Ausgabe 
14.2.1904
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sountaaß- Zeitung.

Nr. 7.

Antonio Labriola. Von Dr. Robert Michel s⸗Marburg.

Die italienische Gelehrtenwelt, unsere Bru⸗ derpartei in Italien, sowie der gesamte inter⸗ nationale Sozialismus haben einen äußerst herben Verlust erfahren. Aus Rom ist die traurige Kunde zu uns gedrungen, daß An⸗ tonio Labriola nach langem schwerem Leiden soeben verstorben ist.

Antonio Labriola nicht zu verwechseln mit seinem ebenfalls weithin bekannten Na⸗ mensvetter, dem begabten Professor Arturo Labriola, der gleichfalls Sozialist und Akade⸗ miker, aber Privatdozent an der Neapeler Uni⸗ versität und Chefredakteur der Wochenschrift L'Avanguardia Sozialista in Mailand ist! Antonio Labriola war Professor der Geschichts⸗ philosophie an der Universität Rom, ein emi⸗ nenter Gelehrter, dem die Welt eine lange Reihe bedeutender Untersuchungen verdankt und welcher einer der relativ wenigen Männer war, welche durch ihre Schriften den Namen der italienischen Wissenschaft weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus geachtet und geehrt gemacht haben.

Antonio Labriola war Sozialdemokrat in

des Wortes tiefster Bedeutung. Nicht, daß er

unter den Universitätsprofessoren italienischer Zunge der einzige gewesen wäre, der sich offen zum Sozialismus bekannte. Deutschland hat den traurigen Ruhm, unter allen Kulturstaaten l der einzige zu sein, dessen Regime auf den Käthedern seiner Universitäten nur solche Männer duldet, deren Rückgrat nicht den An⸗ spruch erhebt, starr und unbeugsam sein zu dürfen. Insbesondere in Italien stolziert die Wissenschaft nicht, wie bei uns, in der Zwangs⸗ jacke der staatserhaltenden Stubenreinheit einher. Dort darf sie die Schwingen ihrer freien Forsch⸗ ung erheben, ohne von Staatsanwalt und Universitätsrichter behelligt zu werden. So ist, wie gesagt, Antonio Labriola nicht der einzige soztaldemokratische Universitätslehrer gewesen. In Italien gehören Namen wie Cesare Lom⸗ broso, Enrico Ferri und Adolfo Asturaro der sozialistischen Partet an. Aber Antonio Labriola nahm unter ihnen doch eine ganz besondere Stellung ein, die ihn als Sozialist weit über seine parteigenössischen Kollegen hervorhob.

Antonio Labriola ist nicht kämpfender So⸗ zialist in vulgärem Sinne gewesen. Eine stille, in sich gekehrte Gelehrtennatur ist er nicht zum Politiker geworden. Keine Parteistellung hat er jemals eingenommen. Professor Enrico Ferri ist Kammerdeputierter, Herausgeber einer sozia⸗ listischen Tageszeitung(des Avantt, Zentral⸗ organ der Partei); Professor Cesare Lombroso ist sozialistischer Stadtverordneter in Turin geworden; Professor Antonto Labriola hingegen ist weder jemals Journalist, noch als Parla⸗ mentarier und Kommunalpraktiker tätig ge⸗ wesen. Desto wirksamer aber war seine Stel⸗ lung als Theoretiker. Labriola gehört zu den wenigen Gelehrten, die man, ohne dem großen Meister Unrecht zu tun, mit Fug und Recht zu den Epigonen Marxens zahlen kann, zu den wenigen, deren Arbeiten einen gewissen Anspruch darauf erheben dürfen, die Marx'schen Theorien in einigen Punkten vervollständigt, in anderen weitergeführt, in dritten endlich modifiziert zu haben.

Die Beschäftigung Labriola's mit Marx datiert seit dem Jahre 1879. Seit dieser Zeit kam er ganz allmählich dem Sozialismus näher. Ein Anhänger der Herbart'schen Phi⸗

losophieschule, war es weniger das Herz als

die Vernunft, welche diesen Gelehrten den Vor⸗ kämpfern der modernen Arbeiterfrage näher brachte. Das erste Mal machte er in weiteren Kreisen von sich sprechen durch einen Vortrag, den er am 20. Juni 1889 im Circolo Romano di Studi Sociali, einem wissenschaftlichen Ver⸗ ein in Rom, hielt. Schon damals entwickelte er überaus klare Anschauungen über die Ge⸗ schichtsphilosophie des 19. Jahrhunderts. Es verlohnt vielleicht, zur Charakteristerung des Mannes, an dieser Stelle einige Stellen aus den geistreichen Ausführungen Labriolas heraus⸗ zuheben.Als eine Lehre von Aposteln, Vor⸗ kämpfern und die Welt aus dem Schlafe

schüttelnden Weckern, ist der Sozialismus be⸗ strebt, diejenigen Probleme, welche die Skeptiker zu ignorieren suchen, die Liberalen aufspätere Zeiten aufschieben und die Demagogen zu ihren Zwecken ausnützen, wirklich zu lösen: Kein Mensch soll der Sklave seines Neben⸗ menschen, keiner das Werkzeug für den Reich⸗ tum des Andern sein! Nach der bürgerlichen Emanzipation in der großen französtschen Re⸗ volution entstanden drei neue soziale Geschwüre: Aus der schleunigen Liquidation des alten immobilen Eigentums heraus wird der Kapi⸗ talismus, aus der patriotischen Begeisterung der Militarismus, und aus dem allgemeinen politischen Wahlrecht der Scharlatinismus des Demagogentums geboren. Daher hat unsere Zeit drei entsetzliche Lügen geerbt. Die erste heißt:Alle Menschen dürfen frei handeln und sich fret bewegen; in der Konkurrenz Sieger zu sein, bedeutet daher Verdienst. Die zweite heißt:Der militärische Ruhm ist das Maß aller nationalen Tugenden. Die dritte heißt; Im Wahlrecht besteht das Heil der Völker und der Fortschritt der Staaten. Die erste Lüge dient nur dem Alles enteignenden Kapital als Maske, die zweite hilft die Herrschaft der brutalen Gewalt über die friedliche Arbeit aufrecht erhalten und die dritte bringt es fer⸗ tig, daß im öffentlichen Leben die Berufspoli⸗ tiker, die Intriganten, dieMacher in Popu⸗ larität, und die Schmeichler der Masse das große Wort führen, Leute, die nachher, sobald sie einmal im Parlamen sitzen, sich als Sklaven des Kapitals und Lobsänger des Militarismus entpuppen. Nach dieser überaus scharfen Ab⸗ rechnung mit den Liberalen(sozialistische De⸗ putierte gab es damals bloß 2 im Parlament) sagt uns Labriola seine Ideen über die Zu⸗ kunft der Partei:Es ist besonders nötig, daß die Anzahl theoretischer Köpfe im Sozialismus wächst und daß sich in der Arbeiterschaft Klassen⸗ geist und Solidaritätsgefühl bildet und aus⸗ wächst.

Allmählich festigte sich Labriola's Sozia⸗ lismus immer mehr und mehr. Berühmt ist der Brief, den er, immer noch Mitglied des Circolo Radikale(Radikaler Klub) in Rom, gelegentlich eines demokratischen Kongresses an den bekannten Republikaner Eitore Socck sandte und der dann unter dem Titel: Proletariato e Radicali veröffentlicht wurde(5. Mai 1890). In diesem vollzog er mutig den Abbruch der letzten Brücke, die ihn noch mit der Bourgeoisie verband:Wir Sozialdemokraten bekräftigen mit aller Entschiedenheit, daß das Proletariat keine andere Hoffnung auf Erfolg besitzt, als die, sich vollständig den eigenen Kräften anzu⸗ vertrauen und sich zu einer Arbeiterpartei zu⸗ sammenzuschließen.Jene Bourgeois Radikalen aber, fuhr er fort,welche sagen, später, morgen oder übermorgen würden sie ja auch Sozialisten werden...., welche die soziale Frage als so eine Art Anhängsel zu ihrem Parteiprogramm betrachten und den Sozialis⸗ mus nur für einen literarischen Sport oder gar nur für ein Postkriptum, eine Parenthese, eine Note oder eine Allmerkung zu dem großen Buche des Liberalismus halten... und es nicht zu begreifen vermögen, daß die soziale Revolution etwas ganz anderes ist, als die Bourgeoiste, etwas ganz Anderes, sowohl in ihrem Endziel, als in ihren Kampfesmitteln und in ihrer Taktik, die müssen endlich auch in ihrer politischen Tätigkeit auf Mißtrauen und Unglauben stoßen.

Ein Mann, der den Fundamentalunterschied zwischen bürgerlicher Ethik und sozialistischem Zielbewußtsein einmal so klar begriffen und so scharf formuliert hat, der ist Sozialist für sein Leben geworden. Und in der Tat sehen wir, daß sich Antonio Labriola seitdem dem Sozia⸗ lismus weihte. Seine ersten Publikationen hatten reinphilosophische Themata behandelt.

Es kann hier nicht der Ort sein, die Modi⸗ fikationen und Erweiterungen zu beleuchten, die Labriola an Marx vorgenommen hat. Hier sei nur gesagt, daß seine Studien auf weite Kreise der italienischen Intellektuellen befruch⸗ tend eingewirkt und dem Marxismus viele

unee Jünger zugeführt haben, unter welche,

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falls ich nicht irre, auch der Privatdozent Ro⸗ meo Soldi zu zählen ist. Besonders innig war Labriola mit den

deutschen Verhältnissen vertraut. Seine Frau ist eine Deutsche. Ueber die deutschen Zustände

haben wir aus seiner Feder manches bitter

trffende Wort. Mit Karl Kautsky verband ihn eine treue Gesinnungsfreundschaft. In den inneren Parteikämpfen bewahrte er

eine vornehme Zurückhaltung. Ein überzeugter

Marxist, wenn auch keineswegs ein blinder Prinzipienreiter, ja, sogar ein grausamer Spötter über jeden eigenbrödlerischen Dogma⸗ tictsmus, war er ein bewußter Gegner all jener Bestrebungen im Sozialismus, welche seiner Meinung nach auf eine Verwässerung der wissenschaftlichen Grundlagen und der tak⸗ tischen Prinzipien herausliefen. Die Ideen Eduard Bernstein's fanden deshalb in Labriola einen unerbittlichen Kritiker; ja, mehr noch, einen überlegenen, vielleicht sogar etwas an⸗ maßenden Spötter. Denn diese Gelehrteneigen⸗ schaft besaß Labriola in vollstem Maße; wo immer er Unwissenschaftlichkeit witterte, da be⸗ kämpfte er seinen Gegner von oben herab, im Namen der Wissenschaft.

Trotzdem verhielt er sich in all den bösen Parteistreitigkeiten der letzten Jahre still. Nur einmal trat er mit einer scharfen Kritik an den beiden in der Partei vorhandenen Strömungen hervor. Es war das in der am 26. Dezember 1902 erschienenen... Festschrift desAvanti unter der Direktion Leonida Bissolati. Zwischen all den glorreichen Erinnerungsblättern und heiteren Zukunftsplänen, die in jener Broschüre zu einer fröhlichen Symphonie vereinigt waren, klangen die strengen Ermahnungen Labriola's wie ein Mißton. Aber dieser Mißton war be⸗ zeichnend für den scharfen Denker, dem der Mut auch in Parteiangelegenheiten die erste Tugend war, und rücksichtslose Offenheit die zweite.

Antonio Labriola schrieb, und diese seine Worte sind wohl als ein parteipolitisches Testa⸗ ment zu betrachten, in die Jubiläumsbroschüre u. a. folgende lakolischen und doch eindring⸗ lichen Sätze: DieRadikalen in der Partei haben, insofern sie sich zu den Verteidigern der Grundprinzipien aufwerfen, im Allgemeinen vollständig Recht, in der Praxis jedoch und in ihren Kampfesmitteln sind sie doch oft etwas gar simplicistisch(naiv). DieRevisionisten aber, welche im Allgemeinen Recht haben, wenn sie für das Prinzip der Sozialreform eintreten

sind leider in der praktischen Anwendung der

selben entweder untereinander uneins oder be⸗ wahren darüber, wie ste sich die Einzelteilchen

dieserSozialreform vorstellen, ein undurch⸗

dringliches Schweigen.

Als vor anderthalb Jahren die italienischen Genossen sich zum Parteitag in Imola ver⸗ sammelten, da lastete auf ihnen ein beängstigen⸗ der Druck: Man munkelte, Antonio Labriola läge im Sterben. Und in der Tat hatte der Gelehrte gerade in jenen Tagen eine ernste Operation durchzumachen, die durch eine bös⸗ artige Wucherung am Kehlkopf hervorgerufen war. Seine kräftige Natur aber überwand sie, wenn es auch nicht zu verhindern war, daß der Gelehrte von nun an ein Kanüle tragen mußte. Kürzlich war eine neue Operation notwendig, deren Folgen er erlag. Er ist 62 Jahre alt geworden.

Ein bedeutender Kopf ist mit ihm geschieden. Möge seine hochbetagte Tochter, Teresa Labriola, Privatdozentin für Rechtsgeschichte an der Uni⸗ versttät Rom auch etwas, was in unserem Rechtsstaat noch nicht gestattet ist! die Erbin, von des Vaters Geist und Arbeitskraft und Verfasserin einer Reihe bedeutender Schrif⸗ ten, das Werk ihres Vaters würdig fort⸗ setzen und versuchen, dem internationalen So- zialismus das zu ersetzen, was er ihm war: ein Mehrer des Wissens!

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Die Beerdigung des großen Toten hat am 4. Februar in Rom unter großer Beteiligung der Universität, des Parlaments, der italienischen Parteigenossen und der gesamten Bevölkerung Rons stattgefunden.

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