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Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeilung.
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Nr. 20.
— Wegen der Kretschmannbriefe sind bekanntlich die Redakteure unseres Mainzer Parteiorgans angeklagt. Der Termin ist jetzt auf den 30. Mai festgesetzt. Die Genossen Adelung und Döller haben sich wegen Beleidig⸗ ung des Oberleutnants a. D. Balser und des Majors Mickel zu verantworten. Der Prozeß dürfte recht interessant werden.
— Zur hessischen Wabsrechts reform. Am Mittwoch hielt der Wos echtsausschuß der zweiten Kammer wieder eine itzung ab, in der er sich mit der Einteilung der Wahlkreise beschäftigte. Wie bereits misgeteilt,. Abg. Gutfleisch die Vermehrung der Man⸗ date auf 60 beantragt. Der Ausschuß hat nun dem⸗ gemäß die Wahlkreise für die Provinzen Starkenburg und Rheinhessen eingeteilt, die Abgrenzung der ober⸗ hessischen soll in der nächsten Sitzung vorgenommen werden. Die Regierung hat sich zu Beschlüssen des Ausschusses bezüglich der Wahlkreise noch nicht geäußert. — Der Abg. Köh ler⸗Langsdorf ließ kürzlich eine Er⸗ klärung los, worin er sich bemühte, darzulegen, daß die Antisemiten stets für die direkte Wahl eingetreten seien, daß sie aber mit der Vermehrung der städtischen Man⸗ date nicht ein verstanden sein könnten und diejenigen, welche die Vermehrung befürworten, schuld wären an der Nicht⸗ einführung der direkten Wahl.— Was Herr Köhler da erklärt, ist fauler Zauber. Gerechterweise gehören die Wahlkreise auf Grund der Bevölkerungsziffer gleichmäßig eingeteilt, warum sollen die Wähler in der Stadt und auf dem Lande nicht die gleichen Rechte haben? Die Antisemiten haben sich wohl für das direkte Wahl⸗ recht öffentlich erklärt, heimlich in der Kammer suchen sie aber seine Einführung zu hintertreiben. So liegt die Sache in Wirklichkeit. Die Wähler werden hoffentlich diese Machinationen durchschauen.
Gießener Angelegenheiten.
— In der Wahlvereinsversammlung wurden kürzlich von mehreren Genossen der Verlust des Zschopauer und Altenburger Wahlkreises auf den Ver⸗ lauf des Dresdener Parteitags zurückgeführt oder ihm wenigstens ein nachteiliger Einfluß auf den Wahlaus⸗ fall zugeschrieben. Diese Ansicht trat übrigens auch in mehreren Parteiblättern zu Tage. Gen. Bebel tritt dem in einem im„Vorwärts“ erschienenen Artikel eutgegen, indem er auf frühere Wahlen hinw ist, wo uns oft ge⸗ nug Kreise verloren gingen, die ziemlich sicher schienen, z. B. noch am 16. Juni Hanau und Offenbach. Bebel führt in dem Artikel noch Verschiedenes anderes an, was den Mißerfolg in jenen beiden Kreisen als begreif⸗ lich erscheinen läßt.
Uebrigens haben wir ja auch nach dem Parteitage ganz bedeutende Erfolge zu verzeichnen, so in Mittweida, in Plauen und vor allem bei den Bürgerschaftswahlen in Hamburg.— Wenn sich Hirschel in seinen Anti⸗ semitenblättchen das Vergnügen leistet, uns triumphierend die Stimmenverluste bei den Nachwahlen vorzurechnen, so gönnen wir ihm das. Mag er sich mit dem„Rück⸗ gang“ der Sozialdemokratie trösten. Bei seiner Partei braucht man allerdings nicht erst ziffermäßige Nachweise zu führen, da liegt der vollständige Bankrott klar vor aller Augen.
— Ueber den Heimarbeiterschutzkon⸗ greß, der am 7. und 8. März in Berlin tagte, er⸗ stattete Gen. Mirus⸗ Frankfurt in einer Schneiderver⸗ sammlung Bericht, die am Dienstag im Lokale Orbig stattfand. Der Redner verstand es, in packender und zusammenfassender Weise die Verhandlungen und die Bedeutung jenes Kongresses, an dem auch bürgerliche Gelehrte und Vertreter von Staatsbehörden teilnahmen, zu schildern. Allerdings vermochte er nur einen kleinen Teil des ungeheuern Elends der hausindustriellen Ar— beiter vorzuführen, welches der Kongreß zu Tage förderte. Und darauf eindrucksvoll hingewtesen und die Oeffent⸗ lichkeit darüber aufgeklärt zu haben ist das Verdienst der Gewerkschaften Deutschlands, deren letzter Kongreß die Einberufung eines Heimarbeiterschutzkongresses be— schloß.— Mit dem Kongreß war eine Ausstellung von Erzeugnissen der Hansindustrie verbunden. Bei den einzelnen Gegenständen waren die überaus kärglichen Löhne und der im Verhältnis dazu sehr hohe Ver⸗ kaufspreis angegeben, wodurch die Ausbeutung durch die Hausindustrie nachdrücklich vor Augen geführt wurde. — Leider konnten wir uns bisher in unserm Blatte des beschränkten Raumes wegen noch nicht eingehender mit dem Kongresse befassen. Wir wollen deshalb in der nächsten Nummer ausführlicher darauf eingehen.
— Unsere Maifeier liegt den Ordnungs⸗ leuten aller Schattierungen immer schwer im Magen. Und je allgemeiner sie wird, desto mehr sucht man sie durch Polizeiverbote zu verhindern, zugleich aber in den bürgerlichen Blättern als bedeutunglos und lächerlich hin⸗ zustellen. So schrieb der Gieß. Anz.:
„Der erste Mat, den die Sozialdemokraten gern zu einem proletarischen Hauptfeiertage stempeln möchten.
ist g fast allerorten durchaus ruhig verlaufen. Aus einer ehemals politifchen Demonstration ist heute eine Art Vergnügungsfest mit den üblichen Volksbelustig⸗ ungen geworden. das sich in bescheidenen Grenzen hält.“
Die Sozialdemokraten möchten nicht bloß, sondern der erste Mai ist bereits zum prole⸗ tarischen Hauptfeiertage gestempelt. Und daß er überall ruhig verläuft ist selbverständlich, das Skandalieren überlassen die Arbeiter den „gebildeten“ Studenten und den Kriegerver⸗ einlern.— Hirschels Antisemitenblättchen schrieb, die Maifeier wurde„mit jedem Jahre kläglicher“, dabei hat der Mensch sicher noch nie eine gesehn! Lassen wir die Gesellschaft schimpfen! Alle Berichte über die Maifeier vom In⸗ und Auslande zeigen uns, daß sich die internationale Kundgebung der Arbeiter immer gewaltiger gestaltet.
— Opfer der Arbeit. Am Freitag vor 8 Tagen verunglückte in dem Gießener Braunsteinbergwerk der Bergmann Jakob Schmidt, der im Stollen mit Verkuppeln der Grubenwagen beschäftigt war, tötlich. Man fand ihn zwischen einem Wagen und Pfosten ein⸗ geklemmt tot vor. Der Verunglückte hinterläßt Frau und sechs Kinder.
Aus dem Rreise Jriedberg-Büdingen.
— Zur Landtags Ersatzwahl im Friedberger Land⸗ kreise für den zurückgetretenen Nationalliberalen Weith, war Rechtsanwalt Windecker als Kandidat aufgestellt worden. Der wird aber wahrscheinlich schmählich Fiasko machen, benn der Bund der Landwirte nimmt die Ge⸗ legenheit war, das freigewordene Mandat für sich zu ergattern und hat den Herrn Schlenke aufgestellt, der jetzt in Friedberg die notleidende Landwirtschaft hebt. Der Bündlerkandidat hat umso günstigere Aus⸗ sichten, als sich die Nationalliberalen noch den Luxus einer zweiten Kandidatur leisten, sie haben nämlich noch den Oberbergrat Prof. Chelius in Darmstadt auf⸗ gestellt. Uns kann hier gleichgültig sein, wer gewählt wird; für das arbeitende Volk hat einer so wenig übrig wie der andere.
Aus dem Rreise Alsfeld-Cauterbach.
+„Glücklich“ gelähmter Kriegsveteran! Aus Ulrichstein schrieb man dieser Tage dem Gieß. Anzeiger.„Jüngst wurde hier ein alter Veteran von 1866 und 1870 glücklich, durch einen Schlaganfall gelähmt; glücklich weil man es für diesen armen Nenschen, der in zwei Kriegen geblutet hat, als ein Glück betrachten muß, daß er nun verhindert ist, einen unerfreulichen Lebenswandel fortzusetzen. Es hatte sich nämlich bei ihm seit einigen Jahren eine Abnahme seiner geistigen Kräfte gezeigt. Schon seit den Feld⸗ zügen war er nervenleidend.... Seit seine Frau vor ca. 1½ Jahren aus dem Leben schied, wurde seine Verwahrlosung immer größer. Halb nackend, oft kaum notdürftig, nur mit einem Hemde bekleidet, sprang er oft zum Gaudium der Kinder in der Vorstadt Drei⸗ hausen auf der Straße herum, verunreinigte sein Häuschen und gefährdete die Nachbarn, indem er Feuer im Stall und im Keller machte. Trotzdem tat man keine energischen Schritte, um diesen armen, wahnbe⸗ fangenen Menschen in einer Heilanstalt zu internieren, sowohl zu seinem eigenen Besten, wie auch zum Schutze seiner Mitmenschen. Einesteils, weil der arme, seiner Sinne nicht mächtige Mann seine Zustimmung zu einer Aufenthaltsänderung nicht gab() und zweitens viel⸗ leicht, weil man fürchten mochte, es könnte der Gemeinde oder dem Kreise etwas kosten!— So sieht die Kranken⸗ und Hülflosen⸗Fürsorge auf dem Lande vielfach aus! Denn der Kostenpunkt war zweifellos der ausschlag⸗ gebende Grund; nach der Zustimmung zu ihrer Unter⸗ bringung in eine Heilanstalt pflegt man oft Gesunde nicht zu fragen, und die Kranken natürlich viel weniger.
dus demß Odenwald.
e. Die erste Maifeier die in Erbach i. O. für den ganzen Kreis Erbach abgehalten wurde, verlief in der denkbar schönsten Weise. Genosse Hasenzahl be⸗ grüßte Namens der hiesigen Arbeiterschaft die von aus⸗ wärts erschienenen Festteilnehmer und eröffnete die Feier mit einem Hoch auf die internationale Arbeiter⸗ bewegung. Die Festrede hielt Genosse Eis nert aus Offenbach: Den gesanglichen Teil übernahmen abwechselnd der Arbeitergesangverein„Vorwärts“-Neustadt, der Ar⸗ beitergesangverein Höchst, sowie der Arbeitergesangverein „Eintracht“-Michelstadt, welche sämtliche vorzügliches leisteten. Die Zahl der Teilnehmer belief sich auf 600 bis 700.
Aus dem Nreise Weßlar.
h. Wenn„Gebildete“ Feste feier n, geht's oft nicht sehr gebildet zu. Am Samstag vor acht Tagen feierte der deutsch- nationale
(antisemitische) Verein der Kaufleute ein Fest. Davon heimkehrende Teilnehmer verübten gegen Sonntag früh einen solchen Skandal in den Straßen, daß viele Einwohner aus ihrer Nacht⸗ ruhe aufgeschreckt wurden und über den Radau höchst empört waren. Wir wollten mal die Ordnungsleute hören, wenn Arbeiter sich so betragen hätten.
h. Die Spenglermeister in Wetzlar führten
in der letzten Zeit bewegliche Klagen darüber, doß das städtische Gaswerk Installationsarbeiten ausführt und verlangen, ähnlich wie schon früher die Spengler in Gießen, daß die Stadt solche Arbeiten den Hand⸗ werksmeistern überlasse. Denn diese seien Steuerzahler der Stadt und es sei höchst unrecht, wenn letztere ihnen das Brot wegnehme Wenn man's so hört, möchte man die Klagen als berechtigt ansehen. Doch es muß aber auch hier in erster Linie nach dem Interesse des Gemeinwesens gefragt werden. Und es wäre gegen diese gehandelt, sollten der Stadt als Gas⸗ und Wasserlieferant Installationsarbeiten untersagt wer⸗ den. Vor allem würde dadurch dem Gemeinwesen eine Einnahmequelle verstopft werden. Eine vernünftige Ge⸗ meindepolitik muß aber auf den Aus bau und die Erweiterung städtischer Betriebe und der Eigenproduktion gerichtet sein.— Der kapitalistische Großbetrieb hat übrigens schon mehr Handwerker vernichtet, als durch den Gemeindebetrieb je geschädigt werden können und die konnten sich nirgends beschweren.
h. Schlaue Bäuerinnen. Das Schöffen⸗ gericht verurteilte dieser Tage zwei Bäuerinnen aus Hochelheim zu je 5 Mk. Geldstrafe, weil, ste in einem Geschäft Kisteneier gekauft und sie als frische verkauft hatten. Diese lächerlich ge⸗ ringe Strafe wird sie kaum vor weiteren Be— trügereien abschrecken.
us dem Rreise Dillenburg⸗Herborn.
Parteiversammlung. Am 2. Pfingst⸗ feiertage veranstalteten die Genossen des V. Wahlkreises auf dem hohen Westerwald(Ort wird den Lokalver⸗ trauensmänner noch schriftlich mitgeteilt), eine Partei⸗ Versammlung. Gen. Dr. Quarck⸗Frankfurt wird einen Vortrag über Gemeindesozialismus halten. Es ist not⸗
wendig, daß die Vertrauensmänner und Genossen mög⸗
lichst zahlreich erscheinen. Die Genossen des Dillkreises beabsichtigen, morgens 8/ Uhr von Haiger mit einem Leiterwagen zu fahren. Anmeldungen wegen Teilnahme sind an den Kreisvertrauensmann Louis Trott, Hai⸗ ger, zu richten.
JFast unglaubliche Zustände scheinen in dem Kalkarabien, der Grube Konstanze b. Langen au⸗ bach zu herrschen. In der dunkelen Gegend schalten und walten der Handlanger der Grubenbarone nach Gutdünken. Auf genannter Grube hatten 2 Arbeiter (H. u. S.) von Donsbach Oberbrucharbeiten zu M. 40 per Mtr. akkordiert und machten auch durch anstrengende Arbeit von 1. bis 10. März 2,4 Mtr. los, was für sie 96 Mk. ausmachte. Dem Direktor Vahlensick scheint dieser Verdienst zu hoch gewesen zu sein, denn vom 10. März mußten die Bergleute im Schichtlohn ar⸗ beiten, wofür ihnen vom Obersteiger Gail 2,3 0 Mk. versprochen wurde. Bei der Lohnzahlung am 5. April zahlte ihnen der Direktor nur 2 Mark aus. Auf die bescheidene Forderung der Bergleute um Einhaltung des Gedinges weigerte sich V. zu zahlen und verwies die Arbeiter brüsk auf den Klageweg. Es gab daher für sie den Abkehrschein, den jedoch die Arbeiter nicht an⸗ nahmen. Erst werden also die Arbeiter um einen Teil ihres mit großer Anfrrengung verdienten Lohnes ge⸗ bracht und dann noch auf die Straße gesetzt! Und dann wagen die Unternehmerblätter noch, von Aus⸗ beutung der Proletarier durch die Sozialdemokratie zu faseln, während doch aus ihren Kreisen täglich mehr für das ganze Unternehmertum beschämende Beweise erbracht werden, wie der arme Teufel um seine sauer verdienten Blutgroschen geprellt wird. Und die sich auf diese Art bereichern, machen dann noch Anspruch auf die vom Volke zu vergebenden Ehrenstellen.— Bei der letzten Gemeinderatswahl versuchte auch Direktor V. Sitz in der Gemeindevertretung zu gewinnen. Er brachte 5 auch dadurch, daß er sich selbst 2 Stimmen gab und daß ein Wirt bei der Stichwahl zu Gunsten B's. den Ausschlag gab, dahin, daß er wirklich gewählt wurde. Weil nun aber ein von V. entlassener Lademeister die Anzeige gemacht hat, daß der Herr Direktor die Ge⸗ I meinde bei der Augabe der versandten Waggons ge⸗ schädigt habe, so darf er einstweilen sein Mandat durch Beschluß der Gemeinde⸗Vertretung nicht ausüben.
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Bei dem Wirt, der den Ausschlag gegeben hatte, gab
es am Abend Freibier. Dagegen entließ man Ar⸗ beiter— natürlich ist das bloß„Zufall“— welche die von der Direktion bezeichneten Kandidaten nicht gewählt hatte. Hoffentlich bringt Abg. Dr. Burckbardt diesen⸗ Fall um Reichstage vor und läßt sich davon nicht ab
halten, daß es sich hier um einen seiner Parteifreunde N


