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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 33.
Reichstage sprach, in recht eigentümlicher Be⸗ leuchtung. Am 10. Dezember erklärte er:
„Ich stimme dem Herrn Abgeordneten Schädler darin zu, daß die rückhaltslose Aufdeckung solcher Vorgänge nützlich ist, nicht nur, weil in der Oeffentlichkeit ein heil⸗ sames Korrektiv liegt, sondern auch, weil es ein gutes Zeichen für eine Institution ist, wenn nichts verkleistert und nichts vertuscht wird; und das ist in diesem Falle geschehen.“
Am 10. Dezember lobt der Kanzler, was der Kaiser am 1. Dezember, 10 Tage vorher insgeheim getadelt hat. Wird der Kanzler diesen Widerspruch aufzuklären vermögen?
Von der Mirbachiade.
Seitdem im Pommernbankprozeß festgestellt wurde, daß der fromme Oberhofmeister Freiherr von Mirbach große Summen von den Bankschwindlern angenommen hatte, um damit Kirchenbauten und andere fromme Zwecke zu fördern, verlautbarten in der Presse immer mehr Dinge, welche die Tätigkeit des Freiherrn in eigentümlichem Lichte erscheinen lassen. Zuletzt brachte das Dortmunder Zentrumsblatt„Tremonia“ eine Erb⸗ schaftsangelegenheit des Prinzen Sayn⸗Wittgenstein zur Sprache, in welcher sich v. Mirbach nach der Darstellung des genannten Blattes Untreue, Titelschacher ec. habe zuschulden kommen lassen. Man darf mit Span⸗ nung der weiteren Entwickelung der Affaire entgegen⸗ sehen und besonders ist von Interesse, ob der Staats⸗ anwalt sich nicht veranlaßt findet, Herrn v. Mirbachs Tätigkeit einer genaueren Betrachtung zu unterziehen,
Agrarische Unsitte.
Ein vernichtendes Urteil über die Hab⸗ gierigkeit der Agrarier fällte vor der Straf⸗ kammer in Halle der Departements⸗Tierarzt Dr. Felisch⸗Merseburg. Angeklagt war ein Fleischermeister Heßler, der eine total kranke, an einer jauchigen Bauchfellentzündung leidende Kuh von einem Landwirt gekauft und dann an einen Fleischermeister als vollwertiges Fleisch weiterverkauft hatte. Dr. Felisch sagte:„Bei den Landwirten besteht leider Gottes die Unsitte, daß sie solch krankes Vieh, anstatt es der Abdeckerei zuüber⸗ weisen, an Fleischermeister und deren Helfers⸗ helfer verkaufen. Die Landwirte tun dies, um ein paar Mark mehr für das kranke Vieh heraus⸗ zuschlagen; sie wollen noch daran verdienen.“ Der saubere Fleischermeister, der das Vieh als „Hundefutter“ gekauft hatte, wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.— Dinge dieser Art sind schon öfters vorgekommen und vielfach straflos geblieben. Betspielsweise wurde im vorigen Jahre in Wetzlar ein ehrenwerter Metzger⸗ meister noch rechtzeitig erwischt, als er eben im Begriff war, eine total kranke Kuh zu schlachten und zu Wurst zu verarbeiten. Auch der kürzlich von uns abgedruckte Brief des kath. Geistlichen im „Bayr. Vaterland“ bestätigte das Vorhandensein dieser ländlichen„Sitte“.
Gegen das Boykottieren
hat eine sächsische Behörde, und zwar die Leipziger Amtshauptmannschaft eine„Be⸗ stimmung“ erlassen, die folgenden Wortlaut hat: „Wer in Zukunft es unternimmt, den Gewerbe⸗ betrieb eines Anderen dadurch zu stören oder zu beeinträchtigen, daß er öffentlich vor einer Menschenmenge oder durch Verbreitung von Schriften oder durch öffentlichen Anschlag dazu auffordert, in einem best'mmten Gewerbebetrieb keine Waren anzukaufen oder zu bestellen bezw. in einem bestimmten Geschäftslokale nicht zu verkehren, wird mit Geldstrafe bis zu 150 Mk. oder mit Haft bis zu 14 Tagen bestraft.“
Damit will man jedenfalls unsere Leipziger Genossen in ihrem Kampfe um Versammlungs⸗ säle lähmen und nebenbei den Aerzten im Krankenkassenkampfe beispringen. Der Militär⸗ boykott, schwarze Listen, Aussperrungen und ähnliche Maßregeln der Unternehmer werden natürlich nicht verboten. Wozu wäre denn die neue„Bestimmung“ auch gerade in Sachsen ergangen? Sie ist offenbar ungesetzlich und von den Gerichten aufzuheben.
Ein neues Stöckerblatt soll in Berlin unter dem Namen„Das Reich“ herauskommen. Es soll die besondere Aufgabe
haben„den„Vorwärts“ und die Sozialdemo⸗ kraten gründlich zu bekämpfen.“ Das hat sich aber doch bisher schon nicht bloß die Stöcker ⸗ garde, sondern auch die ganze übrige Ordnungs⸗ armee redlich angelegen sein lassen; allerdings ohne Erfolg. Das neue Blatt wird wohl die christlich⸗soziale Suppe auch nicht fett machen.
Die Ersatzwahl in Schaumburg-Lippe
ist auf den 1. September festgesetzt. Von unserer Partei kandidiert nicht Genosse Thiel⸗Kassel, wie neulich mitgeteilt wurde, sondern es wird der Genosse Klingenhagen, der bereits im vorigen Jahre kandidierte und in die Stichwahl kam, wieder aufgestellt. Allem Anschein nach werden Nationalliberale und Freisinnige zu⸗ sammengehen und sie hoffen, daß ihr Kandidat Crüger entweder mit dem Sozialdemokraten oder mit dem Konservativen in die Stichwahl komme und in ersterem Falle von den Konser⸗ vativen, in letzterem Falle von den Sozial⸗ demokraten unterstützt werde. Diese Nassauer⸗ Politik ist nicht immer erfolgreich!
Zu der Ermordung Plehwes erließ das Zentralorgan der russischen Sozial⸗ demokratie einen Aufruf„An das arbeitende Volk“, worin es heißt:
„Getötet ist der Minister des Innern Plehwe. Getötet ist ein Spitzel und ein Henker, in dessen abscheulicher Gestalt alle Garstigkeiten und alle Gewalt der zarischen Regierung sich verkörpert haben! Hingeschieden ist einer, bespritzt mit dem Blute von Hunderten Arbeiter, welche auf seinen Befehl erschossen wurden, mit dem Blute der Opfer des Kischinewer Gemetzels, mit dem Blute jener Tausenden Soldaten, die jetzt im fernen Osten als Opfer der auswärtigen sowie
der inneren Politik der zarischen Regierung
fallen, an deren Spitze Plehwe stand; jener inneren Politik, welche vor keinem Verbrechen zurückschreckt, um den Zorn des Volkes von der unendlichen Kette der Verbrechen der za⸗ rischen Regierung gegen das Volk abzulenken. Nicht von unserer Hand ist Plehwe gefallen. Die Sozialdemokratie kann nicht für die Ar⸗ beiter kämpfen, sie kann nur zusammen mit den Arbeitern und an ihrer Spitze kämpfen, da sie sich bewußt ist, daß die Befreiung der Ar⸗ beiterklasse nur Sache der Arbeiterklasse selbst sein kann.
Genossen! Die Bombe, die gegen Plehwe geschleudert wurde, explodierte gerade in dem Moment, als der langjährige Kampf des ganzen Volkes und vor allem euer Kampf, der Kampf der Arbeiter, den Thron des Zaren bereits er⸗ schüttert hatte, so daß er nun unter dem Drucke der Niederlagen im Kriege dem Zusammenbruch nahe ist. Nicht die Bombe an sich ist der za⸗ rischen Regierung gefährlich, gefährlich aber ist es, daß ste zu einer Zeit explodierte, wo das ganze Volk mit der Arbeiterklasse an der Spitze die Freiheit verlangt. Getötet ist ein Minister, der in der letzten Zeit in seinen Händen alle Fäden der Staatspolitik hielt. Ob an seine Stelle ein anderer toller Wolf ernannt wird, um nun mittels neuer sinnloser Blutbäder das Wachsen der Freiheitsbewegung aufzuhalten zu versuchen. In diesem Fall müssen die russischen Arbeiter mit weitsichtigem Auge die Gescheh⸗ nisse verfolgen und in ste als selbstbewußte Klasse eingreifen.
Was wird die Antwort der zarischen Re⸗ gierung sein? Möglich, daß der neue Minister⸗ autokrat den Kriegszustand über ganz Rußland verhängen wird. Fürchtet nicht diesen Kriegs⸗ zustand, Genossen! Noch einen Anstoß und ihr habt auf immer von euch das Joch des Abso⸗ lutismus abgeschüttelt. Möglich, daß die er⸗ schrockene Regierung den Weg der Zugeständ⸗ nisse antreten wird. Aber nicht euch Genossen werden diese Zugeständnisse gelten. Die Regie⸗ rung wird sie mit dem geringzähligen Haufen von Edelleuten, Fabrikanten und Kaufleuten machen, die heute mit euch zusammen unter dem Joche des Absolutismus seufzen, morgen aber zusammen mit der Regierung und gegen euch über eure übermäßigen Forderungen schreien werden. Die Freiheit, die von der Regierung
gegeben werden kann, ist nicht eure Freiheit. Genossen! Fordert die Freiheit für euch,
fordert die Einberufung einer konstituierenden
Versammlung. Nur eine solche Versammlung, die von dem ganzen Volke frei gewählt wird, vermag ein neues politisches Regime bei uns einzuführen.
Fordert im Verein mit den Arbeitern die Freiheit! Lasset den Ruf erschalleu: Nieder mit dem Absolutismus! Es lebe die konstitu⸗ ierende Versammlung!“
Nachfolger Plehwes ist der bisherige Justiz⸗ minister Murawjew geworden. Aber außer⸗ dem ist auch noch in der Person des Generals Kleigels ein besonderer Chef der Gendarmerie ernannt.
Diese Ernennungen beweisen die Fortsetzung des Systems Plehwe! Murawjew und Kleigels sind die Kandidaten der Partei am Zarenhofe, welche durch die Ergreifung schärfster Gewaltmittel die immer wachsende revo⸗ lutionäre Bewegung niederzuwerfen vermeinen. — Kleigels ist in Rußland von allen Ständen gehaßt. Als Stadthauptmann von Peters⸗ burg ließ er im Jahre 1901 bei Unterdrückung der Studentenunruhen vor der Kasankirche die Studenten und das schauende Publikum durch Kosaken auspeitschen und richtete ein Blutbad an.— Es ist begreiflich, daß die Er⸗ bitterung im Volke durch diese Ernennungen nur noch gesteigert wird.
Die Gemeindewahlen in Marseille,
wo die sozialistische Liste mit knapper Minorität unterlag, wurden für ungültig erklärt. Die 150 Stimmen Mehrheit, welche die Reaktionären erreichten, war ein Werk des direkten Stimmen⸗ kaufes und des frechsten Unternehmerdruckes. Das ist jetzt eine gerichtlich bezw. amtlich fest⸗ gestellte Tatsache. Wegen des Stimmenkaufes wurden vor Kurzem schon drei Agenten der alten Munizipalität gerichtlich zu Gefängnis⸗ strafen verurteilt. Bei der bevorstehenden Neu⸗ wahl dürften die Sozialisten wieder die alte Hafenstadt erobern, wo ste schon viele Jahre die Verwaltung in den Händen hatten.
Waldeck⸗Rousseau gestorben.
Am Mittwoch ist der frühere französische Ministerpräsident Waldeck⸗Rousseau in Corbeil oberhalb Paris an den Folgen mehrerer Opera⸗ tionen gestorben.
Russisch⸗japanischer Krieg.
Ueber die Schlacht bei Haitschöng am 31. Juli und 1. August wird aus Tokio berichtet: Nach den Direktiven des Marschalls Oyama griffen drei Armeen an und schlugen sich mit glänzender Tapferkeit an beiden Tagen. Die Armee des Zentrums unter Nodzu hielt die ihr bei Schimutschöng gegenüberstehenden Kräfte der russischen Mitte wahrscheinlich das zweite russische Korps unter Alexejew II. fest. Die Armee Okus drückte unter weiterer Um⸗ fassung des russischen rechten Flügels das Korps Sarnbajews weiter auf Haitschöng zu⸗ rück. Die Kavallerie Okus geht bereits auf der Straße Inkong⸗Niutschwang den Russen in den Rücken. Unterdessen führte Kuroki die verstärkte 1. Armee zur gleichzeitigen Um⸗ fassung des russischen linken Flügels vor und warf diesen trotz der heldenmütigsten Gegen⸗ wehr, bei der sein tapferer Führer der General Keller inmitten seiner von uns schwer bedrohten Artillerie den Heldentod starb, völlig über den Haufen. Uunsere Verluste sollen nahe an zwei⸗ tausend Mann betragen. Die Russen dürften über das Dreifache verloren haben, da sie wieder in dicht massierten Formen fochten, die den Anforderungen des heutigen Gefechts nicht entsprechen.
Vor Port Arthur hätten nach russtschen Berichten die Japaner ia den letzten Tagen des Juli bei ihren Angriffen auf die Festung ungeheuere Verluste erlitten. Alle ihre Angriffe wären zurückgeschlagen worden und sie hätten am 26., 27. u. 28. Juli 10000 Mann ver⸗ loren. Auch am 5. August habe ein heftiger Kampf stattgefunden, wobei die Japaner eben⸗ falls mit einem Verlust von 10000 Mann zu⸗ rückgeschlagen worden seien.— Mögen hierbei auch die Russen in gewohnter Weise übertrieben
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