Ausgabe 
14.8.1904
 
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Seite 4

Witteldentsche Sountags⸗Neitung.

Nr 33

errang unsere Partei einen vollen Sieg in Egelsbach bei Darmstadt. Von 281 Stimmen fielen auf unsere Kandidaten 270, 172 und 170 Stimmen, während die bürgerlichen nur 107, 84 und 43 erhielten. In Wixhausen bei Darmstadt dagegen unterlagen unsere Genossen, ebenso in Sprendlingen. Hier siegten jedoch die Gegner mit geringer Mehrheit. Leider unterlagen wir auch in Isenburg, wo bei der zahlreichen Arbeiter-Bevölkerung uns un⸗ bedingt der Sieg hätte zufallen müssen. Jedenfalls haben es unsere Leute an der nötigen Energie fehlen lassen und sich nicht alle an der Wahl beteiligt. Einen glänzenden Sieg errang unsere Partei dagegen in Mülheim a. M., wo die vier soztaldemokratischen Kandidaten mit 451663 Stimmen gegen 380 gegnerische gewählt wurden.

Gießener Angelegenheiten.

Von einemHereinfall des Vor- wärts weiß derGieß. Anz. zu erzählen. Der Vorwärts soll nach dem Amtsblatt mit seinen Mitteilungen über die wahlrechtsräube⸗ rischen Pläne der Mehrheitsparteien hereinge⸗ fallen sein. Die diesbezüglichen Nachrichten des Vorwärts, die wir im Leitartikel der vorigen Nummer besprachen, hätten sich als unrichtig herausgestellt, namentlich soweit sie die Zent. rumspartei betreffen, die ihrerseits jede Kenntnis und Beteiligung an diesen Dingen entschieden bestreite. Nun, daß die Zentrumsleute ihre Schuld bestreiten, ist ja ganz natürlich und beweist für die Unrichtigkeit der Vorwärts⸗ Mitteilungen gar nichts. Auch im Zentrum gibts wie bei den nationalliberalen Gesinnungs⸗ verwandten des Anzeigers dunkle Ehrenmänner, denen jedes Mittel zur Beseitigung des Wahl⸗ rechts willkommen ist. Der Vorwärts wird jedenfalls gut unterrichtet gewesen sein; wie oft haben sich seine Mitteilungen hinterher als richtig herausgestellt, obwohl sie vorher mit aller Entschiedenheit bestritten wurden. Wenn das Gießener Amtsblatt vonBlamage reden will, soll es sich nur um sich selber bekümmern.

m. Aus der Kaserne! Wie derGieß. Anzeiger berichtet, ist der Füselier Seipp 4/116 beim Anstreichen an der alten Kaserne abgestürzt und hat den Tod gefunden. Da ist wohl die Frage am Platze: Wie kommt Seipp zu der Ehre, als Anstreicher verwendet zu werden? Giebt es in Civil nicht Leute genug, die von Berufswegen Austreicherarbeiten leisten? Seit wann machen die Soldaten dem Zivil Konkurrenz? Und vor allen Dingen: Waren entsprechende Schutzmaßregeln getroffen, um solche Unglücksfälle zu verhüten und warum nicht? Wer entschädigt die Angehörigen des Verstorbenen? Anstreichen gehört doch wohl vorläufig noch nicht zu den Dienstobliegen⸗ heiten des Soldaten! Wie gesagt, es liegt im Interesse der Militärbehörden und der Oeffentlichkeit, zu erklären, wie der unglückliche Soldat zu der für ihn so verhängnisvollen Tätigkeit kam.

Für uns beweist dieser Fall wieder, daß die Zjährige Dienstzeit noch viel zu lang ist.

Der Beleidigungsprozeß gegen den Abg. Köhler-Langsdorf und den Redak⸗ teur Holzinger von derHungener Landpost endete mit der Verurteilung des Letzteren zu 500 Mk. Geldstrafe und Publikation in drei Zeitungen. Wie in voriger Nummer mit⸗ geteilt, wurde nur gegen Holzinger verhandelt, weil Köhler, gestüzt auf seine Abgeordneten Immunität, sich weigerte vor Gericht zu er⸗ scheinen. Letzteres beschloß, von einer Vorfüh⸗ rung Köhlersaus Zweckmäßigkeitsgründen, nicht aus rechtlichen wie es in der Begründung des Beschlusses hieß, Abstand zu nehmen. Bekanntlich hatte Köhler eine Anfrage wegen der Verhaftung und Untersuchung der des Kindesmordes beschuldigten ledigen Minna Görlach in Eberstadt im Landtage eingebracht, in welcher er sich in den stärksten Ausdrücken über das Vorgehen der Justtz und der Medizinalbeamten aussprach. Er sprach darin u. a. von Verletzung der Sittlichkeit und der weiblichen Ehre, die Görlaͤch sei mit Milch⸗

Folterwerkzeugen behandelt worden, sie sei nebst einer anderer Frau gezwungen worden, sich der Untersuchung zu unterwerfen, das öffentliche Rechtsgefühl sei durch das Verfahren des Staatsanwaltes erschüttert worden. Zu gleicher Zeit, als Köhler die Anfrage an die Kammer abschickte, veranlaßte er den Redakteur derHungener Landpost, sie in seinem Blatte abzudrucken. Die Beweisaufnahme ergab, daß die von Köhler erhobenen Vorwürfe unbegründet waren. Der Oberstaatsanwalt bezeichnete das Vorgehen Köhlers als im höchsten Maße un⸗ gehörig. Es sei seine Absicht gewesen, Stim⸗ mung gegen die Behörden zu machen. Wohin sollte es führen, wenn ein Jeder in ein schwebendes Verfahren eingreifen wollte? Die Oeffentlichkeit sei aufgeregt, ehrenwerte und pflichttreue Beamte empfindlich beleidigt worden. Köhler sei der Hauptschuldige, aber der Ange⸗ klagte habe ebenfalls unverantwortlich gehandelt und sei mitschuldig. Es könne keine Rede da⸗ von sein, daß der Artikel etwa als Bericht der Kammer straflos sei. Die betr. Bestimmung des Gesetzes beziehe sich nur auf die Berichte über die öffentlichen Verhandlungen der Par⸗ lamente. Besonders bezeichnend für Kögler sei, daß er auch dieFrankf. Ztg. zur Aufnahme des beleidigenden Artikels zu veranlassen gesucht habe, mit der er sich im schärfstem politischen Gegensatze befinde! Er beantragte gegen den Redakteur Holzinger drei Monate Gefängnis. Das Gericht billigte dem Angeklagten mildernde Umstände zu und erkannte wie oben angegeben, indem er sich im Allgemeinen den Darlegungen des Staatsanwaltes anschloß. Gegen Köhler wird voraussichtlich nach Schluß des Landtags verhandelt werden. Hinzugefügt sei noch, daß Köhler sich in seiner Anfrage auf das Gut⸗ achten des Dr. Schaad in Lich bezog, der die Görlach ebenfalls untersuchte und sich dahin ausgesprochen hatte, daß sie nicht geboren habe. Jetzt, nachdem sie eingestanden hat, das Kind geboren und getötet zu haben, konnte er na⸗ Aide seine frühere Meinung nicht aufrecht er⸗ halten.

Zigarrenfabriken find in der letzten Zeit auf den Dörfern im Kreise Wetzlar und namentlich in den nach Gießen zu gelegenen in nicht geringer Zahl entstanden. Von den Ordnungsblättern wird das als eine besondere Wohltat für die Arbeiter gepriesen und so hin⸗ gestellt, als errichteten die Herren Fabrikanten die Fabriken nur zu dem Zwecke, der Bevölke⸗ rung Brot und Verdienst zu verschaffen und nicht etwa um sich billige Arbeitskräfte zu sichern. Da wird den braven Leuten doch etwas zuviel Edelmut angedichtet. Ein Beispiel da⸗ für, daß sie den Teufel nach dem Wohlergehen der Arbeiter fragen, erfuhr kürzlich ein bei der Firma Gail beschäftigter Werkführer. Dieser erkrankte und mußte Kuraufenthalt in einer Lungenheilanstalt nehmen. Als er wieder so⸗ weit hergestellt war und die Arbeit aufnehmen wollte, mutete ihm die Firma zu, als Arbeiter zu arbeiten, entzog ihm also seine frühere Stelle. Sollte dies etwa zu seiner Erholung beitragen? Der lange Jahre für Gail tätig gewesene Ar⸗ beiter ließ sich diese Zurücksetzung nicht gefallen, und verließ den humanen Arbeitgeber.

e. Das dankbare Vaterland. Von einem Leser unseres Blattes wird uns ge schrieben: Wie es mit der vielgepriesenen Unter- stützung hülfsbedürftiger Kriegsveteranen aus⸗ sieht, davon im Folgenden ein Beispiel. Zu⸗ fällig bekam ich Einsicht in einen amtlichen Entscheid in der Unterstützungssache eines mir bekannten, 1870 verwundeten Kriegsveteranen. Darin wird dem gut königstreuen Mann amtlich mitgeteilt, daß sein Gesuch betr. Unterstützung aus dem Unterstützungsfonds für bedürftige Kriegsveteranen abgelehnt sei, obwohl er seine Erwerbsunfähigkeit und seine Vermögens losigkeit nachgewiesen hatte, was auch amtlich anerkannt wurde. Es wurde noch darauf hin gewiesen, daß er zwei Söhne habe, welch! für ihn sorgen könnten, leider aber mutz der eine diesen Herbst zum Militär und das Einkommen des andern reicht kaum für ihn selbst. Ja, die Frage der Bedürftigkeit wird bei derartigen

pumpe, Mutterspiegel undanderen modernen

Dingen sehr verschieden aufgefaßt.

wie man erhofft hatte. Versammlung mit den Beschlüssen derselben einverstanden.

unserer Presse

Vor dem Streikbrecher-Agent Wirt Ph. Schneider am Markt(zum Adler) seien die Arbeiter wiederholt gewarnt. Ermahne jeder Arbeiter seinen Kameraden, die Wirtschaft zu meiden!

Bei Insektenstichen, die in der jetzigen Jahreszeit recht häufig sind, beobachte man größte Vorsicht. Dieser Tage wurde das 14 jährige Töchterchen eines in Kassel wohnenden Einwohners von einer giftigen Fliege derart gestochen, daß am nächsten Morgen schon das Gesicht zur Unkenntlichkeit entstellt war. Aerztliche Hilfe vermochte, weil zu spät angerufen, nicht mehr zu helfen. Am zweiten Tage war das Kind gestorben. Vielfach wird die Infektion erst durch Kratzen herbeigeführt. Es empfiehlt sich, einen Insektenstich sofort mit Salmiakgeist. oder Seife zu betupfen, womit man sich auch bei Ausflügen versehen sollte. Bei Anschwellungen erweist sich ein sofortiger ausgiebiger Verband mit essigsaurer Tonerde in der Regel als. bestes Mittel.

Aus dem Rreise gießen.

r. Aus Watzenborn⸗Steinberg. Der Wahl⸗

verein hielt am Samstag eine Mitgliederversammlung

ab, in welcher zunächst der Delegierte von der Landes⸗ konferenz Bericht erstattete. In der darauf folgenden Diskussion wurde von verschiedenen Rednern bedauert, daß die bessere Ausgestaltung unserer Presse von seiten der Landeskonferenz nicht in dem Maße gefördert wurde, Im Weiteren erklärte sich die

Dann wurde beschlossen, auf der Kreiskonferenz zum Kreis⸗ organisations⸗Statutenentwurf folgendes zu beantragen:

Zu 8 3: Jede Mitgliedschaft bis zu 50 Mitgliedern ist

berechtigt, zwei Delegierte zur Kreiskonferenz zu entsenden,

für jedes weitere angefangene halbe Hundert Mitglieder einen weiteren. Person werden, welche moralisch in gutem Rufe steht, das 17. Lebensjahr überschritten hat, uswv. Dann wurden 2. Genossen als Delegierte gewählt.

Ferner zu§ 2: Mitglied kann jede

Aufgegeben wurde denselben, auf der Kreiskonferenz für bessere Ausgestaltung und intensivere Agitation einzutreten. Belm PunkteGemeinderatswahl wurde beschlossen,

unverzüglich in die Agitation einzutreten, damit der Sieg. an unsere Fahne geheftet werde und der Vorstand be⸗

auftragt, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Unter Verschiedenem wurden noch interne Angelegenheiten, sowie die politischen Tagesfragen lebhaft besprochen. 5

r. Das Hirschelblatt drückt sich. Neulich schwindelte das Hirschelblättcen der Welt oder richtiger seinen paar Lesern vor, bei dem Kreisfeste in Steinberg hätten die Festwirte Schaden gehabt und seien deshalb aufgeregt. Der Arbeiterverein hätte versprochen, die Zapfscheine zu lösen, jetzt kümmere er sich um nichts. Weil nun diese Angaben erlogen sind, sandten die Wirte dem Blättchen eine Berichtigung zu und gaben unter Punkt 4 der⸗ selben folgende Erklärung ab:Wir erklären noch, daß alle Berichte, welche Sie über den Verlauf des Festes gebracht haben, der Wahr⸗ heit nicht entsprechen. Die Erklärung bezeichnet das Bauernfängerblatt in einer Brief, ranzen Notiz als nicht sachlich. Demnach ist bei den Hirschelleuten aller Schwindel sachlich, den ste verbreiten, bekommen sie aber die Wahrheit ge⸗ sagt, dann ist es eben nicht sachlich. O, diese

wahrheitsliebenden teutschen Antisemitriche.

Ein bedeutendes Manks ist in dem landwirtschaftlichen Konsumverein in Großen⸗Buseck zu verzeichnen. Die ver⸗ öffentlichte Bilanz für 1903 führt einen Posten 2449,10 Mk. alsManko bei dem Lagerhalter auf. Nach derselben Bilanz hat die Genossen⸗ schaft 274 Mitglieder und betrug der Reingewinn im Jahre 1903 6178,13 Mk.

n. Der Wahlverein in Lich hielt am Montag eine Mitglieder⸗Versammlung ab, in welcher Genosse Velters über Kolonialpolitik sprach. Redner legte dar, welch ungeheuere Opfer an Menschen und an Geld unsere Kolonial⸗ und Weltmach politik erfordere. Er wies weiter auf den Hererokrieg hin, der dem deutschen Volke mehr als 50 Millionen Mark koste ohne daß er irgendwelchen Nutzen bringe. Vor allem müßten die Arbeiter und kleinen Leute auf dem Lande vor den Agitationen des Flottenvereins gewarnt werden, damit sie nicht noch ihre Groschen fün eine Sache opfern, die dem Volke zum Schaden gereiche. Der Vortrag far d beifällige Aufnahme. In der nächsten Versammlung soll

über Gemeindepolitik ein Vortrag gehalten werden. Der

[Verein nimmt eine recht erfreuliche Entwickelung.

gegr lein hier

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