengesunkenen Mann getroffen, hatte sie leise kaum hörbar hervorgestoßen: Was hast Du getan? Ich bin ganz un⸗ schuldig!

Der bei den Eltern der Frau in einem Nachbardorfe zu Besuch weilende Knabe war glücklicherweise dem ersten Jammer entzogen. Der Herr Leutnant, dessen erbärmliche Frivo⸗ lität das ganze Elend verursacht, hatte in den nächsten Stunden Schloß und Dorf verlassen. Bald darauf hatte er sich aber auch genötigt gesehen, weil die Geschichte so viel Aufsehen machte, den Dienst zu quittieren und war nach Amerika gegangen. Der Meister, der völlig apathisch alles mit sich geschehen ließ, war ge⸗ fesselt nach der Kreisstadt transportiert und schlteßlich wegen Körperverletzung mit tötlichem Ausgange unter Annahme mildernden Um- stände zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Schmiede ward verkauft, der Knabe bei den Großeltern erzogen. 4

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis hatte sich der Unglückliche der tollsten Aus⸗ schweifung und dem Trunke ergeben, um sein Gewissen zu betäuben. Der geringe aus dem Schiffsbruche gerettete Vermögensrest reichte nicht allzuweit; und bald war der Meister von Stufe zu Stufe gesunken. Jetzt wohnte er im Gemeindehause und arbeitete hier und da bei den Bauern gegen Tagelohn, den er regelmäßig i Jusel ar legte. Die Kinder hatten ihm, der

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